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Die Hölle in der Lüneburger Heide

Berge von Leichen, Überlebende in allen Stadien der Auszehrung: Als das KZ Bergen-Belsen am 15. April 1945 befreit wurde, bot sich den Alliierten ein grauenvolles Bild. Eine Epidemie hatte die Räumung verhindert.

"Warte noch eine Stunde", hatte sich der sterbenskranke Häftling Adolf Gawalewicz immer wieder gesagt - bis am 15. April 1945 ein Schrei das Konzentrationslager Bergen-Belsen erschütterte. "Menschen begrüßten die Freiheit in allen möglichen Sprachen", notierte der an Typhus erkrankte Häftling. Britische Soldaten hatten das Lager in der Lüneburger Heide erreicht. Ihnen bot sich ein Bild des Grauens: Das Lagergelände war übersät mit Leichen. Tausende von todkranken und bis auf das Skelett abgemagerte Menschen vegetierten in verseuchten Baracken.

Der Name Bergen-Belsen sollte für lange Zeit in der britischen Holocaust-Wahrnehmung weit vor Auschwitz rangieren. Denn das Konzentrationslager nördlich von Celle in Niedersachsen ist das einzige, das von britischen Truppen befreit wurde. 60 Jahre nach der Befreiung wird am 17. April der 50.000 Todesopfer und der Leiden von etwa 70.000 Überlebenden des NS-Regimes gedacht.

"Den Augenblick der Befreiung verbinde ich mit einem grauenvollen Durst und der Hoffnung, ihn löschen zu können", schrieb Gawalewicz später auf. Der aus Polen stammende Jurist war 1940 von der Gestapo verhaftet und über die Lager Auschwitz, Buchenwald und Ellrich Anfang April 1945 nach Bergen-Belsen gekommen. "Überlebensmotor war ein merkwürdiger Eigensinn beim Streben, das Kriegsende zu erleben, eine riesige Neugier, was dann passieren würde." Dennoch fehlte ihm wie vielen Häftlingen die Kraft, sich über die lang ersehnte Freiheit zu freuen.

"Physisch, seelisch und moralisch gebrochen"

Andere wie Mala Birnbaum waren dem Tod so nah, dass sie das Ereignis gar nicht wahrnahmen. Am Tag der Befreiung hatte die an Kopftyphus Erkrankte bewusstlos auf einem Berg von Leichen gelegen. "Ein britischer Arzt hat bemerkt, dass noch etwas in mir lebt", berichtete die Jüdin aus Polen, deren Eltern und Geschwister in KZ ermordet wurden. Nach einem sechswöchigen Todesmarsch und endlosen Transporten in Viehwaggons war die heute 78-Jährige im Dezember 1944 nach Bergen-Belsen gekommen. "Als ich den rauchenden Schornstein und die Duschen sah, war ich erleichtert, dass wir jetzt das Gas bekommen würden", erinnert sich Mala Birnbaum. Doch es ging "nur" in die Entlausungsstation.

Nach der Befreiung lag sie noch wochenlang in dem von den Briten eingerichteten Krankenhaus. Erst nach fünf Jahren wanderte Mala Birnbaum nach Israel aus. Bis dahin lebte sie in dem zwei Kilometer vom KZ entfernten Lager für Deportierte, dem "Displaced Persons-Camp". "Ich war physisch, seelisch und moralisch ein gebrochener Mensch", sagt sie heute. Mala Birnbaum kommt mit einer Gruppe von Überlebenden aus Israel zum zweiten Mal an den Ort ihrer Gefangenschaft zurück.

Auch Dagmar Lieblova (76) aus Prag wird dabei sein. Während ihre Familie in Auschwitz sterben musste, stufte man die 15-Jährige als arbeitsfähig ein und schickte sie 1944 zunächst nach Hamburg-Neuengamme zu Aufräumungsarbeiten. Zehn Tage vor der Befreiung traf sie in Bergen-Belsen ein. "Unsere einzige Hoffnung war, dass man schon von weitem den Gefechtslärm hören konnte", erinnert sie sich an die letzten Tage. Als die Engländer dann kamen, war sie zu schwach, um hinauszulaufen. Die Folgen von Fleckfieber und Tuberkulose hielten sie noch bis zum Juli im Krankenhaus.

Einmaliges Ereignis im Kriegsverlauf

Eine Fleckfieberepidemie im Lager hatte vermutlich die Räumung durch die Nazis verhindert. Stattdessen übergab der zuständige Kommandeur auf Anordnung Heinrich Himmlers das KZ im Rahmen eines lokalen Waffenstillstandes drei Wochen vor Kriegsende an die Engländer - ein bis dato einmaliges Ereignis im Kriegsverlauf. Eine Zone von 48 Quadratkilometern rund um das KZ wurde neutralisiert, und die SS zog vereinbarungsgemäß drei Viertel des Personals ab - rund 250 Wachleute machten sich unbehelligt aus dem Staub. Nur rund 50 Mann aus der Verwaltung und 30 Aufseherinnen blieben zurück; darunter der neue Lagerkommandant, SS-Hauptsturmführer Josef Kramer.

Seit Ende 1944 hatte sich dort ein unbeschreibliches Horrorszenario entwickelt. Endlose Ströme von Häftlingen aus aufgelösten Konzentrationslagern im Osten kamen nach Bergen-Belsen. Von Ruhr, Typhus, Läusen und Hunger geplagt, lagen sie auf dem bloßen Boden. Das große Massensterben begann.

Mehr als 35.000 Menschen kamen allein zwischen Januar und April 1945 im Lager um, viele blieben dort liegen, wo sie starben. Von den etwa 55.000 Frauen und Männern, die die Befreiung erlebt haben, starben bis Ende Juni noch etwa 14.000 an den Folgen des Elends. Begraben liegen sie unter einer Heidelandschaft, in der nur wenige Gedenksteine zu finden sind. Wegen Seuchengefahr brannten die Engländer alle Baracken im Mai 1945 nieder.

Karin Ridegh-Hamburg/DPA/DPA

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