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Der vergessene Völkermord

Mit unvorstellbarer Grausamkeit und Konsequenz wurden im Schatten des Ersten Weltkriegs im Osmanischen Reich bis zu 1,5 Millionen Armenier getötet. Das verbündete Deutsche Reich schwieg dazu.

Sie wurden erschlagen, erstochen, erschossen, ertränkt, gehängt, zu Todesmärschen durch die syrische Wüste getrieben und dem Tod durch Erschöpfung, Verhungern und Verdursten überlassen. Dass dies vor 90 Jahren das Schicksal von bis zu 1,5 Millionen Armeniern in der heutigen Türkei war, ist nicht mehr umstritten. "Wer spricht heute noch von der Vernichtung der Armenier?" fragte Adolf Hitler am 22. August 1939, am Vorabend von Zweitem Weltkrieg und Holocaust. Bis heute umstritten ist aber, ob es sich um den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts handelte. Frankreich, Kanada, Russland, die Schweiz und die Niederlande haben Jahrzehnte danach gegen zum Teil heftigen türkischen Protest beschlossen, offiziell von einem Genozid an den Armeniern zu sprechen. Viele andere Staaten - wie auch Deutschland, Großbritannien und die USA - tun das bis heute nicht.

"Tabuisierung des Völkermords"

Neuerdings gewinnt das Thema angesichts des von der Türkei angestrebten EU-Beitritts an Gewicht. "Das war ein vergessener Völkermord", sagt Wolfgang Gust, Herausgeber der aus Schriftstücken des Auswärtigen Amtes erstellten Dokumentation "Der Völkermord an den Armeniern 1915/16", die gerade im Verlag Zu Klampen erschienen ist - das Wort "war" betonend. "Da die Türken die Tabuisierung des Völkermords sehr weit getrieben haben, ist das natürlich die höchste Hürde, die man ihnen stellen kann", sagt der frühere "Spiegel"-Journalist.

Die Verfolgung der Armenier begann am 24. April 1915, als die jungtürkische Regierung die gesamte armenische Elite in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, verhaften ließ. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 wurde Schätzungen zufolge die Hälfte der armenischen Bevölkerung in der Türkei getötet, vertrieben, zur Assimilierung gezwungen. Kurden beteiligten sich mit Raubüberfällen, Vergewaltigungen und Mordorgien. Widerstand gegen die Deportationen gab es nur vereinzelt. Franz Werfel hat 1933 anhand eines authentischen Falles in seinem Roman "Die 40 Tage des Musa Dagh" den Armeniern ein Denkmal gesetzt.

"Die türkischen Soldaten schlugen uns mit Peitschen und Säbeln", sagt die 102-jährige Gulinija Mussojan, die damals 12 Jahre alt war. Mit 6.000 Frauen, Kindern und älteren Männern seien sie so vom Mittelmeerdorf Kessab im heutigen Syrien durch die Steinwüste getrieben worden. "Es war heiß, die Sonne sengend über uns, wir waren durstig und sie gaben uns nichts zu trinken, wir hatten nur das Brot, das wir von zu Hause mitgenommen hatten." Nach etwa einer Woche seien sie mit ihrer älteren Schwester, ihrem jüngeren Bruder und ihrer Mutter in dem Ort Hamah, 160 Kilometer südöstlich von Kessab, angekommen.

Fanatischer Hass extremer Kräfte

Innerhalb der Jungtürken war es laut Gust eigentlich nur eine Gruppe von rund 20 Mann, die sich in einen fanatischen Hass gegen die Armenier hineinsteigerte. Als der Gründer der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, wegen griechischer Kriegserfolge auf Waffenlager der Jungtürken angewiesen gewesen sei, habe der Aufstieg dieser extremen Kräfte bis in höchste Regierungsämter eingesetzt. Abdul Talaat zum Beispiel, einer der Drahtzieher der Deportationen aus Aleppo, wurde Innenminister.

Schon unter dem "roten Sultan" Abdul Hamid II. hatte es 1895/96 Armenier-Verfolgungen gegeben. Aber nach der jungtürkischen Revolution 1908 steigerten sich Talaat und Enver in den Wahn, ihr Land müsse von allen nicht-muslimischen und nicht-türkischen Elementen "gesäubert" werden. Und als wichtigster "innerer Feind" wurden die Armenier ausgemacht, die schon Jahrhunderte vor der Ankunft der Seldschuken in Ostanatolien gesiedelt und es im Osmanischen Reich als Bankiers, Anwälte, Ärzte, Apotheker, Lehrer, Kaufleute, Unternehmer und Gewerbetreibende zu beneidetem Wohlstand gebracht hatten.

Das Vorgehen sei planmäßig gewesen und von einem "Komitee für Einheit und Fortschritt" gelenkt worden. "Das war, wenn man so will, so etwas wie die NSDAP und diese so genannte Spezialorganisation, diese Sonderorganisation (Teskilati Mahsusa), das war die SS. So war das organisiert. Es gibt ein paar Quellen, wo die Deutschen staunen und sagen: Für orientalische Verhältnisse ist das eigentlich unglaublich, wie die in relativ kurzer Zeit von einem Jahr es geschafft haben, die Armenier umzubringen oder zu assimilieren", sagt Gust.

Kaiser Wilhelm II. hatte angesichts der deutschen Interessen schon 1909 die Devise ausgegeben: "Die Armenier gehen uns nichts an." Deutsche Diplomaten, Militärgesandte und Offiziere wurden zu Zeugen des türkischen Vorgehens, über das sie ausschließlich an ranghöchste Stellen in Berlin berichteten. Korvettenkapitän Hans Humann, Marineattache an der deutschen Botschaft in Konstantinopel, berichtete bereits am 15. Juni 1915: "Die Armenier wurden ... jetzt mehr oder weniger ausgerottet. Das ist hart, aber nützlich." Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethman Hollweg definierte die deutsche Haltung so: "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht." Bei Kriegsende fanden die schlimmsten Kriegsverbrecher mit deutscher Militärhilfe Zuflucht in Berlin. Armenische Rächer übten in einer "Operation Nemesis" Selbstjustiz. So erschoss ein armenischer Student am 15. März 1921 mitten in Berlin Talaat Pascha.

"Sadistische Orgien und perverseste Verbrechen"

Der amerikanische Botschafter in der Türkei Henry Morgenthau, notierte in seinem Kriegstagebuch: "Ich habe keinesfalls über die schlimmsten Details berichtet, denn die ganzen Geschichten der sadistischen Orgien, deren Opfer diese armenischen Männer und Frauen wurden, können niemals in einer amerikanischen Publikation veröffentlicht werden. Die perversesten Verbrechen, die sich Menschen ausdenken können, wurden zum täglichen Unglück dieses treuen Volkes."

Für Armenien und seine Diaspora gibt es nur einen Begriff für die Ereignisse: "Mez Eghern" - das Große Gemetzel. Die Regierung in Eriwan hat den türkischen Nachbarn aufgefordert, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Ein Gelehrter der Armenischen Akademie der Wissenschaften, Nikolai Howschenisjan, sagt: "Die erste Tragödie ist, wenn man diese Gräueltat begeht. Die zweite ist es, wenn man sie nach 90 Jahren noch nicht akzeptiert." Die Armenier, fügt er hinzu, wollten "ihr eigenes Nürnberg", ihr eigenes Kriegsverbrechertribunal.

Während einige Türken in jüngster Zeit an dem Tabu gekratzt haben, bleibt Ankara bei der Position, dass es keinen Völkermord gegeben habe. Es sei Notwehr gewesen; die Armenier hätten mit dem christlichen Zarenreich gemeinsame Sache machen wollen, hätten Aufstände geplant. Der führende Oppositionspolitiker, Deniz Baykal, sagt: "Wir können diese Beschuldigungen nicht akzeptieren, dass die Türkei für etwas verantwortlich gemacht wird, was sie nie gemacht hat." Für Außenminister Abdullah Gül ist der Vorwurf gleichbedeutend mit übler Nachrede. Als die französische Nationalversammlung 2001 in einem einstimmig angenommenen Gesetz den Genozid öffentlich anerkannte, beorderte Ankara prompt seinen Botschafter nach Hause.

Türkischer Autor als Verräter beschimpft

Als Orhan Parmuk, einer der angesehensten Autoren der Türkei, Anfang des Jahres erklärte, im Ersten Weltkrieg seien eine Million Armenier ermordet worden, erntete er einen Sturm der Entrüstung. Drei Klagen wurden gegen ihn mit der Begründung eingereicht, er habe der Türkei Schaden zugefügt. In Istanbul startete eine Schule eine Aktion, seine Bücher einzusammeln und an ihn zurückzugeben. In einer Abstimmung im Internet war die Mehrheit der Meinung, seine Erklärung sei eher Verrat als freie Meinungsäußerung gewesen.

Es gibt aber auch zarte Versuche zur Kontaktaufnahme mit Armeniern. Der Vorsitzende des Komitees für EU-Angelegenheiten, Yasar Yakis, hat Armenier eingeladen, vor seinem Gremium zu sprechen. "Wir reden beiderseits aneinander vorbei", erklärt er. "Wenn wir vielleicht ein Klima schaffen, in dem wir uns zuhören, können wir uns vielleicht in der Mitte treffen."

Dusko Vukovic mit Material von AP/DPA/DPA

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