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Die Stadt Dresden ehrt einen "Rassisten"

Unter Historikern regt sich Protest gegen Rainer Fetscher. Der Rassenhygieniker sterilisierte 65 Menschen, die er für "minderwertig" hielt. Ein Platz, eine Straße und Schulen tragen seinen Namen.

Von Kerstin Schneider

"Die gesamte europäische Welt ... ist bedroht durch die Farbigenfrage... Es steht uns eine gewaltige Überzahl Farbiger gegenüber... Vollzieht sich ... die technische und staatliche Organisation der Farbigen, dann stehen wir einer erdrückenden Übermacht gegenüber, gegen die wir uns nur behaupten können, wenn wir die letzte biologische Reserve in den Kampf werfen. Europa hat sich selbst schwach gemacht und im Laufe der Jahrzehnte ein Heer von Minderwertigen herangezüchtet, das unsere Schlagkraft lähmt... Schon einmal musste das deutsche Volk Mongolenstürme abwehren und das bedrohte Europa retten..."

Rainer Fetscher, der diese Warnung 1933 in seinem Buch "Rassenhygiene" veröffentlichte und dessen Geburtstag sich am 26. Oktober zum 112ten Mal jährt, sterilisierte 65 Menschen, die er für minderwertig hielt. Er schuf eine "Erbbiologische Kartei" von "biologisch minderwertigen" Personen, die für die Nazis "wohl von entscheidender Bedeutung für die systematische Realisierung ihres barbarischen Feldzuges gegen alle Formen, ererbter Minderwertigkeit'" war, wie der Dresdner Arzt Steffen Sachse in seiner Dissertation schreibt.

Als "antifaschistischer Widerstandskämpfer" verehrt

Trotzdem wird Rainer Fetscher in Deutschland als "antifaschistischer Widerstandskämpfer" verehrt. In Dresden tragen eine Straße und ein Platz seinen Namen. Es gibt ein Fetscher-Altenheim und eine "Prof. Dr. Rainer Fetscher" Schule für Körperbehinderte. In Pirna gab es bis vor kurzem ein Fetscher-Gymnasium. "Rainer Fetscher war ein Rassist und Stichwortgeber für die nationalsozialistische Rassenpolitik", sagt Professor Dr. Reiner Pommerin vom Institut für Geschichte an der Technischen Universität Dresden. "Fetscher war nicht nur Schreibtischtäter. Er hat sich zur Sterilisation von 65 Menschen bekannt. Allein das reicht, um ihm jede Ehrung zu verweigern."

Pommerin ist Autor zahlreicher Fachbücher, darunter eines über die Geschichte der Technischen Hochschule Dresden, an der auch Fetscher Vorlesungen hielt. Auf die Frage, wer den Rassenhygieniker auf den Sockel des Widerstandskämpfers hievte, hat der Historiker eine provokante Antwort parat. "Fetscher wurde von der DDR zum Widerständler und Antinazi gekürt, weil es in den Kurs der offiziellen Geschichtsschreibung passte. Man brauchte einen bürgerlichen Widerstandskämpfer und Nazigegner. Weil es keine gab, kürte man Fetscher dazu."

Iring Fetscher pflegt das positive Bild seines Vaters

Doch auch 17 Jahre nach der Wende, hält sich Fetscher auf dem Sockel des Widerstandskämpfers. Denn Rainer Fetscher hat einen prominenten Sohn. Der Politologe Iring Fetscher, Marxismusforscher und Träger des Bundesverdienstkreuzes, sorgt dafür, dass das Bild seines Vaters als "Humanist" und "Antinazi" keine Kratzer bekommt - zum Teil mit Behauptungen, für die Historiker keine Belege finden.

René Rainer Fetscher wurde am 26. Oktober 1895 in Wien geboren. 1921 promovierte er zum Doktor der Medizin. Im Herbst 1922 zog Fetscher nach Dresden, trat eine Stelle als Assistent beim Ordinarius an der Technischen Hochschule an. 1923 habilitierte er sich und hielt Vorlesungen am Hygiene-Institut. "Die Rassenhygiene hat es nicht mit Menschenrassen ... zu tun, sondern nur mit Menschen mit gesundem oder kranken Erbgut", umriss Fetscher damals seine Haltung.

Mit dem Segen des Sächsischen Justizministeriums begann der Arzt 1923, Daten von Straftätern und ihren Familien für eine "Erbbiologische Kartei" zu sammeln. Fetscher konzentrierte sich zunächst auf Sexualtäter, begann jedoch 1925 mit der systematischen Erfassung aller Häftlinge in Sachsen und deren Familien, um eine "umfangreiche Kartothek über dissoziale Familien Sachsens" zu schaffen. Fetscher, der sich später als Vorstandsmitglied der "Kriminalbiologischen Gesellschaft" engagierte, glaubte an die Vererbung von Kriminalität und nahm Angehörige von Straftätern faktisch in genetische Sippenhaft. Innerhalb von mehr als zehn Jahren trug der Arzt eigenen Angaben zufolge rund 150.000 Namen aus etwa 13.000 Familien zusammen.

1928 wurde Fetscher zum außerordentlichen Professor für Hygiene berufen. Im Laufe der Jahre veröffentlichte er über 200 wissenschaftliche Arbeiten. Rainer Fetscher kann "nicht gänzlich von der Verantwortung entbunden werden", "der faschistischen Rassenhygiene den Weg mit bereitet zu haben", urteilt - wie Pommerin - auch Steffen Sachse in seiner Dissertation.

Warnung vor dem Farbigensturm

Schon in seinem 1928 erschienenen Buch "der Geschlechtstrieb" warnte Fetscher, "jede Zeugung, welche zu minderwertigen Früchten führt, ist zu vermeiden". Über die "Eheberatung" schrieb der Arzt:"Von einzelnen Autoren wird die Auffassung vertreten, dass aus der Kreuzung zweier Menschenrassen … relativ minderwertige Kinder hervorgingen ... Der Einwand dagegen besagt, dass sich eben nur relativ minderwertige Personen in ungünstigen sozialen Verhältnissen zur Mischehe bereitfinden, wenn einer solchen gesellschaftliche Vorurteile entgegenstehen. Dann erklärt sich die körperliche und geistig verminderte Leistungsfähigkeit der Kinder zwanglos aus der geringeren Wertigkeit der Eltern. Als Folge der Rassenkreuzung ist das aber nicht zu bezeichnen. Weiter ist zu bemerken, das jede Ehe auch eine 'Mischehe' sein muss, da sich praktisch das Erbgut aller Menschen unterscheidet. Zwischen einer Rassenmischehe und einer beliebigen anderen Ehe besteht also nur ein gradueller, nicht aber prinzipieller Unterschied."

Gleichwohl warnte Fetscher vor den "Farbigen". 1930 erschien das Buch "der gesunde Mensch", von Huntemüller und Fetscher, das "von Seite 95 an" Fetschers alleiniges Werk ist. Der Arzt beklagte, "dass die Summe der Farbigen die der Weißen übertrifft..." und mahnte, "dass wir unsere Geburtenziffer mindestens verdoppeln müssten, um den Geburtenwettlauf mit den Farbigen bestehen zu können..." Um wenigstens "durch Hebung der Qualität der Bevölkerung den Mangel an Quantität...wett zu machen", schlug Fetscher die "Sterilisierung"aus "eugenischen Gründen" vor. Fetscher rechnete seinen Lesern vor, dass "allerwenigstens 800.000 Personen im Deutschen Reich vorhanden sein dürften, deren Fortpflanzung biologisch bedenklich ist." Dazu zählte er nicht nur "schwere Psychopaten (400.000) und 100.000 Trinker", sondern alle Menschen, die durch "Blindheit (13.000), Taubstummheit (15.000), schwere Körperfehler (52.000), Epilepsie (60.000), Schizophrenie (80.000), Manisch-depressives Irresein (20.000) und Schwachsinn (60.000)" gesundheitlich beeinträchtigt waren.

1931 erschien das Buch "Die sexuelle Frage" von August Forel, das Rainer Fetscher "vollkommen neu bearbeitet" hatte. Im Vorwort beschrieb Fetscher seinen Anteil: "Es waren ... starke Umarbeitungen des Werkes erforderlich, von denen kein Abschnitt verschont blieb." Forel sprach sich in diesem Buch für die Tötung Behinderter aus: "Es ist eigentlich schrecklich, dass die Gesetze uns zwingen, Früchte, die als Kretinen (Zurückgebliebene), Idioten, Hydrozephalen (Patienten mit Wasserkopf), Mikrozephalen (Patienten mit abnorm kleinen Köpfen und Gehirnen) u. dgl. geboren werden oder die ohne Augen und Ohren oder mit verkrüppelten Geschlechtsorganen auf die Welt kommen, am Leben zu erhalten. Wird man nicht in Zukunft dazu gelangen, es wenigstens zuzulassen, dass unter Zustimmung der Eltern und nach gründlicher ärztlicher Expertise solche unglückliche Neugeborene durch milde Narkosen beseitigt werden, statt sie durch den Zwang des Gesetzes einem Märtyrerleben zu überliefern? ... Man baut große Idiotenanstalten und freut sich königlich darüber, wenn nach jahrelangen, heißen und rührenden Bemühungen des sich dazu aufopfernden Personals der kleine Blödsinnige etwa wie ein Papagei einige Worte laut zu sprechen vermag oder gar aufs Papier kritzeln kann, noch mehr, wenn solche kleine Affen mit nach oben gedrehten Augen maschinenmäßig ein Gebet herzusagen gelernt haben... Ehrlich ausgesprochen, täten die aufopfernden Pfleger und Lehrer solcher Idioten besser, letztere sterben zu lassen und selbst tüchtige Kinder zu zeugen!" Auch wenn dies Forels Worte waren, strich Bearbeiter Fetscher sie offensichtlich nicht aus dem Manuskript. Dabei hatte sich Fetscher 1927 gegen die "Vernichtung lebensunwerten Lebens" gewandt. "Wir können nicht Auslese treiben in Formen, die überwundener Barberei entsprechen." Nun ließ er immerhin zu, dass solche Äußerungen unter seinem Namen veröffentlicht wurden. Auf dem Buchdeckel stehen als Verfasser: "Forel-Fetscher".

Fetscher: Erlass eines Sterilisierungsgesetzes war eine große Tat

1933 veröffentlichte Fetscher das Buch "Rassenhygiene": Die "Hebung des biologischen Wertes ist zu unserer Behauptung nötig...", warnte er. "Gelingt uns dieses... nicht, so kann es geschehen, dass wir schon in wenigen Jahrzehnten in der farbigen Flut ertrinken...." Fetscher gab offen zu, für die Sterilisation von 65 Menschen gesorgt zu haben, obwohl derartige Eingriffe damals noch strafbar waren. Fetscher beging also in 65 Fällen eine schwere Körperverletzung, die nie geahndet wurde. "Ich selbst habe bis Ende 1932 65 zur Durchführung gebracht, ... ohne dass ein Gerichtsverfahren gegen mich eingeleitet worden wäre. Der Zweck dieses Verhalten, nämlich nachzuweisen, dass eine Lücke zwischen den Lebensnotwendigkeiten unseres Volkes und der Gesetzeslage klaffe, wurde damit erreicht. Eine der ersten großen Taten der Regierung Adolf Hitlers war der Erlass eines Sterilisierungsgesetzes, das nicht nur die Möglichkeit rassenhygienischer Unfruchtbarmachung schafft, sondern auch gestattet, einen Zwang auszuüben, wo ein solcher nicht entbehrt werden kann..." An anderer Stelle schrieb Fetscher nun, dass "es unzweckmäßig ist, etwa einen syphilitischen Wasserkopf mit allen Mitteln am Leben zu erhalten".

1933 erweiterte Fetscher auch die Liste der "praktischen Aufgaben" seiner "Erbiologischen Kartei", unter anderem um den Punkt: "Unterstützung der Tätigkeit von ,Erbgesundheitsgerichten'". Die Nazi-Sondergerichte entschieden auf Grundlage ärztlicher Gutachten, wer als "erbkrank" galt und zwangssterilisiert wurde. Fetscher hatte "die Leitung" der "Erbbiologischen Kartei" noch Mitte der dreißiger Jahre inne. Über die Bedeutung dieser Kartei schreibt Sachse: "Die darin Registrierten mußten ständig in Angst leben, mit einem Eheverbot belegt bzw. zwangsweise sterilisiert zu werden oder später, im Rahmen des beispiellosen Euthanasie-Programms, dem organisierten Massenmord zum Opfer zu fallen".

"Schicksalswende unseres deutschen Volkes"

1934 bejubelte Fetscher im Vorwort "zur zweiten Auflage" seines Buches: "Abriss der Erbbiologie und Rassenhygiene": "Die Veränderung der letzten Monate haben vieles von dem verwirklicht, was in der ersten Auflage noch als Forderung an die Zukunft erhoben wurde. Selten ist es wohl einer Wissenschaft beschieden gewesen, in solchem Umfange rasche Erfüllung zu erleben, die wir als Schicksalswende unseres deutschen Volkes freudig begrüßen..."

Während Fetscher in frühern Jahren den Antisemitismus einmal als "barbarische Unkultur" gegeißelt hatte, schrieb er nun: "Seit 1920 dürften ungefähr 30 Prozent der heiratenden Juden Mischehen eingegangen sein. Der Umstand, dass Mischehen die doppelte Scheidungshäufigkeit wie rein jüdische Ehen aufweisen, zeigt aber, dass Deutsche und Juden seelische Unterschiede aufweisen, die nur schwer überbrückbar sind. Einige Autoren betonen auch, dass die Kinder aus Mischehen häufig ausgesprochen disharmonisch sind. Dass Vermischung mit exotischen Rassen noch erheblich bedenklicher wäre, braucht keiner weiteren Betonung". Weiter heißt es: "Juden haben erhöhte Häufigkeit von Zuckerkrankheit, Geisteskrankheit und Taubstummheit".

Wie sehr Fetscher versuchte, sich den Nazis anzudienen, zeigt auch ein Zitat aus dem Jahr 1932. Damals hatte Fetscher sich noch gegen die "Verordnung über die Heiratsgenehmigung der SS-Leute" gestellt: Wenn "die Zugehörigkeit zur nordischen Rasse Voraussetzung der Ehegenehmigung sein soll, so müssen dagegen starke Bedenken erhoben werden". Nun forderte der Arzt "Gesundheitszeugnisse vor der Ehe" und jubelte: "Der SS-Führer Himmler hat bestimmt, daß Angehörige der SS einer besonderen Eheerlaubnis durch ein Rasseamt bedürfen... Kann auch diese Regelung nur als vorläufige anerkannt werden, so ist sie doch wegen ihrer grundsätzlichen Haltung ein erheblicher Fortschritt."

Solidaritätsaufruf nur mündlich überliefert

Obwohl er viele Forderungen vertrat, die die Nazis umsetzten, wurde Fetscher im Februar 1934 als Dozent der Hochschule zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Mit seiner Entlassung beginnt die Legendenbildung in Fetschers Biographie, die noch heute dafür sorgt, dass der Arzt verklärt wird. Sein Sohn Iring Fetscher schreibt in seiner Biographie "Neugier und Furcht, Versuch, mein Leben zu verstehen": "Als aber seine jüdischen Kollegen entlassen werden sollten, war die Grenze seiner Anpassungsbereitschaft erreicht. Unter dem Motto: ,Hände weg von der Hochschule', rief er zur Solidarität mit diesen Kollegen auf... Die Konsequenz war die Entlassung meines Vaters auf Grund des Gesetztes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums..."

"Ein solcher Aufruf ist nicht in den Akten überliefert oder bekannt geworden", hält Geschichtsprofessor Pommerin dagegen. Auf Nachfrage von stern.de räumt Iring Fetscher ein: "Der Aufruf kann nicht gefunden werden. Er ist mündlich überliefert." Mit anderen Worten: Einen schriftlichen, historisch nachprüfbaren Beweis für die Existenz dieses Aufrufes gibt es nicht.

Belegt ist dagegen, dass Fetschers Name am 11. November 1933 auf der Unterzeichnerliste "Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat" auftaucht, wie im "Personenlexikon zum Dritten Reich" von Ernst Klee nachzulesen ist. "Fetscher wurde entlassen, weil es einen großen Konkurrenzkampf unter Eugenikern gab, der dazu führte, dass Fetscher als angeblicher Judenfreund denunziert wurde", erklärt Pommerin. Der Beschwerdebrief ans Sächsische Ministerium des Innern existiert noch: "Es dürfte sie ... interessieren, dass der ... übel beleumndete Professor Fetscher, der hier als Eheberater der Ortskrankenkasse kostenlos Schwangerschaftsverhütungsmittel abgegeben und in einem Buche geschrieben hat: 'Jede Ehe wäre eine Mischehe, es bestünde also nur ein gradueller, nicht ein tatsächlicher Unterschied zwischen einer gewöhnlichen Ehe und einer Rassenmischehe', nach wie vor ein Kolleg ankündigt und ausgerechnet über ,Allgemeine Rassenhygiene' Vorlesungen hält", heißt es darin.

Pommerin: "Fetscher hat niemals gegen die Rassenpolitik der Nazis protestiert"

Der Schreiber des Briefes meinte offenbar das Zitat aus dem Buch "der Geschlechtstrieb". Dieses Zitat gilt noch heute als Beleg für Fetschers antifaschistische Haltung. Doch schon damals hatte Fetscher betont, "dass sich eben nur relativ minderwertige Personen ... zur Mischehe bereit finden..." Und auch später finden sich in Fetschers Veröffentlichungen rassistische und antisemitische Äußerungen: "Mischehen mit Juden sind für Beamte neuerdings verboten. Es ist wohl zu erwarten, dass sie auch im übrigen künftig unterbleiben werden, namentlich dann, wenn die Neuregelung der ,Staatsbürgerschaft' im Sinne des Programms der NSDAP erfolgt. Die Mischehen mit exotischen Rassen waren in den früheren deutschen Kolonien verboten, nicht aber in Deutschland selbst, woraus sich höchst unerfreuliche Verwicklungen ergeben mussten. Kommen wir, wie wir hoffen, wieder in den Besitz von Kolonien, so wird eine gesetzliche Sonderregelung dringend erforderlich sein", schrieb Fetscher in seinem Buch "Rassenhygiene".

Und selbst für Auswanderer forderte Fetscher 1934 eine "planmäßige ... kulturelle Betreuung für dauernde Heimatverbundenheit... Am besten sollten nur "Familien und Ehepaare" umsiedeln, so Fetscher: "Es droht sonst die Gefahr, dass sich die jungen Männer mit fremdrassigen Frauen einlassen und dass damit sie selbst und ihr Nachwuchs uns verloren gehen. Selbstverständlich wäre auch eine Auslese nach Erbwerten zu treffen. Es kann uns so gelingen, starke Außenposten zu schaffen, die einst ... als erste den drohenden Farbigensturm aufzufangen berufen sein werden..."

"Fetscher ist niemals aufgestanden und hat gegen die Rassenpolitik der Nazis protestiert", räumt Pommerin mit einer Legende über den Grund für die Entlassung des Professors auf. "Er hat sich den Nazis in den 30er Jahren sogar angedient und durfte bis 1936 weiter sein Kolleg über ,Allgemeine Rassenhygiene' abhalten." Tatsächlich ließ sich Fetscher, der im Oktober 1933 als Anwärter in die SA eingetreten war, im Juni 1934 - also nach seiner Entlassung - als SA-Mann des Sturms 3 der Standarte R 48 in Pirna vereidigen, wie Pommerin enthüllt hat. Und auch Sachse schreibt in seiner Dissertation, dass Fetscher "nach der Dienstsuspendierung ... Aktivitäten entwickelte..., die offenbar zu einer gewissen Versöhnung mit dem faschistischen System führen sollten". Doch die Nazis holten den Rassenhygieniker nicht zurück in den Staatsdienst. Nachdem die "Versöhnung" misslungen war, wandte sich Fetscher von den Nazis ab. 1935 trat er wieder aus der SA aus. Er hatte dort keinen aktiven Dienst versehen.

Fetscher half Juden

Der Arzt eröffnete eine Privatpraxis in Dresden und er behandelte Juden, was der Schriftsteller Victor Klemperer in seinen Tagebüchern beschreibt: "Kätchen Sara wollte den Professor Fetscher konsultieren (meinen früheren Kollegen, der mir durch Cohn Aufbewahrung von Manuskripten anbieten ließ und der als sehr judenfreundlich gilt)... Sie ging hin und wurde von der Schwester arg deprimiert empfangen: Herr Professor habe soeben eine hohe Strafe wegen Judenfreundlichkeit erhalten, ..., er könne es nun doch nicht mehr wagen, sie zu behandeln..." Zweifelsohne ging Fetscher damit ein hohes Risiko ein.

"Die Praxis ... wurde insgeheim zu einem Treffpunkt für Antinazis...", schreibt Iring Fetscher in seiner Biographie." Es gab eine eigene Kartei für ,Bestrahlungspatienten', in der auch solche Besucher eingetragen waren, die gar nicht krank waren, sondern sich nur einmal aussprechen oder Pläne für die Zeit 'danach' diskutieren wollten. Während des Krieges wurde diese mehr oder minder verschwörerische Tätigkeit intensiviert." Diese Angaben, stützen sich, wie Iring Fetscher auf Nachfrage erklärt, ebenfalls auf "mündliche Überlieferungen".

Doch auch an dieser Darstellung gibt es Zweifel. Sachse schreibt in seiner Dissertation, dass "ein nicht unerheblicher Anteil an Fetschers Patientenkreis ... von Funktionären der NSDAP und des faschistischen Staates gebildet" wurde. Schwer vorstellbar, dass sich die Praxis, in der offenbar Nazifunktionäre aus- und eingingen, zur "Schaltzentrale" des Dresdner Widerstandes entwickelte - wie es in Veröffentlichungen heißt. Und auch Pommerin sagt: "Fetschers Engagement im Widerstand lässt sich nicht nachprüfen. Er soll Juden, Kommunisten und Nazis behandelt haben. Das spricht dafür, dass Fetscher seinen hippokratischen Eid ernst genommen und ohne Ansehen der Person behandelt hat." Selbst Klemperers Tagebuch macht Fetscher in den Augen des Geschichtsprofessors noch nicht zum Widerstandskämpfer.

"Unabhängig von diesem Angebot darf man nie außer Acht lassen, dass Fetscher durch sein Handeln Leid über Menschen gebracht hat, die er für 'minderwertig' hielt. Er führte eine 'erbbiologische Kartei', die den Nazis als Vorlage für Repressalien diente. Er sterilisierte Menschen."

Legende um Fetschers Tod

Am 8. Mai 1945 kam Rainer Fetscher in Dresden ums Leben. Er wurde erschossen. Doch auch um die Frage, wer seine Mörder waren, ranken sich Legenden. In vielen Artikeln und Gedenkschriften, die zum großen Teil noch in der ehemaligen DDR erschienen sind, ist nachzulesen, dass Rainer Fetscher von der SS erschossen wurde. Angeblich war er auf dem Weg zur "Roten Armee", um mit dem Kommandanten eine "kampflose Übergabe" Dresdens auszuhandeln, weil Fetscher die Stadt - die nach den Bombardements in Trümmern lag - "vor noch mehr Zerstörung" bewahren wollte.

Pommerin dagegen glaubt nicht an Fetschers Friedensmission. "Fetscher hatte keine Kompetenz mit den Rotarmisten - über was auch immer - zu verhandeln", sagt der Professor. "Davon abgesehen - die Stadt war bereits zwei Tage vorher kampflos übergeben worden. Eine 'kampflose Übergabe' auszuhandeln, wäre am 8. Mai also überflüssig gewesen." Der Historiker hegt auch Zweifel, ob Fetscher von der SS erschossen wurde. "Mit der Behauptung, dass Fetscher ein Opfer der SS wurde, sollte sein Status als Widerstandskämpfer zementiert werden", sagt Pommerin. "Viel wahrscheinlicher ist, dass Fetscher durch eine Kugel der Rotarmisten starb." Auch die Zeugen, die gesehen haben wollen, dass der Schütze eine SS-Uniform trug, können Pommerins Zweifel nicht zerstreuen: "Diesen Zeugenaussagen kann man keinen Wert beimessen. Ihre Glaubwürdigkeit ist höchst fragwürdig."

Eine Entschuldigung Fetschers sucht man vergeblich

Iring Fetscher reagiert ungehalten, als er mit den Zweifeln an der Biographie seines Vaters als Widerstandskämpfer konfrontiert wird. Der Politologe räumt ein, dass einige Zitate aus den Büchern seines Vaters "grauenhaft" klängen. Gleichwohl verteidigt er ihn. "Diese Vorschläge waren nicht nur seine, die hatten viele andere auch. Das hat alles nichts mit den Nazis zu tun", sagt er. "Nur zwei Jahre lang" habe sein Vater versucht, "sich anzupassen". Für die 65 Menschen, die sein Vater sterilisiert hat, zeigt Iring Fetscher kein Mitgefühl. "Er hat nur Leute sterilisiert, die unter psychischen Defekten litten", sagt er. "Für die war die Sterilisation eine Erleichterung." Iring Fetscher beharrt darauf, dass die SS seinen Vater erschossen habe. Sein Argument für die Täterschaft der SS: Bei der Leiche habe man noch "Papiere" und sogar "die goldene Uhr" gefunden. Fetscher: "Die Russen hätten ihn ausgeplündert."

Als Beweis für die Wandlung seines Vaters vom Rassenhygieniker zum Antifaschisten zitiert Iring Fetscher in seiner Biographie einen Brief, den Rainer Fetscher hinterlassen haben soll. "Ich gestehe, in vielen Dingen geirrt zu haben...", heißt es darin. Der Verfasser spricht sich gegen die Vernichtung "lebensunwerten Lebens" aus. "'Opfern' darf man kein Leben, nicht einmal das eigene... Wenn irgendwo, so gilt hier das 'principiis obstat' (wehret den Anfängen), denn einmal hierin irgendwo gelockert, bricht alle menschliche Gemeinschaft zusammen...".

Doch auch dieses Papier vermag Geschichtsprofessor Pommerin nicht zu überzeugen. "Das Original befindet sich in den Händen der Familie. Es ist nie auf Echtheit überprüft worden", kritisiert er. "Und selbst wenn Rainer Fetscher diesen Brief geschrieben haben sollte, distanziert er sich zwar von der Tötung lebensunwerten Lebens. Eine Entschuldigung bei seinen Sterilisierungsopfern oder jenen Menschen, die aufgrund seiner erbbiologischen Kartei verfolgt wurden, sucht man in diesem Schriftstück vergeblich." Die Frage nach der Echtheit des Papiers, sei eine "Unverschämtheit" schimpft Iring Fetscher. "Es gibt eine Menge gemeiner Leute, die meinen Vater verunglimpfen wollen."

Keine Straße bislang für NS-Opfer Elfriede Lohse-Wächtler

In der Tat ist Pommerin nicht der Einzige, der Rainer Fetscher vom Sockel des Widerstandskämpfers stürzen will. "Fetscher erfasste als Rassenhygieniker tausende von Menschen in einer 'Kartei der Minderwertigen'. Dass eine Schule für Körperbehinderte den Namen eines Rassenhygieniker trägt, ist unfassbar. Rassenhygieniker waren die Wegbereiter des Behindertenmordes", sagt der bekannte Euthanasie-Forscher Ernst Klee. Margret Hamm vom Bund der Euthanasie-Geschädigten, ist "fassungslos, dass Fetschers Opfer offenbar völlig vergessen werden". "Wenn man einen solchen Arzt ehrt, muss man doch vorher die Frage stellen, was aus den 65 Menschen geworden ist, die Fetscher sterilisiert hat? Haben sie die NS-Zeit überlebt? Kamen sie in Anstalten? Wurden sie dort vielleicht Opfer der 'Euthanasie'?".

Die Stadt Dresden will der Biographie Rainer Fetschers nun noch einmal "auf den Grund gehen", kündigt Sprecher Karl Schuricht an. Ob "Fetscher-Straße" und "Fetscher-Platz" umbenannt würden, sei allerdings Sache des Stadtrates. Eine, die als "Minderwertige" zwangssterilisiert wurde, war die Dresdner Malerin Elfriede Lohse-Wächtler. 1940 ermordeten die Nazis die Künstlerin als "lebensunwertes Leben". Sie litt wahrscheinlich unter Schizophrenie.

Schon vor zehn Jahren machte Dr. Hubert Heilemann, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Arnsdorf bei Dresden, den Vorschlag, eine Straße in Dresden nach der Malerin zu benennen. Das Büro des Oberbürgermeisters winkte ab. Es würden sehr viele Vorschläge für Straßennamen eingehen, ließ das Büro den Chefarzt wissen. "Vielleicht" käme man auf seine Idee zurück. "Bei passender Gelegenheit". Bislang jedoch gibt es keine Straße in Dresden, die nach Elfriede Lohse-Wächtler benannt ist.

Mitarbeit: Bettina Sengling

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