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Die Schreckensherrschaft der "neuen Menschen"

Für viele Kambodschaner war der 17. April 1975 ein Freudentag. General Nol war gestürzt, nun schlug die Stunde der Roten Khmer um Pol Pot. Was kam, war einer der größten Völkermorde des 20. Jahrhunderts.

Eigentlich war jener 17. April 1975 für Bu Meng zunächst ein Freudentag. "Meine ersten Gedanken waren: Nun wird der Frieden einziehen", sagt der damals 34-Jährige. Der verhasste, Kambodscha nur von amerikanischen Gnaden regierende General Lon Nol war gestürzt, nun schlug die Stunde der Roten Khmer. An diesem Tag vor 30 Jahren nahmen die Kämpfer um Pol Pot die Hauptstadt Phnom Penh ein. Doch es folgte keine Ära jenseits der Gewalt. Was kam, war das nackte Grauen, einer der schlimmsten Völkermorde des 20. Jahrhunderts, der sich über vier lange Jahre hinziehen sollte.

Hacken und Spaten statt Kugeln

Schätzungsweise zwei Millionen Menschen ließen unter dem Regime der "Steinzeitkommunisten" ihr Leben - erschlagen mit Hacken und Spaten, um Kugeln zu sparen, hingerichtet als "bürgerliche Intellektuelle", nur weil sie eine Brille oder Schlips trugen, verhungert oder jämmerlich zu Grunde gegangen an der Fronarbeit auf den "Killing Fields". "Jede Familie verlor mindestens ein oder zwei Mitglieder", berichtet Youk Chhang, Direktor des Dokumentationszentrums für die Gräueltaten der Roten Khmer. Ein gutes Viertel der Bevölkerung des kleinen Kambodscha war ausgerottet, als vietnamesische Truppen dem blutigen Regime im Januar 1979 ein Ende machten.

Den "neuen Menschen" wollten Pol Pot und seine Schergen erschaffen. Aber erst kam die Vernichtung des alten. Kaum hatten seine Kämpfer in ihren schwarzen, pyjama-artigen Anzügen und den schwarzen Ballonmützen Phnom Penh erobert und das "Jahr Null" in der Geschichte Kambodschas erklärt, begann der Exodus der mehr als zwei Millionen Einwohner der Hauptstadt. Das war der Punkt, als Bu Meng erste Zweifel überkamen. "Ich sah viele Menschen auf der Straße marschieren, und sie taten mir leid." Geld und Privatbesitz wurden abgeschafft. 16 Stunden Feldarbeit bei einer Schale Reis ließen Hunderttausende bald dem Tode näher sein als dem Leben.

Bu Meng hatte zuerst Glück. Als Schildermaler wurde er gebraucht, um an der Technischen Akademie Grafiken zu zeichnen. Zwei Jahre ging es gut. Dann wurde er in ein Reisfeld geschickt, wenig später mit seiner Frau nach Toul Sleng, die grausige Folterkammer der Roten Khmer mitten in Phom Penh, untergebracht in einer Schule. Mehr als 10.000 Menschen starben dort oder verschwanden einfach. "Sie haben uns die Hände auf dem Rücken zusammengebunden und voneinander getrennt. Ich habe meine Frau nie wieder gesehen."

Paranoide Suche nach Verrätern und Spionen

14- bis 18-Jährige führten in Toul Sleng Verhöre, einfache Bauernburschen, auf der paranoiden Suche nach Verrätern und Spionen. Bis zu 50 Gefangene wurden in einem einzigen Raum zusammengepfercht. Die Peiniger rissen ihnen die Fingernägel heraus, kippten ihnen Alkohol in die Nase. Auch Bu Meng musste die Folter ertragen, den Hunger erleiden, doch sie ließen ihm am Leben, weil er Porträts der selbst ernannten Elite malen konnte. Bu Meng sollte nur einer von sieben Gefangenen sein, die Toul Sleng überleben.

Pol Pot starb Ende der 90er Jahre in seinem Dschungelversteck, keiner der Völkermörder wurde bislang vor Gericht gestellt. Fast alle der ehemaligen Roten Khmer leben unbehelligt irgendwo in dem bitterarmen Königreich. Für ein geplantes Sondertribunal unter Beteiligung der Vereinten Nationen fehlen noch 15 Millionen US-Dollar. Nicht nur Bu Meng will die Schlächter vor Gericht sehen. "Meine Frau ist unter jenen, die verschwanden. Ich möchte den Anführern diese Geschichte erzählen, und ich will einen Prozess, damit Gerechtigkeit geschieht. Vor allem für meine Frau."

Frank Brandmaier und Bronwyn Sloan/DPA/DPA
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