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Kommandant der Mordmaschinerie

Wie ein Industriemanager baute Rudolf Höß, rechtsradikaler Veteran des Ersten Weltkriegs, das Vernichtungslager Auschwitz auf. Vor Gericht übernahm der Lagerkommandant Verantwortung für drei Millionen Morde.

"Eine andere Verbesserung gegenüber Treblinka war, dass wir Gaskammern bauten, die 2000 Menschen auf einmal fassen konnten, während die 10 Gaskammern in Treblinka nur je 200 Menschen fassten", erklärte der berüchtigte Lagerkommandant von Auschwitz Rudolf Höß eidesstattlich im Rahmen der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse im März 1946. Unter seiner Leitung wurde das KZ in der polnischen Kleinstadt zum größten Vernichtungslager der Nationalsozialisten, in dem über eine Million Menschen ermordet wurden, die meisten davon Juden. Er sorgte für den reibungslosen Ablauf des Massenmordes und rühmte sich, als erster das Gas Zyklon B "erfolgreich" eingesetzt zu haben.

Autoritätsgläubiger Schreibtischmörder

In seinen autobiografischen Aufzeichnungen, die er Anfang 1947 als Häftling im Krakauer Untersuchungsgefängnis verfasste, beschreibt sich der Lagerkommandant selbst als sensiblen Familienmenschen, als Tierfreund und Naturliebhaber. Gerade hierin liegt das Groteske der Memoiren, die Einblicke in die Psyche eines der furchtbarsten nationalsozialistischen Verbrecher gewährt. Der Kommandant von Auschwitz war weder ein Sadist noch ein Psychopath, sondern ein pflichtbewusster und ehrgeiziger Schreibtischmörder, der Befehlen blind gehorchte und sich einreden ließ, die industriell betriebene Ermordung Hunderttausender sei ein Dienst für Volk und Vaterland.

SS-Obersturmbannführer Rudolf Franz Ferdinand Höß, am 25. November 1900 als Sohn frommer katholischer Eltern in Baden-Baden geboren, sollte nach dem Wunsch des Vaters eigentlich Priester werden. Als er 14 war, starb der strenge Vater. Ein Jahr später meldete Höß sich freiwillig zur Armee, mit 16 Jahren kam er an die Front in der Türkei, mit 17 Jahren wurde er als Unteroffizier mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet. Nach dem Krieg schloss er sich dem Freikorps Roßbach an, mit dem er an Kämpfen im Ruhrgebiet, im Baltikum und in Oberschlesien teilnahm. Als er nach der Auflösung des Freikorps eine Rede Adolf Hitlers in München Anfang der 20er Jahre gehört hatte, soll er daraufhin in die NSDAP eingetreten sein.

Im so genannten Parchimer Fememordprozess 1924 in Leipzig wurde er als Rädelsführer zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Er hatte an einem Attentat gegen einen "Verräter" im Kampf gegen die französische Besatzung des Ruhrgebietes teilgenommen. Einer seiner Komplizen war Martin Bormann, sein späterer Förderer. Aufgrund eines Amnestiegesetzes vom 14. Juli 1928 kam er vorzeitig frei. Im Jahr darauf heiratete er.

Nachdem Heinrich Himmler, Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei, auf Höß aufmerksam geworden war, kam er 1934 als SS-Unterscharführer in die Wachmannschaft des Konzentrationslagers Dachau, das zum Modell für das gesamte Konzentrationslagersystem der Nationalsozialisten werden sollte. Die zynische Parole "Arbeit macht frei" über dem Lagertor von Auschwitz hatte Höß von dort mitgebracht. Am 1. August 1938 versetzte man ihn in das KZ Sachsenhausen, dessen Leitung er drei Wochen nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen übernahm.

"Mir graute immer vor den Erschießungen"

Himmler ordnete 1940 an, in einem Kasernenkomplex der inzwischen "reichsdeutsch" gewordenen polnischen Kleinstadt Auschwitz zwischen Krakau und Kattowitz ein Konzentrationslager für zehntausend Häftlinge zu errichten. Rudolf Höß wird zum Lagerkommandanten ernannt. Vermutlich zwei Jahre später erteilte ihm Himmler die Aufgabe, daraus die "größte Menschenvernichtungsanlage aller Zeiten" zu machen. Wie aus seinen Memoiren hervorgeht, machte sich Höß die Aufgabe gleich zu eigen: "Der Führer hat die Endlösung der Judenfrage befohlen. Wir, die SS, haben diesen Befehl durchzuführen. Die bestehenden Vernichtungsstellen im Osten sind nicht in der Lage, die beabsichtigten großen Aktionen durchzuführen. Ich habe daher Auschwitz dafür bestimmt". Als im März 1942 die fabrikmäßigen Vergasungen in Auschwitz begannen, atmete Höß auf: "Nun hatten wir das Gas und auch den Vorgang entdeckt. (...) Mir graute immer vor den Erschießungen, wenn ich an die Massen, an die Frauen und Kinder dachte. (...) Nun war ich doch beruhigt, dass uns allen diese Blutbäder erspart bleiben sollten, dass auch die Opfer bis zum letzten Moment geschont werden konnten".

Höß sollte bis Ende 1943 Kommandant von Auschwitz bleiben und sich als eiskalter Massenmörder erweisen. Danach wurde er wegen eines Korruptionsskandals abberufen, kehrte aber 1944 auf Wunsch Himmlers zurück, um die "Aktion Höß" durchzuführen - die Vorbereitung der Vernichtungsanlagen zur Tötung von 400.000 ungarischen Juden.

Nach dem Kriegsende tauchte er mittels gefälschten Papieren unter dem Namen "Franz Lang" als Bootsmaat in der Marine unter, bis er 1946 von der britischen Militärpolizei bei Flensburg verhaftet wurde. Am 25. Mai 1946, seinem 17. Hochzeitstag, wurde er polnischen Offizieren übergeben und mit einer US-Maschine über Berlin nach Warschau geflogen. Am 2. April 1947 verurteilte das polnische Oberste Volksgericht den Lagerkommandanten zum Tod, zwei Wochen später wurde er vor seiner ehemaligen Residenz in Auschwitz gehängt. Höß hatte vor Gericht Verantwortung für drei Millionen Judenmorde übernommen.

"Gemütsqualitäten bewahren nicht vor Inhumanität"

"Höß ist", schrieb der Historiker Martin Broszat über den "durchaus kleinbürgerlich-normalen Menschen", "das exemplarische Beispiel dafür, dass private Gemütsqualitäten nicht vor Inhumanität bewahren, sondern pervertiert in den Dienst des politischen Verbrechens gestellt werden können."

Dusko Vukovic

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