Am 30. Januar 1945 wurde ein deutsches Passagierschiff mit 6600 Menschan an Bord bei der Flucht über die Ostsee von Torpedos eines sowjetischen U-Bootes getroffen. 5300 Menschen starben. stern-Reporter Peter Sandmeyer beschreibt eine der größten Schiffskatasrophen der Geschichte. Von Peter Sandmeyer

Herbst 1992, 48 Jahre nach dem Untergang der "Wilhelm Gustloff": Wladimir Kurotschkin und Heinz Schön reichen sich die Hände© Cornelius Meffert
Die beiden Männer sitzen da und betrachten sich. Der eine, gut genährt, trägt eine goldene Brille und einen sorgfältig gestutzten Schnurrbart, die Haare sind weiß, er ist 66 fahre alt. Der andere ist hager, elf Jahre älter, auch er schlohweiß, aber mit buschigen, schwarzen Brauen, listigen Augen und vielen kleinen Falten drum herum, die verraten, dass er in seinem Leben oft gegen den Wind gestarrt hat. "Ich bin froh, dass Sie lebendig und gesund sind", sagt er zu dem Jüngeren, "Sie sehen gut aus." Sie lächeln und stoßen mit Wodka an. "Wir sind durch die Hölle gegangen. Auf das Leben - nasdarowje!"
Die beiden Männer sehen sich zum ersten Mal an diesem milden Herbsttag des Jahres 1992 in dem kleinen Dorf Mitschurinskij in der Nähe von St. Petersburg. Aber vor 48 Jahren, in einer eisigen Winternacht des Jahres 1945 waren sie sich schon einmal ganz nahe. Zwölf Seemeilen vor der pommerschen Küste versuchte damals der Ältere den Jüngeren umzubringen. Es war der 30. Januar, kurz nach 19 Uhr, als der Ausguck auf dem Turm des sowjetischen U-Bootes "S 13" in der stürmischen Nacht schwache Lichter ausmachte. Das Boot war seit 19 Tagen auf See. An Bord der Kommandant, acht Offiziere, sechs Unteroffiziere und 32 Matrosen. Einer von ihnen: der Mann mit den Wind-Grübchen in den Augenwinkeln, Torpedoschütze Wladimir Kurotschkin. Vom finnischen Hafen Turku aus hatte sich das Boot der Baltischen Flotte bis in die Nähe der Danziger Bucht vorgewagt, aber bislang kein lohnendes Ziel für die zwölf Torpedos gesichtet.

Die "Wilhelm Gustloff" hatte 6600 Menschen an Bord© akg-images
Der Frust der Feindfahrt lastete diesmal noch schwerer auf Kommandant und Mannschaft als die üblichen Plagen des Bordlebens - die Enge, der Gestank nach Schweiß und Dieselöl, die Hitze im Maschinenraum und die eisige Kälte im Vorschiff: die Furunkel, die viele von der Ernährung bekamen, und die dicken Füße vom Mangel an Bewegung. Bewährungsdruck lag auf dem Schiff.
Denn beim letzten Hafenaufenthalt war es zu schweren Disziplinlosigkeiten gekommen: Zwei russische Seeleute hatten sich mit finnischen Sailors geprügelt, und, schlimmer noch, Kommandant Marinesko hatte sich in der Silvester-Nacht alkoholisiert mit einem Konteradmiral angelegt und war dann vor der anrückenden Militärpolizei bis zum nächsten Morgen im Bett einer Barfrau verschwunden. Nach dem Prinzip der kollektiven Verantwortung büßte für so was die ganze Mannschaft. Und die beste Buße war der Sieg über den Feind. 47 Mann folgten einem Befehl: "Versenkt die Deutschen!"
Deshalb war die Besatzung von "S 13" ganz besonders elektrisiert, als ihr Mann am Horchgerät ein Peilgeräusch von großen Zwillingsschrauben meldete - vielleicht das eines Kreuzers. Kein sowjetisches U-Boot hatte bisher ein so riesiges deutsches Kriegsschiff versenkt. Kommandant Marinesko befahl alle Mann auf Gefechtsstation.
Doch es war kein Kreuzer, den das U-Boot jetzt mit voller Fahrt jagte. Es war das Passagierschiff "Wilhelm Gustloff", schwer beladen mit einer mehr als 6600-köpfigen Menschenfracht, vor allem Kinder und Frauen - Flüchtlinge, die sich vor der näherrückenden russischen Front nach Westen retten wollten.
Zivilist war auch der Mann, dessen Kopfhaar damals noch schwarz war, der noch keine Brille brauchte und keinen Schnurrbart trug. Heinz Schön, 18-jähriger Zahlmeister-Aspirant an Bord, hatte am Abend des 30. Januar endlich Freiwache und ruhte sich in seiner schmalen Kabine von der Hektik der letzten Tage aus. Der 208 Meter lange klassenlose Luxus-Liner, der in Friedenszeiten für Hitlers "Kraft durch Freude"-Organisation mit Urlaubern über die Meere gekreuzt war, hatte seit November 1940 als schwimmende Kaserne in Gotenhafen - dem heutigen Gdingen - gelegen und als Ausbildungsschiff für den deutschen U-Boot-Nachschub gedient.
In fieberhafter Hast musste das Schiff nun Anfang 1945 binnen weniger Tage wieder flottgemacht werden, nachdem das Oberkommando der Marine endlich begriffen hatte, dass auch die Häfen der Danziger Bucht nicht mehr lange zu halten sein würden, und Großadmiral Karl Dönitz den Befehl zur Operation "Hannibal" gegeben hatte: Die U-Boot-Lehrdivisionen sollten schleunigst nach Westen verlegt, freibleibender Raum sollte für den Abtransport von "nicht kampffähiger Bevölkerung" verwendet werden. Zu Zehntausenden warteten die Flüchtlinge damals in Gotenhafen auf eine Möglichkeit zum Entkommen über die Ostsee.
Als die "Gustloff" am Mittag des 30. Januar bei klirrender Kälte - 17 Grad unter Null - auslief, waren knapp 11.100 Mann von der U-Boot-Waffe an Bord, aber mehr als doppelt so viele Mütter und dreimal so viele Kinder. Jeder Zentimeter auf dem Schiff war von Flüchtlingen besetzt, sie kampierten auf den Fußböden der Kabinen, der Speisesäle, der Musik- und Tanzräume, unbequem, aber froh, endlich in Sicherheit zu sein auf diesem großen, schönen, warmen, schnellen Schiff, unterwegs nach Westen.
Dieser Artikel erschien ... ... im stern Nr. 03 am 14.01.1993