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30. Juni 2004, 12:25 Uhr

Operation "Walküre"

Beinahe wäre es gelungen. Doch das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 scheitert. Viele der Verschwörer um Graf Stauffenberg haben den Krieg zunächst unterstützt - jetzt sterben sie für ihre Ehre und ihr Gewissen.

"Wolfschanze", 15. Juli 1944: Zum dritten Mal innerhalb weniger Tage ist der junge Graf Stauffenberg (in heller Uniform) zum Vortrag bei Hitler. Zum dritten Mal hat er Sprengstoff in seiner Aktentasche dabei. Er zündet die Bombe nicht© SV-Bilderdienst

Jetzt muss es wirklich schnell gehen, er hat keine Zeit mehr. Wo ist sein Adjutant? Wo die Aktentasche? Er muss zu Hitler, eine halbe Stunde früher als geplant. Er wolle noch rasch sein Hemd wechseln, ruft er und verschwindet in einem Zimmer. Her mit der Aktentasche, darin die beiden Bomben aus Plastiksprengstoff. Er müsse es jetzt tun, hatte er einem Freund gesagt. "Für die Ehre." An diesem 20. Juli 1944 will Claus Schenk Graf von Stauffenberg Deutschland erlösen.

Es muss schnell gehen. Doch der Kriegsversehrte hat nur noch drei Finger seiner linken Hand, er kann nur noch mit dem rechten Auge sehen. Zunächst steht die Tür offen. Beim Vorbeigehen bemerkt ein Offizier, dass Stauffenberg hastig an einem Gegenstand hantiert. Doch niemand schöpft Verdacht. Schließlich war er in den vergangenen Tagen schon einmal hier in der "Wolfschanze", dem Führerhauptquartier in Ostpreußen.

"Generalstabsoffizier mit Fantasie und Verstand"

Jeder kennt den aufstrebenden Oberst. Hatte ihn nicht Hitler selbst als einen "Generalstabsoffizier mit Fantasie und Verstand" gelobt? Auch mit seiner schwarzen Stoffklappe über dem entfernten linken Auge sieht er immer noch verwegen gut aus, dieser hoch gewachsene Karriereoffizier, gerade 36 Jahre alt. Ein Muster an Charme und Tatkraft. Einer, dem man aber auch "dämonischen Machtwillen" zuschreibt. Heute Morgen wird Claus Schenk Graf von Stauffenberg die Welt erschüttern. Er wird Hitler töten.

Ist der chemische Zündmechanismus in Gang gesetzt, bleiben nur noch wenige Minuten. Er packt die Aktentasche, eilt hinaus auf den Flur. Als Claus Schenk Graf von Stauffenberg wenige Stunden später vor dem Erschießungskommando steht, der zweite von vier Männern in dieser Nacht, aufrecht, ein Muster an Haltung bis zuletzt, da ruft er etwas in die krachende Gewehrsalve. Es klingt wie: "Es lebe das heilige Deutschland."

Beinahe wäre es gelungen. Wären Millionen Menschen gerettet, der Krieg beendet worden. Doch auch dieses letzte Attentat auf Hitler scheiterte, der geplante Staatsstreich endete, bevor er begann. "Ich will, dass sie gehängt werden, aufgehängt wie Schlachtvieh", kreischte Hitler. Er ließ mindestens 110 Männer foltern, zum Tode verurteilen. Doch keiner brach zusammen, jeder stand zu seiner Tat. Ihre Abschiedsbriefe aus der Berliner Hinrichtungsanstalt Plötzensee sind ergreifend, voller Hoffnung und Liebe. Als sie halb nackt an Fleischerhaken gehängt wurden, lief eine Kamera. Die Filme sind verschollen.

Heute tragen in Deutschland eine Kaserne und 300 Straßen den Namen Stauffenberg. Sein Name fällt, wenn vom Widerstand gegen Hitler die Rede ist. Er liefert den Helden diverser TV-Dramen zum 60. Jahrestag in diesem Sommer. Dabei gehörte der Oberst gerade mal ein Jahr lang zum engeren Kreis der Verschwörer. Jahrelang hatte er Hitlers Vernichtungskrieg mitgeführt. Ist Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein Ehrenmann? Ein Patriot? Kann er den Deutschen ein Vorbild sein?

Tresckow - der eigentliche Kopf der Verschwörung

Er hatte sich spät entschlossen. Stieß erst im Sommer 1943 zu den Männern, die bereits seit Jahren Attentate und Umsturz geplant hatten. Entscheidend dabei war ein preußischer Offizier mit melancholischem Blick, an den sich heute kaum jemand erinnert: Henning von Tresckow, der eigentliche Kopf der Verschwörung. Mehrmals hatte er versucht, Hitler umzubringen. Hatte Bomben gebastelt, einen Selbstmordattentäter rekrutiert und mitten im Krieg aus dem Stab einer Heeresgruppe ein Widerstandsnest gemacht. Wie Stauffenberg wusste auch er von den Massenmorden. Er zählte die Toten. Sah die Welt brennen. Und trug mit Schuld daran.

Darf man dennoch stolz sein auf die Männer des 20. Juli? "Kein Land hat viele Tage dieses Ranges", mahnt der Historiker Joachim Fest und klagt zugleich: "Der 20. Juli ist immer ein Gedenktag zweiter Klasse geblieben." Seit 50 Jahren wird dieser Tag im tristen Hof des Berliner Bendlerblocks, dem Hauptquartier der Verschwörer, zelebriert, meist pflichtschuldig, mittlerweile mit militärischem Zeremoniell. Zu runden Jahrestagen spricht der Kanzler über Zivilcourage und den "Aufstand des Gewissens". Von der Öffentlichkeit wird dieser Tag kaum wahrgenommen. Dabei bündeln die Männer des 20. Juli wie in einem Brennglas die Vergangenheit der Deutschen, die Widersprüche, die Lebenslügen. Sie gelten als selbstlose Helden ebenso wie als Mitläufer, gar Verbrecher. Sie suchten die Verantwortung, opferten ihr Leben und waren doch auch schuldig. "Wir sind subalterne Erfüllungsgehilfen, und zwar im Dienst eines Kapitalverbrechers", sagte Henning von Tresckow.

Unter den Verschwörern fanden sich feige Feldmarschälle ebenso wie junge Offiziere, die das Wissen über die Massenverbrechen nicht verdrängen wollten. Einige Nazi-Verbrecher gehörten ebenso zum 20. Juli wie brave Christen, weit gereiste Diplomaten und bodenständige Gutsbesitzer. Die meisten folgten einem Wertekodex, der heute fremd erscheint: Ehre und Eid, soldatischer Gehorsam und nationale Größe, dazu ein ausgeprägtes Elitebewusstsein. Demokratie stand nicht auf ihrem Merkzettel. Einige, wie Graf Stauffenberg, wollten eine Art Militärherrschaft. Viele wollten die so genannte Judenfrage lösen - wenn auch friedlich. Und hatten nicht auch sie Hitler als Retter Deutschlands begrüßt? Wollten nicht auch sie die Niederlage des Ersten Weltkrieges rückgängig machen und Deutschland zu neuer Größe führen? So gleicht der 20. Juli 1944 einem Lehrstück deutscher Geschichte - einem Lehrstück über Schuld und Sühne.

Kanonenfutter für die Front

An diesem 20. Juli 1944 startet gegen acht Uhr morgens ein Flugzeug vom Berliner Flugplatz Rangsdorf. An Bord zwei Offiziere: Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, 36, und sein Adjutant Werner von Haeften, 35. Schon wieder muss der Oberst zum "Führer", sein vierter Besuch innerhalb weniger Tage. Es geht um Neuaufstellungen an der Ostfront. Natürlich weiß auch Stauffenberg, was alle wissen: Dieser Krieg ist verloren. Im Westen rücken die Alliierten vor, im Osten steht die Rote Armee an der Reichsgrenze. Als Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres ist Stauffenberg nicht unmittelbar an den Kampfhandlungen beteiligt. Aber er ist zuständig für die Bereitstellung so genannter Ersatzdivisionen. Er muss junge Männer heranschaffen, Kanonenfutter für die Front im Osten. Dort beträgt die durchschnittliche Überlebensdauer eines Rekruten zurzeit 9,6 Monate. Außerdem ist Stauffenberg einer der verantwortlichen Offiziere für die Operation "Walküre". Mit dieser "Geheimen Kommandosache" wollen die Nazis "innere Unruhen" oder gar Aufstände von Zwangsarbeitern im deutschen Reich niederschlagen. Das soll mit Hilfe des Ersatzheeres geschehen, mit all den Wehrpflichtigen, die noch nicht an der Front sind. An der Ausarbeitung von "Walküre" ist vor allem General Friedrich Olbricht beteiligt, der Chef des Allgemeinen Heeresamtes, ein zurückhaltender Mann mit Nickelbrille.

Doch genau diesen Plan "Walküre" haben Stauffenberg, General Olbricht und andere ranghohe Militärs in monatelanger Konspiration in eine Gebrauchsanleitung für einen Staatsstreich umgearbeitet. Eine geniale Idee: Unter dem Vorwand, eine "gewissenlose Clique frontfremder Parteiführer" habe den Führer ermordet, wollen die Verschwörer das Kommando über die Schaltstellen der Macht übernehmen. Die Kommandeure in den 21 Wehrkreisen, so ihr Kalkül, würden ja den "Walküre"-Befehlen gehorchen. Nur die wenigsten unter ihnen wüssten, dass diese Befehle manipuliert seien. So würde der Putsch quasi per Dienstweg verordnet. Doch der Tod Hitlers ist unbedingte Voraussetzung für den Erfolg der Operation "Walküre". Stauffenberg ist einer der wenigen Verschwörer, die Zugang zu Hitler haben. Vor allem aber ist er entschlossen genug, das Attentat auszuführen. Schon seit zwei Wochen schleppt er Sprengstoff in seiner Aktentasche mit sich herum.

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