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Die Landung

Fallschirmjäger springen hinter der Front ab. Bomber sollen die Bunker der Deutschen zerstören. Im Morgengrauen landet die erste Welle der Alliierten. Das Abwehrfeuer ist mörderisch. Die Generäle trauen sich nicht, Hitler zu wecken.

Selbst durch das Rauschen des Feldtelefons hörte Leutnant Raimund Steiner seine Soldaten im Kommandobunker beten, fluchen, röcheln. "Ein Lastensegler ist gelandet, Herr Leutnant", krächzte ein Unteroffizier. "Sie werfen Handgranaten und Phosphorbomben in die Bunkerschlitze und bringen uns alle um." Es war 0.26 Uhr am 6. Juni 1944. Steiner rief von seinem vorgeschobenen Beobachterposten General Wilhelm Richter an, den Divisionskommandeur. "Herr General, hier ist ein Flieger gelandet, sie stürmen unsere Stellungen!" "Typisch Österreicher", schrie der General zurück, "wegen einem abgestürzten Flugzeug gleich eine Invasion melden!"

Der General irrte. Was da kurz nach Mitternacht auf den Wiesen der Normandie schliddernd zum Stehen kam oder gespenstisch lautlos vom Himmel herabschwebte, war die Invasion. Der längste Tag hatte begonnen. Tausende von britischen und amerikanischen Fallschirmspringern, Hunderte von Lastenseglern aus Holz und Leinwand mit jeweils 30 Mann an Bord bildeten die erste Welle. Diese Eliteeinheiten hatten die Aufgabe, die Flanken zu sichern für das Gros der Invasionstruppen, das sich bei Morgengrauen vom Meer her auf die Strände zwischen Le Havre und Cherbourg stürzen sollte.

Das größte Landungsunternehmen aller Zeiten

Die Deutschen traf das größte Landungsunternehmen aller Zeiten ziemlich überraschend. Natürlich hatten Hitler und seine Wehrmacht seit Monaten die Invasion erwartet. Aber nicht an diesem 6. Juni. Da war das Wetter ihrer Ansicht nach viel zu schlecht, um mit Landungsbooten, die bei rauer See wie Korken auf dem Wasser hüpften, erfolgreich Soldaten und ihre schwere Ausrüstung an Land zu setzen. Außerdem herrschte an diesem Morgen keine Flut, und die Deutschen konnten sich nicht vorstellen, dass jemand so verrückt sein würde, die Soldaten bei Ebbe über ein paar hundert Meter breite Sandbänke ungeschützt auf heftigstes Abwehrfeuer zurennen zu lassen.

Doch General "Ike" Eisenhower, der alliierte Oberbefehlshaber, und sein wichtigster britischer Verbündeter, Feldmarschall "Monty" Montgomery, waren so verrückt. Eine überraschende Wetterbesserung, von den deutschen Meteorologen zu spät erkannt, bewog sie zum Befehl "Let's go!"

Und so musste nicht nur der blutjunge Leutnant Steiner in Merville miterleben, wie seine Leute noch im Halbschlaf massakriert wurden. Ein paar Kilometer weiter fielen zwei strategisch wichtige Brücken unzerstört in die Hände englischer Luftlandetruppen. Der Befehlshaber des deutschen Regiments, das die Brücken bewachte, hatte mit Kameraden im Nachbarort Ranville bei Wein, Weib und Gesang gefeiert. Als er Schüsse hörte, fuhr er im Mercedes zurück und genau ins Feuer des britischen Kommandos. Verwundet wurde er gefangen genommen und flehte, offensichtlich angetrunken, erschossen zu werden: Er habe seine Ehre als Offizier verloren und den Führer enttäuscht. Die Engländer erfüllten seinen Wunsch nicht.

Verwirrung durch Gummipuppen

Um die Verwirrung beim Gegner zu steigern, warfen die Angreifer Tausende von Gummipuppen ab. Sie gingen an Fallschirmen mitten im deutschen Abwehrfeuer nieder und spiegelten Attacken auch dort vor, wo gar keine Truppen gelandet waren. Doch auch bei den Alliierten lief nicht alles nach Plan. Nach den ersten Luftlandungen waren die deutschen Truppen alarmiert. Im Städtchen Saint Mère-Église etwa pendelten US-Fallschirmspringer hilflos auf den Kirchplatz und das deutsche Abwehrfeuer nieder. "Unter mir sah ich so etwas wie eine Wand aus Leuchtspurmunition", erinnert sich Len Griffing vom Fallschirmregiment 501, "ich sagte zu mir: Len, wenn du hier lebend rauskommst, dann kann dir in Zukunft niemand mehr irgendetwas antun, worüber du dir Sorgen machen müsstest."

Viele seiner Kameraden waren schon tot, bevor sie den Boden berührten. Sie verfingen sich in Telefonleitungen oder Telegrafenmasten und wurden erschossen, ohne überhaupt ihren Fallschirm abschnallen zu können. Der Gefreite John Steele blieb am gotischen Turm der Pfarrkirche hängen. Eine Kugel hatte ihn in den Fuß getroffen. Steele stellte sich tot. Er hing über eine Stunde mit seinem Fallschirm am Turm, direkt neben der dröhnenden Glocke. Als die Deutschen fürs Erste die US-Einheiten aus dem Ort vertrieben hatten (später am Tag wurde Saint Mère-Église von den Amerikanern endgültig eingenommen), barg ein deutscher Soldat den scheinbar Leblosen - der Landser suchte nach Schokolade und Zigaretten. Steele wurde gefangen genommen und war wegen des Glockenlärms wochenlang taub.

Trotz der Pannen erreichten die Alliierten im Großen und Ganzen ihr Ziel, mit den Luftlandungen die eigentliche Invasion vom Meer her zu ermöglichen. Als dann gegen 5.30 Uhr beim ersten Licht die Riesenflotte vor der Küste sichtbar wurde, die schweren Schiffsgeschütze aufbrüllten und Bomber Angriff auf Angriff flogen, gab es keinen Zweifel mehr für die Soldaten vor Ort, die mit entsetzten Augen die gegnerische Armada auf sich zukommen sahen. Weit ab vom Schuss in Deutschland jedoch beurteilt das Oberkommando der Wehrmacht die Situation anders.

Hitler schlief

Ein Ablenkungsmanöver, beschied Alfred Jodl, Generalstabschef der Wehrmacht, dem Stabsoffizier General Blumentritt in Paris, als der bat, die deutschen Panzerdivisionen in Frankreich Richtung Normandie loszuschicken. "Ich bin sicher, eine zweite Landung des Feindes wird östlich der Seine erfolgen." Seinen Führer wollte Jodl gar nicht erst wecken. Hitler, der oft lange aufblieb, war erst kurz zuvor mit Hilfe einer Schlaftablette eingeschlafen.

In den Monaten vor der Invasion war die deutsche Führung auf eine Landung bei Calais, dem engsten Abschnitt des Ärmelkanals, fixiert gewesen. Daher war der Atlantikwall an dieser Stelle am stärksten befestigt. Auch die meisten und am besten ausgebildeten Truppen standen dort. Die Alliierten hatten mit geschickten Täuschungsmanövern alles getan, diesen Glauben zu fördern. Ihre Agenten, von denen die Nazis fälschlich annahmen, sie würden für Hitler und Großdeutschland arbeiten, hatten außerdem "zuverlässige Informationen" nach Berlin übermittelt, in denen die Stärke des bereitstehenden Landungsheeres weit übertrieben war.

Hitler fiel darauf herein. Am 27. Mai hatte er dem japanischen Botschafter anvertraut: "Soviel ich weiß, hat der Feind bereits etwa 80 Divisionen auf den Britischen Inseln versammelt." In Wirklichkeit waren es nicht einmal 40. Er glaube zwar, so Hitler weiter, dass die Alliierten in der Normandie oder der Bretagne "Brückenköpfe" bilden wollten, jedoch nur als Ablenkmanöver. "Dann werden sie mit einer umfassenden zweiten Front über die Straße von Dover kommen."

Täuschung durch die Operation "Glimmer"

Getreu der Führer-Überzeugung hielt das Oberkommando der Wehrmacht seine wirksamste Waffe, die Panzerdivisionen, untätig in Reserve. Ein Verwirrspiel in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni hatte sie in dieser Haltung noch bestärkt. Als die wahre Landungsflotte in absoluter Funkstille Richtung Normandie auslief, täuschte Operation "Glimmer" eine zweite Invasion viel weiter nordöstlich, Richtung Calais, vor. Ein paar Dutzend Schnellboote zeichneten ein ausgeklügeltes Netz von Schiffsbewegungen aufs Wasser. Unterstützt wurden sie durch Flugzeuge, die Streifen aus Aluminiumfolie abwarfen. Das alles spiegelte sich auf den deutschen Radarschirmen als Großangriff wieder.

Noch als sich die erste Welle von insgesamt 170 000 alliierten Soldaten zum Aussteigen anschickte, mussten die deutschen Panzer mit laufenden Motoren bleiben, wo sie waren: weit weg vom Geschehen. Panzerkommandeur Oberst Hans von Luck: "Ich lief mit geballten Fäusten auf und ab wegen der Entschlusslosigkeit des Oberkommandos trotz der eindeutigen Lage. Wenn Rommel bei uns anstatt in Deutschland gewesen wäre, dann hätte er, davon waren wir überzeugt, alle Befehle missachtet und gehandelt."

Doch Generalfeldmarschall Rommel, Chef der Heeresgruppe B, der die Angreifer direkt am Strand stellen und schlagen wollte, war einen Tag zuvor zum Geburtstag seiner Frau ins schwäbische Herrlingen gefahren. Er traf erst am späten Abend des 6. Juni wieder in der Normandie ein. Da war der D-Day bereits gelaufen. Ohne ihn. Und General Rundstedt zögerte. Der Oberkommandierende für ganz Frankreich hatte sich nie mit einem Panzereinsatz in direkter Reichweite der feindlichen Schiffsartillerie anfreunden können, er wolle erst Klarheit über die Lage gewinnen, meldete er ans Oberkommando.

"Utah", "Omaha", "Gold", "Juno" und "Sword"

Die Alliierten hingegen besaßen einen sehr exakten Schlachtplan, die Operation "Overlord". Sie hatten die Invasionsküste in fünf Zonen aufgeteilt. Die westlichen Abschnitte "Utah" und "Omaha" sollten die Amerikaner nehmen, "Gold", "Juno" und "Sword" waren die drei Strände weiter östlich, an denen sich Briten und Kanadier festkrallen sollten. Bis zum Abend des ersten Tages war vorgesehen, die fünf Brückenköpfe zu einem einzigen freigekämpften Küstenstreifen zusammenzuschließen und die Stadt Caen, den wichtigsten Ort im Landungsgebiet, zu erobern.

Jedes Regiment erhielt ein eigenes Regelwerk für sein Vorgehen, dick wie ein Telefonbuch. Nachdem er seine Truppen instruiert hatte, versuchte der Oberst einer US-Landeeinheit vergebens, diese Gebrauchsanweisung in zwei Stücke zu reißen. Zornig warf er sie weg. "Vergesst das verdammte Ding. Ihr bringt euren Arsch auf den Strand. Und dort bin ich und sage euch, was ihr tun müsst. In diesem Plan steht nichts drin, was klappen kann."

Er sollte Recht behalten. Die Hälfte der Soldaten war wegen des Seegangs schon grün im Gesicht, bevor überhaupt die Rampen der Landungsboote niedergelassen wurden. Die Bunker des Atlantikwalls mit ihren schweren Geschützen und die Maschinengewehr-Nester der Deutschen hatten Bomben und Granaten weitaus besser überstanden als erwartet. Deshalb war das Abwehrfeuer, das auf die Landetruppen zukam, überraschend heftig.

Sprung ins Wasser mit rund 50 Kilo Gepäck

Viele der Angreifer ertranken, als sie ins Wasser sprangen. Ihre Ausrüstung war viel zu schwer. Der Gefreite George Roach etwa war mit rund 50 Kilo bepackt: Gewehr, Munition, Handgranaten, ein 20-Liter-Behälter mit Flammenwerferflüssigkeit, ein Sprengstoffzylinder und Werkzeug, um Stacheldrahtsperren zu durchschneiden. Zudem war sein Kampfanzug wie der aller GIs mit einer gasabweisenden Flüssigkeit getränkt, die ihn doppelt so schwer machte. Die meisten Soldaten der frühen Angriffswellen schafften es nur aufs feste Land, wenn sie die Ausrüstung möglichst schnell wegwarfen.

Noch gründlicher schief ging die Landung der Panzer, die man mit einer aufblasbaren Segeltuchhülle angeblich schwimmfähig gemacht hatte. Doch wenn die Leinenschürze riss oder eine Welle über sie schwappte, versank das 30-Tonnen-Gefährt in Sekundenschnelle. Von den 32 Amphibien-Tanks, die vor Omaha von Landebooten aus zu Wasser gelassen wurden, erreichten nur fünf das Ufer. D-Day-Historiker David Howarth: "Alle fuhren mit stoischem Mut in ihr Verderben. Die Führer des zweiten, dritten und vierten Panzers auf jedem Boot konnten den ersten untergehen sehen, aber der Befehl war gegeben, und einer nach dem anderen fuhr die Rampe hinunter, jeder vielleicht in der Hoffnung, mehr Glück zu haben als der vor ihm."

Die größten Verluste gab es bei der Landung am Omaha Beach. Die deutschen Stellungen in den Dünen und Klippen hinter dem schmalen Sandstrand waren nicht, wie Eisenhower erwartet hatte, mit häufig zwangsrekrutierten und wenig zuverlässigen "Ost"-Bataillonen aus Russen, Ukrainern oder Polen besetzt, auch nicht mit Genesungskompanien von Leichtverwundeten oder Magenkranken, wie es an anderen Abschnitten der Normandie durchaus der Fall war.

Hier hatten sich kampferprobte Einheiten der 352. Division unter General Kraiss eingegraben. Sie empfingen die Angreifer mit mörderischem Feuer.

Eine Ewigkeit bis zum rettenden Strand

Vom Sprung aus dem Landungsboot bis zum rettenden Steilhang an der Küste, der im toten Winkel des deutschen Feuers lag, dauerte es für die GIs eine Ewigkeit. "Ich habe den Film 'Der längste Tag' gesehen", erinnert sich der ehemalige Feldwebel John Robert Slaughter, "da kommen sie zum Angriff aus den Booten raus und sausen wie Verrückte über den Strand. So war es nicht. Du kamst aus dem Gefährt raus, sprangst ins Wasser, und wenn du dich nicht sofort flach gelegt hast, wurdest du erschossen." Es dauerte eine Stunde, bis seine Soldaten an den Strand gerobbt waren. "Manche waren sehr tapfere Männer, manche waren in Kürze tote Männer, aber alle, die überlebten, waren von da an Männer, die wussten, was Angst ist."

Die deutschen Soldaten auf der Gegenseite fürchteten sich nicht weniger. Sie feuerten mit ihren Maschinengewehren auf die an Land strömenden Menschenmassen, bis die Läufe glühten. Doch wenn sie aufs Meer schauten, wo ein Schiff nach dem anderen seine Ladung heranbrachte, wussten sie, dass sie auf verlorenem Posten standen. Obwohl Omar Bradley, der kommandierende US-General im Abschnitt Omaha, wegen der hohen Verluste zwischendurch einen Abbruch der Landung in seinem Sektor erwogen hatte, gelang es den Amerikanern schließlich am frühen Nachmittag, den Steilhang zu erklettern. Die deutschen Verteidiger, soweit sie noch lebten, zogen sich in die Ortschaften hinter der Küste zurück. Die Amerikaner verloren 4000 Mann, mehr als auf den anderen vier Invasionsstränden zusammen.

In Berchtesgaden hatte Hitler zur selben Zeit endlich ausgeschlafen. Seine Reaktion war erstaunlich. "Der Führer ist außerordentlich aufgekratzt", notierte Propagandaminister Goebbels in sein Tagebuch. "Die Invasion findet genau an der Stelle statt, an der wir sie erwartet hatten. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht damit fertig würden." In Wahrheit glaubte Hitler noch immer an ein Täuschungsmanöver. Er gab nur zögernd die drei Panzerdivisionen westlich der Seine zum Gegenangriff frei. Die übrigen blieben vorerst, wo sie waren.

Jagd auf die deutschen Soldaten

Inzwischen hatten sich die Alliierten an allen fünf Stränden festgesetzt. Die meisten Bunker des Atlantikwalls waren geknackt, die deutsche Infanterie kämpfte ohne Unterstützung aus der Luft gegen die ständig wachsende Übermacht. Im Frühjahr hatte Reichsmarschall Hermann Göring, Chef der Luftwaffe, noch großspurig 1000 Jagdflugzeuge für den Fall der Invasion versprochen. Doch der graue Himmel über den Landsern blieb am 6. Juni fast frei von deutschen Fliegern. Dafür machten alliierte Flugzeuge fast ungestört mit Bomben und Bordwaffen Jagd auf die deutschen Soldaten. Die tauften Göring mit großer Bitterkeit in "Tengelmann" um: "An jedem Ort eine Niederlage".

Um 16 Uhr durfte Generalfeldmarschall Rundstedt, inzwischen von der Echtheit der Invasion überzeugt, endlich auch die vier Panzerdivisionen östlich der Seine in Marsch setzen. Rundstedt: "Das bedeutete, dass ein Gegenangriff nicht vor dem Morgen des 7. Juni bewerkstelligt werden konnte." Wie sehr eine sofortige Attacke mit den überlegenen deutschen "Panther-" und "Tiger"-Panzern die alliierte Landung zumindest heftig erschwert hätte, zeigte der isolierte Angriff der 21. Panzerdivision, der den Invasionsstränden am nächsten gelegenen Einheit. Sie besetzte die brennende Stadt Caen und trieb einen Keil zwischen die beiden britischen Landeköpfe "Juno" und "Sword". Caen, das Montgomery am Abend des D-Days eingenommen haben wollte, blieb noch vier Wochen in deutscher Hand.

Teilerfolge wie dieser konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es zwölf Stunden nach der ersten Landung, um mit Goebbels zu sprechen, für die Wehrmacht mit dem Teufel zuging: Sie wurde mit dem Feind auf breiter Front nicht fertig. Schritt für Schritt wurde sie zurückgedrängt. Leutnant Raimund Steiner, der in Merville einen Tag lang die Landetruppen mit Sperrfeuer überschüttet hatte, brachte am Nachmittag einige verängstigte Infanteristen in eine alte Festung. "Als wir dort waren, feuerte die Schiffsartillerie wie wahnsinnig. Ständig fauchte es über uns hinweg. Überall gab es Einschläge. Zwei Soldaten erschossen sich aus purer Hoffnungslosigkeit. Ich hatte Todesangst, aber ich musste etwas tun, damit sich nicht noch mehr umbringen. In einer Ecke stand ein altes Klavier, und ich fing an zu spielen, gegen den Lärm und die Angst."

Befehle aus dem Wolkenkuckucksheim am Obersalzberg

Die Panzerdivisionen, auf die Rundstedt alle Hoffnungen setzte, kamen kaum voran. General Fritz Bayerlein, einer ihrer Kommandeure: "Riesige Staubwolken wirbelten hinter den Fahrzeugen zum Himmel empor. Und bald hingen Bomber über den Straßen, zerschlugen Kreuzungen, Dörfer und Städte, die im Vormarschbereich lagen, und stürzten sich auf die Fahrzeugschlangen." Hitler in seinem Wolkenkuckucksheim am Obersalzberg befahl gegen 17 Uhr dem langsam resignierenden Rundstedt, dass "der feindliche Strandkopf bis zum Abend beseitigt sein muss".

Als um 22.07 Uhr am längsten Tag die Sonne unterging, kontrollieren die Alliierten vier Brückenköpfe ("Juno" und "Sword" waren bereits zu einem verschmolzen) mit insgesamt 130 Quadratkilometern. Zu der Zeit kehrte Rommel nach einer zwölfstündigen Autofahrt erschöpft in sein Hauptquartier, Schloss LaRoche-Guyon, zurück. Ein General mittleren Rangs versicherte im Rundfunk den Volksgenossen in der Heimat: "Bis jetzt war der Feind an keiner Stelle in der Lage, unseren Festungswall zu durchbrechen. Seine Aktionen verliefen genau nach Plan - unserem Plan."

Als es längst Nacht war an den blutigen Stränden der Normandie, wandte sich US-Präsident Franklin D. Roosevelt über Radio an Gott und die Amerikaner: "Allmächtiger Gott: Unsere Söhne, der Stolz unserer Nation, haben am heutigen Tag ein gewaltiges Werk begonnen. Sie kämpfen nicht aus Eroberungssucht. Sie kämpfen, um Eroberung zu beenden. Sie kämpfen, um zu befreien." Und in ihrem Versteck in Amsterdam vertraute das 14-jährige jüdische Mädchen Anne Frank seinem Tagebuch an: "Das Beste an der Invasion ist, dass ich das Gefühl habe, Freunde sind auf dem Weg zu uns. Wir sind von den schrecklichen Deutschen so lange unterdrückt worden, sie haben ihre Messer so sehr an unsere Kehlen gesetzt, dass der Gedanke an Freunde und Befreiung uns jetzt mit Zuversicht erfüllt. Vielleicht kann ich ja im September oder Oktober wieder zur Schule gehen!"

Teja Fiedler/print

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