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28. November 2003, 10:12 Uhr

"Todesurteil für Europas Juden"

Als Hitlers Statthalter in Prag regiert er mit "Zuckerbrot und Peitsche". Sogar "Führer" will Reinhard Heydrich werden. Tschechische Attentäter beenden die Karriere der "blonden Bestie" - doch der Völkermord "geht immer weiter".

Amtsantritt in Prag 1941: Reinhard Heydrich (M.) und sein Staatsminister Karl-Hermann Frank (l.) grüßen die Hakenkreuzfahnen über dem Hradschin© CTK

Nur zu ganz besonderen Anlässen werden in Prag die Kleinodien der böhmischen Könige hervorgeholt. Der 19. November 1941 bot so einen Anlass: die symbolhafte Unterwerfung der Tschechen unter die deutsche Gewaltherrschaft. In der Wenzelskapelle, gleich neben der Goldenen Pforte des Doms St. Veit, übergab der tschechische Staatspräsident Emil Hacha dem amtierenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich die sieben Schlüssel zur Krönungskammer. Drei erhielt Hacha zurück, wie Heydrich betonte, "als Symbole der Treue Böhmens und Mährens zum Reiche". Dann standen die Männer vor dem Allerheiligsten der Tschechen, der Wenzelskrone. Sie war versehen mit einem juwelengeschmückten Kreuz, besetzt mit einem Stachel, angeblich von Christi Dornenkrone, und belegt mit einem Fluch: Wer diese Krone unbefugt aufsetzt, wird binnen Jahresfrist eines gewaltsamen Todes sterben und danach sein ältester Sohn.

Was sollte ihn schrecken?

Der alte Aberglaube reizte den Draufgänger und Machtmenschen Heydrich. Was sollte ihn schrecken? Ihn, den gefürchteten Befehlshaber über die Häscher der Geheimen Staatspolizei, die Agenten des Sicherheitsdienstes und die Mordkommandos der Sicherheitspolizei. Ihn, der mehr Gewalt in seinen Händen vereinte als alle Würdenträger des Nazi-Imperiums außer seinem "Führer" Adolf Hitler und SS-Chef Heinrich Himmler. Ihn, den Herrn über Leben und Tod von "Reichsfeinden" und Juden. Der 38-Jährige setzte sich kurz entschlossen die Krone auf, zum Entsetzen der Tschechen.

An jenem 19. November fühlte sich Heydrich stärker denn je. Beinahe kindlich hatte er sich gefreut, als Hitler ihn am 24. September im ostpreußischen Hauptquartier "Wolfsschanze" zum Nachfolger des auf "Krankheitsurlaub" geschickten Statthalters Konstantin von Neurath ernannt hatte. Der Diplomat war dem "Führer" zu lasch gegenüber den Tschechen. "Ich bin es geworden", frohlockte Heydrich, wieder in Berlin, vor seinem Vertrauten Walter Schellenberg und ließ Sekt auffahren. Der Posten brachte ihm endlich den ersehnten direkten Zugang zum Führer, von dem im Dritten Reich alle Macht ausging. "In Hitler-Deutschland war keine Maßnahme von irgendwelcher Bedeutung denkbar", bestätigte dessen Leibarchitekt Albert Speer später, "ohne dass Hitler von ihr gewusst, ja ohne dass er sie ausdrücklich befohlen hätte."

Bisher waren Heydrichs Ideen und Vorschläge meist über den "Reichsführer SS" Himmler oder Reichsmarschall Hermann Göring an Hitler gegangen und auf gleichem Weg zurück dessen Wünsche an ihn. Heydrichs Aufstieg vom kleinen NS-Nachrichtensammler 1931 zum Leiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), der Zentrale des Terrors im SS-Staat, war stets im Schatten Himmlers erfolgt. Nun ergriff Heydrich die Chance, mit ihm gleichzuziehen. Ohnehin glaubte jeder, der verklemmte Germanen-Fan Himmler werde vom smarten Machiavellisten Heydrich manipuliert: "HHHH - Himmlers Hirn heißt Heydrich", ulkten Wagemutige.

"Bluthund" und "des Deutschen Reiches Müllkipper"

Als "stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren" in Prag, aber zugleich weiterhin Chef des RSHA knüpfte Heydrich seine Drähte zu den Großen des Reiches an Himmler vorbei: Er berichtete laufend an Hitlers Büroleiter Martin Bormann, der den Zugang zum "Führer" kontrollierte und der ihn für den Prager Posten vorgeschlagen hatte. Heydrich beeindruckte sogar Hitlers fanatischsten Gefolgsmann Joseph Goebbels: "Er ist überhaupt ein kluger politischer Kopf." Genau solche Anerkennung strebte Heydrich an: Er wollte seinen üblen Ruf als "des Deutschen Reiches Müllkipper" und "Bluthund" hinter sich lassen, vom Staatsverbrecher zum Staatsmann aufsteigen. Prag bot sich für seine neue Methode "Zuckerbrot und Peitsche" an. Tschechien lebte, während anderswo der Krieg tobte, fast wie im Frieden: Männer - vom Wehrdienst freigestellt - waren zum Abendbrot zu Hause, die Städte blieben von Bombenangriffen verschont, der Widerstand gegen die Besatzer lief lahm. Trotzdem ließ Heydrich reinhauen, damit niemand das Reich "für schwach hält": Kaum hatte er am 27. September den Hradschin, seinen neuen Amtssitz, betreten, ließ er den tschechischen Ministerpräsidenten Alois Elias verhaften. Sofort verhängte er den Ausnahmezustand, unter dem bis zum 29. November 400 Tschechen erschossen wurden. Mehr als 4000 verschwanden in den Gestapo-Kellern. Bald begann auch die Deportation der Prager Juden.

Zugleich erhöhte Heydrich propagandawirksam Lebensmittelrationen und jagte Schwarzhändler. Indem er den Arbeitern "ihr Fressen" gab, hoffte er auf Ruhe in der kriegswichtigen Rüstungsindustrie Böhmens. Bei aller Berufung auf die "Wenzelstradition", die angebliche Wendung der Tschechen "gegen den Osten", machte Heydrich intern aus seiner Meinung kein Hehl, "dass der Tscheche in diesem Raum letzten Endes nichts mehr verloren hat". Das "nicht eindeutschbare Element", etwa die Hälfte der Bevölkerung, könne später am Eismeer, "wo wir ja die Konzentrationslager der Russen übernehmen", sein Dasein fristen. Jeder Deutsche im Protektorat müsse wissen, "dass der Tscheche Slawe ist".

Siegesgläubiger Fanatiker

Vor Protektoratsbeamten zeigte sich Heydrich Ende November als siegesgläubiger Fanatiker, der an einer Karte die Kriegsziele erläuterte. Skandinavier, Flamen, Holländer gehörten zu den "Germanen"; Nahost und Afrika würde man mit den Italienern teilen; die Russen verjagen, ihr Land mit deutschen "Wehrbauern" besiedeln. "Der Ural wird unsere Ostgrenze. Dort werden unsere Rekruten künftig ihr Jahr abdienen und als Grenzwachen im Kleinkampf geschult." Wer nicht "rückhaltlos" mitkämpfe, dröhnte Hitlers Statthalter, könne gehen. "Ich werde ihm nichts tun." Niemand stand auf.

Seinen Doppelposten in Prag und Berlin bewältigte Heydrich mit bewährtem Elan. Zwei-, dreimal die Woche pendelte er mit seinem Stab in einer Ju-52. Er nutzte alle Hilfsmittel wie ein moderner Manager: Funk, Diktafon, Kuriere, Lufthansa-Eilfracht, Diplomatenpost. Stets auf Wahrung seiner Geheimnisse bedacht, die ihn so mächtig machten, verschickte er Botschaften mit Geheimtinte geschrieben, auf Mikrofilm oder chiffriert. Oft beschäftigte er mehrere Sekretärinnen zugleich, denn er ging gern ins Detail - Haftbefehle, Gnadengesuche, Beschaffungen.

Nach wie vor witterte er überall Feinde. Ein typischer Befehl: "Ich bitte einmal um Feststellung, was der sog. Historiker Panitzer v. Patzan (o.ä.) für ein Kerl ist. Er soll ein ziemlich schräger Vogel sein, der noch dazu reichlich tschechisch wäre?" Rastlos sammelte er Informationen. Nicht nur wurden Gespräche in seinem Büro in der Prinz-Albrecht-Straße heimlich aufgezeichnet, Heydrich wies sogar SD-Führer Schellenberg an, in der Berliner Giesebrechtstraße 11 ein Edelbordell mit modernster Abhörtechnik einzurichten. Im "Salon Kitty" belauschte der Sicherheitsdienst (SD) Bettgeflüster von Nazi-Bonzen und Diplomaten - ohne großen Erkenntnisgewinn. Einmal wurde Heydrich, den sein Stab als "Don Juan in sexuellen Ausschweifungen" kannte, versehentlich im eigenen Puff abgehört.

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