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Die Geschichte hinter der Geschichte

In seinem neusten Buch deckt stern-Mitarbeiter Oliver Schröm die Hintergründe über die Folgen des Münchner Olympia-Attentates auf.

Der Film hatte schon vorab für große Diskussionen gesorgt. Ab heute ist "München", der Polit-Thriller von Steven Spielberg, auch in den deutschen Kinos zu sehen. In dem neusten Film des Hollywood-Regisseurs geht es um das Attentat der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972 und die Folgen: Unter dem Codenamen "Die Rache Gottes" jagte und ermordete der Mossad die Hintermänner des Attentates. Eine der spektakulärsten Mordaktionen bei diesem Rachefeldzug des israelischen Geheimdienstes war der Anschlag auf den Operationschef des Schwarzen September, Ali Hassan Salameh. Er war der Kronprinz von Jassir Arafat, weshalb er innerhalb des Mossad nur "der rote Prinz" hieß.

In dem Spielberg-Streifen wird allerdings ein für Deutschland wichtige Geschichte ausgespart: Die Mossad-Attentäterin des "roten Prinzen" hatte geschickt Spuren nach Deutschland gelegt, um die Palästinenser davon zu überzeugen, dass die Bundesregierung in den Anschlag verwickelt war. Der Schwarzen September fiel auf die Scharade des Mossad herein, verdächtigte BND und BKA an dem Mord beteiligt gewesen zu sein und schickte Killerkommandos nach Deutschland. Mehr als einmal gelang es Undercover-Agenten in letzter Minute Anschläge der Palästinenserkommandos zu verhindern.

In der Folgezeit versuchte die Bundesregierung in Geheimverhandlungen die PLO und den Schwarzen September von der Unschuld des BKA und BND zu überzeugen - mit wenig Erfolg: Mossad und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gelang es immer wieder einen Keil in die Beziehungen der Westdeutschen mit den Palästinensern zu treiben.

Von diesem Thriller handelt unter anderem das neuste Buch von Oliver Schröm, dem Terrorismus- und Geheimdienstexperten des stern. Es heißt: "Gefährliche Mission - Die Geschichte des erfolgreichsten deutschen Terrorfahnders" (Scherz Verlag, € 19.90). Als erstem Journalisten ist es Schröm gelungen, ganz nah an den "deutschen.007" heranzukommen. Der 50jährige BKA-Fahnder gilt als einer der erfolgreichsten Terrorjäger Europas, unter anderem hatte er den Top-Terroristen Carlos und dessen deutschen Adlatus Johannes Weinrich aufgespürt.

stern.de veröffentlicht einen Auszug aus dem Doku-Thriller von Schröm, in dem das Attentat auf Ali Hassan Salameh, dem "roten Prinzen" beschrieben wird und wie der Mossad dafür sorgte, dass die deutschen Behörden in Verdacht gerieten, bei diesem Mord die Finger im Spiel zu haben.

"Die Rache des Gottes"

Der rote Prinz

Ganz oben auf der Abschussliste des Mossad stand Ali Hassan Salameh, der Chefstratege des Schwarzen September und federführend verantwortlich für das Massaker bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir erteilte gleich im Anschluss an das Attentat dem Mossad grünes Licht für den Einsatz von Hit-Teams, wie im Geheimdienstjargons im Ausland operierende Hinrichtungskommandos genannt werden. Die Ministerpräsidentin war angesichts der toten Sportler zu der Überzeugung gelangt, dass Gewalt nur mit Gegengewalt wirksam zu begegnen ist. Die Operation bekam den Codenamen "Die Rache Gottes". Alle Beteiligten sowie die Drahtzieher des Attentates sollten zur Verantwortung gezogen werden, indem sie dafür mit ihrem Leben bezahlen.

Ali Hassan Salameh Akte beim Mossad trug den Codenamen "Roter Prinz". Das "Rot" bezog sich auf das viele Blut, das an seinen Händen klebte und "Prinz", weil er der Kronprinz von Arafat war, der Salameh als seinen möglichen Nachfolger ins Gespräch gebracht hatte.

Salameh war kein gewöhnlicher Terrorist.

Durch seine Herkunft war er ein Symbol des seit Jahrzehnte dauernden Befreiungskampfes der Palästinenser. Bereits sein Vater, Scheich Hassan Salameh, war ein berüchtigter Freiheitskämpfer und überfiel mit seinen palästinensischen Banden jüdische Siedlungen. Doch es gab bald eine jüdische Untergrundarmee, die sich zu wehren wusste. Im Juni 1948 gelang es ihr, eine Bombe im Haus des Scheichs zu verstecken. Sie explodierte, als sich der Scheich mit Kampfgefährten zur Lagebesprechung traf. Er war sofort tot und wurde posthum zum Volksheld der Palästinenser, zum Symbol für ihren Hass gegen Israel.

Nach dem verlorenen Sechstagekrieg 1967 wurde Arafat auf den Sohn des berühmten Salameh aufmerksam, der damals an der Amerikanischen Universität in Beirut studierte und dort als Frauenheld aber auch als politischer Studentenführer Aufmerksamkeit erregte.

Damals gab es zehn sich streitende und rivalisierende palästinensische Guerilla-Gruppen, die Arafat alle unter dem Dach der PLO vereinen wollte. Arafat selbst hatte als Gründer und Chef der Al Fatah die größte Guerilla-Gruppe hinter sich. Allerdings drohte der Einfluss der Al Fatah vor allem unter den jungen Palästinenser zu schwinden. Radikalere Gruppen wie die Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) stellten Arafats Al Fatah in den Schatten. Die PFLP war nicht nur marxistisch, sondern bei ihren Aktionen auch weit radikaler als die PLO. Ihre spektakulären Flugzeugentführungen und Gewalttaten sorgten weltweit für Schlagzeilen, die wie ein Magnet auf junge Palästinenser wirkten. Sie betrachteten die Terroristen der PFLP als ihre neuen Helden. Arafat geriet in Zugzwang. Als kluger politischer Stratege wusste Arafat, dass er dem eine eigene Terrorgruppe entgegenstellen musste, um somit seinen Einfluss in der PLO zu sichern. Es entstand der Schwarze September.

Handwerkszeug des Terroristen

Planungschef wurde Abdul Hassan Salameh, den Arafat zur Ausbildung nach Ägypten geschickt hatte. Dort lernte Abu Hassan, wie sein Kampfname nun lautete, das Handwerkzeug des Terroristen. Salameh stellte binnen kurzer Zeit für die Israelis eine ebenso große Gefahr dar wie sein Vater fünfundzwanzig Jahre zuvor. Allerdings gelangte Salameh und die Strategen des Schwarzen September schnell zu der Überzeugung, dass es werbewirksamer war, einen Juden in Europa umzubringen, als Hunderte von ihnen in Israel zu töten. Salamehs Haupteinsatzgebiet wurde Europa, und er hatte bei der Planung und Durchführung seiner Anschläge völlig freie Hand. Es durfte nur kein Zusammenhang zur PLO und Arafat hergestellt werden können, da sich Arafat um die internationale Anerkennung der PLO mühte. Wenn Arafat auf mögliche Verbindungen zum Schwarzen September angesprochen wurde, war seine Antwort: "Wir wissen nichts über diese Organisation, und wir sind nicht an ihr beteiligt, aber wir können die Einstellung dieser jungen Leute verstehen, die bereits sind, für die Existenz Palästinas zu sterben."

In schneller Reihenfolge kam es zu Bombenanschlägen und Attentate in Europa, auch in Deutschland. Salameh hatte dort leichtes Spiel. In Europa konnten die Abwehrkommandos des Mossad nicht so ungehindert agieren wie in der Westbank. Selten wagte es eine westeuropäische Regierung, einen Gefangenen aus den Reihen des Schwarzen September über längere Zeit festzuhalten. Ausnahmslos wurden diese Männer freigelassen, entweder weil niemand einen Vergeltungsschlag riskieren wollte, oder aufgrund einer Erpressungsaktion des Schwarzen September.

Terror bei Olympia

Am 5. September 1972 stürmte ein Kommando des Schwarzen September ins olympische Dorf in München. Schwer bewaffnet und maskiert drangen sie in das Haus der israelischen Sportler und nahmen sie als Geiseln. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit begann ein Drama, an dessen Ende elf israelische Sportler und ein Amerikaner starben.

Ermächtigt durch den Beschluss von Golda Meir schlug der israelische Geheimdienst umgehend zurück. Zuerst ermordete ein Killerkommando des Mossad den Leiter des Schwarzen September, Mohammed Yussuf Najjar. Er lag gerade nackt in den Armen seiner Frau, die ebenfalls erschossen wurde. In der gleichen Nacht bombardierten israelische Hubschrauber noch das Hauptquartier der PFLP und zwei Waffenlager der Al Fatah am Rande von Beirut. Am nächsten Tag zog Golda Meir in der Knesset, dem israelischen Parlament, Bilanz: "Es war wunderbar, wir haben die Mörder getötet, die schon neue Attentate planten."

Danach ging es Zug um Zug. Mitglieder des Schwarzen September waren nirgendwo mehr sicher. Der Mossad stöberte sie auch in Paris und Rom auf und liquidierte sie. Der Rachefeldzug der Israelis blieb jedoch nicht folgenlos. Der Schwarze September schlug brutal zurück, ermordeten nun israelische Geschäftsleute auf Zypern. Der Mossad ließ sich davon nicht abschrecken, schlug kurz hintereinander ebenfalls in Zypern zu wie auch in Beirut. Die Spirale von Terror und Gegenterror schraubte sich immer schneller nach oben.

Die Israelis konnten einen Namen nach dem anderen auf ihrer Todesliste abhaken. Innerhalb eines Jahres hatten ihre Killerkommandos zwölf Palästinenser erledigt, entweder mit Schüssen aus einer Beretta Kaliber 22 mit Schalldämpfer, der Standardwaffe des Mossad, oder einer Autobombe. Nur die Nummer eins auf der Todesliste entkam ihnen immer wieder: Ali Hassan Salameh, der "Rote Prinz".

Ihn zu töten

, das Symbol des palästinensischen Terrorismus schlechthin, wurde für die Verantwortlichen im Mossad zur Besessenheit. Sie wurden unvorsichtig. Als ihre Agenten herausfanden, dass Salameh sich nach Zwischenstationen in Deutschland und Frankreich nach Norwegen abgesetzt hatte, schickten sie ein Hit-Team aus dem zweiten Glied nach Lillehammer. Es erwischte den Falschen. Die Killer des Mossad erschossen einen marokkanischer Kellner, den sie irrtümlich für Salameh hielten.

Aber aus der Sicht der Mossad-Oberen war noch viel schlimmer, dass ihr Hit-Team erwischt wurde. Gleich sechs Agenten des Mossad wurden wegen Mordes von der norwegischen Polizei verhaftet. Die Israelis und ihr Geheimdienst standen weltweit am Pranger. Dies war am 21. Juli 1973, ein schwarzer Tag in der Geschichte des Legenden umwobenen Mossad. Überall in Westeuropa erhoben sich Stimmen gegen den "israelischen Terrorismus". Reihenweise wurden Israels Diplomaten in den europäischen Hauptstädten einbestellt. Bonn machte da keine Ausnahme. Die Israelis mussten sich verpflichten, auf dem bundesrepublikanischen Boden keine eigenmächtigen Aktionen durchzuführen.

Internationale Anerkennung der PLO

Währenddessen änderte PLO-Chef Jassir Arafat seine Strategie im Kampf um einen palästinensischen Staat. Er buhlte nun vehement um eine internationale Anerkennung der PLO und fand zumindest in den Ländern der Dritten Welt dafür Unterstützer. Aber um auch im Westen erfolgreich zu sein, musste er weg vom Image des Terror-Paten. Schließlich wusste jeder, dass der Schwarze September nicht so unabhängig war, wie ihn Arafat immer darstellte. Also verschwand der Schwarze September erst einmal von der Bildfläche. Nicht jedoch Ali Hassan Salameh, für den Arafat neue Aufgaben hatte. Er machte ihn zum Sicherheitsexperten der PLO und zum Chef des Geheimdienstes der Befreiungsorganisation.

Der "Rote Prinz" schaffte den Rollenwechsel vom Terroristen zum PLO-Funktionär spielend. Als hätte er nie etwas anderes gemacht, bewegte er sich nun gekonnt auf dem politischen Parkett. Als Arafat am 13. November 1974 seine erste Rede vor der UNO hielt, war auch sein Ziehsohn in New York und schüttelte abends beim Empfang der PLO die Hände unzähliger Diplomaten aus aller Welt. Zuhause in Beirut machte der "Rote Prinz" mit seinem Privatleben Schlagzeilen. Als Zweitfrau hatte er sich die frühere Miss Universum genommen, was ihm die Aufmerksamkeit des Boulevards sicherte. Arafat störte das nicht. Er sprach nun öffentlich davon, dass Salameh einmal seine Nachfolge antreten wird.

Für den Mossad war dies ein Grund mehr, den "Roten Prinzen" endlich zu beseitigen. Obwohl Golda Meir im Dezember 1978 verstorben war, fühlte sich der israelische Geheimdienst an ihren Todesbefehl gebunden. Die "Rache Gottes" sollte endlich auch Salameh treffen. Ein weiblicher Racheengel wurde auf den "Roten Prinzen" angesetzt. Dem israelischen Geheimdienst war nicht verborgen geblieben, dass Salameh trotz seiner Ehe mit der früheren Miss Universum, die ihm mittlerweile den lang ersehnten Sohn geschenkt hatte, amourösen Abenteuern nicht abgeneigt war.

Der Racheengel des Mossad hieß Erika Chambers,

war britische Staatsbürgerin, kam aus wohlhabendem Elternhaus und war bereits vor Jahren im Alter von 25 Jahren vom israelischen Geheimdienst rekrutiert worden. Die junge Frau war "Spottern", den Talentsuchern des Mossad, aufgefallen, weil sie auf der einen Seite unscheinbar genug war, um nicht aufzufallen, was in diesem Gewerbe eine Voraussetzung ist. Andererseits konnte Chambers aber auch eine burschikose und zügellose Art an den Tag legen und sich etwa für Motorsport begeistern, so dass man davon ausging, dass sich auch Männer wie "Rote Prinz" für sie interessieren könnten.

Erika Chambers reiste jedenfalls nach ihrer langen Ausbildung und Vorbereitung regelmäßig nach Beirut, spendete dort für Waisenhäuser, traf Vertreter vom Roten Halbmond und zeigte großes Verständnis für die palästinensische Sache. Sie nannte sich Penelope und sagte, sie käme aus Deutschland. Nach mehreren Besuchen in Beirut bewegte sie sich wie selbstverständlich in Kreisen der PLO. Und nach einer Weile passierte das unvermeintliche, sie begegnet dort dem "Roten Prinzen".

Attentat auf den "Roten Prinzen"

Der mittlerweile 37-jährige Salameh, berüchtigt für seine vielen Affären, hatte gleich in mehreren Beiruter Hotels Dauerreservierungen. Mit Erika Chambers traf er sich im "Coral Beach", einem Vier-Sterne-Hotel in Beirut. Salameh wusste, dass der Mossad ihm nach dem Leben trachtete und umgab sich mit Leibwächtern, die auch das Zimmer im "Coral Beach" sicherten, während sich der Schürzenjäger nichts ahnend mit seiner Mörderin vergnügte.

Erika Chambers bekam keine Gelegenheit, den "Roten Prinzen" zu ermorden. Sie musste sich etwas anderes einfallen lassen. Im Spätherbst 1978 mietete sich Chambers eine Wohnung in der Beiruter Innenstadt in der Labanstraße, unweit der Rue Madame Curie. Den Mietvertrag ließ sie auf die Kinderhilfsorganisation A.S.E.D. ausstellen. Das Appartement befand sich im achten Stock, direkt gegenüber dem Haus von Salameh. Von ihrem Fenster aus konnte Chambers in Ruhe beobachten, wann Salameh das Haus verließ. Wochen lang spähte sie ihren Geliebten aus und kannte bald seine Gewohnheiten, wusste, zu welchen Zeiten er das Haus verließ, welches Auto er benutzte und wer seine Leibwächter waren.

Am 22. Januar 1979 war es so weit.

An diesem Tag sollte Salameh endlich sterben. Zur Unterstützung von Erika Chambers waren zwei weitere Mossad-Agenten angereist, einer von ihnen war Sprengstoffexperte. Er präparierte einen schwarzen Golf mit Sprengstoff. Den Wagen parkten sie vor Salamehs Haus. Um 15 Uhr 35 kam Salameh aus dem Haus und bestieg mit seinen Leibwächtern seinen amerikanischen Straßenkreuzer. Erika Chambers beobachtete alles von ihrer Wohnung aus. Als der Straßenkreuzer den schwarzen Golf passierte, betätigte sie die Fernzündung.

Die Detonation der Autobombe erschütterte die Straße. Menschenleiber und Autoteile flogen durch die Luft. Überall war Blut und Rauch. Der "Rote Prinz" und seine Leibwächter starben. Vier Passanten ebenfalls, achtzehn wurden verletzt. Erika Chambers und ihre Helfer konnten in dem Chaos problemlos entkommen.

Der Geheimdienst der PLO fand schnell heraus,

dass die Autobombe, die ihren Chef getötet hatte, per Fernmechanismus gezündet worden war. Sie durchsuchten auch die gegenüber liegenden Wohnungen und stießen auf verräterische Utensilien in einem Appartement, dessen Mieterin ihnen bestens bekannt war: Erika Chambers, eine der Gespielinnen ihres toten Chefs.

Im fernen Bonn protestierte daraufhin der Palästinenser Abdalla Frangi bei der Bundesregierung. Frangi war Mitglied des Bonner Büros der Arabischen Liga und besaß einen algerischen Diplomatenpass. In Wirklichkeit war er jedoch nichts anderes als der inoffizielle Vertreter der PLO in der Bundesrepublik, die wie alle westlichen Regierungen mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation keine diplomatischen Beziehungen unterhielt. Frangi beschuldigte das BKA und die bundesdeutschen Geheimdienste, etwas mit dem Anschlag auf Salameh zu tun zu haben.

Spur nach Deutschland

Der Verdacht war aus der Sicht der PLO nicht einmal so ganz abwegig. Geschickt hatte Erika Chambers eine Spur nach Deutschland gelegt. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit hatte sie in Kreisen der PLO in Beirut ihre Visitenkarten verteilt mit Wohn- und Postfachadressen in Köln und Wiesbaden. In Köln residiert das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und in Wiesbaden das BKA. In der Wahrnehmung der PLO steckten damit die bundesdeutschen Behörden hinter dem Anschlag oder hatten zumindest die Finger im Spiel.

In Bonner Regierungskreisen hingegen herrschte schnell Einigkeit darüber, dass nur der Mossad diese falsche Spur nach Deutschland gelegt haben konnte. Nach Gründen dieser Scharade musste man nicht lange suchen. Schließlich waren es deutsche Politiker gewesen, die in den letzten Monaten zum Missmut der Israelis die PLO und Arafat hofiert hatten. Im Juli 1978 hatte sich der SPD-Vorsitzende Altkanzler Willy Brandt und der österreichische Regierungschef Bruno Kreisky in Wien mit Arafat getroffen. Es war um das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat gegangen.

Das Treffen hatte weltweit Beachtung gefunden.

Erstmals hatte sich ein westlicher Regierungschef mit Arafat in dessen Eigenschaft als PLO-Chef getroffen. Für Arafat war dies einer sein ganz großen Siege auf internationalem Parkett gewesen. Seit Jahren hatte er versuchte, westliche Staaten dazu zu bewegen, die PLO als Vertreter des palästinensischen Volkes anzuerkennen. Nun war ihm dies de jure gelungen. Für die PLO war das Wiener Treffen ein Meilenstein.

Nur Monate später, Ende 1978, hatte Arafat über den libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi mit dem deutschen Innenminister Gerhart Baum eine Art Waffenstillstand ausgehandelt. Die palästinensische Befreiungsorganisation hatte in den vergangenen Jahren in der Bundesrepublik etliche Anschläge verübt. PLO-Chef Arafat hatte nun Baum wissen lassen, dass seine Organisation künftig auf deutschen Boden nicht mehr operieren werde und auch keine Aktionen mehr gegen deutsche Botschaften im Ausland oder gegen Lufthansa-Maschinen unternehmen werde. Zudem hatten Arafat und Gaddafi dem deutschen Innenminister einhellig versichert, dass deutsche Terroristen von ihnen keine Hilfe erwarten können.

Die Geheimverhandlungen des deutschen Innenministers

mit Arafat waren den Israelis nicht verborgen geblieben. Sie mussten etwas dagegen tun. Sie fürchteten wohl, dass sich daraus noch mehr entwickelte. Eine Anerkennung der PLO durch Bundesrepublik könnte international ein Dammbruch bedeuten.

Also galt es für den Mossad, nicht nur Arafats Ziehsohn endlich aus dem Weg zu räumen, sondern den Mord auch noch den Deutschen in die Schuhe zu schieben und somit Vergeltungsanschläge der PLO zu provozieren. Danach würde sich wohl kein bundesdeutscher Politiker mehr mit Arafat an einen Tisch setzen.

Dem israelischen Geheimdienst war so ein Vorgehen durchaus zuzutrauen. Anders als die Nachrichtendienste der Bundesrepublik unterlag der Mossad keiner parlamentarischen Kontrolle. Offiziell gab es den Mossad gar nicht, der in Langschrift "Institut für Nachrichten und Spezialoperationen" heißt. Der Name des Mossad-Chefs war ein Staatsgeheimnis, die Finanzen des Dienstes tauchten in keinem Haushalt auf und selbst der Regierungschef erfuhr oft erst im Nachhinein von Aktion seines Geheimdienstes. Der Mossad war ein Staat im Staat, der sich selbstherrlich über Recht und Ordnung hinwegsetzte und nicht selten seine eigene Außenpolitik betrieb.

Die Deutschen saßen in der Zwickmühle.

Sie hatten nichts gegen die Israelis in der Hand und konnten deshalb nicht protestieren. Andererseits konnten sie die Sache nicht auf sich beruhen lassen, weil sie sonst Vergeltungsanschläge der PLO fürchten mussten. BKA-Präsident Horst Herold entschloss sich zu einem außergewöhnlichen Schritt. Er schickte Günther Scheicher, Leiter der Abteilung Terrorismus, nach Beirut, um der PLO bei den Ermittlungen in dem Mordanschlag die Hilfe des BKA anzubieten.

Scheicher traf am 21. März 1979 in Beirut ein und versuchte die PLO davon zu überzeugen, dass deutsche Behörden nicht beim Mordanschlag auf den "Roten Prinzen" beteiligt waren. Gleichzeitig ließ BKA-Präsident Herold bei der Kölner Staatsanwaltschaft unter dem Aktenzeichen 121 Js 32/79 ein Ermittlungsverfahren gegen Erika Chambers einleiten, wegen "Verdachts der Beteiligung an einem Sprengstoffverbrechen". Die Beamten gingen wohl nicht davon aus, dass sich Chambers in der Bundesrepublik aufhielt. Allerdings liefen ihnen die Augen über, als sie feststellten, mit welchen Aufwand Chambers an ihrer "deutschen Legende" gestrickt hatte. Bereits 1975, vier Jahr bevor sie den "Roten Prinz" liquidierte, war sie in die Bundesrepublik gekommen und hatte zunächst in Wiesbaden in unmittelbarer Nähe zum BKA gewohnt, dann in Köln, in der Nähe des BfV. Ihre Kölner Wohnung kündigte sie erst nach der erfolgreichen Ausführung ihres Mordauftrages und verschwand spurlos. Demnach war es kein Wunder, dass die Palästinenser zunächst glaubten, die Deutschen hätten etwas mit dem Attentat auf den "Roten Prinzen" zu tun.

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