Israels Stämme wandern ins heutige Palästina ein. Von Moses übernehmen sie den Glauben an den einen Gott, Jahwe, und an ihre bevorzugte Stellung in der Welt. Meist kämpfen sie gegen fremde Herrschaft - bis zur Vernichtung ihres Reichs.

Babylonische Gefangenschaft: Die Soldaten Nebukadnezars erobern Jerusalem und verschleppen die Juden nach Mesopotamien© AKG
Die Festung galt als uneinnehmbar. Mit einer riesigen Erdrampe hatten die Römer sie jedoch zum Sturm vorbereitet und mit einem gigantischen Rammbock eine Bresche in die Mauer geschlagen. Die Juden errichteten sofort aus Baumstämmen und Lehm einen provisorischen Wall, der dem Rammbock widerstand. Die Römer legten darauf ein Feuer, das sich in die neue Befestigung hineinfraß. Für den nächsten Morgen rüsteten ihre Legionen zum letzten Angriff auf Masada. Das Ende war nah.
Es würde nicht nur schrecklich werden, das wusste Eleazar, der Befehlshaber der jüdischen Verteidiger. Es bedeutete auch das Ende des Traums von einem großen, freien Israel: dem Land, das Jahwe, der Herr, seinem auserwählten Volk verheißen hatte. Nur dafür hatten Eleazar und seine Schar noch drei Jahre nach der Zerstörung Jerusalems der römischen Weltmacht Widerstand geleistet. Was halfen jetzt noch die wohlgefüllten Vorratskammern, die unterirdischen Zisternen, die in den Fels geschlagenen Ställe fürs Vieh? Auf Masadas Uneinnehmbarkeit und Gottes Hilfe hatten die Kämpfer vertraut, als sie sich mit Frau und Kind in dem Bollwerk am Toten Meer verschanzten. Die römische Kriegskunst aber hatte sich als überlegen erwiesen. Der Herr war stumm geblieben.
Eleazar versammelte seine Unterführer im Palast der Festung: "Längst schon hat Gott, wie es scheint, über das ganze Judenvolk verhängt, dass wir sterben müssen, weil er sich von uns abgewandt hat." Doch nicht der Todfeind, die Römer, dürfe dieses Urteil vollstrecken. "Ohne dass sie geschändet werden, sollen unsere Frauen sterben, ohne das Los der Knechtschaft gekostet zu haben, unsere Kinder. Und nach ihrem Ende wollen wir selbst einander den Liebesdienst des Todes erweisen, wobei uns die Bewahrung der Freiheit das schönste Denkmal sein wird."
Durch Los wurden zehn Mann als Exekutoren bestimmt. "Dann legte sich jeder an der Seite seiner Frau und seiner Kinder nieder, umfing sie mit den Armen und erwartete bereitwillig den Todesstreich", schrieb Flavius Josephus, römischer Geschichtsschreiber jüdischer Herkunft, dem wir die Schilderung des Falls von Masada im Jahr 73 nach Christus verdanken. Anschließend tötete einer der zehn seine neun Genossen. "Der letzte warf noch einen Blick auf die Menge der Gefallenen, ob in dem allgemeinen Blutbad nicht noch einer übrig geblieben wäre, und als er sah, dass tatsächlich alle tot waren, steckte er den Palast an zahlreichen Stellen in Brand, nahm seine ganze Kraft zusammen, um sich selbst zu durchbohren, und sank neben den Seinen zu Boden."
Seither ist Masada das Symbol für das Beharren der Juden auf einem unabhängigen Staat in Palästina. Israelische Rekruten geloben bis heute bei ihrer Vereidigung: "Masada darf nie wieder fallen." Nie wieder soll das dem Volk Israel von Gott in Urzeiten verheißene Land, "in dem Milch und Honig fließen", in fremde Hände geraten, wie es in der über tausendjährigen Geschichte des jüdischen Staates so oft geschehen ist.
Die Anfänge der Geschichte des Heiligen Landes verlieren sich im Halbdunkel. Fest steht nur: Anders als im Alten Testament geschildert, war es nicht ein Volk Israel, das etwa um 1250 vor Christus auf Gottes Geheiß unter der Führung des Moses aus Ägypten nach Norden zog. Vielmehr siedelten sich hebräische Stämme - ursprünglich Nomaden aus dem südlichen Mesopotamien - in mindestens vier Wellen in dem Gebiet an, das grob das heutige Israel, das Westjordanland, einen Teil Jordaniens und die südlichen Ränder Libanons und Syriens umfasste.
Nur eine dieser Völkerschaften scheint die Schar des Moses gewesen zu sein. Ein paar Jahrhunderte zuvor hatte es sie wahrscheinlich auf der Suche nach Weideplätzen ins Nil-Delta verschlagen. Ihren abenteuerlichen Auszug aus Ägypten durch das mit Gottes Hilfe geteilte Rote Meer hat die Bibel so plastisch erzählt. In Wahrheit haben die Ägypter und der Pharao den Zug dieser Moses-Schar nach Osten wohl bei weitem nicht als so dramatisch empfunden wie im Alten Testament dargestellt. Es gibt nicht einen einzigen Hieroglyphentext, der ihn auch nur erwähnt. Die herausragende Bedeutung dieses versprengten Haufens hatte einen ganz anderen Grund: Er brachte den Glauben an einen einzigen Gott, an Jahwe, nach Palästina.
Mit dem Ein-Gott-Glauben wurden auch die Überlieferungen und Legenden von Moses und seinen Anhängern Allgemeingut. So entstand allmählich die "offizielle" Tradition aller Juden. Im Laufe von Jahrhunderten wurde sie in der Thora, der Schriftenrolle der Juden, festgehalten. Diese Sammlung höchst unterschiedlicher Texte aus fast einem Jahrtausend ist Mahnung und Erbauung für das auserwählte Volk: von Jahwe immer dann belohnt, wenn es ihm gehorcht, und immer dann bestraft, wenn es seinem Willen zuwiderhandelt.
Als historische Quelle sind die alttestamentarischen Erzählungen nur bedingt zu gebrauchen. Als Rechtfertigungsschrift umso besser. Weil es im Buch der Väter stand, war es für die Juden der Antike gottgegeben, dass Israel das von Jahwe auserwählte Volk sei. Gottgegeben auch, dass sich die Grenzen Israels von dem "großen Strom Ägyptens bis an den großen Strom Euphrat" erstrecken sollten.
Selbst ethnische Säuberungen waren danach ein göttliches Prinzip. Denn der Herr sprach zu Moses: "Wenn ihr aber die Bewohner des Landes nicht vor euch her vertreibt, so werden euch die, die ihr übrig lasst, zu Dornen in euren Augen werden und zu Stacheln in euren Seiten und werden euch bedrängen in dem Land, in dem ihr wohnt." Damit argumentieren ein paar fanatische Gläubige noch heute.
Die israelitischen Einwanderer vor mehr als 3000 Jahren lebten die Buchstaben des Gesetzes nicht ganz so genau. Mit dem bunten Völkergemisch im Land Kanaan arrangierten sie sich in friedlicher Koexistenz. Nicht immer konfliktfrei, wie die Kriegsberichte der Bibel zeigen. Doch oft in einvernehmlichem Neben- und Miteinander. Das beweisen indirekt etwa die laut Altem Testament vielen "ausländischen Frauen, moabitische, ammonitische, edomitische, sidonische und hethitische", mit denen König Salomo zusammenlebte. Oder der unglückliche General Urias im Dienste Davids - kein Israelit, sondern ein Hethiter.
Diesem Ausländer lohnte der König seine treuen Dienste schlecht. Als der General an der Front gegen die Ammoniter kämpfte, sah David eines Abends "vom Dach seines Königshauses aus eine Frau sich waschen, und die Frau war von sehr schöner Gestalt", so die biblische Chronik. Sie war die Frau des Urias. Der König ließ nach ihr schicken, "und als sie zu ihm kam, wohnte er ihr bei". Dem Liebesglück stand nur der arme Urias im Wege. David wusste Rat: Er schickte einen Brief an die Front, in dem er den Oberbefehlshaber des israelitischen Heeres aufforderte, General Urias dorthin zu stellen, "wo der Kampf am härtesten ist, und zieht euch hinter ihm zurück, dass er erschlagen werde und sterbe". So geschah es.
Die Witwe trauerte um ihren Gatten. "Sobald sie aber ausgetrauert hatte, sandte David hin und ließ sie in sein Haus holen, und sie wurde seine Frau und gebar ihm einen Sohn. Aber dem Herrn missfiel die Tat, die David getan hatte." Trotzdem war laut Altem Testament Jahwe meist auf Davids Seite. So schenkte ihm der Herr den Sieg im Zweikampf mit dem Riesen Goliath vom Volk der Philister. Der Kampf war eigentlich von grotesker Ungleichheit.