Vor dem Antisemitismus in Europa fliehen Juden nach Palästina. Für sie ist die Einwanderung biblisches Recht, für die Araber eine Invasion. Die britische Mandatsmacht verschlimmert mit ihrem Zickzackkurs die Lage.
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Galiläa, 1904: Jüdische Siedler beschützen eine Kolonie vor arabischen Attacken© AKG
Nichts erschreckte sie, nichts hielt sie auf, weder die Ödheit des Landes noch die Wildheit der Araber, auch nicht die Unkenntnis der örtlichen Sprache und Gebräuche", schrieb ein jüdischer Siedler im Licht einer Karbidlampe 1885 über seine Schicksalsgenossen nach Hause. "Niemand aus der Ferne kann ermessen, was es heißt, tagelang ohne einen Tropfen Wasser zu sein, monatelang in engen Zelten zu liegen und von Reptilien aller Art heimgesucht zu werden. Genauso wenig, wie er verstehen kann, was unsere Frauen, Kinder, Mütter durchmachen, wenn uns die Araber angreifen." Das war es also, das Gelobte Land. Kein "Land ohne Volk für ein Volk ohne Land", wie die Propaganda zu Hause weismachen wollte.
Trotzdem waren einige tausend meist russische Juden Ende des 19. Jahrhunderts hierher aufgebrochen. In jüngster Zeit hatte ihre Gemeinschaft im Zarenreich wieder einmal heftige Verfolgungen erdulden müssen. Über zwei Millionen wählten zwar die USA als ihr Gelobtes Land. Doch die kleine Minderheit, die ins von den Osmanen beherrschte Palästina auswanderte, war überzeugt, dass es "für das Volk Israel keine Rettung gibt, außer es errichtet seine eigene Regierung im Lande Israels".
Ein paar Jahre kümmerte ihr visionäres Unternehmen auf dem dürren Boden Palästinas vor sich hin. Bis Theodor Herzl kam und mit ihm der politische Zionismus. Herzl, ein Wiener Journalist, der die Oper liebte und mäßig erfolgreiche Theaterstücke verfasst hatte, veröffentlichte 1896 die Denkschrift "Der Judenstaat - Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage".
Seit der Emigration aus Judäa nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 nach Christus lebten die jüdischen Gemeinden Europas über ein Jahrtausend lang in einem äußerst labilen Gleichgewicht mit ihrer Umwelt. Von den Christen wurden die "Schuldigen am Kreuzestod Jesu" in eine Sonderrolle gedrängt. Juden durften im Mittelalter meist keinen Grundbesitz erwerben, kein Handwerk ausüben und mussten in eigenen Vierteln, den Ghettos, wohnen. Gleichzeitig aber brauchte man sie als Händler und Geldverleiher. Als Sündenböcke waren sie bestens geeignet: Das Zusammenleben mit ihren christlichen Nachbarn wurde immer wieder von Massakern und Vertreibung unterbrochen.
Ende des 19. Jahrhunderts erhielt der Antisemitismus neuen Auftrieb. Pogrome in Russland, Ausschreitungen in Frankreich, ein populärer antisemitischer Oberbürgermeister in Herzls Heimatstadt Wien. Demagogische Schlagworte wie "jüdische Zinsknechtschaft" gingen um. "Saujud" wurde zum Schimpfwort. Wir haben überall ehrlich versucht, in der uns umgebenden Volksgemeinschaft unterzugehen und nur den Glauben unserer Väter zu bewahren. Man lässt es nicht zu. Vergebens sind wir treue und an manchen Orten sogar überschwängliche Patrioten, vergebens bringen wir die- selben Opfer an Gut und Blut wie unsere Mitbürger", stellte Herzl in seiner Schrift fest. Es gebe nur einen Ausweg: ein selbstständiger Judenstaat. Ein Staat, der außerdem den Charakter eines unterdrückten und verstreuten Volks von Grund auf ändern sollte. So werde "ein Geschlecht wunderbarer Juden aus der Erde wachsen. Die Makkabäer werden wieder aufstehen". (Die Makkabäer hatten Israel einst von der Fremdherrschaft befreit.)
Herzl hatte zwei mögliche Territorien im Auge, Argentinien oder Palästina: "Argentinien ist eines der natürlich reichsten Länder der Erde, von riesigem Flächeninhalt, mit einer schwachen Bevölkerung und gemäßigtem Klima." Die Alternative allerdings inspirierte Herzl mehr: "Palästina ist unsere unvergessliche historische Heimat ... Wenn Seine Majestät der Sultan uns Palästina gäbe, könnten wir uns dafür anheischig machen, die Finanzen der Türkei gänzlich zu regeln. Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen."
Ein Jahr später legte der Erste Zionistische Weltkongress in Basel Palästina als die alte und neue Heimstätte des jüdischen Volkes fest. Dabei wollte der liberale Journalist Herzl damals weder einen religiös noch einen militärisch geprägten Staat: "Wir werden unsere Geistlichen in ihren Tempeln festzuhalten wissen, wie wir unser Berufsheer in den Kasernen festhalten werden. In den Staat haben sie nichts dreinzureden, denn sie werden äußere und innere Schwierigkeiten heraufbeschwören."
Doch der Sultan sagte zu einem jüdischen Vorposten gegen die Barbarei kategorisch nein. Die Einwanderung zionistischer Aktivisten aus Europa konnte er dennoch nicht unterbinden. Und die einheimische Bevölkerung fühlte sich bedroht, je zahlreicher die Siedler ins Land kamen. Denn das war nicht die Art von Juden, mit denen die Araber seit Jahrhunderten zusammenlebten.
Mit diesen "alten Juden" war man im Großen und Ganzen klargekommen. Schließlich waren es Muslime gewesen, die nach der Eroberung von Jerusalem 638 nach Christus das über 500 Jahre gültige römische Verbot für Juden aufgehoben hatten, die Stadt Jerusalem zu betreten. Sie repektierten den jüdischen Glauben, wenn auch nur gegen Bezahlung einer deftigen Religionssteuer.
Die Zahl der Juden im Heiligen Land war stetig zurückgegangen. 1881, kurz vor Erscheinen von Herzls Schrift, zählte man 450 000 Araber, aber nur 24 000 Juden, vor allem Handwerker und kleine Geschäftsleute. Die muslimische Mehrheit behandelte sie mit - so der Historiker Elie Kedourie - "verächtlicher Tolerenz". Die "neuen Juden" dagegen fürchteten sie. Denn die kamen aus dem sittenlosen Europa, wollten sich das Land aneignen und den angestammten Bewohnern ihre Heimat und ihre traditionelle Lebensweise wegnehmen.
Theodor Herzl sah das nicht so. Zwischen Arabern und Juden könne Friede herrschen, die jüdische Immigration bringe auch für die Araber wirtschaftlichen Segen - Schulen, Straßen, Krankenhäuser. Die Einwanderer wollten keinesfalls die Muslime vertreiben, schrieb der Theoretiker des Judenstaates an den Jerusalemer Islam-Gelehrten Yusuf Diya al-Khalidi. Der hatte zuvor in einem Brief gefleht: "Lieber Gott, die Welt ist groß genug, es gibt noch immer unbewohnte Länder, wo man Millionen von Juden ansiedeln könnte. Im Namen des Allmächtigen, lasst Palästina in Frieden!"