Juden fliehen zu Tausenden nach Palästina. Dort versucht die britische Mandatsmacht das labile Gleichgewicht zu erhalten. Die Zionisten kämpfen für einen eigenen Staat mit List und Terror. Die Araber rüsten zum Krieg.

David Ben Gurion (M) verliest am 13. Mai 1948, dem Vorabend der Unabhängigkeitsproklamation des Staates Israel, im Stadtmuseum von Tel Aviv die "Unabhängigkeits-Deklaration". Die Wand hinter ihm ziert ein Porträt von Theodor Herzl© Picture-Alliance/dpa
Sie konnten im Mondlicht die Küste des Gelobten Landes bereits ahnen. Doch da setzten die englischen Zerstörer, die das Schiff schon während der gesamten Überfahrt verfolgt hatten, zum Rammstoß an. Die "Exodus" war brechend voll mit verzweifelten Menschen. 4554 Männer, Frauen und Kinder an Bord des umgebauten amerikanischen Musikdampfers, die dem Horror der Nazi-Konzentrationslager entronnen waren, sahen schreckerfüllt zu, wie die Enterbrücke der "Childers" die Flanke der "Exodus" aufriss und britische Soldaten das Oberdeck enterten.
Ein erbitterter Kampf begann. Mit Enterhaken und Brecheisen versuchten die Briten, sich des Decks zu bemächtigen. Die jüdischen Passagiere warfen ein paar von ihnen über Bord. Die Soldaten besprühten die Planken mit Heizöl und verwandelten sie in eine Rutschbahn. Tränengas-Granaten wurden abgeschossen, dumpf detonierende Feuerwerkskörper in das riesige Leck auf der Backbordseite geschleudert. Im Gegenzug ließen die Menschen von der "Exodus" auf die beiden Kriegsschiffe an ihrer Seite einen Hagel von Eisenstangen und Konservendosen niederprasseln.
"Die Leute, die das Schiff enterten, wurden mit Flaschen und Knüppeln angegriffen", erinnert sich heute einer der britischen Soldaten. "Sie mussten alle den Unterleibsschutz der Kricketspieler tragen, weil die Frauen auf dem Flüchtlingsschiff den Soldaten zwischen die Beine zu treten pflegten." Ein 15-jähriger Junge zertrümmerte einen Scheinwerfer mit einem Fahnenstock. Schüsse fielen, zerschmetterten den Kopf des Jungen. Zwi Jakubowicz, Vollwaise, war der erste von drei Toten des Kampfes. "Ich habe die russischen Pogrome, die polnischen Pogrome und die Nazi-Mörder überlebt", rief ein alter Mann ins Getümmel, "mit Gottes Hilfe werde ich auch die Briten überleben." Die Flüchtlinge hatten ein paar der Soldaten überwältigt und in die Kabinen eingesperrt. Für einen Augenblick überlegte der Kapitän der "Exodus", sie an Deck zu holen "und sie an Seilen seitlich an das Schiff zu hängen. Dann würden sich die Zerstörer ferngehalten haben, um ihre eigenen Leute nicht zu zerquetschen."
Doch schließlich behielten die britischen Soldaten die Oberhand. Mit letzter Kraft erreichte die "Exodus" den Hafen von Haifa. Die zu Tode erschöpften Passagiere durften den Boden Palästinas betreten, wie sie es ersehnt hatten. Wenn auch nur für ein paar Stunden. Die Briten desinfizierten sie mit DDT und luden sie sofort auf drei Truppentransporter um. Im ersten Morgenlicht des 19. Juli 1947 legten die Schiffe ab. Eine mehrwöchige Irrfahrt zurück nach Europa begann. Sie endete erst am 8. September im damals britisch besetzten Hamburg. "Schwimmendes Auschwitz" nannte die französische Zeitung "LHumanite" diese Rückführaktion.
Das Drama um die "Exodus" war der Höhepunkt des Kampfes der Londoner Regierung gegen die illegale Einwanderung von Juden in das britische Mandatsgebiet Palästina. Es empörte die ganze Welt. Hatten die Opfer des Holocaust, dessen schreckliche Ausmaße der Welt nach dem Ende von Nazi-Deutschland so richtig klar wurden, denn kein Recht auf eine Heimat? Auf ein Leben in Frieden und Sicherheit? Hatten jüdische Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg nicht sogar an der Seite der Alliierten gekämpft? Und jetzt dies. Eine Schande.
Ganz so einfach lagen die Dinge nicht. In Palästina standen sich nach Kriegsende die Araber und die Juden noch immer so unversöhnlich gegenüber wie zu Beginn der zionistischen Einwanderung um 1900. Der große arabische Aufstand von 1936 bis 1939 war für die Briten eine deutliche Warnung gewesen, dass die Palästinenser sich durch die wachsende Zahl von Juden bedroht fühlten und einem zionistischen Staat auf ihrem Boden unter keinen Umständen zustimmen wollten. Als dann der Krieg mit Hitler drohte, konnten die Engländer es sich nicht mit der arabischen Welt verderben. Sie brauchten das Öl des Nahen Ostens und Sicherheit für den Seeweg durch den Suezkanal.
Im berühmt-berüchtigten Weißbuch von 1939 hatten sie daher die Einwanderer-Quote für Palästina auf 75 000 innerhalb der kommenden zehn Jahre begrenzt. Die Zionisten hatten erbitterten Widerstand angekündigt. Doch David Ben Gurion wusste, dass Hitler, die größte Bedrohung für das jüdische Volk, nur von Großbritannien und dessen Verbündeten besiegt werden konnte. Jüdische Verbände kämpften mit den Briten an der Front gegen die Faschisten. In Palästina beschränkte sich die zionistische Führung darauf, möglichst viele Juden illegal ins Land zu schleusen. Nach dem Krieg und dem Ende der Nazi-Gefahr würde man weitersehen.
Soweit wir heute wissen, sah die konservative britische Regierung im pro-arabischen Weißbuch tatsächlich eher eine taktische Maßnahme. 1941 hielt Winston Churchill in einer geheimen Kabinettsnotiz fest: "Ich darf jetzt schon sagen, für den Fall, dass England und die USA den Krieg gewinnen, wird die Schaffung eines großen jüdischen Staates in Palästina mit Millionen von jüdischen Einwohnern zu den Hauptpunkten einer Friedenskonferenz gehören." In den Vereinigten Staaten hatte die Idee von einem Groß-Israel durch inzwischen fünf Millionen amerikanische Juden ohnehin starken Rückhalt.
Anders als die gemäßigten Zionisten wollten radikale Gruppen jedoch nicht darauf warten, bis die englischen Besatzer ihre Einstellung zugunsten der Juden vielleicht ändern würden. Die militanten Organisationen Irgun und Lehi waren schon immer für ein Israel in biblischen Dimensionen eingetreten. Es sollte ganz Palästina umfassen, außerdem Transjordanien sowie die südlichen Teile Syriens und des Libanons. Ihr Ideal war der "kämpfende Jude", eine "neue Menschengattung, geboren aus Blut und Feuer und Tränen, der Welt seit über 1800 Jahren völlig unbekannt", wie Menachem Begin schrieb, Führer der Irgun ab 1943 und später Ministerpräsident sowie Friedensnobelpreisträger. Und sie hatten stets die Meinung vertreten, dass dieser Staat nur mit Waffengewalt gegen die Araber erobert und behauptet werden könne.
Die Extremisten schlugen los. Im November 1944 erschoss ein Lehi-Kommando Lord Moyne, den britischen Nahost-Minister, in Kairo auf offener Straße. Einer der Drahtzieher des Attentats hieß Yitzhak Shamir. Auch er sollte es später zum israelischen Ministerpräsidenten bringen. Moyne war ein enger Freund Churchills. Der Premier war entsetzt. "Wenn es so ist, dass unsere Träume für den Zionismus im Pulverdampf enden und eine neue Ausgabe von Gangstern, Nazi-Deutschlands würdig, hervorbringen, dann werden viele so wie ich ihre Position überdenken müssen."
Churchill sorgte persönlich dafür, dass die drei Attentäter Anfang 1945 in Kairo gehängt wurden. Um es sich mit den Briten nicht ganz zu verderben, eröffnete die Hagana, die Untergrundmiliz der Zionisten um Ben Gurion, eine Offensive gegen "diese jungen Fanatiker, die das Leiden ihres Volks zu dem verrückten Glauben gebracht hat, Zerstörung könne Heilung bringen". Sie zerschlug deren Zellen, nahm ihnen die Waffen ab, verprügelte sie und übergab "die fehlgeleiteten Terroristen" gelegentlich sogar der britischen Polizei.
Mit der Kapitulation Japans am 15. August 1945 war der Zweite Weltkrieg beendet. Nun hätte Großbritannien geopolitisch keine Rücksicht mehr auf die Araber nehmen müssen.