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9. Juni 2004, 21:02 Uhr

"Geboren aus Träumen von der Erlösung"

Die Juden bauen im Gelobten Land ihren Staat auf, krempeln in den Kibbuzim die Ärmel hoch und feiern den ersten Sieg ihres Fußball-Nationalteams. Und vergessen bei all dem Jubel die Palästinenser - bis zum Sechs-Tage-Krieg.

Ein Volk unter Waffen: Soldatinnen in der Armee, für das Ausland damals eine Sensation, bei einer Übung 1966© dpa

Ich weinte, meine Hände zitterten", schreibt Golda Meir, die spätere Ministerpräsidentin, über ihre Gefühle bei der Unabhängigkeitserklärung. "Wir hatten es geschafft. Ein jüdischer Staat existierte, und ich, Golda Mabovitch Myerson, ich durfte diesen Tag erleben. Das lange Exil war vorbei. Von diesem Tag an waren wir eine Nation wie andere Nationen und zum ersten Mal seit 20 Jahrhunderten die Meister unseres Schicksals. Der Traum war wahr geworden - zu spät für diejenigen, die im Holocaust umgekommen waren, aber nicht zu spät für künftige Generationen."

Israel, "geboren nicht aus Träumen über eine Lösung, sondern aus Träumen über die Erlösung", so der Schriftsteller Amos Oz, beginnt sein Leben als bitterarmer, zutiefst bedrohter und dennoch vor Optimismus strotzender Staat. Nachdem sie den Krieg gewonnen und ihre 6000 Toten beweint haben, machen sich die ersten Israelis mit unglaublicher Energie daran, das ihnen zumeist völlig unbekannte Land im Nahen Osten in ein Zuhause zu verwandeln. Alles passiert in den "heroischen Jahren" zum ersten Mal. Und alles erscheint ihnen wunderbar: die ersten israelischen Briefmarken, die Veröffentlichung der ersten hebräischen Enzyklopädie, die Gründung des Weizmann-Instituts für Wissenschaft, die Einführung der Einkommensteuer, der erste israelische Wecker - er wird dem ersten Staatspräsidenten Chaim Weizmann geschenkt -, der erste Sieg einer israelischen Fußballmannschaft - 3:1 gegen Zypern -, der erste Bus der nationalen Gesellschaft Egged, die erste Lotterie, die erste Waschmaschine. Sie freuen sich sogar über den ersten bewaffneten Raubüberfall, der am 20. September 1948 in einem Cafe in Tel Aviv stattfindet, wo die Missetäter satte 35 Lira erbeuten, und auch über das erste Bordell in Jaffa, das, kaum geöffnet, prompt geschlossen wird. Denn selbst das gilt als Beweis für die so sehr angestrebte "Normalität".

Die Massen stoppen die Armee

Nur über die Parade am ersten Jahrestag der Unabhängigkeit sind sie enttäuscht: Die Armee, die laut Ministerpräsident David Ben Gurion vor "Pioniergeist und erzieherischer Wirkung" strotzt, ferner "die Nation mitgründen und die Wüste zurückerobern", als Kaderschmiede für "die späteren Führer der Nation" sowie als "Instrument der Vereinigung der Einwanderer" dienen soll, kommt nie an der Ehrentribüne in Tel Aviv an, wo in- und ausländische Würdenträger warten. Die Soldaten schaffen es einfach nicht, sich einen Weg durch die begeisterte Menge zu bahnen. Anderntags ist in der Zeitung "Maariv" zu lesen, "dass es vielleicht auch ein Moment von großer Schönheit war, dass an einem solchen Tag das Volk und nicht die Armee die Straßen eroberte. Es zeigt, dass wir trotz unseres Dursts nach Militärparaden zuerst und vor allem Juden sind".

Es ist die Zeit der großen Vorhaben und der ersten Person Plural: "Wir waren Freunde und Waffenbrüder, wir gaben uns mit wenig zufrieden und blieben bescheiden", so der Fernsehjournalist Nissim Mishal. "Damals war die Gruppe heiliger als die Familie, das Team wichtiger als der Einzelne, und Orchester wurden Solisten vorgezogen." Gemeinsam wollen sie die Immigranten integrieren, das Land besiedeln, die Armee aufbauen und die Wüste zum Erblühen bringen. Und gemeinsam stehen die ersten Israelis im Gelobten Land Schlange, um mit ihren Lebensmittelkarten rationierten Stockfisch zu kaufen oder Produkte der Staatsmarke "Lacol", zu Deutsch: "Für alle", die das Volk mit allem versorgt, von Schulranzen über Männerhemden und Möbel bis hin zum Schrubber.

Selbstverständlich sind fast alle Pioniere der Gründergeneration Anhänger des Sozialismus in seinen sämtlichen Schattierungen, zuvorderst Ben Gurion, der das Land mit Unterbrechungen bis 1963 regieren wird. Doch religiöse Parteien sitzen mit in der Regierung. Von Geburt an ist Israel eine Teil-Theokratie unter dem Monopol des orthodoxen Judentums.

Denn der Atheist Ben Gurion hatte mit den Rabbinern in einer Anwandlung von "Jiddischkeit" und vielleicht auch in der Erkenntnis, dass die Religion sein Volk schon länger eint als der Zionismus, den so genannten Status quo ausgehandelt. Wegen dieses "einseitigen Waffenstillstands des säkularen Judentums" (Amos Oz) gibt es in Israel weder zivile Ehen noch Scheidungen. Im Familienrecht herrscht die Halacha, das jüdische Gesetz. Kein Jude darf einen Nichtjuden heiraten, wenngleich im Ausland geschlossene Ehen anerkannt werden, und ein Jude, der Cohen heißt (hebräisch für Priester), keine geschiedene Frau. Ein so genannter Bastard, ein Kind, das nicht vom Ehemann seiner Mutter stammt, darf überhaupt nicht heiraten, ebenso wenig eine Witwe, deren Schwager sie nicht "freigegeben" hat, sowie all jene, an deren Judentum die Orthodoxie zweifelt.

"Bastarde" dürfen nicht heiraten

Das Miteinander von Moderne und Moses führt immer wieder zu Regierungskrisen und heftigen Kulturkämpfen. Anfang der sechziger Jahre wird ganz Israel in Atem gehalten vom Drama um den kleinen Yosale Shuchmacher, dessen ultra-orthodoxer Großvater ihn mit dem Segen des Jerusalemer Oberrabbiners gekidnappt und außer Landes verschleppt hat, weil er befürchtet, die unzureichend frommen Eltern würden aus dem Knaben einen "Sünder" machen. 1962 spürt der Geheimdienst Mossad Yosale in Brooklyn auf und bringt ihn nach Hause. Auch das Schicksal der Geschwister Langer beschäftigt die Nation. Sieben Jahre lang wird ihnen verwehrt, ihre jeweiligen Verlobten zu heiraten. Begründung: Sie seien Bastarde. Während Rabbis wie Richter über dem Fall brüten, kämpfen die beiden Muster-Israelis im Sechs-Tage-Krieg; heiraten dürfen sie erst Jahre später, nachdem Moshe Dayan persönlich interveniert.

Doch damals sind die orthodoxen Juden eine verschwindende Minderheit. Die Verkörperung des neuen Israeli ist der so romantische wie kriegerische Sabra, der in Israel geborene Pionier, gewandet in russische Bauernhemden, Khaki-Shorts und biblische Sandalen, eine Kreuzung aus Krieger und Bauer, aus Träumer und Pragmatiker. "Der Sabra", so Mishal, "hatte keine Vergangenheit, er kam direkt aus dem Mittelmeer, die vollen Haare windzerzaust, an der Seite eine Freundin, rabenschwarz bezopft oder goldgelockt, ebenfalls in Shorts gekleidet." Dieses Traumpaar der frühen Jahre, tausendfach in den Tageszeitungen abgebildet, opfert selbstlos seine Jugend der Eingliederung von Einwanderern oder der Agrikultur, lebt in winzigen Zimmern mit Eisenbett, darüber ein übervolles selbst geschreinertes Bücherbord, darauf die gesammelten Werke von Puschkin, Tolstoi, dem Nationalschriftsteller Bialik und Karl Marx. Vorzugsweise ist es in Kibbuzim anzutreffen, jenen original hebräischen kommunistischen Kollektivsiedlungen überall im Land, in denen hoch motivierte und meschuggene Träumer seit Anfang des Jahrhunderts außer ihrer Zahnbürste alles miteinander teilen, des Nachts über Trotzki und Tschechow streiten und zugleich - ein wahres Wunder - erfolgreich Rinder züchten, Oliven anbauen und in sämtlichen Kriegen kämpfen.

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