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9. Juni 2004, 21:03 Uhr

Die Ära der verpassten Gelegenheiten

Nach dem Sechs-Tage-Krieg fühlen sich die Israelis zum ersten Mal sicher. Sogar zur Atommacht steigt ihr Land auf. Doch die Nachbarn sind zum Frieden nicht bereit. Wieder greifen sie an. Und die Palästinenser entdecken den Terror als Waffe.

Ein Soldat bewacht eine jüdische Siedlung im Westjordanland - eine von rund 200 Enklaven in den besetzten Gebieten© Lefteris Pitarakis/AP

Nichts ist schrecklicher als ein großer Sieg (außer natürlich eine große Niederlage)", schreibt der Historiker Walter Laqueur. Das gilt auch für den Nahen Osten im Jahr 1967 nach dem Sechs-Tage-Krieg. "Es war wie ein Traum", sagt der israelische General Lior über den Moment, als die Waffen schwiegen. Seine Landsleute, die sechs Tage zuvor noch von der Furcht besessen waren, dass ihre noch nicht einmal 20 Jahre alte Heimat zu einem Massengrab werden könnte, haben sämtliche arabischen Armeen geschlagen. Ihr Staat ist jetzt mehr als dreimal so groß wie zuvor, sie sind die Herren über ganz Palästina. Groß-Israel gehört ihnen.

"Soldaten der israelischen Armee! Wir haben keine expansionistischen Ziele", hatte Moshe Dayan am ersten Kriegstag noch erklärt. Doch als die Schlachten vorbei sind, gibt es eine stillschweigende Übereinkunft, dass Israel sich nie mehr ganz zurückziehen wird auf die "Auschwitz-Grenzen", wie Außenminister Abba Eban die Waffenstillstandslinien von 1948 nennt. Die Israelis sind plötzlich von bedrohten Bewohnern eines winzigen Landes zu omnipotenten Staatsbürgern einer regionalen Supermacht mutiert. Die jordanischen Viertel der zuvor geteilten Stadt mit ihren Heiligtümern sowie angrenzende Gebiete im Süden und Norden annektieren sie sofort. Die israelische Hauptstadt ist nunmehr vereint.

Wer sind wir?

Doch was mit dem Rest der eroberten Gebiete geschehen und welche Rolle Israel künftig einnehmen soll, darauf verweigern linke wie rechte Politiker bis zum heutigen Tag eine klare Antwort: Wer sind wir? Eine zwar undemokratische, aber jüdische Nation, die in Groß-Israel lebt und über eine Millionen Menschen unterdrückt? Eine zwar demokratische, aber nicht-jüdische Nation, die in Groß-Israel lebt und das Land teilt mit den gleichberechtigten Palästinensern? Oder eine sowohl jüdische als auch demokratische Nation, die sich mit Klein-Israel begnügt?

Für Ex-Außenminister Shlomo Ben-Ami markiert der Triumph von 1967 das Ende des pragmatischen, sozialistischen und humanistischen Zionismus. "Es war der Beginn der Orientierungslosigkeit der israelischen Gesellschaft. Damals verloren die Gründerväter und ihre Söhne ihre politische und ethische Hegemonie. Beerbt wurden sie von den Religiösen, den Fundamentalisten, den Integristen." Sein Vorgänger Eban erkennt schon sehr bald, dass der Sieg "zwar eine militärische Rettung war, aber eine totale psychologische Niederlage, weil er als das Ergebnis göttlicher Vorsehung interpretiert wurde. Ab da waren Regierung und Parlament nicht mehr souverän."

Religiöse Zionisten melden sich zu Wort, die sich später in der Bewegung "Gush Emunim", dem Block der Getreuen, zusammenschließen. Für sie sind die Eroberungen der "biblischen" Gebiete Judäa und Samaria keineswegs das Werk von Tsahal, der Armee, sondern Wundertaten des Allmächtigen, die den Beginn der göttlichen Offenbarung einleiten. Der Bau von Siedlungen sei ein Gottesgebot und daher Pflicht. Ihr geistiger Mentor, Rabbi Zvi Kook, wird von seinen Getreuen gleich nach der Eroberung Ostjerusalems zur Klagemauer gefahren, wo er erklärt: "Hiermit teilen wir dem israelischen Volk sowie der ganzen Welt mit, dass wir soeben unter göttlichem Oberbefehl nach Hause zurückgekehrt sind. Wir werden nie wieder ausziehen."

Auch Ben Gurions Erben Yitzhak Rabin, Moshe Dayan und Jigal Allon verlieben sich insgeheim in die biblischen Grundstücke, auch sie halten die Thora für einen unbefristeten Mietvertrag. Zwar signalisiert die israelische Regierung Syrern und Ägyptern via USA, dass sie bereit sei, die Golan-Höhen und den Sinai gegen Frieden einzutauschen. Doch als die beiden Staaten ablehnen, sind die Israelis nicht übermäßig traurig.

Keine drei Monate nach Kriegsende versammeln sich die arabischen Führer in Khartum und sagen dreimal nein. Nein zur Anerkennung Israels, nein zu Verhandlungen mit Israel, nein zum Frieden mit Israel. Solchermaßen von ihren Feinden unterstützt, machen sich die Israelis daran, das eroberte Terrain zu besetzen und zu besiedeln und seine Bewohner, die Palästinenser, zu unterdrücken. Zu Pessach 1968 ziehen einige orthodoxe Familien mit ihren Kindern ins "Park Hotel" in Hebron. Nachdem sie in dem arabischen Haus die koschere Küche eingeführt haben, erklären sie unter Führung des aus Amerika stammenden Rabbiners Moshe Levinger, niemand könne sie dazu zwingen, die Stadt zu verlassen, in der die Gebeine der jüdischen Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob liegen. Aber hat überhaupt jemand die Absicht, dies zu tun? Allon und Dayan überbieten einander in ihrer Unterstützung für die so fanatischen wie rassistischen Siedler, die sich schließlich in einer schwer bewachten Enklave im Herzen der 120 000-Einwohner-Stadt niederlassen, wo sie bis heute Angst unter ihren palästinensischen Nachbarn verbreiten.

Friedenshindernisse aus Beton

Levingers Beispiel macht schnell Schule: Alsbald wimmelt es im Westjordanland "von Gottes Kippa tragenden Legionen und ihren bärtigen Rabbis, die auf der Suche nach Siedlungsplätzen über Tal und Hügel schweifen", wie der Historiker Benny Morris schreibt. Unterstützt werden sie dabei von der Armee und auch vom Staat. Der hat sämtliche Ländereien des jordanischen Königreichs - über 50 Prozent des gesamten Territoriums - sofort nach Kriegsende enteignet und überlässt sie gern den ballernden Bibel-Cowboys. So wird "eine bosnische Realität" (Ben-Ami) geschaffen: In mehr als drei Jahrzehnten entstehen über 200 israelische Siedlungen in den besetzten Gebieten, bewohnt von rund 200 000 Menschen.

Die meisten sind der Überzeugung, dass sie "jüdisches Land befreien". Aber "man kann kein Land befreien, nur Menschen", schreibt der israelische Schriftsteller Amos Oz. "Wir haben die Bewohner von Hebron und Ramallah nicht befreit, wir haben sie besiegt. Wir sind keine Retter, wir sind Besatzer." Über eine Million Palästinenser leben im Westjordanland und in Gaza, zwei Drittel sind Flüchtlinge und Kinder von Flüchtlingen, die 1948 von den Israelis vertrieben worden sind. Sie hatten an die größenwahnsinnigen Versprechen des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser und anderer arabischer Führer geglaubt, Israel werde "von der Landkarte" verschwinden. Jetzt kontrolliert Israel nicht nur ihr Land, sondern auch ihr Leben.

"Gütige Besatzung" nennen die Israelis das, was sie in den Gebieten tun. In Wahrheit jedoch sind nicht die Besatzer gütig, sondern die Besetzten gutmütig. Bis zum Ausbruch der Intifada 1987 genügen 1200 Soldaten, der Geheimdienst Shin Beth, die Grenzpolizei und ein Heer von "Stinkern", wie palästinensische Kollaborateure auf Jiddisch genannt werden, um die Bevölkerung in Schach zu halten.

Herrschen per Gesetz

"Es herrscht nicht das Gesetz, es wird per Gesetz geherrscht", so Meron Benvenisti, ehemals stellvertretender Bürgermeister von Jerusalem. Wer nicht spurt, dem wird wahlweise das Haus zerstört, die Arbeitserlaubnis weggenommen, der Führerschein entzogen, oder er wird deportiert, ohne Prozess ins Gefängnis gesteckt, gefoltert.

Die jüdischen Kolonialherren beanspruchen die wichtigste Ressource der Region für sich - 80 Prozent des Wassers gehen an die Siedler. Gleichzeitig machen sie die besetzten Gebiete zum Absatzmarkt für ihre Produkte - dem zweitgrößten nach den USA. Die meisten Palästinenser spuren und fügen sich widerstandslos. Die Verantwortung über ihr Schicksal delegieren sie an die ferne PLO.

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