Israel rückt nach rechts. Zugleich formiert sich eine Friedens-bewegung. Aus dem Exil muss Arafat miterleben, wie die Intifada beginnt. Es kommt zum Vertrag von Oslo. Doch die Hoffnung auf eine Ende des Konflikts erweist sich als Illusion.
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Ein Palästinenser im Gerangel mit einem israelischen Soldaten in Hebron - täglich streiten Besatzer und Besetzte miteinander© AKG
Lasst mich in Ruhe", erklärt am 28. August 1983 der israelische Ministerpräsident Menachem Begin seinen überraschten Landsleuten. "Ich kann nicht mehr. Ich trete zurück." Ab dann schweigt der Mann, der 40 Jahre lang leidenschaftliche Reden gehalten hat. Als er neun Jahre später stirbt, sind viele Israelis überrascht - sie dachten, er sei längst tot.
Vermutlich hat die Invasion des Libanon aus dem Vollblut-Politiker Begin einen gebrochenen Mann gemacht. Für viele Israelis ist klar: Ihr fünfter Krieg war ein Krieg zu viel; die Devise "Ain brera", wir haben keine Wahl, hatte hier nicht gegolten. Nach den Massakern von Sabra und Shatila durch christliche Milizen unter den Augen der Israelis waren 400 000 geschockte Menschen zum größten Protestmarsch in der Geschichte des Staates nach Tel Aviv geströmt. Daraufhin hatte Begin eine Untersuchungskommission eingesetzt. Ihr Verdikt ist milde: Einige Militärs und Regierungsmitglieder werden gerügt, nur Verteidigungsminister Ariel Sharon soll "persönliche Konsequenzen" ziehen. Der General weigert sich. Schweren Herzens degradiert ihn Begin zum Minister ohne Geschäftsbereich.
Sharon hatte den Israelis "40 Jahre Frieden" durch den Krieg versprochen, stattdessen bekommen sie 18 Jahre Kleinkrieg. Denn anstelle der vertriebenen PLO operiert jetzt die weitaus fanatischere Schiiten-Miliz Hisbollah unter Schirmherrschaft Syriens an der nördlichen Grenze, und Israel stellt fest, dass der Libanon "ein Land ist, in das man einfacher hineinkommt als hinaus", so der amerikanische Journalist Thomas Friedman: Erst im Jahr 2000 ziehen sie ihre Truppen endgültig ab.
Sharon ist bis heute davon überzeugt, dass er damals in Beirut "militärisch richtig" gehandelt habe. Auch sein ewiger Kontrahent Jassir Arafat, der erst zwölf Jahre lang wesentlich dazu beigetragen hatte, den Libanon zugrunde zu richten, dann den anrückenden Israelis ein "Stalingrad" angedroht hatte, um anschließend aufs nächstbeste Schiff ins Exil zu steigen, hält sein Debakel in Beirut noch immer für einen "ruhmreichen Sieg".
Für Israelis wie Palästinenser beginnt eine bleierne Zeit. Die einen werden die nächsten sechs Jahre von einer großen Koalition regiert, bestehend aus dem Likud-Block unter Yitzhak Shamir, der "für alle Ewigkeiten" in "Judäa und Samaria" bleiben will, und der Arbeiterpartei unter Peres , der nicht weiß, was er will. Inzwischen haben die Bewohner des jüdischen Staates mit Entsetzen bemerkt, wie hoch der Preis ist, den die fanatischsten Verfechter Groß-Israels der Nation abverlangen wollen, um ihre Ziele zu erreichen. Im Februar 1983 wird der 33-jährige Emil Grunzweig bei einer Demonstration der Bewegung "Frieden jetzt" in Jerusalem umgebracht. Sein israelischer Mörder hatte eine Handgranate in die Menge geworfen. Als Grunzweigs Leiche und die Verletzten ins Krankenhaus gebracht werden, schreit jemand: "Schade, dass sie nicht alle in die Luft gejagt wurden."
"Das bisschen, was noch übrig geblieben war von unserer Unschuld, starb mit Grunzweig", so der Labour-Abgeordnete Avraham Burg, der bei dem Attentat ebenfalls verletzt wurde. "Seither ist die Gesellschaft geteilt: Auf der einen Seite steht das moderne Israel mit den Unterstützern der Demokratie, auf der anderen stehen die Siedler mit ihrem waffenstarrenden Königreich Judäa, bereit, den Messias mit Gewalt zur Rückkehr zu zwingen." Die frommen Selbstgerechten haben nie geglaubt, was Ben Gurion einmal sagte: "Wenn man die Nummer des Messias im Telefonbuch findet, ist er nicht mehr der Messias. Seine Größe ist, dass man seine Adresse nicht kennt, dass man ihn nicht anrufen kann, dass keiner weiß, was für einen Wagen er fährt, oder ob er überhaupt einen fährt und nicht eher auf dem Rücken eines Esels reist. Der einzige Nutzen des Messias besteht darin, dass er nicht kommt. Das Warten auf den Messias ist wichtiger als der Messias selbst; ohne das Warten gäbe es kein jüdisches Volk."
Vielen wird das Warten zu lang, sie nehmen ihr angebliches Recht in die eigenen Hände. So etwa die 27 Mitglieder des "jüdischen Untergrunds", fast ausnahmslos Siedler, einige davon hochrangige Militärs, die 1984 verhaftet werden. Sie hatten den irrwitzigen Plan, den Felsendom auf dem Tempelberg in Jerusalem in die Luft zu jagen, beseelt vom grausigen Glauben, der Messias werde nicht kommen, ehe nicht das "entweihende" islamische Heiligtum von Gottes Thron auf Erden weggesprengt sei. Bei den Ermittlungen stellt sich heraus, dass die selbst ernannten "Botschafter Gottes" auch drei Studenten an der islamischen Hochschule von Hebron ermordet und zwei palästinensische Bürgermeister in den besetzten Gebieten bei Attentaten zu Krüppeln gemacht hatten. Die meisten von ihnen verbringen nur kurze Zeit im Gefängnis.
So wie Arafat später die islamische Bewegung Hamas verharmlost, bagatellisieren die Israelis lange Jahre ihre eigene fundamentalistische Gefahr. Erst als 1994 ein Arzt namens Baruch Goldstein 29 betende Palästinenser in Hebron ermordet und dabei selbst ums Leben kommt, begreifen sie, dass "Terror auch eine Kippa tragen kann", wie der Rabbi Yehuda Amital schreibt.
"Ihr gehört nicht zur israelischen Nation", sagt damals Ministerpräsident Yitzhak Rabin zu Goldsteins Gesinnungsgenossen. "Ihr seid die Schande des Zionismus. Ihr entehrt das Judentum." Doch für sie bleibt der Mörder ein Held. In Scharen strömen sie zu Goldsteins Beerdigung. Unter den demonstrativ Trauernden befindet sich ein 27-jähriger Jura-Student namens Yigal Amir. Kaum zwei Jahre später wird er Rabin umbringen.
Während die israelische Regierung der nationalen Einheit über die Beweglichkeit eines Bergmassivs verfügt, gleiten die Palästinenser in die Bedeutungslosigkeit ab. Arafat ist in seinem dritten Exil in Tunesien, über 2000 Kilometer entfernt, isolierter denn je. Kein einziger arabischer Führer hatte eine Hand gerührt, als Israel den Libanon bombardierte, um ihn zu vertreiben. Der Syrer Hafez el-Assad will seinen Kopf, König Hussein von Jordanien und Hosni Mubarak, der Nachfolger des ägyptischen Staatschefs Sadat, trauen dem Mann mit dem ewig in Form seiner verlorenen Heimat gefalteten Tuch längst nicht mehr über den Weg. Die Libanesen sind gottfroh, als er endlich geht. Zwar tost er weiterhin: "Wir sind bereit, 50 000 Menschen für die Befreiung Palästinas zu opfern", doch keiner hört hin.
Zu oft hat Arafat Dinge versprochen und dann nicht gehalten. Er war ausgeschritten, um sein Volk aus den Flüchtlingslagern zurückzuführen nach Hause. Statt auch nur einen einzigen Millimeter palästinensischen Bodens zu befreien, hatte er erst versucht, den jordanischen König zu stürzen, um sich dann der Zerstörung des Libanon zu widmen. Tausende seiner Landsleute sind bei diesen größenwahnsinnigen Politik-Spielchen umgekommen. Seinen eigentlichen Gegner Israel dagegen hatte Arafat beharrlich ignoriert. "Man kann nicht wirklich gegen etwas sein, das man weder kennt noch konfrontiert", kritisiert der Palästinenser Edward Said, Professor für Literatur an der Columbia-Universität in New York.