Die Entführung von Arbeitgeberpräsident Schleyer, die Tragödie in der gekaperten Lufthansa-Maschine »Landshut« und den Selbstmord der RAF-Häftlinge in Stammheim. Der STERN dokumentiert, was vor 20 Jahren wirklich geschah

Wind, schwach West bis Nordwest ist für Köln gemeldet. Federwolken, 21 Grad Celsius. Montag, 5. September 1977. Gegen 17.10 Uhr macht sich Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer auf den Heimweg. Als sein Dienst-Mercedes in die Vincenz-Statz-Straße fährt, setzt ein gelber Mercedes zurück und blockiert die Fahrbahn. Schleyers Fahrer Heinz Marcisz, 41 kann noch bremsen. Doch das nachfolgende Begleitkommando der Polizei in einem weißen Mercedes prallt auf. 17.28 Uhr. Der Schleyer-Konvoi ist in eine Falle der RAF geraten. Die vier Entführer haben die Aufgaben untereinander verteilt. Zwei sollen die Polizeibeamten ausschalten: Sieglinde Hofmann, geboren 1945. Arzthelferin über das Sozialistische Patientenkollektiv Heidelberg zur RAF gestoßen. Und Peter-Jürgen Boock, geboren 1951, ohne Beruf, drogenabhängig. Die beiden schießen sofort auf die drei Beamten. Ihre Schnellfeuergewehre hatten sie in einem Kinderwagen versteckt.
Willy Peter Stoll, Steuergehilfe, geboren 1950, schwäbischer Bürgerssohn, erschießt Schleyers Fahrer, einen Vater von zwei Kindern. Dann springt er auf die Motorhaube des Polizeifahrzeugs Hält auf die Windschutzscheibe und feuert seine Maschinenpistole leer. Nur elf Kugeln treffen die Verkleidung am Wagen, 107 die drei Polizisten. Allein Reinhold Brändle, 41 wird 60mal getroffen. Er hinterläßt Frau und Kind, Oliver ist 13 Jahre alt. Roland Pieler. 20, wird von 21 Kugeln getroffen. Bei Helmut Ulmer 24, wird man später 26 Einschüsse zählen drei davon im Kopf Als sich nichts mehr regt hechtet Stefan Wisniewski zu Schleyer. Er ist der eigentliche Chef des Kommandos Spitzname Fury. Geboren 1953, Hilfsarbeiter. Kommt aus der Hausbesetzerszene in Hamburg. Schleyer hat sich zwischen die Polster geduckt. Wisniewski zieht ihn aus dem Wagen, schleift ihn zu einem VW-Bua Boock fährt los Sieglinde Hofmann, die Arzthelferin, setzt Schleyer eine Betäubungsspritze. 17.30 Uhr. Die Schießerei, die ganze Entführung hat nur etwa zwei Minuten gedauert.
In der Tiefgarage eines Hochhauses in Köln-Junkersdorf steigen die Entführer samt Opfer in einen grauen Mercedes um. Den Bus lassen sie stehen. Die Polizei findet später darin eine Nachricht: »an die bundesregierung. sie werden dafür sorgen, dass alle öffentlichen fahndungsmaßnahmen unterbleiben - oder wir erschiessen schleyer sofort ohne dass es zu verhandlungen über seine freilassung kommt, raf« Abends spricht der Bundeskanzler im Fernsehen. Helmut Schmidt sagt unter anderem: »Vier tote Bürger unseres Staates verlängern seit heute abend die Reihe der Opfer von blindwütigen Terroristen, die, wir waren uns darüber stetts im klaren, noch nicht am Ende ihrer kriminellen Energie sind...«