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10. März 2009, 17:48 Uhr

50 Jahre Ausnahmezustand

Angst vor Blutvergießen: Tibets Belagerungszustand im Frühjahr hat Tradition. Mönche und Laien demonstrieren alljährlich am 10. März gegen die chinesische Regierung. In diesem Jahr riegeln Soldaten die Klöster ab, China will Proteste unter allen Umständen verhindern. Was aber geschah vor 50 Jahren, als der Tibetaufstand in Lhasa seinen Anfang nahm? Von Mareike Rehberg

Tibet Aufstand, Lhasa, Dalai Lama, China, Kommunistische Partei

Gewaltloser Kämpfer: der Dalai Lama bei seiner Rede zum 50. Jahrestag des Tibetaufstands© Ashwini Bhatia/AP

Das Drama beginnt mit einer ungewöhnlichen Einladung: Die chinesische Volksbefreiungsarmee bittet im März 1959 den 14. Dalai Lama, einer Theateraufführung außerhalb der tibetischen Hauptstadt Lhasa im militärischen Hauptquartier beizuwohnen. Zunächst verschiebt der 23-jährige Tenzo Gyatso die Einladung, schließlich einigt man sich auf den 10. März. Das Seltsame: Die chinesischen Armeeoffiziere fordern, dass das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter seine Leibgarde zu Hause lässt und auf eine öffentliche Zeremonie für seine Prozession zum Hauptquartier verzichtet. Eine solche Aufforderung zum Traditionsbruch hatte es noch nie gegeben.

Ein Teil der tibetischen Bevölkerung ahnt sofort, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Schnell machen Gerüchte über eine mögliche Entführung des Dalai Lamas die Runde. Etwa 300.000 Tibeter kommen daraufhin vor seiner Residenz zusammen und versuchen, ihn vom Besuch der Theateraufführung abzuhalten. Mehrere Tage verharren sie vor dem Palast, ins Theater geht der Dalai Lama nicht.

Chinas Anspruch auf Tibet erstarkt nach Gründung der Volksrepublik

Schon Jahre vorher erhob China Anspruch auf Tibet. Die tibetische Unabhängigkeitserklärung von 1913 betrachtete das Reich als völkerrechtlich unwirksam. War es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgelenkt durch Bürgerkriege und den Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg, erwachte nach der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 das Besitzdenken der Kommunistischen Partei (KP).

Im Herbst 1950 marschierte China im tibetischen Chamdo ein. Dem hatten die schlecht ausgerüsteten Tibeter kaum etwas entgegenzusetzen. Tibets darauffolgender Hilferuf an die Vereinten Nationen verhallte ungehört. Nach und nach machte China seinen Einfluss auf Tibet stärker geltend. Nach dem 17-Punkte-Abkommen von 1951 sollte Tibet im Reich der Mitte aufgehen. Aus tibetischer Sicht ist das Abkommen heute ungültig, da es unter militärischem Druck Chinas zustande kam. Zunächst schien China dabei noch Zugeständnisse zu machen: Tibets regionale Autonomie und Religionsfreiheit sollten ebenso erhalten bleiben wie das bis dato existierende politische System.

Doch schon im Herbst 1951 stationierte die Volksbefreiungsarmee in Lhasa fast ebenso viele Soldaten wie Tibet Einwohner hatte. Das neu geschaffene Autonome Gebiet Tibet wurde als chinesische Provinz behandelt und der Versuch der KP, Volkskommunen zu errichten und Nomaden sesshaft zu machen, sorgte bei der Bevölkerung für Unmut. Bereits 1955 schlug die chinesische Armee erste Proteste blutig nieder.

Der Dalai Lama flieht ins indische Exil

Als nun vier Jahre später der Dalai Lama ohne Schutz seine Residenz verlassen soll, protestieren Gegner der chinesischen Herrschaft am 12. März auf Lhasas Straßen. Das Militär auf beiden Seiten bereitet sich auf eine Auseinandersetzung vor. Auch vor dem Norbulingka, der Sommerresidenz des Dalai Lama, bringt das chinesische Militär Teile seiner Artillerie in Stellung. Als die Residenz am 17. März beschossen wird, flüchtet der 14. Dalai Lama mit Hilfe des tibetischen Militärs ins indische Exil nach Dharamsala.

Zwei Tage dauern die darauffolgenden Kampfhandlungen, in denen die zahlenmäßig stark unterlegene tibetische Armee keine Chance hat. Chinas Volksbefreiungsarmee bombardiert die Hauptklöster in Lhasa, in denen viele Mönche unter den Trümmern begraben werden, entwaffnet die übrig gebliebenen Leibwächter des Dalai Lama und richtet sie öffentlich hin. Viele Mönche und Sympathisanten werden festgenommen oder gleich getötet, ihre Klöster und Tempel stehen offen für Plünderer. Allein auf tibetischer Seite fordert der Aufstand rund 86.000 Tote, eine gewaltige Zahl bei etwa zwei Millionen Einwohnern.

Die Folgen dieses blutigen Konflikts sind bis heute zu spüren. 1965 rief China die Autonome Region Tibet aus. Während der chinesischen Kulturrevolution in den 60’er und 70’er Jahren zerstörten die roten Garden nahezu alle Klöster und Kulturdenkmaler. Immer wieder kommt es zu Unruhen, gerade wenn sich der Tibetaufstand jährt.

Im vergangenen Jahr lieferten sich chinesische Militärs und tibetische Mönche besonders brutale Auseinandersetzungen. Wenige Monate vor Beginn der Olympischen Spiele befand sich die Gegend um Lhasa in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand. Das chinesische Militär schoss auf unbewaffnete Demonstranten, nach exiltibetischen Angaben kamen mehr als 200 Tibeter ums Leben, aber auch Dutzende von Chinesen wurden von Tibetern getötet. Während der Dalai Lama seit eh und je zu gewaltlosen Protesten aufruft, sehen viele junge Tibeter Gewalt mittlerweile als einzige Möglichkeit.

Von Mareike Rehberg
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
LaoLu (13.03.2009, 00:03 Uhr)
Den Chinesen fehlt einiges -
ob "christliche Grundüberzeugung" (???) dazugehört, wage ich zu bezweifeln.
ganzbaf (12.03.2009, 17:59 Uhr)
Den Chinesen fehlt einfach...

jede christliche Grundüberzeugung.
LaoLu (10.03.2009, 23:58 Uhr)
Oooch, cologne237,
nicht wieder die Leier!
Das hört sich ja an wie Frau Laugenstein im SPON-Forum, der wirft auch immer sofort mit den Politoffizier-Vorwürfen um sich.
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Die Zahl der gut ausgebildeten jungen Leute, die überzeugt hinter ihrem Land und ihrer Regierung stehen, ist erheblich größer, als die meisten Schreiber in den verschiedenen Foren im Westen sich das vorstellen mögen.
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Und für das fehlerfreiere Deutsch in Merkongs Postings gibt es auch eine einfache Erklärung:
er zitiert z.Zt. viele pro-chinesische Kommentare aus anderen Foren.
Und da die von Deutschen verfaßt wurden, sind da natürlich weniger Fehler drin als in einem Kommentar von ihm.
Klaro?
LaoLu (10.03.2009, 23:43 Uhr)
Was war da, Anfang 2008 in Tibet?
Die westliche Presse war da wenig hilfreich.
Die Unruhen begannen definitiv mit den Überfällen tibetischer Randalierer auf chinesische Geschäfte und Personen.
Die chinesischen Sicherheitskräfte haben tief und fest geschlafen, was man wohl damit erklären kann, daß das gesamte high brass bei Volkskongress in Beijing war.
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Und die deutsche Presse, incl. Stern, berichteten dann vorwiegend von der "blutigen Niederschlagung" der Unruhen durch chinesischen Polizei und Armee.
Bildmaterial dazu wurde nicht gebracht.
Mit der Entschuldigung, daß die ausländischen Journalisten ja in Tibet nicht mehr arbeiten dürften.
Franzoesin (10.03.2009, 19:12 Uhr)
Geschichtliche Unwahrheit in BRD-Medien ?
Nie !!! BRD-Medien lügen und fälschen nicht !!
Merkong (10.03.2009, 19:11 Uhr)
@Aquarius2
Ich stimme mit Ihrer Meinung völlig zu. Ich befürchte nur, dass die Journalisten viele Informationen wissen, aber aus eine vorgegebenen Linie (Chinaangst, Chinahysterie und Sinophobie als politische Korrektur) nur so berichten dürfen.
Ich erhoffe persönlich immer eine Versöhnung zwischen Dalai Lama und China, die Tibeter und die Hanchinesen sollen ewig friedlich leben. Aber durch viele unsichtbarer Hände hinter den Kulissen ist alles schwer, weil manche nur aus dem machtpolitischen Ansatz China destabilisieren möchte und hinterlistig ethnische Konflikte stiften möchten (wie in Jugoslawien) , diese Kräfte sehen eine gute Karte- Exil-Tibeter und ein charismatischer Führer. Ich bin fest davon überzeugt, dass Dalai Lama selber weiß, dass er von manchen Kräften instrumentalisiert wird, und er kann nur ewig im Westen pendeln und Chinas Image beschmutzen, um genügende finanzielle Ressource zu gewinnen und dem machtpolitischen Interesse mancher gerecht zu werden. Alle diese komplizierten Aspekte führen dazu, dass es hier wenig um Menschenrechte (Sache) handelt, sondern eher um ein heimliches Machtspiel. Das ist der grundlegende Grund, warum die Verhandlung beider Seite nur schleppend vorankommt.
Aquarius2 (10.03.2009, 18:55 Uhr)
Friedensengel ?
Siehe:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27814/1.html .
Wie haben denn die Menschen in Tibet vor 50 Jahren gelebt? Berichte über ein paradiesisches Leben in Frieden und Wohlstand kenne ich nur von der Familie des Dalei Lama. Dass er und die Angehörigen seiner Klasse dem nachtrauern, ist nachvollziehbar. Nicht aber die kritiklose Vertretung der Interessen einiger reicher Exil-Tibetaner durch fast alle Medien in Deutschland. Aber Recherche und objektive Berichterstattung zählen in unseren Zeiten der Auftragsschreiberei nicht mehr zu journalistischen Tugenden.
Merkong (10.03.2009, 18:55 Uhr)
Menschenrechte sind wirklich wichtig!
Übrigens bestreite ich nie, dass in Tibet Menschenrechtsproblem gibt, genauso wie im jeden Erdteil in der Welt. Ich bin auch für den Dialog zwischen Dalai Lama und der chinesischen Regierung, ich bin sicherlich auch für den Kulturschutz der geheimnisvollen tibetischen Kultur und Religionsfreiheit. Aber mit Desinformation und Legitimation der Randalier und der Tötung der Zivilisten kann man nie dieses Zeil erreichen, im Gegenteil, wer dieses Zielsetzung (Menschenrechte) selbst verletzt, kann schwer weiter mit Kredit dieses Ziel fördern. Im letzten Jahr verlieren viele westliche Presse völlig Glaubwürdigkeit und Moralität bei Millionen jungen und gut ausgebildeten Chinesen, die eigentlich vom Herzen für Demokratie und Menschenrechte befürworten.
schnelldenker (10.03.2009, 18:49 Uhr)
Was wirklichkeit
Wir sollten doch auch sagen wir haben nicht alles richtig machen in Tibet.
Die Europäer haben doch manchmal recht mit ihren reden. Vielleicht müssen wir haben Freiheit für Tibet geben. Wenn wir sehen falsch, kann sein, dann sollen wir geben Ruhe und den Lamas ihr Land lassen.
Ist Möglichkeit auch?
Merkong (10.03.2009, 18:44 Uhr)
Was passiert in der Unruhe 2008? Teil III
4. Entspricht es der Logik, dass die chinesische Regierung gerade vor der Olympiade hart durchgreift? Niemand, so gut wie niemand, denkt hier an diese Logik. In China aber mächtig. In den chinesischen Foren machen sich viele Chinesen ihre Wut kund gegenüber der Regierung, nicht weil diese zu hart vorgegangen, sondern weil diese ihrer Meinung nach zu zögerlich und zu mild gewesen wäre.
Auch haben die Medien in Hongkong berichtet, bei der Unruhe am 14.03. standen die chinesischen Polizisten in der Ferne, schauten nur zu, haben anfangs so gut wie nichts unternommen. Warum? Wohl haben sie eine Anweisung von oben erhalten, nicht hart vorzugehen. Eben wegen der Olympiade, ließe dies vermuten. Sie schauten zu, dass Häuser in Brand gesetzt wurden, wobei auch Menschen getötet werden könnten, taten nichts dagegen. Denken wir an das Vorgehen der britischen Polizei nach dem U-Bahn-Terroranschlag, wie sie hastig und missverständlich einen Brasilianer erschoss. Was für einen großen Unterschied sieht man hier. Und hier spricht man von einer „brutalen Niederschlagung“. Logisch?
Eine Hongkong-Zeitung machte noch eine Verdacht laut, wo hatten die tibetischen „Rebellen“ auf einmal so viele großen Steine her, wenn sie spontan Widerstand leisteten? Da liegt die Logik auch anderswo.
Fazit 4: Bei Ereignissen der Welt soll man neben den Medienberichten auch die Logik einbeziehen können.
5. Sollen wir trotzdem Druck auf China ausüben, um die Menschenrechtslage dort verbessern zu lassen, einen Dialog zwischen China und Dalai Lama zu ermöglichen, eventuell mit einem Boykott, sei es der Olympiade oder made in China? Hierzu möchte ich sagen, generell sollen wir Druck auf China ausüben, wegen der oben genannten guten Zwecke. Jetzt ist aber gerade der schlechteste Moment dafür. Warum?
Erlauben Sie mir, nochmals von dem derStandard-Beitrag zu zitieren, „Angesichts dieser Vorkommnisse fällt es auch schwer, Solidarität mit den Tibetern zu empfinden. Natürlich haben die Ausschreitungen nicht den tibetischen Anspruch auf Autonomie diskreditiert. Aber mit uneingeschränkter Unterstützung können die "Free Tibet" Aktionen nicht rechnen, so lange sie sich nicht eindeutig von diesen Gewaltaktionen distanzieren. Tibet ist nicht Myanmar und die jungen zornigen Tibeter sind nicht die friedlichen Mönche aus Yangon. Natürlich sollte China endlich den Dialog mit dem Dalai Lama eröffnen, um eine Verbesserung der Situation in Tibet für die Tibeter und die dort lebenden Han-Chinesen zu erwirken. Bei aller berechtigter Sorge um die kulturelle Identität sollte man aber auch nicht die chinesischen Menschen in Lhasa vergessen, die vom aufgebrachten Mob umgebracht wurden.“
Ob die chinesischen Medien die sämtliche Wahrheit gesagt hätten, ob die westlichen Reporter, vom Economist oder der ZEIT auch immer, die Sachen nur zu kurz beobachtet hätten, es ist ziemlich glaubwürdig, dass nicht ganz wenige junge Tibeter Gewalt auf unschuldige Zivilchinesen ausgeübt haben. Wer zuerst „hart durchgegriffen“ hat, könnten wir im Moment aufs Eis legen, bevor ein neutrales „Urteil“ fällt. Auf keinen Fall dürfen wir aber eine Gewaltausübung auf die Zivilbevölkerung ermuntern oder gar belohnen. Außerdem ist das Medienverhalten hier wirklich mindestens fragwürdig gewesen (Darüber muss auch weiter und lange diskutiert werden). Wenn wir jetzt gerade aus diesem Anlass Druck auf China ausüben, oder gar von einem Boykott sprechen, könnten wir uns nur Problem ins eigene Haus holen: man könnte später überall durch Gewaltausübung auf Zivilbevölkerung, sei es Terroranschlag oder öffentliche Tötung, einen Zweck, egal gut oder schlecht, zu erreichen versuchen. Und dann hätten wir auch nichts mehr einzuwenden, weil gerade wir dies gefördert haben.
Natürlich können wir der chinesischen Regierung sagen, selbst wenn diesmal die Wahrheit auf Ihrer Seite läge, sollen Sie jedoch mit Dalai Lama sprechen, auch um zu hören, was er mit dem „kulturellen Genozid“ meint (der Inhalt ist jetzt übrigens noch nicht bekanntgegeben), und die Menschenrechtslage im Lande, sowohl für die Nationalminderheiten, als auch für die Han-Chinesen, verbessern. Wir könnten die chinesische Regierung auch warnen, nicht über die Nötigkeit hinaus zu hart zu sein. Das sollen wir ja tun.
Fazit 5: Wir sollen unerlässlich die chinesische Regierung dahin bewegen, mit Dalai Lama zu sprechen und die Menschenrechtslage in ganz China zu verbessern, dürfen die Tibet-Krise aber nicht mehr als Anlass nehmen, wenn wir die Tötung der Zivilbevölkerung nicht fördern möchten.
Schon hören wir wieder von neuen Unruhen. Wenn wir tatsächlich für eine friedliche Lösung interessiert wären, müssen wir, neben der Mahnung an die chinesische Regierung, eben auch mit aller Deutlichkeit sagen: mit weiteren Gewaltaktionen kriegt die „Free Tibet“ – Bewegung keine Unterstützung mehr von uns!
Weitere Literaturen:
"Die Presse" Leitartikel: "Mit Zorn lässt sich die Tibet ...In diesem Leitartikel schlussfolgert Die Presse: „Die gemeinhin als so friedliebend geltenden Tibeter waren an diesem Tag des
Aufruhrs also nicht die Opfer, sondern die Täter.“
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