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Die traurige Geschichte eines großen Schiffes

Am 10. April 1912 hat das Signalhorn der "Titanic" Passagieren, Besatzung und Schaulustigen in Southampton das Zeichen zum Auslaufen gegeben. Nach zwei Zwischenhalten nahm der Ozeanriese Kurs auf New York. Seine Jungfernfahrt wurde auch seine letzte Reise.

Von Axel F. Busse

An einem Samstag, 12 Uhr mittags, sollte sie zur Rückreise nach Europa ablegen. Für die luxuriöse Überfahrt mit der "Königin des Ozeans", wie es vollmundig auf einem Plakat hieß, von New York nach Southampton im Süden Englands war selbst von den Gästen der dritten Klasse die stattliche Summe von 36 Dollar und 25 Cents zu zahlen. Die Fahrt kam nie zu Stande, da die "Titanic" gar nicht erst in New York ankam. Die Katastrophe ihres Untergangs jährt sich am 15. April zum 95. Male, der Name des Schiffes gilt seit jener Nacht als Synonym für Schreckensereignisse jedweder Art.

Gründe, warum die Titanic nie in Vergessenheit geraten ist, obwohl sie sich mehr als 70 Jahre der menschlichen Wahrnehmung entzogen hat, gibt es reichlich. Vor allem aber bietet sie für jeden etwas.

Jeder findet seinen Platz auf der "Titanic"

Für den Technik-Freak, der sich an den ungeheuren Ingenieurleistungen berauschen kann, die in der ersten Dekade dieses Jahrhunderts ein gigantisches Schiff realisieren konnte, welches selbst über der Wasserlinie noch ein sechsstöckiges Haus übertraf. Für den Fortschritts-Kritiker, der den Gründen für die Anmaßung nachspürt, einen solchen Koloss für "unsinkbar" zu erklären. Für den Hobby-Philosophen, der über die schicksalsträchtigen Zusammenhänge zwischen der Namensgebung des Luxusliners und der griechischen Mythologie nachgrübelt. Denn das Göttergeschlecht der Titanen verkörperte eine der geregelten Weltordnung widerstrebende Kraft, wurde von Zeus besiegt und in den tiefsten Teil der Unterwelt gestürzt. Für den Freund dramatischer Stoffe, der sich an den ungezählten Berichten, Verfilmungen, Buchveröffentlichungen und Legenden erfreut, die die Katastrophe hervorgebracht hat. Oder für den Taucher und Unterwasserforscher, der die jahrzehntelange Suche nach dem Wrack und schließlich seine genaue Untersuchung mit wachem Interesse verfolgt.

Was Goethe 1787 über den Untergang von Pompeji schrieb, scheint in erstaunlicher Weise auch zu der kurzen Reise der Titanic zu passen: "Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachfahren so viel Freude gemacht hätte." Rund 1200 Seiten umfassen die Protokolle des Untersuchungsausschusses des amerikanischen Senats, der sich mit den Folgen der Katastrophe befasste. Die Aussagen der Überlebenden erlauben eine fast minutengenaue Rekonstruktion des Hergangs. Gleichzeitig lassen sie aber auch Raum für Spekulation, Dichtung und Legendenbildung, die dieses Ereignis so einzigartig für die Nachwelt machten.

Wen trifft die Schuld?

Eine Kette von Fehlentscheidungen führte zu dem Unglück, wobei jene des Konstrukteurs, die abgeschotteten Abteilungen nicht bis über alle Decks hinauf zu bauen, nicht die erste, und die Weigerung von Kapitän Edward J. Smith, wegen der Eiswarnung die Fahrt zu drosseln, nicht die letzte war. Um das Tempo, mit dem die Titanic in den Untergang dampfte, rankt sich zum Beispiel eine der zahlreichen Legenden. Wie vielen anderen fehlt ihr aber die Grundlage: Das bis dahin größte und schwerste Passagierschiff war nicht auf der Jagd nach dem so genannten "Blauen Band" für die schnellste Atlantik-Überquerung. Für solch ein Unterfangen war die Titanic der damaligen Rekordhalterin "Mauretania" in Bauart und Leistung hoffnungslos unterlegen. Eine andere Legende, die sich um den amerikanischen Milliardär John Jacob Astor rankt, entspricht hingegen den Tatsachen. Erschlagen von einem der 24 Meter hohen Schornsteine des Schiffes konnte er nur wegen eines auffälligen Diamantrings an seinem Finger und der Tatsache identifiziert werden, dass er 4000 Dollar in der Tasche trug.

Als um 23.40 Uhr ein kräftiger Ruck und ein zähes Knirschen den Rumpf erschütterten, ahnte niemand, dass dies das Todesurteil für die Titanic war. Dabei hatte der Eisberg nicht, wie lange angenommen, die Außenhaut an der Steuerbordseite aufgeschlitzt. Vielmehr wurde diese durch den ungeheuren Druck so verformt, dass die Platten sich verbogen und Nähte aufrissen. Der Effekt war freilich der gleiche wie bei einem 90 Meter langen Riss: Wasser schießt in ungeheuren Mengen in den Bauch des Schiffes, nach zehn Minuten steht es in fünf der sechzehn Abteilungen schon rund vier Meter hoch.

Kurz vor der Kollision hatte William Murdoch, der Erste Offizier, den Ruf aus dem Mastkorb vernommen: "Eisberg hart voraus!" und sofort "Äußerste Kraft zurück" befohlen, aber zu spät. Bei einer Fahrt von 22 Knoten legt der Koloss mehr als 11 Meter pro Sekunde zurück und auf eine Kursänderung reagieren die 60.000 Tonnen Stahl äußerst träge.

Kurz nach der Kollision setzt sich die Folge von Fehlentscheidungen fort. Die wenigen, die etwas von dem seltsamen Ruck mitbekommen haben, werden beruhigt. Lediglich Teile des Personals dieses schwimmenden Palasthotels kämpfen mit dem eisigen Wasser. Zum Beispiel versuchen sie, die rund 200 triefenden Postsäcke in höher gelegene Decks zu wuchten. Für das Absetzen eines SOS-Rufes sieht zu diesem Zeitpunkt niemand von den Offizieren einen Anlass, während der Atlantik schon in die Kabinen der dritten Klasse schwappt.

Der Tod ist unausweichlich

Nur langsam dürfte sich bei den Verantwortlichen auf der Brücke die Einsicht durchgesetzt haben, dass eine Katastrophe bisher nicht bekannten Ausmaßes bevorsteht: Sie waren felsenfest davon überzeugt, ihr Dampfer sei tatsächlich unsinkbar. Nun, da er sich vorsichtig über das Vorschiff dem Meeresgrund zuzuneigen scheint, lässt sich das zu erwartende Szenario ausmalen. Nur 20 Rettungsboote stehen zur Verfügung, sie haben zusammen 1178 Plätze. An Bord sind aber 1316 Passagiere und 885 Besatzungsmitglieder. Die Schwimmwesten haben viele schon angelegt und begeben sich an Deck. Warum trotz des Mangels an Booten schließlich 467 Plätze in Booten unbesetzt bleiben, ist wohl nur durch das Chaos und die Desorganisation an Deck zu erklären. Auch für die, die mit Schwimmwesten ins Wasser gelangen, sind die Überlebenschancen gleich null: Der Atlantik hat jetzt, mitten in der Nacht, eine Temperatur von minus ein Grad, womit der Gefrierpunkt des salzhaltigen Meerwassers noch nicht erreicht ist.

Um zwei Uhr ragt das Heck schon so weit aus dem Wasser, so dass Ruderblatt und die drei Schrauben sichtbar werden. Der Fußboden der Decks hat eine Schräge von fast 45 Grad erreicht. Viele, wahrscheinlich hunderte, werden in ihren Kabinen tief unten im Bauch des Schiffes erst jetzt von den eisigen Fluten geweckt, fallen aus ihren Betten, ohne jede Möglichkeit zu entkommen.

Jetzt, da der Dampfer sich vornüber und nach rechts neigt, sind es nur noch Minuten, bis das Meer ihn verschluckt. Wallace Hartley gehört zu denen, die zur Legendenbildung kräftig, wenn auch unabsichtlich beigetragen haben: Er und seine siebenköpfige Ragtime-Band folgen unbeirrt und mit eiserner Disziplin ihren Auftrag, gegen die Panik an Bord anzumusizieren. Ein Überlebender will den Choral "Näher mein Gott zu Dir" als letzte Melodie gehört haben, ein anderer den flotten Walzer "Autumn" - ein Stück zum Mitpfeifen. Das Gurgeln und Schmatzen des Ozeans übertönt um 2.20 Uhr die Klänge.

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