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6. April 2005, 07:45 Uhr

Die Rache des "Führers"

Canaris, Bonhoeffer, Goerdeler - in den letzen Wochen des "Dritten Reiches" ließ das Nazi-Regime noch etliche deutsche Widerstandskämpfer hinrichten. Das Hauptmotiv war schlicht und einfach: Rache.

Propagandaminister Joseph Goebbels (M.) im Gespräch mit Heinrich Himmler (l.) und Admiral Wilhelm Canaris (3. v. r.) während des Nürnberger Reichsparteitages 1936: "Ich sterbe für mein Vaterland"© AKG

Rache und blinder Hass gegen alle Oppositionellen waren das Motiv. Als in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges die bevorstehende deutsche Niederlage längst fest stand, brachten die Nazis rasch noch viele deutsche Widerstandskämpfer um. Zu den bekanntesten Opfern gehörten Admiral Wilhelm Canaris, der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, der gescheiterte Münchner Hitler-Attentäter Johann Georg Elser und der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler.

Canaris und Bonhoeffer wurden am 9. April 1945 - einen Monat vor Kriegsende - im Konzentrationslager Flossenbürg bei Weiden in der Oberpfalz hingerichtet. Canaris, der sich als Marineoffizier im Ersten Weltkrieg einen Namen gemacht hatte, gehört zu den umstrittensten Figuren des Widerstandes. Er wurde 1935 Chef der Abwehr, also des militärischen Geheimdienstes, und half in dieser Funktion, die deutschen Angriffe abzusichern. Dann ging er jedoch auf Distanz zu den Nazis und deckte die Widerstandsgruppen. Er war für einen Sturz Hitlers, seine Ermordung lehnte er aber ab.

Verhaftungswelle nach Stauffenberg-Attentat

Im Januar 1944 setzten Gestapo und SS die Versetzung von Canaris auf einen unbedeutenden Posten durch. Bei der Verhaftungswelle nach dem misslungenen Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 wurde auch Canaris festgenommen, nachdem belastendes Material gegen ihn aufgetaucht war. Auf Befehl Hitlers wurde er von einem Standgericht als "Hochverräter" zum Tode verurteilt.

Trat seinen letzten Gang ungebeugt an: Dietrich Bonhoeffer (2. v. r.) mit italienischen Gefangenen in Berlin-Tegel 1944© AKG

Die Nazis ließen keine Demütigung aus: Nackt musste der 58-jährige Canaris im Morgengrauen den Gang zum Galgen antreten. Zuvor hatte er im Gefängnis-Morsealphabet dem Zellennachbarn, einem dänischen Offizier, eine letzte Nachricht übermittelt: "Ich sterbe für mein Vaterland, ich habe ein reines Gewissen. Sie als Offizier werden begreifen, dass ich nur meine vaterländische Pflicht tat, wenn ich versuchte, der verbrecherischen Sinnlosigkeit entgegenzutreten, mit der Hitler Deutschland ins Verderben führt."

Ungebeugt trat auch der 39-jährige Bonhoeffer seinen letzten Gang an. Als einer der ersten christlichen Theologen hatte er sich für jüdische Mitbürger eingesetzt. "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen", sagte er bei den heimlichen Predigerseminaren der oppositionellen "Bekennenden Kirche". Schon früh beteiligte Bonhoeffer sich an der Vorbereitung des 20. Juli 1944. Bereits 1943 verhaftete ihn die Gestapo wegen "Wehrkraftzersetzung". Nach dem erfolglosen Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurde auch der Häftling Bonhoeffer neu überprüft und wegen "Hochverrats" zum Tode verurteilt. Bevor man ihm den Strick um den Hals legte, kniete er nieder und betete.

"Einer musste es tun"

Im KZ Dachau bei München wurde der 42 Jahre alte Elser am 9. April 1945 mit einem Genickschuss ermordet - auf Befehl von SS-Reichsführer Heinrich Himmler. Der Schreinergeselle Elser hatte am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller beim Rednerpult eine Bombe explodieren lassen. Acht Menschen starben, aber Hitler hatte das Lokal sieben Minuten zuvor verlassen. "Einer musste es tun", sagte Elser nach seiner Verhaftung noch am selben Abend.

Der 60-jährige Goerdeler wurde bereits am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Bei einem Gelingen des Attentats vom 20. Juli 1944 hätte er Reichskanzler werden sollen. Goerdeler konnte untertauchen, wurde aber Ende August 1944 nach der Aussetzung eines Kopfgeldes von einer Million Reichsmark verhaftet und zum Tode verurteilt. "Das Hauptmotiv war schlicht und einfach Rache", hat der Historiker Hermann Graml diese Mordaktionen der Nazis charakterisiert. "Aber es gab noch ein anderes Motiv: Die Widerstandskämpfer sollten nicht als mögliche Elite für die Zeit nach dem Krieg übrig bleiben."

Jürgen Balthasar/DPA