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6. Mai 2004, 14:44 Uhr

Wie er lebte, liebte, litt

"In Wahrheit war ich kaputt", sagte Willy Brandt über die Endphase seiner Kanzlerschaft. Ein Blick auf das Leben des faszinierendsten deutschen Politikers der Nachkriegszeit und sein politisches Vermächtnis.

Geliebt und geschmäht: Willy Brandt mit dem sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew bei einer Bootsfahrt in der UdSSR 1971© Picture-Alliance/DPA

Der Abend auf Helgoland war sehr feucht, aber nicht wirklich fröhlich. Willy Brandt schüttete Rotwein in sich hinein, sang mit den Genossen "Oh du schöner Westerwald" und machte das, was er oft tat, wenn er Umsitzende auf Distanz halten wollte: Er erzählte Witze.

Gedanklich war der Kanzler weit weg: bei Günter Guillaume, seinem Referenten, der ein paar Tage zuvor als DDR-Agent verhaftet worden war. Und, vor allem, bei einem Brief des Bundeskriminalamts. Danach soll Guillaume ihm auf Reisen rund um den Globus zahlreiche Damen "zugeführt" haben; die Ermittler verfolgten sogar den Verdacht, die "Frauendienste" seien aus der Staatskasse entlohnt worden.

Ekel und Empörung

Hanebüchen! Allmählich steigerte sich Brandt in eine gefährliche Mischung aus Ekel und Empörung. Reichte es nicht, dass er die Folgen der Ölkrise, rebellische Jusos und Herbert Wehner am Hals hatte? Jetzt war auch noch seine Intimsphäre ausspioniert worden, und wieder drohte, was er, der bankerte Exilant, der "Vaterlandsverräter Frahm", zu oft hatte erleben müssen: eine Diffamierungskampagne. Mitten im Trubel, erinnert sich Ohrenzeugin Wibke Bruhns, murmelte Brandt plötzlich: "Scheißleben."

Offenkundig war er sogar so weit, dem ein Ende zu setzen. Brandt-Experte Gregor Schöllgen jedenfalls kommt nach umfangreichen Recherchen zu dem Ergebnis: Der Kanzler hatte an diesem 1. Mai 1974 ernsthaft an einen Freitod gedacht. In seiner Biografie schreibt er: Brandt ist zeitlebens ein einsamer Mann; wenn sich langjährige Weggefährten in einer Beobachtung einig sind, dann in dieser. Niemand ist da, dem er sich anvertrauen, dem er sagen könnte, dass er daran denkt, mit allem Schluss zu machen.

Einige in seiner Umgebung spüren, dass er "düsteren Gedanken" nachhängt, wie er selbst notiert. Willy Brandt hat damals, am 1. oder 2. Mai, auch einen Abschiedsbrief an die Familie zu Papier gebracht, ihn dann aber doch wieder zerrissen.

Brandt fängt sich wieder, tritt aber fünf Tage später als Bundeskanzler zurück. Er wolle in der Politik bleiben, teilt er in einem bisher unbekannten Brief Bundespräsident Gustav Heinemann mit, "aber die jetzige Last muss ich loswerden".

Der faszinierendste Politiker der Nachkriegszeit

Dies ist die Geschichte des faszinierendsten deutschen Politikers der Nachkriegszeit - wegen seiner politischen Positionen, seiner ungeklärten Herkunft, seiner Zeit im Exil, seines unorthodoxen Lebenswandels und insbesondere wegen seines Verhältnisses zu Frauen. Der gegen Nazideutschland gekämpft hat, seinen nom de guerre beibehielt und - ein Bild für die Ewigkeit - vor dem Mahnmal im Warschauer Ghetto auf die Knie gefallen ist. Architekt der Ostpolitik und Großvater der Einheit.

Brandt war ein Melancholiker und notorischer Morgenmuffel voller Widersprüche. Ein Arbeiterkind, das früh den Habitus des Aufsteigers pflegte. Er wollte mehr Demokratie wagen und verteidigte Berufsverbote. Politisch "bis zum Letzten ehrlich", wie ihn sein Koalitionspartner Walter Scheel (FDP) rühmt, privat ein konfliktscheuer Schluri, der nicht treu sein konnte.

Geliebt und geschmäht. Hart im Nehmen und zugleich hoch empfindlich. Er wusste, wie Recht Scheel mit seiner Einschätzung hatte, "dass nur eine außergewöhnliche Häufung von Zufällen einen Mann Ihrer Struktur an die Spitze einer Regierung bringen konnte".

Das fängt mit den kuddelmuddeligen Familienverhältnissen an. Es sei nicht einfach, "in dieser Gesellschaft als Kind aus dem Chaos zu bestehen", hat Brandt nach seiner Wahlniederlage 1965 im SPD-Vorstand bitter zu Protokoll gegeben. Unehelich geboren am 18. Dezember 1913, als Herbert Ernst Karl Frahm ins Lübecker Geburtsregister eingetragen, den Vater nie gesehen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fragt er seine Mutter schriftlich, wer sein leiblicher Vater war, und erhält "prompt einen Zettel" (Brandt) zurück. Darauf steht: John Möller aus Hamburg.

Ein "richtiger Junge"

Da Martha Frahm eine schwere Sechstagewoche hat, gibt sie den kleinen Willy bei ihrer Nachbarin Paula Bartels-Heine in Obhut. Sie verwahrt das Kind von Sonntagabend bis zum folgenden Samstag. Jahrzehnte später beschreibt sie ihn als einen "richtigen Jungen, der sich nicht die Butter vom Brot nehmen ließ und durchaus seinen eigenen Kopf hatte". Noch im hohen Alter stellt Willy Brandt fest, dass es für ihn nicht jene "normale Bindung geben konnte", die jemand empfindet und entwickelt, "wenn er bei der Mutter aufwächst".

Als Sechsjähriger kommt Brandt dann zu seinem aus dem Krieg zurückgekehrten Opa Ludwig Frahm, der den Ziehsohn zur sozialistischen Arbeiterbewegung führt. Dass er nicht der leibliche Vater seiner Mutter ist, also auch gar nicht sein Großvater - auch das erfährt Brandt erst als Erwachsener.

Es überrascht nicht, dass Ludwig Frahm von Willy Brandt "Papa" genannt wird und noch in dessen Reifezeugnis als Vater firmiert. 1919 heiratet er zum zweiten Mal, die zehn Jahre jüngere Dorothea Sahlmann. Willy Brandt kann sie "nicht ausstehen", muss aber fortan Ludwig Frahm mit dieser Person teilen. Folglich nennt er Dorothea Frahm auch nicht "Oma", schon gar nicht "Mama", denn eine solche hat er ja, sondern "Tante". Als "Onkel" firmiert übrigens der Mann seiner Mutter, der mecklenburgische Maurerpolier Emil Kuhlmann, den Martha Frahm heiratet, als der Junge 13 Jahre alt ist.

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