Walter Momper, Ex-Bürgermeister von West-Berlin, schildert den Countdown vor dem Mauerfall am 9. November 1989.

Eigentlich sollte ich an diesem Abend die Kinder hüten. Meine Frau war nach London gefahren, um dort im Auftrag des Berliner Senats eine Mendelssohn-Bartholdy-Büste zu übergeben. Ich wollte mir einen ruhigen Abend machen und schon um acht zu Hause sein. Am nächsten Morgen musste ich nach Bonn, wo ich turnusgemäß zum Präsidenten des Bundesrats gewählt werden sollte.
Dieser Donnerstag, der 9. November 1989, hatte etwas branchenfremd für einen Regierenden Bürgermeister begonnen: Ich sollte eine Schulstunde an der Otto-Wels-Grundschule halten. Die Schule hatte mich gebeten, als Sozialdemokrat zu den Schülern über Otto Wels zu sprechen, über den SPD-Fraktionsvorsitzenden im Reichstag, der wegen seiner Überzeugung emigrieren musste und in Paris starb. Ich habe mir große Mühe gegeben, seine mutige Rede gegen die Nazis ('Freiheit und Leben können Sie uns nehmen, aber unsere Ehre nicht') und die Situation im Reichstag im März 1933 bei der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes den Fünft- und Sechstklässlern zu vermitteln.
Am Mittag saß ich in der Ausbildungsplatzkommission des Senats, wo gemeinsam mit den Verbänden und den Kammern der Wirtschaft überlegt wurde, was man gegen den Mangel an Ausbildungsplätzen für die Jugend tun könnte. Während der Sitzung kam der Staatssekretär Jörg Rommerskirchen zu mir, beugte sich an mein Ohr und flüsterte: »Ich glaub, es ist soweit. Die beschließen heute im Zentralkomitee der SED eine neue Regelung. Das ist eine Nachricht von einem zuverlässigen West-Journalisten in Ost-Berlin.« Ich brauchte nicht zu fragen, was er meinte. Reisefreiheit für die DDR-Bürger natürlich, auf die wir nach der Vorankündigung von Schabowski am Reformationstag - davon gleich mehr - mit großer Spannung und Betriebsamkeit warteten. Rommerskirchens Informant war - wie ich erst später erfuhr - Peter Brinkmann, der »Bild«- Mann in Ost-Berlin. Rommerskirchen wusste aus Erfahrung, dass Brinkmann immer mehr über die Vorgänge dort wusste - aus was für Kanälen auch immer - als alle anderen Journalisten und Diplomaten zusammen. Brinkmann hatte quasi unter dem Operationstisch in der Charite gelegen und detailgetreu über Honeckers Leberzirrhose berichtet. Den Hinweis musste man sehr ernst nehmen, aber was genau kommen würde und wann, blieb unklar.
Die Termine des Tages wurden abgearbeitet. Spätnachmittags ging ich ins Springer-Hochhaus zur Verleihung des Goldenen Lenkrads. Meinen Fahrer Timm, genannt Timmy - wir duzen uns -, bat ich, am Autotelefon sitzen zu bleiben. Handys hatten wir noch nicht. Timmy musste erreichbar bleiben, damit ich meine Zustimmung zum Text der Begrüßungsbroschüre für die Besucher aus Ost-Berlin und der DDR geben konnte. Mit dieser Broschüre mit Stadtplan und U-Bahn-Plänen sollten die Besucher ihren Weg finden. Die Broschüre wurde zum 9. November gerade rechtzeitig fertig. Das war Zufall. Wir hatten Glück, pünktlich zum Tag X dieses Willkommensheft für die DDR-Bürger zur Orientierung in West-Berlin parat zu haben, mit einem Verzeichnis von sozialen Hilfsstellen, den Willkommensgeld-Zahlstellen, einer U-Bahn-Netzspinne usw. Das wichtigste war der Stadtplanausschnitt, denn in der DDR gab es keine Stadtpläne für West-Berlin.
Was in der DDR im Herbst 1989 gärte, erfuhren wir nicht nur aus den Medien. Jeder merkte es anhand der überfüllten Notaufnahmelager für Zuwanderer aus der DDR, die über die Tschechoslowakei und Ungarn nach West-Berlin gekommen waren. Es war offenkundig, dass der Kessel DDR überkochen würde. Eines Tages würden die Zuwanderer nicht mehr über Prag und Sopron, sondern »von hinten über die Mauer kommen«. Darauf bereiteten wir uns vor. Das konnten wir uns nur als schreckliche Schießerei und furchtbares Blutbad vorstellen. In der Senatskanzlei legten wir die Tagesfluchtraten vor dem Mauerbau im August 1961 neben die Tagesfluchtraten in diesen Oktober- und Novembertagen 1989. Wir waren bei 2000 bis 3000 Ausreisen aus der DDR pro Tag. Wir sagten uns: Wenn es erst über 10000 pro Tag sind, dann explodiert der Kessel DDR bald.
Ja, und dann waren wir am 29.Oktober 1989, zum brandenburgischen Reformationstag, in Ost-Berlin zu einem Gespräch, das Manfred Stolpe vermittelt hatte. Wir trafen die neue Führung - ZK-Mitglied Schabowski und Oberbürgermeister Krack - im Rosensalon des Palasthotels. Die Herren kamen von einer Diskussion mit aufgebrachten Bürgern vor dem Roten Rathaus, wo es ziemlich hoch hergegangen war.