Hier darf man die Kanzlerin anfassen

19. September 2013, 19:38 Uhr

Hier kann man Angela Merkel richtig nahe kommen. Manche nehmen sie sogar in den Arm. Das Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds hat eine neue Kanzlerin gemacht. Von Sophie Albers Ben Chamo

Ihr altes Ich-Gesicht glänzt wie ein Spiegelei. Die Haare sind schon ein bisschen strähnig. Das liege daran, dass die Leute sie hier anfassen können, sagt Nina Kristin Zerbe, die Chefin des Wachsfigurenkabinetts Madame Tussauds in Berlin. Und das tun sie gern! Angela Merkel werde häufig in den Arm genommen. "Die Distanzlosigkeit überrascht mich teilweise", so Zerbe. Das Gesicht der neuen Merkel ist noch perfekt mattiert. Nur an diesem Donnerstag gibt es eine doppelte Kanzlerin zu sehen - und anzufassen.

Mit Vorhang und Tusch wird die neue Wachsfigur neben der alten - Merkel zum Amtsantritt 2005 und Merkel zum Wahlkampf 2013 - präsentiert. Beide berüchtigt sphinxhaft lächelnd. "Hier sehen Sie, was acht Jahre Macht aus einem machen", sagt Zerbe. Und lacht und zwinkert. Die neue Merkel - OHNE "Schland-Kette" ("Die hat sie in dieser Kombi nicht getragen, wir schummeln nicht") sei nötig geworden, weil "die alte" dem Original immer weniger ähnelte. Vor allem aber auch weil die Kanzlerin die Umfragelisten des Wachsfigurenkabinetts seit gut einem Jahr anführe, sagt Zerbe. Peer "Stinkefinger" Steinbrück komme darin überhaupt nicht vor. In den Wahlkampf eingreifen wolle man natürlich nicht. Das Timing sei Zufall.

Einmal Merkel umarmen

Merkels wächserne Menschlichkeit sei so beliebt, dass die Figur auch schon mehrfach umgezogen wurde: Als sie 2010 (vor Brüderle!) nach Bayern reiste, wurde sie in ein Dirndl gesteckt. 2012 zog man ihr zur Fußball-EM ein Trikot über. "Wenn wir es schaffen, sie menschlich werden zu lassen, sind die Leute begeistert", sagt Zerbe. Noch nie sei die Wachs-Merkel auf irgendeine Art beschädigt oder angegriffen worden. Aber es gebe auch keine Liebesbriefe, wie bei George Clooney ein paar Räume weiter.

Die neue Merkel sieht wirklich gespenstisch echt aus. Deutlich echter als die alte. Acht Monate Arbeit stecken in der 1,65 Meter großen Figur. 16 Mitarbeiter haben Posen- und Gesichtsausdrucks-Recherche betrieben, weil Merkel natürlich nicht Modell gesessen hat. Und sie haben ein "Lieblings-Outfit" der Kanzlerin gefunden: lila Blazer mit bernsteinfarbener Kette. Das habe die Kanzlerin mehrfach getragen. Vier Monate lang wurden schließlich rund 50 Kilo Wachs bearbeitet, bis sie Merkel waren. Das Gesicht sei "einfacher" gewesen als bei den ganzen Promis, weil Merkel "nicht photoshopt", sagt ein Mitarbeiter.

Angela Merkel, Tussauds, Wachsfigurenkabinett, Bundeskanzlerin

Einmal so sein wie "Mutti": Für die Raute der Macht gab es in London übrigens ein Handmodell - Merkel selbst hatte ja keine Zeit. Links neben der Kanzlerin aus Wachs: die echte stern.de-Redakteurin Sophie Albers Ben Chamo.©

Sie wird nicht eingeschmolzen

"Jede Falte ist perfekt", staunt denn auch ein Junge, dessen Schulklasse durchs Wachsfigurenkabinett geschleust wird. "Angelika Merkel war die erste Bundespräsidentin in Deutschland", sagt sein Kumpel und findet es gut, dass sie hier ist. Die Lehrerin verzieht entschuldigend das Gesicht. Die neue Merkel lächelt unberührt. Sie wird erst später zum Knuddeln freigegeben.

Die "alte Merkel" werde morgen verschwinden, verkündet Zerbe am Ende der Vorstellung. Und nein, sie werde nicht eingeschmolzen, "sie kommt ins Archiv". Denn vielleicht werde die Kanzlerin ja irgendwann doch einmal vorbeikommen, um sich selbst in die Augen zu sehen.

Frau Merkel in Wachs
Frau Merkel in Wachs
Frau Merkel in Wachs
Frau Merkel in Wachs
Frau Merkel in Wachs Die Kanzlerin hautnah
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