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Wenn (PR)-Frauen zu viel reden

Früher rief man irgendwo an und kriegte eine Antwort. Heute ruft man irgendwo an, und es heißt: "Könnten Sie uns eine Mail schicken?" Was man auch tut und keine Antwort kriegt. Über eine Spezies, die offenbar mit dem Internet geboren wurde.

Vor einigen Jahren habe ich mal mächtig Ärger verursacht. Es war der einzige von mir verursachte Ärger, über den ich mich nicht ärgere. Es ging um den ersten James Bond-Film mit als 007, der auf den Bahamas gedreht wurde. Journalisten aus der ganzen Welt reisten dafür an. Das heißt, die meisten von ihnen wurden eingeladen von der Film-Firma. Damals schrieb ich ein paar Sätze, die der Firma gar nicht gefielen. Zum Beispiel das hier: "Der geschlauchte Journalist, weit gereist für drei Tage am Set, erhält von den freundlichen Damen erst einmal ein Geschenketäschchen mit allerlei Nippes drin, ein Taschengeld von 100 Dollar pro Tag und Flug- und Hotelkosten ohnehin erstattet. Wenn man den freundlichen Damen erklärt, dass man Flug und Hotel doch lieber selbst bezahlt, die Zeiten des Taschengeldes viele, viele Jahre zurückliegen und Geschenketaschen auch nicht sein müssen, weil ein paar Tage in der Sonne schon Geschenk genug sind, schauen sie erst geschüttelt und dann gerührt."

Es standen noch ein paar ähnliche Dinge in der Geschichte, die Überschrift lautete “Liebesgrüße aus Nassau”, und danach landete der ganze erst einmal auf der Shitlist der Firma und ganz oben auf dieser Shitlist ich.

Junket heißt Quark. Oder Journalistenreise

Jahrelang habe ich danach Filmsets gemieden. Oder eher anders herum: Ich war unerwünschte Person, und ich kann nicht sagen, dass ich irgendetwas vermisst hätte. Der Chef der Firma sprach noch Jahre später im Zorn über mich, erzählte mir mal ein Kollege. Darauf bin ich sogar ein bisschen stolz.

Die ganze Episode hätte ich wohl irgendwann vergessen. Aber ist neben Los Angeles und New York das Zentrum des internationalen Films, und so kommt es, dass ich in unregelmäßigen Abständen zu Veranstaltungen gebeten werde, die im Fachjargon "Junkets" heißen. Junket hat mehrere Bedeutungen. Es ist ursprünglich eine Quarkspeise. Später bezeichnete es eine Reise von Regierungsangestellten auf Staatskosten und neuerdings Reisen von Journalisten auf wessen Kosten auch immer. Bei dieser Art von Junket schauen sich die Journalisten erst den zu besprechenden Film an, versammeln sich danach in einem Hotel und sitzen dort um einen runden Tisch. Und um diesen Tisch rotieren die Schauspieler und sagen entweder halbwegs schlaue Dinge oder auch nicht. Meistens ist für schlaue Dinge zu wenig Zeit.

Es sind immer PR-Frauen. Und nie PR-Herren

Viele Kollegen um den runden Tisch sind Filmexperten und richtige Junket-Profis. Sie können Junkets in gute und schlechte unterscheiden. Ich kann das nicht. Für mich sind alle Junkets eher . Es ist nämlich so, dass nach zirka 20 Minuten eine PR-Dame erscheint, und es sind tatsächlich immer PR-Damen und nie PR-Herren, und "last question" in den Raum flötet. Dann stellt jemand, oft ein Chinese, eine letzte Frage, die meistens belanglos ist. Worauf der Schauspieler oder die Schauspielerin geht und eine andere oder ein anderer kommt. Bis wieder die PR-Dame mit ihrer "last question" erscheint.

Das Ganze ist für alle Beteiligten ein eher zweifelhaftes Vergnügen. Ich kann die Filmfirmen aber auch irgendwie verstehen. Die Zeit von Stars ist recht überschaubar, sie können nicht jedem ein Interview geben. Das eigentlich Ärgerliche ist vielmehr, dass die Firmen einen schon Wochen zuvor mit Mails zumüllen, in denen alles wenigstens dreimal wiederholt wird, wann, wo, wie und so. Man könnte glatt das Gefühl haben, dass sie glauben, sie hätten es mit Lobotomie-Patienten zu tun.

Noch ärgerlicher aber ist, dass diese Kultur inzwischen wie eine ansteckende Krankheit um sich greift. Es sind längst nicht mehr nur die Filmfirmen. Es sind alle. Die Briefings von Politikern in Großbritannien sind trotz Brexit von verblüffender Leere, sprachlich wie inhaltlich. Man ist schon froh, dass sich die hiesigen Fußballtrainer noch ziemlich ungefiltert ausdrücken, Jürgen Klopp und José Mourinho und manchmal sogar Pep Guardiola. Das ist erfrischend in Zeiten, da jedes Statement solange chemisch gereinigt wird, bis es bleich und schlapp daherkommt. Beim Fußball sind aber auch keine PR-Damen unterwegs.

Irgendwo steht eine Fabrik. Dort werden sie geklont

Neulich durfte ich den Chef einer großen Internetfirma interviewen. Den Namen des Chefs und der Firma schreibe ich lieber nicht, sonst landet der stern bestimmt wieder auf irgendeiner Shitlist. Die PR-Damen dieser Firma, und es waren diverse PR-Damen und wieder kein PR-Herr, wollten vorher genau wissen, was ich den großen Vorsitzenden fragen würde. Am liebsten hätte ich den Damen zurückgeschrieben. "Gegenfrage: Regnet’s morgen?" Das verkniff ich mir. Sie schrieben fünf Mails, und als ich darauf nicht antwortete, riefen sie an. Ich sagte einfach "Ich frage wahrscheinlich das Übliche, glaube ich." Damit waren sie zufrieden.

Am Tag des Interviews in einem dieser Glaspaläste, in denen sich junge Menschen vornehmlich von Licht, stillem Wasser und Energieriegeln ernähren, stand eine junge PR-Frau vor mir, die eigens für mich und den großen Vorsitzenden aus Deutschland angereist war. Sie saß dann bei dem Interview im Zimmer neben einer anderen PR-Dame aus England oder aus Amerika.

Beide PR-Damen waren für sich betrachtet durchaus nett und angenehm. Aber in ihrer Gesamtheit, also rein quantitativ, nehmen sie bedrohliche Ausmaße an. Irgendwo muss eine Fabrik stehen, in der sie hergestellt werden. Ich frage mich manchmal, ob es vor dem Internet auch PR-Damen gab. Ich kann mich an keine erinnern, an einen PR-Herrn schon mal gar nicht. Man rief damals irgendwo an, kriegte eine Antwort und fertig. So war das mal. Heute ruft man irgendwo an, kriegt keine Antwort und stattdessen gesagt "Könnten Sie uns das bitte noch mal als Mail schicken?". Was man sofort tut und trotzdem keine Antwort kriegt.

Ich will damit nicht sagen, dass früher alles besser war. Ganz gewiss nicht und im Gegenteil. Früher zum Beispiel hieß Junket nur Quark. Und Quark habe ich schon als Kind gehasst.

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