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Zu Besuch in Erdington - wo früher einmal alles besser war

In einer Woche wählen die Briten ein neues Parlament. Ein Besuch in Erdington, einem alten und armen Arbeiterstadtteil von Birmingham, der mit großer Mehrheit für den Brexit stimmte - und wo England so englisch ist wie nirgendwo.

Erdington Shop

Die kleinen polnischen Läden bringen Leben nach Erdington. Aber womöglich verlassen die Polen bald das Brexit-Land.

Als die Bombe in Manchester explodierte, war ich in einem Bed & Breakfast in Erdington, einem armen Stadtteil von Birmingham. Ich fühlte mich in diesem Moment am falschen und am richtigen Ort zugleich.

Am falschen Ort, weil ich außer London keine Stadt in Großbritannien so gut kenne wie Manchester und dort sein wollte, nicht nur als Chronist, sondern vor allem aus Zuneigung und Solidarität. Ich mag diese Stadt und insbesondere ihre Menschen, störrisch und stolz und voller Geschichte und Geschichten. Ein bisschen wie Ruhrpott, von dessen Rand ich stamme.

Am richtigen Ort, weil ich dieses Großbritannien vor den Wahlen in einer Woche besser verstehen wollte und Erdington ziemlich genau in der Mitte Englands liegt, seit Jahrzehnten Territorium der Labour-Party ist und zugleich mit großer Mehrheit für den EU-Ausstieg votierte. Deshalb war ich da. Ich wollte lernen, was die Menschen umtreibt in dieser Gegend.

Das "Mothers" galt als bester Rock-Club der Welt

Erdington, 23.000 Einwohner, ist eine Stadt wie viele in Großbritannien. Einst stolz mit Industrie und auch Wohlstand. Sie bauten dort die erste “Spaghetti-Junction“ des Landes, ein gigantisches Autobahnkreuz, nicht besonders schön natürlich, aber zugleich ein Symbol der Prosperität. Sie hatten dort einst sogar einen weltberühmten Musik-Club, das "Mothers" auf der High Street. Ende der 60-er Jahre spielten da Pink Floyd und Black Sabbath und Led Zeppelin und The Who. An das "Mothers" erinnert heute eine blaue Plakette über einem Billig-Supermarkt. Im zweiten Stock verkaufen sie Matratzen und Sessel.

Ein paar Berühmtheiten stammen auch aus Erdington. John Oliver wuchs hier auf, der großartige Comedian, der dann aber nach Amerika ging und dort eine atemberaubende Karriere hinlegte. In seiner Sendung "Last Week Tonight" macht er sich auf allerhöchstem Niveau lustig über Trump und Amerika. Manchmal macht er sich auch lustig über seinen Akzent aus den Midlands, den er nie verlor. Aber das ist das Einzige, was John Oliver noch mit Erdington verbindet. Ein anderer Prominenter aus Erdington heißt Nick Timothy. Streng genommen ist er gar nicht so berühmt, er ist eher mächtig. Timothy arbeitet seit einigen Jahren als Berater von Theresa May, er diente schon zu ihrer Zeit als Innenministerin und zog dann mit May in die Downing Street. Timothy wird ein immenser Einfluss auf May nachgesagt, einige nennen ihn "Rasputin" in Anlehnung an den legendären Einflüsterer am russischen Hof. Der “Economist“ bezeichnete ihn als den "Weisen von Birmingham". May schwört auf ihn, und das könnte sie womöglich bald bereuen. Timothy, heißt es, sang seiner Chefin nämlich einen umstrittenen Altenpflege-Passus ins Wahlprogramm, das im Königreich nur noch unter Dementia Tax, Demenz-Steuer, firmiert. Es geht darum, dass ältere Menschen künftig einen Teil ihrer Pflege selbst bezahlen sollen und dafür sogar ihr Haus, falls vorhanden, beleihen sollen. Das gilt nicht für Alte, die an Krebs leiden, sehr wohl aber für Alte mit Alzheimer. Deshalb Demenz-Steuer.

Der mächtige May-Berater und seine Idee

Als das raus kam, herrschte Aufregung, und Mays großer Vorsprung auf die Labour-Party schmolz auf ein paar Prozent zusammen. Sie musste zurückrudern. Vielleicht war er nur zu ehrlich. Jeder weiß, dass die Pflegekosten im Königreich auf Dauer nicht finanzierbar sind. Jeder. Aber man darf daran nicht rütteln. Das staatliche Gesundheitssystem, obschon marode und krank, ist eine Heilige Kuh. Timothy wagte sich an diese Kuh.

Studenten in Erdington

Schüler aus dem Norden Birminghams: Erdington ist viel weißer und englischer als der Rest der Stadt


Man muss obendrein erwähnen, dass dieser Nick Timothy seine Wurzeln nie vergessen hat und sich sorgt. Er stammt aus einem Arbeiter-Haushalt. Sein Vater schuftete in einem Stahlwerk, die Mutter war Sekretärin, und er war der Erste in der Familie, der eine Universität besuchte. Im vergangenen Jahr haute er seiner Partei ein paar unangenehme Wahrheiten um die Ohren. Er nahm seine Heimat als Symbol pars pro toto und schrieb den Tories ins Gewissen, sie müssten mehr tun für Städte und Gemeinden wie eben Erdington. Für Menschen, "die ihre Häuser und Wohnungen nicht mehr zahlen können, wenn die Leitzinsen steigen"; für Menschen, die weniger Bildung erfahren und "ihre Kinder eben nicht auf eine Privatschule schicken können, auch wenn die Schulen am Ort furchtbar sind"; für Menschen, "die sich in verschmutzten Krankenhäusern oder am Ende langer Warteliste wiederfinden". Das hätte auch ein Labour-Mann schreiben können. Timothy nannte seine Thesen "Erdington Modernisation".

Ein großes Museum der Erinnerungen

All das klingt in der Theorie ganz gut. Aber die Theorie hat es noch nicht in die Praxis geschafft. Die Kinderarmut liegt bei 38 Prozent, und wer in Erdington lebt, lebt im Schnitt sieben Jahre kürzer als im benachbarten Stadtteil Sutton Coldfield. An einem sonnigen Nachmittag traf ich in Erdington das alte Ehepaar Kay und Adrian van Kesteren, die vor mehr als 40 Jahren aus Worcester in die Midlands zogen. Adrian arbeitete als Ingenieur für einen Energieversorger, Kay war Buchhändlerin, bis die fünf Kinder kamen und nach den fünf Kindern siebzehn Enkelkinder, von denen einige mit großer Freude Donald Trump den Schädel eingeschlagen haben. Im Flur hängt eine mexikanische Piñata, ein Pappkopf in Form von Trump, den die Kids mit einem Stock so zugerichtet haben, weil im Schädel Süßigkeiten steckten. Jetzt ist der Präsidentenkopf so hohl und leer wie im richtigen Leben.

Die van Kesterens sind eine liberale Familie. Kay engagiert sich für den lokalen Geschichtsklub. Man fährt mit ihnen durch ihre Stadt, und die beiden erzählen viel von früher, weil früher in Erdington vieles besser war. Ständig sagen sie "This used to be…", hier war einmal. Erdington ist wie ein einziges "Es war einmal", ein Museum der Erinnerungen. Die große Dunlop-Fabrik gab 10.000 Menschen Arbeit, machte aber vor Jahren dicht ebenso wie die Geschäfte auf der High-Street. Es ging auf den Abend zu, die Geschäfte schlossen, Rollläden ratterten, und die Hauptstraße lag verlassen in der Sonne. Nur ein paar polnische Krämerläden hatten noch offen und Fast-Food-Ketten.

Früher war alles besser. Auch die Labour-Party

Im vergangenen Jahr stimmten 63 Prozent der Bürger von Erdington für den Brexit, obschon sie kaum Fremde in der Stadt haben und Erdington viel weißer und englischer ist als der Rest von Birmingham. Es heißt, sie hätten aus Protest gegen Europa gestimmt, nicht weil sie wirklich was hätten gegen die EU. So was Ähnliches sagen auch die Menschen in Hull oder Sunderland. Nächste Woche sind wieder Wahlen, und der konservative Kandidat von Erdington macht sich Hoffnungen, zu gewinnen. Seit dem Ende des Krieges wählt Erdington Labour, aber der Sieg ist diesmal längst nicht so sicher wie üblicherweise.

Kay und Adrian werden Labour wählen am kommenden Donnerstag. Nicht, weil sie Jeremy Corbyn besonders mögen. Eher aus Tradition. Auch Labour war früher besser.

Kay Van Kesteren

Die van Kesterens - sie sagen ständig "This used to be…" - hier war einmal


Am Morgen nach der Bombe von Manchester sprach ich mit Ronny Sweeney, dem das Bed & Breakfast gehört. Ronny wurde in Irland geboren und kam als Kind in die Midlands zu einer Zeit, als im "Mothers" noch Led Zeppelin auftraten. Er stimmte für den Brexit, weil ihm sein Schwiegervater, ein Tory, über Monate über die Brüsseler Bürokraten vorgejammert hatte. Ronny sagte es zwar nicht laut, aber er schien seine Wahl zu bedauern. Er liebt die kleinen polnischen Läden, weil sie Leben bringen in seine Stadt und ein bisschen Flair. Womöglich machen die Polen ihre Läden aber alsbald dicht und verlassen das Brexit-Land. Erdington wäre dann noch ärmer und farbloser. Manchmal, sagte Ronny an diesem Morgen, frage er sich, ob seine Kinder hier groß werden sollen. Mit seinem Daumen zeigte er nach rechts, Richtung Sutton Coldfield, wo die Menschen sieben Jahre länger leben. Nur ein paar Hundert Meter entfernt, aber gefühlt ein Lichtjahr. Er schüttelte mir die Hand zum Abschied, und ich versprach, irgendwann wieder zu kommen.

Wir wussten beide, dass das nicht stimmt. Dann stieg ich den Zug. Und fuhr nach Manchester.

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