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Renate Künast rutscht auf einem Saibling aus

Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast versuchte in einer ARD-Sendung, einen Fisch zu töten. Ist das der Rede wert? Ja! Denn Künasts Tötungsversuch war alles andere als sachgerecht. Das demoliert das Image der Grünen als Tierschutzpartei - ausgerechnet kurz vor der Wahl.

Von Johannes Schneider

Gewissenhaft macht sich Renate Künast die Hände sandig. Sie packt den Saibling sicher, ein gezielter Schlag auf den Kopf, der Fisch ist betäubt. Mit einem schnellen Schnitt öffnet sie sofort seinen Bauch und entfernt die Innereien – der Fisch ist nun endgültig tot. Das Fernsehpublikum ist begeistert von so viel Tierschutz am Objekt zwischen Leben und Tod. "Da ich Fisch esse oder auch Fleisch, ist für mich eines wichtig: dass man das, was man tut, wenn man sie tötet, sehr ordentlich, professionell und schnell macht", sagt Künast hinterher.

Den Satz hat Renate Künast tatsächlich gesagt, nur die artgerechte Tötungspraxis misslang ihr zuvor gründlich: In der ARD-Sendung "Abgeordnet" war sie Anfang September an der Seite eines oberbayrischen Landwirts dabei zu sehen, wie sie zunächst dessen siebenjährigem Sohn bei der erfolglosen Tötung eines hin- und herglitschenden Saiblings assistierte. "Oh Mann!" entfuhr es Künast da, und sie erledigte das nächste Tier lieber selbst mit drei mehr oder minder gezielten Schlägen. Ausgenommen und damit endgültig getötet wurde der Saibling jedoch nicht, lediglich benommen zur Seite geschoben.

Tierschutzbund "irritiert und erschüttert"

Was zunächst in dem Sande verlief, den Künast in der Originalszene nicht an den Händen hatte, wächst sich nun – ausgerechnet in der Wahlkampfendphase – zum kleinen Skandal aus. Grund: Altgrüne Barbara Rütting verkündete am Dienstagabend bei "Maischberger" ihren Parteiaustritt aus gegebenem Anlass, die Bild-Zeitung rief daraufhin eine "Fisch-Affäre" aus. Renate Künast bedauert nun Rüttings Entscheidung, ihren Auftritt vor der Kamera bedauert sie indes nicht. Bisher nicht.

Aber muss sie das? "Nein!" findet Thomas Schröder, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes: "Wie Frau Künast damit umgeht, ist allein ihre Sache." Aus seinem Entsetzen macht Schröder dennoch keinen Hehl: "Mich hat dieser Vorgang von Beginn bis Ende irritiert. Das war keine artgerechte Tötung und ein falscher pädagogischer Umgang mit dem Kind." Sehr verwundert und erschüttert sei man beim Tierschutzbund über die Geschehnisse: "Da muss in diesen fünf Drehminuten irgendwas eskaliert sein."

Ausrutscher einer Tierschützerin

Eskalieren tut auch die Diskussion in den einschlägigen Foren: Die Grüne Partei sei "von Fleischessern unterminiert und sinnentleert" worden, schreibt "Fruchtesser" auf www.vegan-central.de. "Ein unglaublicher Beitrag", ergänzt "Happy Animal". Grünen-Fraktionssprecher Schmitz, selbst Vegetarier, sieht das entspannter: "Frau Künast hat etwas getan, was im Rahmen der Ernährung hierzulande üblich ist." Dass vor allem der erste Teil der Szene, in dem das Kind auf dem Fisch herumhaut, tatsächlich gruselig anmutet, möchte Schmitz Künast nicht anlasten: "Da ist der Vater als Erziehungsberechtigter zuständig."

Thomas Schröder kann es sich nur so erklären, dass Künast die Selbstdarstellung im Umfeld von Bauernfamilie und Kamerateam entglitten ist: "Wir kennen Renate Künast als aktive Kämpferin für den Tierschutz. Sie hat als Verbraucherschutzministerin eine politische Wende herbeigeführt, viel für Nutztiere in Deutschland getan." Nur aus dieser einen Szene zu schlussfolgern, dass die Grünen ihrem Anspruch als Tierschutzpartei nicht mehr gerecht würden, sei daher falsch.

Wahlempfehlung für Grünen-Alternative

Doch mit genau solchen Folgerungen haben die Grünen jetzt wenige Tage vor der Wahl plötzlich zu kämpfen: Dass ausgerechnet ihre oberste Tierschützerin öffentlich Fische verprügelt, könnte eine Stammklientel der Partei übel nehmen. Schon ruft Barbara Rütting zur Wahl der Tierschutzpartei auf, auf veganinfo.de wird diskutiert, ob die ÖDP nicht vielleicht doch die bessere Alternative sei.

Dem Gros der Grünen-Wähler werden die paar Schläge jedoch herzlich egal sein. Thomas Schröder vom Deutschen Tierschutzbund würde sich eine andere Debatte wünschen: "Was passiert eigentlich beim Freizeitangeln mit den Tieren?" Gerade die Sitte im Sportangeln, unzählige Fische verwundet wieder ins Wasser zu setzen, sei mehr als bedenklich. Immerhin: Genau das hat Renate Künast nicht getan. Sie ging bis zum Letzten.

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