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Vera Lengsfeld und der schwarze Block

Mit ihrem Busen-Plakat hat Vera Lengsfeld Kapriolen in den Medien geschlagen und die eigene Partei gegen sich aufgebracht. Aber damit hat die Einzelkämpferin kein Problem. Ihre Kernkompetenz heißt: Zoff.

Von Mathias Becker

Das Busen-Plakat hatte er noch zähneknirschend durchgewunken. Doch Vera Lengsfelds nächster Coup wurde ihm zu viel. Harald Sielaff, Wahlkampfbeauftragter der CDU Friedrichshain-Kreuzberg, warf entnervt das Handtuch. Wie mehrere Zeitungen berichten, wollte seine Chefin ein Plakat kleben lassen, auf dem schwarz bekleidete CDU-Mitglieder zu sehen sind. Der Slogan: "Wählt den schwarzen Block". Im normalen Leben marschieren im "schwarzen Block" linke Krawallos. Die hätten das als nackte Provokation empfunden.

"So ein Plakat wird es nicht geben", beteuert Vera Lengsfeld im Gespräch mit stern.de. Die Frage, ob sie das Motiv nie geplant hat oder von der CDU-Zentrale zurückgepfiffen wurde, lässt sie offen. Sie hat sich mit ihren Alleingängen schon genug Ärger eingehandelt.

Kanzleramt schweigt - offiziell

Vor zwei Wochen hatte Lengsfeld, die als Direktkandidatin im linken Szenebezirk Friedrichshain-Kreuzberg antritt, das inzwischen legendäre Busen-Plakat aufhängen lassen: sie und die Kanzlerin, beide tief dekolletiert. "Wir haben mehr zu bieten", heißt es darauf. Der Medienrummel, der daraufhin einsetzte, war gigantisch. Die Frauenunion zürnte, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff zürnte - und das Kanzleramt hüllte sich in Schweigen. Zumindest offiziell. Es heißt, es hätte böse Anrufe bei Lengsfeld gegeben, sie habe die Plakataktion mittendrin abbrechen müssen.

Stimmt nicht, sagt Lengsfeld. "Ich schwöre."

Wer ist diese Frau, die für die CDU Busen zeigt?

Kein Infostand am 1. Mai

Seit Wochen tingelt sie durch den Bezirk. Ortsvereine, Bürgerhäuser und Seniorenbegegnungsstätten. Am vergangenen Freitag trägt sie ein pinkes Oberteil, an der Leine tapert Labradorhündin "Amy" mit. Der Auftritt ist etwas zu schrill für eine Konservative. Aber Lengsfeld braucht vor allem eins: Aufmerksamkeit. In Kreuzberg-Friedrichshain holen SPD, Linkspartei und Grüne gewöhnlich fast 80 Prozent der Zweitstimmen. 2002 kam Hans-Christian Ströbele als Direktkandidat der Grünen in den Bundestag. 2005 noch einmal.

Die CDU ist ein Randphänomen im Bezirk. Die Polizei riet dem Kreisverband ab, auf dem diesjährigen Straßenfest am 1. Mai einen Infostand aufzubauen. Aus Sicherheitsgründen. Am Tag der Arbeit brennen regelmäßig Autos in den Straßen, die Täter werden im linksextremen Milieu vermutet. Gefasst wurde noch niemand. "Den Behörden fehlt es an politischem Willen, diese Straftaten aufzuklären", erregt sich Lengsfeld. "Wenn eine demokratische Partei Angst haben muss, ein Volksfest zu besuchen, stimmt etwas nicht mit der Demokratie."

Stasi in Unterhosen

Die Demokratie, das ist Lengsfelds Lebensthema.

Ihre politische Karriere begann Mitte der 70er Jahre in der DDR. Als Bürgerrechtlerin kritisierte sie Atomraketen und verseuchte Flüsse - und die Stasi schrieb fleißig mit. 1988 wurde sie ausgewiesen, ein Jahr später kehrte sie zurück, siegreich: Am 9. November 1989 war sie dabei, als die Menschen an der Bornholmer Straße die Mauer niederrannten.

"Ich hatte schon immer wenig Angst vor dem Machtapparat", sagt Vera Lengsfeld. "Ich kannte ja die Stasi in Unterhosen." Ihr Vater, ein NVA-Offizier, ist seit Mitte der 70er Jahre formal dem Ministerium für Staatssicherheit unterstellt. "Eigentlich konnte man bei uns zu Hause über alles sprechen", sagt Lengsfeld. "Aber das hatte er uns verheimlicht. Als wir durch einen Zufall davon erfuhren, waren wir schockiert."

Lengsfeld, kein Abnick-Apparat

1991 folgte Schock Nummer zwei, und der war härter. Ihr Ehemann Knud Wollenberger hatte unter dem Decknamen "IM Donald" der Stasi ausführlich Bericht über sie erstattet. Der Feind hatte es bis in ihr Bett geschafft. Das prägt. Ab 1990 sitzt sie für die Bündnisgrünen im Bundestag. Als die Partei 1996 Koalitionen mit der PDS für möglich erklärt, wechselt sie zur CDU. "Ich habe nicht mein halbes Leben gegen diese Partei gekämpft, um ihr dann zur Macht zu verhelfen."

Vera Lengsfeld macht, was sie richtig findet. Sie hält wenig von einer "einheitliche Kommunikation" der Partei. Soll heißen: Ich bin doch kein Abnick-Apparat der Führungsriege. Also kritisiert sie den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, fordert das bedingungslose Grundeinkommen für jedermann und montiert Busen-Plakate, ohne sich mit dem Kanzleramt abzusprechen. Das ist nicht typisch CDU. Aber was ist in Friedrichshain-Kreuzberg schon typisch CDU. Lengsfeld, im Hauptberuf Autorin, führt dort einen aussichtslosen Wahlkampf. Wozu?

Lebenselexier Friedrichshain-Kreuzberg

Auf den ersten Eindruck wirkt die blonde 57-jährige zurückhaltend, fast schüchtern. Einem festen Blick hält sie im Gespräch kaum stand. Dennoch trägt sie ihre Meinung sehr bestimmt vor. Und in Kreuzberg-Friedrichhain finden Konservative an jeder Ecke etwas, wozu sie sich eine Meinung bilden können. Der Widerstand, das Anderssein kann ein Lebenselixier sein. Vera Lengsfeld macht es niemandem Recht. Auch nicht der CDU.

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