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Angela Merkel bleibt beim Schlafkampf

Angela Merkel will weiter die entrückte Superkanzlerin spielen und sich nicht mit der SPD fetzen. Experten sagen, das sei strategisch richtig - die Quittung komme aber nach der Bundestagswahl.

Von Lutz Kinkel

Nach den Gremiensitzungen verlieren sich auf dem breiten Trottoir vor der Berliner CDU-Zentrale zwei Gestalten. Die eine schlank, grauhaarig, im edlen Zwirn: Josef Schlarmann, Chef der CDU-Mittelstandsvereinigung. Er starrt auf die Straße, sein Wagen muss gleich kommen. Zehn Meter weiter ein etwas fülliger junger Mann, ebenfalls im Anzug: Philipp Mißfelder, Chef der Jungen Union. Er gibt einem TV-Team ein Interview. Beide hatten nach den herben Verlusten der CDU bei den Landtagswahlen die Kanzlerin kritisiert. Beide sind nach drei Minuten verschwunden. In der CDU-Zentrale beginnt jetzt die Pressekonferenz. Auftritt: Angela Merkel. Das Thema: die herben Verluste der CDU bei den Landtagswahlen.

Am Rednerpult links außen Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus, daneben Stanislaw Tillich, Ministerpräsident in Sachsen, in der Mitte Angela Merkel, rechts Peter Müller, Regierungschef im Saarland. Drei missmutige Gesichter, das vierte lächelt: Tillich. Er hat in Sachsen rund 40 Prozent eingefahren und kann mit der FDP koalieren. Althaus und Müller haben jeweils so viel verloren, dass sie von rot-rot-grünen Bündnissen aus dem Amt gespült werden könnten. Haben sie über Rücktritt nachgedacht? Nein. Welche Ursachen sehen sie für ihre Niederlagen? Das müsse man in Ruhe analysieren. Müller hatte am Sonntag noch gesagt: "Die zweistelligen Verluste der Union haben womöglich ihre Ursachen außerhalb des Saarlandes." Jetzt sagt er: "Das saarländische Ergebnis war ein Landtagswahlergebnis." Eine Kapitulationserklärung vor Merkel.

Umarmung statt Attacke

Merkel selbst erklärt die Verluste, wie sie es prophylaktisch schon am Sonntag getan hat, mit der Sondersitutation 2004, als das Wahlvolk noch stinkig auf Gerhard Schröders rot-grüne Bundesregierung war und der CDU satte Mehrheiten in den Ländern bescherte. "Diese ganz exorbitanten Höhen erreichen wir nicht mehr", sagt Merkel. Aber das könne sich ja wieder ändern. Sie wird auch gefragt, warum im Saarland Wähler von der CDU zur Linken abgewandert seien. Das habe mit der Frage nach "Gerechtigkeit" zu tun, sagt Merkel. Deshalb sei es wichtig, dass Themen wie die hohen Boni von Managern auf der Agenda blieben. Darüber rede sie noch heute mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. Merkel, die Kümmerin. Sie attackiert die Linken nicht, sie umarmt sie. Wieder einmal.

Die Frage, ob sie ihre Wahlkampfstrategie ändern wolle, ist schon beinahe überflüssig. Aber für alle, die es noch mal hören wollen, sagt sie es noch mal: "Ich werde nicht in Lagern denken, sondern um die Menschen werben. Deshalb werde ich auch nicht aggressiver werden, sondern Argumente vorbringen." Sie sei sich mit den anderen Präsidiumsmitgliedern der CDU "vollkommen" einig gewesen, dass diese Strategie richtig sei. Die Namen Missfelder und Schlarmann nimmt Merkel, obwohl sie direkt darauf angesprochen wird, erst gar nicht in den Mund. Schlarmann hatte gesagt: "Der bisherige Wahlkampf ist inhaltlich profillos." Mißfelder hatte angemahnt, die CDU müsse mehr Emotionen zeigen. Merkel lässt die Kritik einfach an sich abperlen. Da müssen schon andere Kaliber antreten, damit sie sich rührt.

Wie ein insolventes Start-Up

Im Schlafwagen zur Macht - die SPD mag darüber zürnen, wie sie will, es sieht nicht danach aus, als wollte Merkel vor dem 27. September noch mal in die Holzklasse umsteigen. Und die Experten geben ihr Recht. "Wenn man in den falschen Zeiten die falsche Konfrontation eingeht, mobilisiert man die Anhänger der Gegenseite", sagt Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstitutes Forsa zu stern.de. Will heißen: Eine Rote-Socken-Kampagne wäre eher kontraproduktiv. Auch der Berliner Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer pflichtet dem bei. "Die Wahlkampfstrategie der Union ist sinnvoll", sagt Niedermayer. "Sie lässt Angela Merkel als eine Kanzlerin dastehen, die dem Parteiengezänk in gewisser Weise entrückt ist. Sie zur geifernden Wahlkämpferin zu machen, wäre unsinnig." Nur der Merkel-Biograph Gerd Langguth ist skeptisch: "Merkels reiner Wohlfühlwahlkampf macht es selbst für Stammwähler schwer, zu wissen, warum sie für die Union wählen gehen sollen."

Im Saarland, wo Peter Müller eine Minus-13-Prozent-Klatsche kassiert hat, wussten sie es offenbar nicht. In Müllers Wahlkampfcamp sieht es am Montagmorgen aus wie in einem gerade insolvent gegangenen Internet-Startup. Einige Bierflaschen stehen herum, auf den Tischen liegen Papiere, Zeitungen und Hefter. Auf der Verkehrsinsel gegenüber hängen noch die Poster für das Wahlkampffinale. Darauf ein Porträt von Angela Merkel. Darunter steht: "Die Kanzlerin kommt".

Merkel fliegt, CDU nicht

Am Nachmittag, auf der Landespressekonferenz, versucht CDU-Fraktionschef Jürgen Schreier zu retten, was zu retten ist. Er unterstreicht, dass die CDU stärkste Partei geworden sei und leitet daraus den Anspruch von Müller auf das Amt des Ministerpräsidenten ab. "Es ist nun einmal üblich, dass nicht die Nummer drei oder die Nummer zwei mit der Regierungsbildung beauftragt wird, sondern die Nummer eins", sagt Schreier, auch wenn er weiß, dass Linke, SPD und Grüne sich nicht darum scheren werden. Über die Kanzlerin verliert Schreier kein kritisches Wort. "Frau Merkel war viermal im Saarland, sie hat uns sehr unterstützt. Ich glaube nicht, dass der Wahlkampf in Berlin, der ja gerade erst in die Gänge kommt, einen Einfluss auf das Ergebnis hatte."

Es kommt nichts in die Gänge. Hessens Ministerpräsident Roland Koch mag von einem "Weckruf" sprechen, Baden-Württembergs Regierungschef Günter Oettinger mehr Engagement anmahnen - ihre Kritik ist so sachte und verhalten, dass sie wie die Ausführungen Missfelders und Schlarmanns im Orkus verschwinden. Niemand in der CDU - Schlarmann ausgenommen - wagt es, Angela Merkel derzeit ernstlich und offen zu attackieren. Aber alle bangen, ob sich die hohen Sympathiewerte der Kanzlerin tatsächlich in Stimmen für die CDU ummünzen lassen. Dies ist eine noch unbekannte Variable im Spiel, und bisher zeigen die Umfragen nur einen Höhenflug Merkels an - nicht ihrer Partei.

Der Tag nach der Wahl

Abgerechnet wird nach der Wahl. Und dann mag sich, wenn die Arbeitslosenzahlen drastisch steigen und die Schuldenberge zu harten Ausgabenkürzungen zwingen, auch der Wähler getäuscht vorkommen. "Wer einen inhaltsleeren Wahlkampf führt, hat nachher auch keinen inhaltlich legitimierten Politikauftrag", sagt der Publizist und Politikberater Michael Spreng zu stern.de. "Dadurch wird sich die CDU langfristig sehr schaden. Man kann den Problemen während des Wahlkampfs ausweichen, aber nicht in der Politik."

Mitarbeit: M. Becker, S. Christ, J. Schneider

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