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Die Basis kocht, Andrea Nahles beschwichtigt

Bei der SPD ist die Stimmung im Keller. Wer von den Parteigranden in diesen Tagen auf das Parteivolk trifft, muss sich warm anziehen - so wie Andrea Nahles am Mittwochabend in Stuttgart. Sie redete das EU-Wahlergebnis schön. Die Basis sagte: "Wir können es nicht mehr hören." Ortstermin in der ideologischen Kampfzone der SPD.

Von Katharina Schönwitz

Es hätte am Mittwochabend alles so friedlich sein können. Das Stuttgarter Waldheim im Stadtteil Heslach ist bekannt für seine guten Maultaschen, das frisch gezapfte Bier und die günstigen Preise. Die Sozialdemokraten hatten es vor 100 Jahren gegründet, damit sich Arbeiterfamilien im Grünen erholen können. Helmut Schmidt war schon da, Gerhard Schröder mit dem Hubschrauber, Kurt Beck erst vergangenes Jahr und am Mittwochabend eben Andrea Nahles.

Eigentlich sollte nur die Frage diskutiert werden: "Was heißt jetzt links in der SPD?" Doch das interessierte niemanden, nach dem Absturz der SPD bei den Europa- und Kommunalwahlen am vergangenen Sonntag. Das Unheil kündigte sich schon durch einen Zettel an, der vor Beginn durch die Reihen ging. Vom schlechtesten Wahlergebnis aller Zeiten ist darin die Rede, dass die SPD nicht glaubwürdig mobilisieren könne und "dass die Stimmung an der Parteibasis nicht erkannt wird beziehungsweise ignoriert wird."

"Die Eifel ist rot"
Da macht sich schnell so mancher aus dem Mittelbau der Partei mit der Stimmung vor Ort gemein. Die Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis aus Ulm zum Beispiel, die eigentlich nur ein paar einführende Worte sagen sollte. "Ein 'Kurshalten' und 'Weiter so' ist nicht im Sinne der Basis", rief sie statt dessen, unterstützt durch Rufe wie "genau" und "uns glaubt doch eh keiner mehr" aus dem hinteren Bereich des Gasthauses. Andrea Nahles kniff kurz die Augen zusammen. Das würde, so merkte sie sofort, kein einfacher Abend werden. Ein kurzer Strich über die Haare nach links – dann trat sie lächelnd ans Pult.

"Ich muss Euch sagen, mir geht’s richtig gut! Die Eifel, wo ich gerade herkomme, ist rot geworden dieses Wochenende." Nahles ist bekannt für bissige Attacken und mutiges Beharren an Grundsatzpositionen. Doch das ist die Nahles in Berlin, im Reichstag. In Stuttgart dagegen zeigte sich eher eine Barbie-Nahles, eine, die Probleme einfach weglächelt. Und damit Distanz zu ihrem Publikum schafft.

"Werde konkret, Andrea!"

Eine halbe Stunde lang referierte die stellvertretende Parteivorsitzende über verantwortlichen Kapitalismus, amerikanische Rating-Agenturen und fairen Lastenausgleich. Die Leute im Waldheim wollten anderes hören. "Das haben wir alles schon tausendmal gehört. Wir können's nicht mehr hören. Jetzt werd' doch mal konkret, Andrea" – doch von den Zwischenrufen ließ sich Kampflächlerin Nahles, die Positive, nicht beirren.

Nach einem weiteren Vortrag des ehemaligen Bundesministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit und schwäbischen SPD-Lokalhelden Erhard Eppler durften dann endlich die Basis-Mitglieder ans Mikro. Und die wurden so konkret, dass es Andrea Nahles sichtlich die Laune verhagelte.

Nahles' Lächeln verschwindet
"Das Wort Niederlage kam bei dir gar nicht vor, Andrea, und das bei nur zwölf Prozent, die wir in Bayern erreicht haben", brüllte Thomas Volkmann, erster Vorsitzender vom Ortsverein Tübingen, ins Mikrofon. "Will der Parteivorstand da einfach durch oder wie stellt der sich das vor?" Und Rainer Nase, Vorstand vom Ortsverein Weikersheim, legte nach. "Wir brauchen klare eindeutige Worte. Die Parteispitze in Berlin, die macht konsequent das Gegenteil davon. Andrea, wo hast du denn mal einen Standpunkt und stehst dann auch dazu?" Das Lächeln auf dem Gesicht von Andrea Nahles war jetzt verschwunden.

Mit verschränkten Armen, grimmig Kaugummi kauend, verfolgte die Vize-Parteivorsitzende die Anschuldigungen, die auch aus Schorndorf, Stuttgart und Göppingen auf sie einprasselten. "Die Leute auf der Straße glauben uns nicht mehr", erklärte Rita Haller-Heid, Landtagsabgeordnete aus Tübingen. "Wir müssen unsere Fehler endlich eingestehen, damit wir unsere Glaubwürdigkeit wieder bekommen. Der erste wäre zum Beispiel, die Rente mit 67 rückgängig zu machen." Schlimmer hätte es für Andrea Nahles auf einer Versammlung der CDU, wo sie Stimmen für das Wahlprogramm der SPD werben sollte, auch nicht kommen können.

Debatte? Nicht erwünscht
"Ich verstehe ja Eure Emotionen", versuchte die Parteivorsitzende die Stimmung zu besänftigen. "Aber jetzt ist einfach der falsche Zeitpunkt dafür." Und damit war klar, worum es eigentlich geht: nämlich um den Bundesparteitag am kommenden Sonntag und damit um die Bundestagswahl im Herbst. Sollte es jetzt zu größeren Diskussionen innerhalb der Partei kommen, fürchten die Sozialdemokraten noch mehr Stimmen zu verlieren. "Kapiert Ihr denn nicht, dass wir am Sonntag ein gutes Wahlprogramm verabschieden müssen?", flehte Andrea Nahles fast schon die etwa einhundert anwesenden Genossen an. "Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass wir sagen können, was wir in den letzten Jahren alles falsch gemacht haben und uns dann die Leute wählen! Das interessiert die Leute doch auch nicht, wenn wir in den Eingeweiden der SPD rumwühlen." Doch genau das scheint die Basis zu denken. Lieber das Wahlprogramm nochmals überarbeiten und Fehler der Vergangenheit aussprechen als den Schein wahren, dass alles in Ordnung sei und das schlechte Wahlergebnis der Kommunal- und Europawahl auf die geringe Wahlbeteiligung zurückzuführen sei.

Epplers Umarmung
Nach drei Stunden kann Andrea Nahles die Anklagebank endlich verlassen. Sie mahnt nochmals an, am Bundesparteitag ausschließlich das zu thematisieren, was in der vergangenen Zeit gut gelaufen ist für die SPD. Schließlich sei auch im aktuellen Wahlprogramm genügend Profilierungsmaterial enthalten. Von Korrekturen möchte sie nichts wissen, höchstens von einer Profilschärfung. "Das wäre wie ein Ritt auf einer Rasierklinge", wenn jetzt noch Punkte geändert werden würden. Für Grundsatzdiskussionen sei in diesem Jahr der falsche Zeitpunkt. "So etwas läuft ja nicht ohne Streit ab, machen wir uns nichts vor."

Nur Erhard Eppler und zwei Genossen aus Freudenstadt und Heidelberg unterstützten an diesem Abend Andrea Nahles. Sie wirkt geschafft, reibt sich immer wieder die Stirn. Erst als Eppler aufsteht und die halb so alte stellvertretende Parteivorsitzende wie eine Tochter drückt, kann Andrea Nahles wieder lächeln.

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