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Die Partei der Oskar-Gewinner

Die CDU betrauert riesige Verluste, auch für die SPD war es das schlechteste Ergebnis seit 1955. Nur einer hat es im Saarland mal wieder allen gezeigt: Oskar Lafontaine. Die Linke lebt von ihrem Frontmann - und feiert ihn wie einen Popstar.

Von Sebastian Christ, Saarbrücken

Es ist kurz vor neun Uhr abends, als Oskar Lafontaine am Saarbrücker Max-Ophüls-Platz aus seiner Limousine aussteigt. Es wären nur einige Meter bis zum Seiteneingang des Partyzelts gewesen und von dort ein Katzensprung aufs Podium. Doch die Organisatoren wollen, dass ihr "Oskar" einen richtigen Einmarsch abliefert, sie haben bereits rote Blenden in die Zeltscheinwerfer geschoben und die Jubelmusik vorbereitet. Also nimmt Lafontaine nicht den Seiteneingang, sondern wälzt sich mit einem Tross aus Fernsehteams und BKA-Beamten erstmal im Halbrund um das Zelt. Zigarettenrauch wabert durch die Luft, die Kameralampen blenden, er spricht mit seinem Parteigenossen Ulrich Maurer über die Ergebnisse aus Völklingen. Als Lafontaine dann vor dem Zelteingang steht, der ihm den langen Marsch durchs Publikum ermöglicht, ertönt sein Lied: "We are the Champions".

Im Saarland gibt es an diesem Abend in der Tat nur einen großen Sieger, und das ist die Linke. Dank der Sympathiewerte ihres Spitzenkandidaten Oskar Lafontaine hat die Partei an diesem Abend gleich mehrere bemerkenswerte Ergebnisse erzielt. Mit einem Plus von 19 Prozent erreichte die Linke einen der höchsten Zugewinne in der Geschichte der bundesdeutschen Landtagswahlen. In Saarbrücken-Burbach ist sie sogar mit über 40 Prozent stärkste Partei geworden. Außerdem bedeuten die 21,3 Prozent für Lafontaine und die Linke eine krachend laute Ohrfeige für die Demoskopen. Wieder einmal ist es ihnen nicht gelungen, mit den Mitteln der Meinungsforschung eine verlässliche Vorhersage für eine Landtagswahl zu treffen. Die Forschungsgruppe Wahlen hatte noch Mitte August einen Wert von 16 Prozent prognostiziert, Infratest dimap gar nur 15 Prozent.

Feuchte Augenwinkel

Solche Fehlvorhersagen machen es der Linken leicht, sich in die Rolle des ewig geschnittenen Underdogs zu begeben. "Ich muss darauf bestehen, dass die Institute darüber nachdenken, ob sie damit an die Öffentlichkeit gehen", dozierte Lafontaine am frühen Abend im ARD-Wahlstudio. Er wirft den Medien seit langer Zeit Voreingenommenheit gegen die Linke vor. Und jetzt, da er auf dem Podium des Festzeltes steht, kostet er seinen Triumph aus: "Wir haben die politische Szene aufgemischt. Wir haben den politischen Wechsel möglich gemacht." Und an die Adresse seiner Kritiker: "Trotz der massiven Kampagnen gegen uns haben die Saarländer sich für die Linke entschieden."

Immer wieder schallen laute "Oskar, Oskar!"-Rufe durch den Saal. Die Menschen stehen zum Teil auf den Bierbänken. Manche schwenken rote Fahnen. Lafontaine macht immer wieder Pausen und blickt ins Publikum. Einmal droht ihm seine Stimme wegzubrechen: Nachdem er sagt, dass es im Saarland künftig keine Studiengebühren mehr geben wird - und er dafür gut 30 Sekunden lauten Sonderapplaus bekommt. Seine Augenwinkel werden feucht.

Über die "Oskar-Manie"

Zur selben Zeit, zwei Kilometer weiter, ist es in der Saarbrücker Congresshalle schon sehr still geworden. Hier waren die Fernsehstudios aufgebaut, hier fand die offizielle Wahlveranstaltung des saarländischen Landtages statt. Gekommen waren vornehmlich Mitglieder der CDU. Bereits vor 18 Uhr waren die Ergebnisse der so genannten Exit-Polls durchgesickert. Angeblich sollen sie auch bei dieser Wahl vorab getwittert worden sein. Demnach wäre die CDU noch auf 37 Prozent gekommen - was für sich schon ein schlechter Wert gewesen wäre. Was dann über die Bildschirme flimmerte, gab den Christdemokraten den Rest: 34,5 Prozent in einem eigentlich strukturkonservativen Bundesland sind eine bittere Niederlage.

"Es ist frustrierend. Zehn Jahre gute Politik sind nicht gewürdigt worden", sagt der saarländische Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, Egbert Ulrich. "Die Oskar-Manie ist immer noch vorhanden. Aber Heiko Maas hat eben auch einen guten Wahlkampf gemacht."

Eingefrorene Gesichter bei der CDU

Bei der ersten Hochrechnung, die im Saal live übertragen wurde, zeigt sich das ganze Entsetzen in den Gesichtern der CDU-Mitglieder: Beinahe regungslos starren sie auf die Leinwand, eingefrorene Gesichtszüge. Wenn sich doch etwas regt, dann ist es Kopfschütteln. Schon um zwanzig nach sechs verlassen viele die Congresshalle.

Auf der Wahlparty der Linken steht Peter, der aus dem, so sagt er, "schwarzen Nest Lebach" kommt. Seine schulterlangen Haare sind aschgrau. Er ist ein alter 68er, früher SPD-Wähler, später Grünen-Sympathisant. "Seit dem neoliberalen Kurs von Schröder habe ich 'Adios!' gesagt", betont er. Jetzt ist er Mitglied der Linken und hat in den vergangenen Wochen für Lafontaine gekämpft. "Oskar hat damals als Ministerpräsident Saarstahl gerettet. Das haben ihm die Leute hier nicht vergessen."

Das Ché-Guevara-Shirt

Er wünscht sich, dass die Linke an der Regierung beteiligt wird. Seine Partei solle aber standhaft bleiben, vor allem wenn es um den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr geht. Das Saarland müsse über den Bundesrat aktiv werden, um dem "Krieg" ein Ende zu setzen. "Da darf es keine Kompromisse geben".

Peter trägt ein rotes Ché-Guevara-Shirt. Darauf steht ein alter Revolutionsspruch, der zwischenzeitlich fast in Vergessenheit geraten war: "Seien wir realistisch! Versuchen wir das Unmögliche!"

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