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6. November 2009, 15:55 Uhr

Westerwelle hat noch Luft

Er ist viel in der Luft. Das war sein großes Vorbild Hans-Dietrich Genscher ebenfalls. Guido Westerwelles erste zehn Tage im neuen Amt des Außenministers zeigen indes: Da ist auch noch viel Luft. Von Axel Vornbäumen, Washington

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Außenminister Guido Westerwelle in den Fußstapfen des Vielfliegers Hans-Dietrich Genscher© Arno Burgi/DPA

Es sind dies die Reisen des Zuhörens. Das ist neu im Leben des Guido Westerwelle. Er hat dieses Motto für sich gewählt - und eigentlich ist das auch gut so. Wenn er sich denn daran hielte. Nur, ganz stumm sein, das geht eben auch nicht. Und so sind die ersten Tage im Amt des Außenministers für den Mann, der gewohnt war, die eigenen Ansichten dem Publikum nassforsch zu präsentieren, ein seltsam anzuschauender Grenzgang: Er muss nun fürs Erste Allgemeinplätze im Kammerton vortragen. Das ist nicht immer ganz einfach.

Sein Länderpunktekonto als Deutschlands neuer Außenminister wächst gerade unaufhaltsam an. In seiner ersten Woche war er an der Seite von Angela Merkel beim EU-Gipfel in Brüssel. Da gab es viele neue Kollegen auf einen Streich zu begrüßen. Er ist nach Polen gereist - demonstrativ. In die Niederlande - demonstrativ. Nach Frankreich - demonstrativ. Und in die USA natürlich auch. Es ist "der wichtigste Verbündete Deutschlands außerhalb Europas", es gehört zum diplomatischen Komment, zeitig in Washington aufzukreuzen.

Jetlag und Schewardnadse

Dass Westerwelles Kollegin Hillary Clinton bereits am kommenden Montag zu den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls nach Berlin kommt, tut da nichts zur Sache. Knappe 41 Stunden dauert der Trip hin und zurück über den großen Teich. Als er an diesem Freitagmorgen gegen 10 Uhr wieder in Tegel landet, wartet dort schon Eduard Schewardnadse, der frühere georgische Präsident, auf ihn. Hans-Dietrich Genscher hat den Termin vermittelt. Westerwelle muss ein bisschen gehobenen Smalltalk machen, mit Anstand gegen den Jetlag ankämpfen, sich einführen in die Community der globalen Außenpolitiker. Das ist sein neuer Job.

Er absolviert also gerade einen Crashkurs in internationaler Diplomatie. Man spürt bei jedem Schritt, dass er begriffen hat, wie rutschig das neue Parkett unter seinen Sohlen sein kann. Der neue Guido Westerwelle ist zu besichtigen: Er ist vorsichtig, unsicher, aber jederzeit bereit, von der Bedeutung, die ihm nun qua Amt zukommt, ergriffen zu sein. In Washington, auf dem Capitol Hill, spricht er davon, dass er "nicht abgebrüht wirken" will, nun, da er "die Ehre hat, mein Land zu vertreten."

Mit Konfirmandenmiene

Schon toll das alles, das ist die Botschaft, die in diesen Tagen aus jedem Knopfloch strömt - ob eingestanden im prunkvollen Uhrensaal des Quai d`Orsay in Paris oder körpersprachlich neben US-Außenministerin Hillary Clinton, in Washington, wo Westerwelle mit Konfirmandenmiene die Plattitüden Clintons entgegennimmt, dass man eine "excellent conversation" gehabt habe.

Iran. Afghanistan. Westerwelles Traum von der atomwaffenfreien Welt. All dies wird nun für vorerst vier Jahre seine Welt sein. Er wird in all diesen Fragen, wie er es einmal neben Hillary Clinton stehend schon andeutet, "die Haltung Deutschlands" formulieren müssen. Das ist ein Gewicht, das deutlich auf seinen Schultern lastet. Tiefere Gedanken zu all dem hat er sich noch nicht gemacht. Das ist kein Vorwurf. Der Wahlkampf, die Koalitionsverhandlungen haben zu all dem noch keine vernünftige Zeit gelassen. Bis zu diesem Freitag hat er sein neues Ministerbüro kaum von innen gesehen. Das wird, das muss sich ändern.

Stabiler im Stoff werden

Er wird Akzente setzen wollen. Das wird nicht ganz einfach sein. Aus seinem ersten Gespräch mit Hillary Clinton hat er mitgenommen, wie wichtig den USA die Lösung der Afghanistan-Frage ist. Noch wird in Amerika über eine neue Strategie im Umgang mit diesem von Terror zerrissenen Land gegrübelt. Guido Westerwelle betont, wie wichtig es sei, dabei "gemeinsam" vorzugehen. Es ist eine Floskel - aber es hat, so oft wiederholt er das Wort, den Anschein, als glaube der neue Außenminister, dass er da wirklich ein gewichtiges Wort wird mitreden können. Irgendwann, wen er mal stabiler im Stoff steht.

Er wird Akzente setzen müssen. Das wird nicht ganz einfach sein. In seiner ersten Woche hat er gemerkt, wie stark der Schatten Angela Merkels auf seinen Arbeitsbereich fällt. Auf EU-Ebene ist das so - und im Verhältnis zu den USA auch. "Alles," sagt Westerwelle, "ist mit Angela Merkel eng abgestimmt." Der Mann, der irgendwann einmal über die Phase des Ergriffenseins hinaus kommen will, wird sich Nischen suchen müssen, um sich als Außenpolitiker zu profilieren. All zu lange darf er damit nicht warten.

Von Axel Vornbäumen, Washington
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
Administrator (09.11.2009, 10:14 Uhr)
@allesklar
Ihr Kommentar wurde gelöscht. Verunglimpfung von Namen sind regelwidrig und werden entfernt.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins



n8g8 (08.11.2009, 18:07 Uhr)
@Tempelhofer
Nun werden Sie mal bitteschööön nicht gleich unfair. Wir haben gewählt und CDU/CSU/FDP haben ihren Koalitionsvertrag ausgehandelt und unterzeichnet. Wenn damit die Pöstchen mit unzulänglichen Personen besetzt wurden, liegt das nicht an den Kritikern. :-)
bob-der-meister (07.11.2009, 08:09 Uhr)
Bundes-Außen-Guido
Bemerkenswert, nach welchem Prinzip höchste Regierungsämter vergeben werden. Westerwelle hat den Job als Außenminister offensichtlich wegen des hohen Prestiges dieses Amtes beansprucht in der Hoffnung vom traditionell hohen Popularitätsbonus des Außenministers zu profiieren.
Leider hat er im Gegensatz zu seinen Amtsvorgängern wenige der Grundvoraussetzungen des Diplomatenjobs mitgebracht.
Sein Privatleben tut gar nichts zur Sache, aber Diplomatie und Fremdsprachenkenntnisse scheinen mir für einen Außenminister schon wichtige Grundlagen zu sein.
Allein die vermutlich erlernbare Fähigkeit, Allgemeinplätze im Kammerton vorzutragen (schön formuliert), wird auf Dauer auch keinen respektablen Staatsmann aus ihm machen.
Trotzdem alles Gute!

Tempelhofer (07.11.2009, 06:48 Uhr)
@ Linke Kommentatoren
Es ist schon erschreckend, auf welches primitives Niveau Ihre Kommentare schon abgesunken sind. Sie wollen angeblich eine bessere Welt aufbauen, leben aber in Wirklichkeit nur Ihr Bedürfnis nach Häme, Gewalt und Homophobie aus.

Der Stern und Sie:
Sie haben sich beide wirklich verdient.
Pixelschubser (06.11.2009, 22:08 Uhr)
Westerwelle hat noch viel Luft...
...nach oben - da ist einfach noch sehr, sehr viel Entwicklungsspielraum. So viel Raum kann dieses Männchen gar nicht füllen.
Wenn Genscher ein Baum war, dann ist Westerwelle eine (leider hohle und taube) Nuss. Sorry, das ist Fakt. Westerwelle als Außenminister, das ist wie Cindy aus Marzahn als Vertretung für Angela Merkel.
n8g8 (06.11.2009, 21:48 Uhr)
En plein air
... dass im aufgeplusterten Guido viiiel Luft steckt, überrascht vermutlich nicht einmal die Wähler der Liberalen. :-)
n8g8 (06.11.2009, 20:48 Uhr)
Pump-Sprays, der Amazonas und Klimawandel
Achtung es wird luftig leicht philozotisch:
Dass im Guido viel Luft steckt, dürfte höchstens seine Wählerschaft überraschen. :-)
In Anbetracht der systembedingten Umweltsünden können wir als Weltbevölkerung total global sogar für jede schwefel-gelbe Luftblase dankbar sein. Man denke etwa an die freiheitliche Abholzung des Regenwaldes und die liberale industrielle Erweiterung des Ozon-Lochs ...
Sauerstoff und Luft zum Atmen tut immer gut. In diesem Zusammenhang würde - abgesehen vom persönlichen Kontenstand der beteiligten Politiker nebst Post-Amt-Pöstchen - sogar das grün-gelbe Jamaika-Geblubber wenigstens umweltpolitisch als Seifenblase Sinn machen ...
VolkerRockel (06.11.2009, 20:22 Uhr)
Mhh....
Vom Gefühl her würde ich sagen: Die Luft ist schon raus!?
jetrabbit (06.11.2009, 18:55 Uhr)
westerwelle
soll die amis überreden, die resolution der UN über die verbrechen an palestinänsern durch israel, gaza-offensive ?geschmolzenes blei? endlich zu unterschreiben, und natürlich auch die BRD... über 114 staaten hatten die resolution unterschrieben, USA/BRD nicht. der typ, kommt in die USA, wie ein exotischer pfau, hat keinen schimmer von weltpolitik, und dann alles in denglisch.
Eisenbaer (06.11.2009, 18:20 Uhr)
Apropos Luft....
...da gab es doch den alten Genscher-Witz, dass es auf dem Atlantik beinahe einen tragischen Unfall gegeben hätte, als das Flugzeug mit dem er in die USA flog, beinahe mit dem kollidiert wäre, in welchem er auf seinem Rückflug saß.
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