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4. September 2007, 17:18 Uhr

"Ich bin gegen diese Volks-DNA"

BKA-Chef Jörg Ziercke hat sich im stern-Interview gegen eine Ausweitung der DNA-Analyse in Deutschland ausgesprochen. Auch ein flächendeckendes System der Videoüberwachung lehnte er ab. In der Debatte über die Online-Durchsuchungen mahnte Ziercke zu mehr Sachlichkeit.

Zoom

Jörg Ziercke ist seit 2004 Präsident des Bundeskriminalamts© Michael Probst/AP

Der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, lehnt eine flächendeckende Videoüberwachung, wie sie in England praktiziert wird, für Deutschland ab. "Das ist nicht meine Vorstellung von einem demokratischen Rechtsstaat", sagte er in einem Interview mit dem stern. Auch eine Ausweitung der DNA-Analyse, um zum Beispiel phänotypische Merkmale eines Menschen wie Haar- und Augenfarbe festzustellen, kommt für ihn nicht in Frage: "Ich halte es für hochgefährlich, in diesem Feld Experimente zu machen."

Er könne sich auch nicht vorstellen, dass die Speichelprobe irgendwann einmal zur normalen erkennungsdienstlichen Behandlung gehört: "Ich bin gegen diese Volks-DNA", so Ziercke im stern, "das können wir auch gar nicht bewältigen, weder technisch noch finanziell." So, wie es heute praktiziert werde, "ist es völlig ausreichend".

Diskussion um Online-Durchsuchungen führt zu Verunsicherung

In der zentralen DNA-Analyse-Datei seien aktuell - Stand: 31. Juli 2007 - rund 608.000 Datensätze erfasst - 492.000 von Personen und 116.000 von Spuren. Insgesamt konnten beim Abgleich der Daten 55.000 Treffer erzielt werden. Ziercke: "Wir konnten damit bis heute 486 teilweise über 20 Jahre zurückliegende Morde und Totschlagsdelikte aufklären, daneben rund 1000 Sexualstraftaten, in der Regel Vergewaltigungen, sowie rund 2900 Raub- und Erpressungsfälle."

Die kritische Debatte um die geplanten Online-Durchsuchungen privater Computer hält BKA-Chef Ziercke für "eine Angstmacher-Diskussion, die zu Verunsicherung führen soll". Es gehe dabei "schlicht und einfach um fünf bis maximal zehn solcher Maßnahmen im Jahr". Mehr sei nicht beabsichtigt und auch gar nicht möglich.

Der Aufwand für eine einzige Online-Durchsuchung sei nämlich beträchtlich, "weil wir jeweils eine eigene Software entwickeln müssen", so Ziercke im stern. Diese "Remote Forensic Software (RFS)" sei "eine Software, die immer nur für den Einzelfall erarbeitet wird, ein Unikat, das speziell auf die Rechner-Umgebung eines Verdächtigen zugeschnitten wird."

Auf die Frage, wie diese Software auf den Computer eines Verdächtigen geladen werden soll, ob man etwa heimlich in Wohnungen eindringen oder Vertrauenspersonen finden müsse, die Zugang haben, antwortete Ziercke dem stern: "Da gibt es viele Möglichkeiten." Es sei aber auch möglich, "die Software online über das Internet auf den Computer aufzuspielen."

Internationale Terrorismus-Bekämpfung

Weil es gegen den heimlichen Online-Zugriff auf private Computer, der in einem novellierten BKA-Gesetz erlaubt werden soll, noch erheblichen Widerstand gibt, stellt BKA-Chef Ziercke klar: "Wir wollen mit dem Instrument Online-Durchsuchung den internationalen Terrorismus bekämpfen und nicht den einzelnen User, der sich irgendwann einmal Musik aus dem Netz runtergeladen hat." Offene Durchsuchungs- und Beschlagnahmeaktionen seien "keine Alternative zur Online-Durchsuchung."

Um Missbrauch auszuschließen, so Ziercke zum stern, "sollten wir darüber diskutieren, wie wir die Kontrollmechanismen verstärken." Der BKA-Chef wörtlich: "Einen Antrag für eine solche Maßnahme sollte grundsätzlich nur die Behördenleitung stellen dürfen. Über den Antrag müsste dann ein Gericht entscheiden. In diesem Antrag müsste der Einzelfall, in dem die Maßnahme durchgeführt werden soll, klar beschrieben sein." Außerdem wäre die Genehmigung zu befristen, über eine Verlängerung sollte erneut ein Gericht entscheiden. Auch eine datenschutzrechtliche Kontrolle müsse sichergestellt werden, ebenso die Benachrichtigung eines Betroffenen nach Abschluss der Maßnahme.

Der BKA-Chef ging im stern-Interview auch auf die beiden Kofferbomben-Attentäter ein, die vor einem Jahr zwei Sprengladungen in deutschen Regionalzügen deponiert hatten. Die Sprengladungen seien von BKA-Technikern kontrolliert gezündet worden: "Nach unseren Hochrechnungen hätte es 50 bis 60 Tote und viele Schwerst- und Schwerverletzte gegeben, wenn die Koffer tatsächlich hochgegangen wären."

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 36/2007

Das komplette Interview

Das komplette Interview finden Sie im neuen stern. Ab Donnerstag am Kiosk.

KOMMENTARE (8 von 8)
 
bR4iNST0RM (30.08.2007, 16:50 Uhr)
Fehlerteufel!
zu den Gehältern: meinte natürlich 6stellige!
bR4iNST0RM (30.08.2007, 16:35 Uhr)
Ganz grosses Kino!
@ atride: gut gebrüllt, junger Löwe! Aber das „Aufstehen“ in einer „Demokratie“, in der einem bei der leisesten Aufwärtsbewegung die Beine gebrochen werden, ist der Gedanke allein Utopie.
Unsere Herren und Damen Politiker sind in einer Parallelwelt, die für „Normalsterbliche“ nicht greifbar scheint. Sie kassieren Gehälter, Diäten und Renten in 5stelligen Beträgen, obwohl der Schuldenabbau oberste Priorität sein sollte!
Sie predigen den Bürgern vor, sie sollen für die Umwelt alles nur erdenkliche machen, wenn Nötig sogar „einfach mal“ auf den Urlaub verzichten, fahren selbst mit den dicksten Autos durch die Gegend und machen Sommerpause in fernen südländischen Gefilden.
Sie singen von Transparenz und Nachvollziehbarkeit, aber haben selbst Panikattacken, wenn es um die Offenlegung Ihrer Einkommen geht. (Alle!!)
Das Prinzip: Mit gutem Beispiel voran!
Aber wehe jemand behauptet, dieses sei keine Demokratie! Das wäre Verleumdung!
Zum Thema:
Gut finde ich, dass Herr Ziercke sich deutlich von der „Volks-DNA“ distanziert! Schlecht wiederum, dass er den „BKA-Trojaner“ auf sehr dümmliche Art versucht zu verteidigen. Zur Info, dieses „individuelle Anpassen“ des Trojaners glaubt ihnen niemand, der bis zur Zehn zählen kann! Das was individuell Angepasst wird, ist legendlich die Art des Manifestierens des Trojaners, sprich ob nun über die online Verbindung, oder doch lieber in die Wohnung des „Verdächtigen“ einzudringen und direkt den PC zu spicken.
Und dann höre ich da immer, die Terroristen müsse man doch aufhalten! Hallo!! Aufwachen!! Wenn jemand Böses plant und geschnappt wird, bevor er ans Ziel kam, war das reiner Zufall oder Dummheit des „Terroristen“! Wer genügend kriminelle Energie hat und das entsprechende Kleingeld, schafft die Verwirklichung ohne nur einmal Aufgefallen zu sein! Und leider haben viele dieser Spinner eben genannte Mittel. Überlegt euch lieber mal, welche Staaten von uns finanziert werden, und vor allem, wohin diese Geld auch wirklich geht! Bzw. mit welchen Leuten ihr „Geschäfte“ macht.
tripex (30.08.2007, 04:26 Uhr)
Wir wollen doch gar nicht Dich
Als nächstes wird die Todesstrafe für Terroristen eingeführt mit der Begründung, wir wollen doch gar nicht 82 Millionen Leute umbringen. Selten so eine dämliche Begründung gelesen. Im Grunde gibt's nämlich überhaupt keine sinnvolle Begründung für Online-Durchsuchungen.
setifis (29.08.2007, 10:42 Uhr)
Demokratie
Man kann doch nicht die Demokratie die man schützen will, einfach abschaffen!
atride (29.08.2007, 10:00 Uhr)
Millionen
Bundesbürger haben den Film "Das Leben der Anderen" gesehen. Darin wird der real existierende Wahnwitz eines Überwachnungsstaats, der DDR, faktengetreu geschildert. Nun regt sich aber kaum jemand auf, wenn Schäuble sehr ähnliches, durch Hightech quasi ins Absurde potenziert, in Gesamtdeutschland machen will. Was ist nur mit den Bürgern los? Woran liegt diese politische Agonie der Allgemeinheit? Weshalb können Halb- oder Dreiviertelirre wie BIG SCHÄUBLE schalten und walten, wie es ihnen beliebt? Liebe Leute, das Rad wieder zurückdrehen, wird fast unmöglich sein - steht also heute auf!!!
Malt (29.08.2007, 09:35 Uhr)
Wer's glaubt!
Ja, Otto Hahn hatte bei seinen Forschungen im Bereich der Kernspaltung sicher auch nicht die A-Bombe im Geiste! Das Schlimme ist: Selbst WENN die jetztige Regierung angeblich nichts Böses im Schilde führen SOLLTE... wer weiß denn, was bei uns in Zukunft noch für Verrückte an die Macht kommen... und was ist dann?
SA-SS-GESTAPO-STASI-BKA...
trollpatsch (29.08.2007, 09:13 Uhr)
"Wir wollen .."
"Wir wollen mit dem Instrument Online-Durchsuchung den internationalen Terrorismus bekämpfen und nicht den einzelnen User, der sich irgendwann einmal Musik aus dem Netz runtergeladen hat."
ERSTENS ist das extrem unglaubwürdig (wer ist eigentlich 'wir'?) - zumal es just nach dieser unglaublichen Lüge von der "jeweils eigens zu entwickelnden Software" steht, die als eine der dreistesten Akte der Volksverdummung in der letzten Zeit gelten darf - was aber im geistigen Umfeld unseres Anti-Grundgesetz-Ministers Schäuble leider eine gängige Praxis geworden zu sein scheint, und
ZWEITENS - unterstellen wir ruhig mal, dieser feine Herr wolle das (im Moment zumindest) tatsächlich nicht: WOLLEN und TUN sind zwei paar Stiefel. KEIN derartiges Instrument wird nach seiner Einführung tatsächlich SO verwendet, wie ursprünglich (angeblich) geplant, sondern schlicht nach Gutdünken jener, die es handhaben; sei es die Autobahnmaut, der Online-Kontozugriff, der Lauschangriff, die Fluggastdatenübermittlung, der unsägliche SWIFT-Skandal ...
Wir haben in den letzten Jahren eine schleichende Einschränkung, Beschneidung und teilweise sogar faktische Abschaffung von Freiheitsrechten hinnehmen müssen, derart, dass die zum Buzzword verkommene "freiheitlich"-demokratische Grundordnung nur noch als Schlag ins Gesicht wahrgenommen werden kann.
Und absolut NIEMAND in Sicht, der diese gefährlichen Verfassungsfeinde in Spitzenpositionen und Bundesregierung stoppen zu können scheint. Denk ich an Deutschalnd ...
atride (29.08.2007, 08:29 Uhr)
Um Himmels willen -
wo sind die Menschen oder Politiker, die diesem ganzen irrwitzigen Totalüberwachungs-Wahn endlich Einhalt gebieten?! Ich kann und will in einem Land, dass BIG SCHÄUBLE und seine Schergen gestalten nicht leben.
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