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27. Juli 2008, 09:26 Uhr

Morgenrot am Pausenhimmel

Versiffte Klos, schauerlicher Fraß, finstere Betonbunker - Autobahnraststätten haben von jeher einen üblen Ruf. Zu Unrecht. Viele von ihnen bekamen längst ein Facelifting. Manche haben sich sogar zu regelrechten Ausflugszielen gemausert. Ein Besuchsbericht. Von Wolfgang Röhl

Kühnes Dach, opulentes Restaurant: Die Raststätte Helmstedt Süd an der A 2 Richtung Berlin war die erste einer neuen Generation© Hardy Müller

Fahrzeuge verursachen Wirbel", erklärt Erich Kaul, "und Wirbel machen schlechtes Chi. Damit es nicht ins Gebäude gelangt, haben wir den Eingangsbereich zur Straße hin schräg versetzt." Herr Kaul, 48, ein engagierter Mann in Cordhose und Strickjacke, ist nicht einfach Betreiber der Autobahnraststätte Gruibingen an der A 8 zwischen Stuttgart und Ulm. Er ist Spiritus Rector des "ersten Feng-Shui-Rasthofs Europas".

Feng-Shui ist die chinesische Lehre einer harmonischen Bau- und Raumgestaltung. Drei Millionen Euro sind in den Neubau der Raststätte geflossen, die zum Autobahnimperium Tank & Rast gehört. Eine davon hat Kaul selbst aufgebracht. Die Vermählung von Geld und Chi zeugte eine Perle der Autobahngastronomie. Einlegemuster im Boden des Empfangsbereichs symbolisieren offene Arme. An der Kaffeebar, die von oben wie ein Schmetterling wirkt, blicken Gäste, die mit dem Rücken zur Tür sitzen, in Spiegel. Dadurch werden "verstockte Energien" frei. Das opulente Büfett bietet Antipasti, magere Biobratwürste mit Kartoffelgratin oder "7 Köstlichkeiten" aus dem Wok, kann aber auch mit Schnitzel Wiener Art an Pommes rot-weiß dienen. "Der Klassiker", sagt Herr Kaul seufzend, "ohne den geht's nicht."

Im Obergeschoss locken neben badischen Weinen stattliche Buddha-Statuen (70 bis 900 Euro), Räucherstäbchenhalter (ab 25 Euro) und ein Feng-Shui-Brunnen aus Bergkristall (210 Euro). Der Laden brummt. "Viele fahren unsere Raststätte gezielt an", weiß Kaul. "Auch Leute aus der Umgebung, die nur zum Essen kommen." Zum Essen? In eine Raste? Vorsätzlich? Wer es sonst vermeidet, an der Autobahn einzukehren, traumatisiert durch frühere Erfahrungen, reibt sich die Augen. Deutsche Autobahnraststätten stehen im Ruf, gegen sie wirke Bates Motel aus "Psycho" heimelig. "Betonbunker mit Schwimmhallencharme", ätzten einst die Kritiker.

WC-Erlebnisse

Es gibt sie noch, aber es werden immer weniger: Grundbergsee auf der A 1 vor Bremen ist noch eine der alten Unart. Unübersichtlicher Gastraum, Brötchen und Beläge wirken müde, erschöpft, ein Kuchen welkt in der Vitrine, Currywurst und Pommes sind so lala.

Schlimme alte Raste! Durch ihre mit nikotinschweren Gardinen verhängten Fenster konnte man dann und wann beobachten, wie genervte Urlauber ihre Kläffer auf dem Weg nach Italien - Ciao, Bello! - an die letzten Bäume banden, die noch nicht im Abgasnebel eingegangen waren. Siffige Klos, deren bloßer Anblick einen mit Unaussprechlichem zu infizieren schien, waren Standard. Harald Schmidt: "Wenn ich auf einer Autobahnraststätte zur Toilette gehe, habe ich zur Sicherheit immer meine eigenen WC-Steine dabei. Und diese verkeimte Untertasse mit den Münzen! Man traut sich schon nicht mehr, das Geld wegzunehmen."

Auch das: verweht. Wer heute nach Einwurf von 50 Cent durch ein Drehkreuz den "Sanifair"-Bereich betritt, kann was erleben. Die Brille wird von Robot-Armen nach jedem Aufsitzen desinfiziert. Das Wasser am Waschbecken fließt, sobald die Finger dem Hahn nahe kommen. Auch der Handtuchspender funktioniert kontaktlos. Sobald das umweltfreundliche Urinal (wasserlos, preisgekrönt) benetzt wird, leuchtet eine Schrift am Becken auf. Dieses Örtchen, meldet sie, sei ein "Hingucker", ideal für Werbung. An der Wand vor dem Pissoir wirbt ein Pharmaunternehmen zielgruppengenau für das Mittel "Prostagutt." Aus verborgenen Lautsprechern perlen sphärische Tonfolgen, während man kontaktlos durch das Drehkreuz hinausschreitet. 350 Raststätten haben mittlerweile Sanifair-Klos. Sie erfreuen sich, sagen die Betreiber, höchster Kundenzufriedenheit. Das Eintrittsgeld wird rückerstattet, wenn in der Raststätte etwas gekauft oder verzehrt wird.

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Ausgabe 30/2008

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