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Für zehn Euro über den großen Teich

Günstige Anbieter wollen jetzt auch die Langstrecke erobern, die ersten Billigairlines fliegen bereits über den Atlantik und nach Hongkong.

Von Andreas Spaeth

Michael Garvens träumt schon lange vom günstigen Flug über den Atlantik. Seit der ehrgeizige Chef des Flughafens Köln/Bonn den früheren Regierungsairport zum Drehkreuz der europäischen Billigflotte in Deutschland gemacht hat, möchte er, dass auch außereuropäische Lowbudget-Airlines am Rhein landen. Schon im Mai 2005 sollte es losgehen. Doch die erste geplante Kooperation mit American Trans Air (ATA) scheiterte. "Wir waren unserer Zeit wohl voraus", räumt der Flughafenchef ein. Jetzt rührt er die Werbetrommel auf der Langstrecke für den ersten asiatischen Billigflieger Oasis Hongkong. Der fliegt bereits seit Oktober 2006 täglich zwischen Hongkong und London-Gatwick. Die Streckenrechte nach Köln/Bonn und Berlin- Schönefeld haben die Asiaten schon. Doch Oasis-Chef Steve Miller dämpft gegenüber dem stern die Erwartungen: "Vor 2008 wird da nichts passieren." Es fehlen die richtigen Flugzeuge. Grund ist die verspätete Auslieferung des Airbus A380, was dazu führt, dass keine Großraummaschinen auf dem Gebrauchtmarkt zu haben sind. Wegen der Auslastung wären für die Nonstop-Flüge nach Hongkong etwas kleinere Airbusoder Boeing-Typen ideal. Aber auch die sind zurzeit weder gebraucht noch neu verfügbar - auch eine Folge des A380-Rückstaus und des allgemein boomenden Marktes. Miller wird seinen Plan dennoch weiter verfolgen: "Berlin ist ein bekannter Name in Asien, und Köln/Bonn ist schon wegen seiner Nähe zu Paris interessant."

Fliegen um die halbe Welt zu Spottpreisen

Während man in Europa noch nicht so weit ist, hat in Asien bereits die nächste Revolution auf dem Flugmarkt begonnen - fliegen um die halbe Welt zu Spottpreisen. Dort wirkt als geistiger Erbe des britischen Billigflug-Pioniers Sir Freddie Laker ein 43 Jahre alter und fröhlicher Malaysier namens Tony Fernandes. Früher hat er für das Virgin- Imperium von Richard Branson gearbeitet, erst als Rechnungsprüfer, später als Controller. Doch reich (geschätztes Vermögen 205 Millionen US-Dollar) wurde er erst, nachdem er 2001 Asiens heute größte Billigfluggesellschaft Air Asia gegründet hatte (Slogan "Jetzt kann jeder fliegen"). Nun holt Fernandes zum großen Schlag aus: Er gründet AirAsia Long Haul, einen Ableger für preiswerte interkontinentale Flüge. Ende April gab er bei Airbus eine Bestellung für zehn Langstreckenmaschinen des Typs A330-300 auf, mit einem potenziellen Gesamtwert von 2,6 Milliarden Dollar, Lieferung ab Ende 2008. Starten wird das Unternehmen schon im kommenden September mit gemieteten Flugzeugen. Von Kuala Lumpur aus soll es zu Preisen von 50 bis 60 Prozent unter den heute üblichen Tarifen nach Japan, China, Indien, Australien und nach Europa gehen.

Freddie Laker war der Erfinder günstiger Langstreckenflüge, seine 1977 gegründete Fluggesellschaft Skytrain beförderte in den fünf Jahren ihres Bestehens drei Millionen Menschen über den Atlantik. Zu Preisen von umgerechnet 50 Euro pro Strecke etwa zwischen London und New York. Sir Freddie galt bis zu seinem Tod im Februar 2006 als Volksheld. "Ich wollte eine Airline für arme Leute gründen, für Studenten und Rentner", so Laker in einem seiner letzten Interviews. Als sein Skytrain schon nicht mehr abhob, kam ein anderer Billigflieger aus den USA herüber, Peoplexpress. Im Mai 1983 begann die mit Niedrigstpreisen erfolgreiche US-Inlandsairline auch Transatlantikdienste. Eng bestuhlte Jumbojets flogen zu Einheitspreisen von 149 Dollar pro Strecke, bezahlt wurde an Bord. Die Nachfrage war so gewaltig, dass auf dem Bürgersteig vor den Büros der Gesellschaft an der Londoner Victoria Station häufig Menschen nächtelang campierten, um eines der begehrten Tickets zu ergattern. Üblicherweise waren Flüge innerhalb von 24 Stunden ausverkauft. Peoplexpress, von vielen wegen der chaotischen Zustände auch "People Distress" genannt, ging an der eigenen Über-Expansion zugrunde und existierte nur bis Februar 1987.

Erfolgsgeheimnis: Wenig Service, abgelegene Flughäfen

Seitdem entwickelten sich zunächst in Amerika, später auch in Europa und Asien auf Kurz- und Mittelstrecken erfolgreiche Billigflieger wie Southwest Airlines und Jetblue oder Easyjet und Ryanair. Wenig Service, kurze Bodenzeiten oft auf abgelegenen Flughäfen, Verkauf über Callcenter und im Internet, dazu viele Flüge auf jeder Strecke - das Geschäftsmodell ist überall gleich und funktioniert bestens. Aber auf langen Distanzen gelten andere Bedingungen. Durch die langen Flugzeiten sind die Kostenvorteile geringer als auf Kurzstrecken, denn die fixe Belastung für Wartung, Treibstoff, Gebühren und so weiter lässt sich nicht verringern. "Es wird nie einen großen weltweiten Billigflieger geben", behauptete Ryanair-Chef Michael O’Leary noch im März gegenüber dem stern.

Doch nach dem Mott o "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern" redete O'Leary Mitte April ganz anders: Voraussichtlich 2010, so kündigte er an, werde er eine von Ryanair unabhängige Langstrecken- Billiglinie eröffnen, die die 23 europäischen Ryanair-Basen (in Deutschland Hahn, Weeze, Bremen und Lübeck) mit Orten an der US-Ostküste verbinden soll. Auf dem Plan stehen zunächst Baltimore/ Washington, Providence in Rhode Island oder Islip auf Long Island bei New York. "Die günstigsten Tarife werden bei zehn Euro pro Strecke liegen", verspricht O’Leary, dessen Gesellschaft bis 2009 jährlich 70 Millionen Passagiere transportieren will - heute sind es 50 Millionen. Geld, so der clevere Ire, soll auf der Langstrecke vor allem mit dem Verkauf von Extras an Bord gemacht werden. "Damit könnten wir im Schnitt auf 50 Dollar Umsatz pro Passagier kommen", rechnet er vor. Für Geschäftsreisende soll es eine eigene Klasse mit mehr Komfort geben. Der Grund für den Sinneswandel ist kein Geheimnis. Die Europäische Union und die USA haben sich auf ein "Open Sky"-Abkommen zur Liberalisierung des Luftverkehrs geeinigt, das am 30. März 2008 in Kraft tritt: Europäische Fluggesellschaften dürfen künftig aus allen EU-Staaten in die USA fliegen. So kann nun der irische Ryanair-Ableger zum Beispiel ab Deutschland direkt nach Amerika fliegen und damit die nötige Auslastung erzielen. Bisher hätte er nur von Irland aus verkehren dürfen.

In Großbritannien hat gerade die kanadische Zoom Airlines einen Ableger gegründet und fliegt zum Beispiel von London nach New York oder Vancouver rund 70 Prozent billiger als die üblichen Anbieter, auch ab Paris bietet "Zoom" Flüge nach Kanada. Und Oasis Hongkong pendelt mit von Singapore Airlines gekauften Boeing 747-400 sechsmal wöchentlich zwischen der ehemaligen Kronkolonie am chinesischen Perlfluss-Delta und London- Gatwick, bald kommen Dienste nach Vancouver und Oakland in Kalifornien hinzu. Bereits in den ersten drei Monaten des Flugbetriebs war Oasis zu 76 Prozent ausgebucht und mit 97 Prozent Pünktlichkeit nicht schlecht für einen Neuling. Bis heute buchten bereits mehr als 100 000 Kunden. Die Passagiere sind überwiegend begeistert. Ihre Kommentare auf einer unabhängigen Website (www.airlinequality.com) belegen das. "Ein absolutes Schnäppchen", schreibt hier Passagier Philip Littler, "und ein unglaubliches Preis-Leistungs-Verhältnis." Oasis-Tarife beginnen bei Endpreisen von rund 240 Euro pro Strecke. Solche Angebote wollen nun auch die Deutschen buchen können. In Berlin ist man optimistisch: "Ich bin sicher, dass die kommen", sagt Burkhard Kieker, Marketingleiter des Berliner Flughafens - und es schadet wohl nicht, dass der Sohn des Oasis-Chefs bereits in Schönefeld arbeitet, ebenfalls im Marketing.

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