Die Schleiregion galt bislang nicht gerade als kulinarisch bedeutender Landstrich. Doch nun ziehen frische Düfte durch alte Landgasthöfe. Wie in Rieseby. Hier hat Maria von Randow vor bald drei Jahren dem 260 Jahre alten Dorfkrug "Riesby Krog" neues Leben eingehaucht. In schlicht-modernem Landhaus-Ambiente serviert sie heute feine Eigenkreationen wie ein Saltimbocca vom Noorfisch, aber auch deftige Klassiker wie das weithin gerühmte "Schnitzel vom freundlichen Landschwein". Dieses kommt auf Wunsch in Begleitung von lila Püree aus "Hermanns Blauen", einer fast vergessenen Kartoffelsorte. "Das Land gibt viel her", sagt von Randow, "vor allem an Beilagen." Ihre besonders krossen Bratkartoffeln etwa. Die kommen in großen Portionen - und treffen auf große Zustimmung bei den hungrigen Gästen.
Man sollte sich nicht täuschen lassen vom Gerücht, das Land sei hier so platt wie der Zungenschlag der Einheimischen. Die Eiszeit hat ein paar Steigungen zusammengeschoben, die Wanderer wie Fahrradfahrer gern unterschätzen, zumal stets eine schöne Brise weht (natürlich immer von vorn). Doch gerade die charmant-hügelige Landschaft mit Meeresluft, die kleinen Städtchen wie Schleswig und Kappeln samt dem Geruch von Kuhdung dazwischen machen den Reiz der Region aus. Und: Fischerdörfer wie Sieseby am Südufer der Schlei mit eigenem Fähranleger und romantisch wie einst Keitum auf Sylt, bevor Bogner und Konsorten den einst verschlafenen Reetdach-Weiler in eine seltsame Parallelwelt mit teuren Boutiquen und schweren Allrad-Limousinen verwandelten.
An der Schlei entsteht Neues meist aus sich selbst heraus, und nicht selten hat es etwas mit Essen zu tun. Dafür gibt es sogar ein eigenes Hochglanzmagazin mit dem plattdeutschen Namen "Mohltied!", das zwar nur einmal im Jahr und nur in der Region erscheint, dessen Chefredakteur Eckhard Voß die Auflage der jüngsten Ausgabe aber gerade von zehn- auf fünf-zehntausend Exemplare erhöhen musste. Dass ihm der Stoff ausgehen könnte, muss er nicht befürchten: "Hier gibt es erstaunlich viele Leute, die ihr Ding machen und auf Kompromisse keine Lust haben." Der Traum von Hedda Krog, Frau eines Bauern in Ulsnis am Nordufer, sei "schon immer" ein eigenes Café gewesen, wie sie im Garten unter einem Apfelbaum mit Blick auf die Schlei erzählt. Das 2001 eröffnete "Café Krog" gilt heute als Institution kalorienreicher Nachmittage. Bis zu 30 Torten werden an einem guten Tag gebacken - und gegessen. Wer ein Stück von Krogs Trümmertorte mit Zitronencreme und Baiserhaube oder Mohn-Stachelbeer-Torte vor sich hat, weiß, warum hier niemand seinen Appetit an simple Blechkuchen verschwendet.
Gebacken wird überhaupt viel an der Schlei. Am Südufer bei Schleswig kann man im neu eröffneten "Historischen Gasthaus Haddeby" einem eher ungewöhnlichen Bäckermeister bei der Arbeit zusehen. Christian Timm ist nicht nur für seine nach alten Rezepten gebackenen Brötchen berühmt, die beim Wikinger-Frühstück vorzugsweise mit hausgemachter Kirschmarmelade serviert werden. Der 46-Jährige, dessen wildem Vollbart gleich zwei graue Zöpfe entwachsen, ist nach eigenem Bekunden "Wahl-Wikinger", seit er vor 18 Jahren einem Verein "für experimentelle und angewandte Archäologie" beigetreten ist. In seiner Freizeit bastelt er jetzt Schlittschuhe aus Pferdeknochen und hält Vorträge über das raue Leben vor tausend Jahren.
Fährt man von Haddeby aus nicht über die B76, sondern kleine Nebenstrecken durch Güby und Weseby, ist bald Missunde erreicht, ein kleines Dorf, das fast im Schilf versinkt und auch irgendwo in Norwegen liegen könnte. Hier ist die Schlei nur einen 135 Meter messenden Katzensprung breit. Herrscher der Meeresenge ist Rüdiger Jöns, Kapitän der acht Autos fassenden Fähre - ein verkappter Pirat, der nur darauf wartet, dass der FC St. Pauli aus Hamburg wieder in die 1. Liga aufsteigt. Missunde ist zwar weit weg vom Rotlicht-Kiez, doch im Fall der Fälle wird Jöns die vier Masten seiner Seilfähre mit Totenkopffahnen beflaggen - ein mutiges Vorhaben in einer Gegend, in der fast jeder zweite Wagen mit HSV-Wappen unterwegs ist. Bis es so weit ist, kreuzt Jöns noch unter den Flaggen Deutschlands, Schleswig-Holsteins und der beiden Ufer-Kreise Schleswig-Flensburg sowie Rendsburg-Eckernförde. Nur 90 Sekunden dauert übrigens eine Überfahrt, und wer sich mit dem Fußball-Piraten Jöns festquatscht, hat die Schlei schnell ein paar Dutzend Mal am Stück überquert.
Querköpfe fühlen sich offenbar wohl in einer Gegend, in der lange Jahre die Wikinger das Sagen hatten. Und später Herzöge, die sich selbst die Naturgesetze untertan machen wollten. So ließ Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf im 17. Jahrhundert einen begehbaren Globus bauen, ein Wunderwerk damaliger Technik, in dem der Herzog, ein großer Freund des Absolutismus, gut 1000 Sterne des Schleswiger Nachthimmels gern von eigener Hand auf- und untergehen ließ. Auch der heutige Globus-Nachbau im Barockgarten des Gottorfer Schlosses vernachlässigt einige neuzeitliche Erkenntnisse. So herrschen mehrköpfige Seeschlangen im Bermudadreieck, Kalifornien ist eine Insel und Alaska gar nicht verzeichnet (zu kalt und abseits). Die Erde selbst ruht fest im Mittelpunkt des Universums, dessen Hauptstadt Schleswig ist. Und schließlich: 24 Stunden dauern, dem Rotationstempo des Globusses sei Dank, in der rastlosen Metropole Schleswig in Wirklichkeit nur acht Minuten. Das sollte man bei seiner Urlaubsplanung durchaus bedenken.
Gefunden in Geo Saison, Heft 4/2010, für 5 Euro ab 17. März am Kiosk - mit weiteren Kurzreise-Tipps für Deutschland