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Geburtstagsschwein frisch gezüchtet

Die "Stadt mit Herz" feiert den ganzen Sommer lang. Vom Festprogramm mit Straßenpartys, Open-Air-Bühnen und Trachtenumzügen profitieren auch Touristen. stern.de liefert Reise-Tipps, um unbekannte Attraktionen Münchens zu entdecken.

Von Brigitte Zander, München

Eingedröhnt wurde das Großereignis schon im Mai mit 850 Böllerschüssen. Erster Höhepunkt ist das offizielle Stadtgründungsfest am kommenden Wochenende. Vom Freitag, den 13. ("Wir scheuen auch ein solches Datum nicht", sagt Oberbürgermeister Christian Ude) bis zum 15. Juni steht die Altstadt Kopf. Spätestens am Samstagmorgen um elf scheucht das Glockengeläut aller Kirchen Langschläfer aus ihren Betten. Auch die Folge-Attraktionen gibt's zum Nulltarif. Partys auf allen Plätzen, Ritterlager, Flößermarkt, Handwerksdorf, Kapellen, Karussells und exotische Tanzgruppen. Allein 10.000 Trachtler wollen die Isarmetropole stürmen.

Das nächste Top-Datum ist das Wochenende 19./20. Juli mit dem Altstadtringfest. Da funktionieren die Jubiläums-Manager den sieben Kilometer langen Altstadtring in eine durchgehende Partyzone um. Autofrei, versteht sich. An elf Bühnenplätzen inszenieren Künstler, Kinder, Wissenschaftler, Sportler, und Techniker geschichtsträchtige Zeitreisen. Das aufwendigste Revue-Spektakel mit 40 fahrbaren Bühnen und Licht-Installationen kreiert der italienische Open-Air-Künstler Valerio Festi vor der Feldherrnhalle.

Der dritte Höhepunkt ist das romantische Brückenfest der Isarmetropole vom 1. bis 3. August, mit Musikkapellen, Theater zwischen den Uferbäumen, Lichterprojektionen auf dem Wasser und Stelzentheater. Ein mit Sand aufgeschütteter Balkon der Corne-liusbrücke fungiert sowieso den ganzen Sommer über als Reserve-Beach mit Liegestühlen und Cocktailbar. An diesem heißen Wochenende bieten dazu alle drei Zentrums-Brücken ein geballtes Unterhaltungs-Aufgebot mit Nachtrödelmarkt und Relax-Inseln.

Pausenlos bis zum Oktoberfest

Pünktlich zum Stadtgeburtstag züchtete der Tierpark Hellabrunn ein mittelalterliches, hochbeiniges Weideschwein. Die gleiche Rasse, die vor etwa 850 Jahren durch die Isarwälder grunzte. Der erste Wurf von acht Stadtschweinen namens "Borstelchen" mit vorschriftsmäßig ferkeligen Streifen, Ringelschwänzchen und Stehohren sind im Tierpark Hellabrunn zu begutachten.

Die Mega-Show läuft rechtzeitig Ende September aus, wenn das Oktoberfest beginnt. Nicht nur an den Top-Wochenenden, sondern während des ganzen Geburtstags-Sommers herrscht Feiertagsstimmung in der Isarmetropole. Überall hängen gold-bunte Flaggen, Banner und herzchenförmige Luftballons. Die Souvenirindustrie hat 30 neue Mitbringsel mit der Aufschrift "850" oder "München mag Dich" produziert; Bürger, Firmen, Schulen, Kirchen, Verbände und Vereine tragen zum bunten Unterhaltungs-Allerlei bei. Von der Akkrobatik-Show der Vespa-Oldtimer-Freunde bis zur Zukunftsforschertagung eines Gymnasiums. Alles nachzulesen im 200-seitigen Stadt-Geburtstags-Programm unter dem Motto "Brücken Bauen".

www.muenchen850.de

Rundgang durch ein anderes München

Zum Einkaufen rennen die meisten Besucher die Fußgängereinkaufsmeile zwischen Stachus (Karlsplatz) und Marienplatz entlang, mit einem Abstecher zu den Edelläden in Richtung Odeonsplatz. Gemütlicher flaniert man vom Marienplatz aus durch die Sendlinger Straße Richtung Sendlinger Torplatz, vorbei an einer skurrilen Sammlung von Klamotten- und Schmuck-Boutiquen, Möbel- und Schuhshops, Garküchen und und einem Lederladen, wo immer "alles raus muss".

Hinter dem Gebäude der "Süddeutschen Zeitung" lohnt sich ein Abstecher in die Hackenstraße zur "Hundskugel", dem ältesten und inzwischen veredelten Münchner Wirtshaus. Oder ein paar Meter weiter ein Schlenker durch die Amalienpassage zu den Antik-Trödellädchen in der Kreuzstraße. Noch ein Stück weiter wölbt sich die Barockfassade der kleinen Asamkirche (St. Johann Nepomuk) aus der Sendlinger Bürgerhäuserfront. Diese goldüberladene Spätbarockkirche wurde ab 1733 von den Gebrüdern Asam aus Dankbarkeit errichtet, nachdem sie mit ihrem Boot auf der Donau in Lebensgefahr gerieten. Die Felsen am Eingang erinnern an die gefährlichen Donauklippen.

Auf dem Weg zurück biegt man am besten an der Hackenstraße rechts ein und landet im neuen Jüdischen Zentrum, um das die durchsetzungsfähige Münchner Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, energisch lange gekämpft hat. Der gewaltige Felsklotz der Hauptsynagoge wurde nach über zweijähriger Bauzeit Ende 2006 eröffnet. Daneben steht das marmorne Gemeindehaus der jüdischen Kultusgemeinde mit dem Restaurant "Einstein", das "gefilte Fisch", Falafelteller und Schaschkusch (Tomatenragout) anbietet und von donnerstags bis sonntags für alle Gäste geöffnet ist. Eine Besichtigung der Synagoge gestaltet sich etwas schwieriger; die Termine sind immer langfristig ausgebucht.

www.juedischeszentrumjakobsplatz.de

Wo König Ludwig ruht

Die 525.000 in München lebenden Katholiken besitzen natürlich viel mehr Bethäuser. Allerdings streben die meisten Touristen zum Dom "Unserer lieben Frau", kurz Frauenkirche genannt, deren Kuppeln die Altstadt-Skyline dominieren. Weniger auffällig, aber ebenfalls eindrucksvoll ist die nahe Jesuitenkirche St. Michael (1583 bis 1597 gebaut) in der Neuhauser Straße, der Fußgängerzone Richtung Stachus (Karlsplatz). Sie liegt unauffällig zwischen Kaufhäusern, dem Bayerischen Statistischen Landesamt und Souvenirshops. Derzeit blockiert auch noch ein Baugerüst das Eingangsportal. Nur ein Zettel am Gerüst weist auf die Attraktion dieser Kirche hin: "Fürstengruft rechts vom Altar".

Tagsüber kann man die Kellerstufen hinab in die düstere Fürstengruft steigen, wo diverse Mitglieder des Herrscherhauses Wittelsbach in bescheidenen Särgen zur letzten Ruhe gebettet wurden. Der Grund für den seit Jahrzehnten dauernden Bürgeransturm in die Gruft aber ruht im pompösesten Sarkophag mit gewaltiger Krone: der von den Bayern so verehrte "Kini", König Ludwig II. Er baute die weltweit bekannten Schlösser, bis er im Starnberger See ertrank.

Als zentrale touristische Orte Münchens gelten der Marienplatz, der Viktualienmarkt und das Hofbräuhaus. Es gibt lohnende Umwege um die Trubelzone. Man beginnt beispielsweise im "Hinterhof" des Viktualienmarktes, dem kleinen Dreifaltigkeitsplatz mit ein paar brauchbaren Gaststätten und dem urigen "Hotel am Markt", wo die Fotos berühmter Gäste über der Rezeption hängen, und das günstigste Einzelzimmer mit WC auf dem Gang für 49 Euro zu haben ist. Wir verlassen das Hotel, blicken kurz in die winzige Heiliggeistgasse links und bummeln dann nach rechts an den Antiquitätenlädchen der Westenriederstrasse vorbei. Der goldene Schriftzug "Beim Sedlmayr" über einem bodenständigen Wirtshaus erinnert an einen stattlichen Münchner Skandal. Der einstige Besitzer Walter Sedlmayr, ein populärer Volksschauspieler, wurde im Juli 1990 von seinem Privatsekretär blutüberströmt im Bett gefunden, neben einer Peitsche und Kondomen. Das Volk reagierte erst bestürzt, später geschockt. Denn der Hammer-Mord an dem renommierten Paradebayern enthüllte Stück für Stück dessen geheimes Doppelleben mit vielen Stricherszene-Kontakten.

Schubecks Koch- und Küchen-Welten

Wir reißen uns aus dieser Krimi-Vergangenheit und biegen von der Westenriederstraße links ab, überqueren die verkehrsreiche Fastfood-Meile Im Tal, und quetschen uns links in die unscheinbare Dürnbräugasse. Am Ende liegt Traditions-Schenke "Zum Dürnbräu", die es seit 1487 gibt und so deftige Schmankerl wie Surhax'n Sülze, Schweinernes und Saure Brez'n auf der Speisekarte führt. Die Polizeistation schräg gegenüber ist stets gut beschäftigt, weil die Bierleichen des rückwärtigen Hofbräuhauses zum Revier gehören. Vorbei am mondänen Hotel "Mandarin Oriental" führt unser Weg im Bogen zum unteren Ende des berüchtigten "Platzls", wo johlende Fans vom Hofbräuhaus und dem nahen Hard Rock Café auf die feine Kundschaft von Schuhbecks "Südtiroler Stuben" treffen. Da kostet das Fünf-Gang-Menü 103 Euro.

Viel günstiger sitzt man vis-à-vis im "Orlando", und ebenso vornehm, denn prächtige goldene Gewölbe mit Kronleuchtern verströmen genügend Edelflair. Der umtriebige Meisterkoch Alfons Schubeck breitet sich an diesem Szenefleck immer weiter aus. Neben dem "Orlando" betreibt er nun auch noch eine Gewürzladen mit allein neun verschiedenen Salzen, eine Kochschule, und einen Eissalon, dessen Spezialität geeister Kaiserschmarrn ist.

Schlachthof statt Schwabing

Wer die beiden In-Stadtteile Schwabing und Haihausen abgelatscht hat, sollte zur Abwechslung mal das Schlachthofviertel erkunden. Der einst betriebsame städtische Schlacht- und Viehhof, wo jährlich 70.000 Rinder und 250.000 Schweine zerstückelt und verwurstet werden, gewinnt zunehmend an Attraktivität für Bewohner und Besucher. Als deutliches Anzeichen des Aufstiegs sind die frisch renovierten wilhelminischen Hausfassaden in der Dreimühlen- und Ehrengutstraße. Überall sprießen schon Alternativläden, Kneipen und Cafés, vom türkischen "Yol" bis zum japanischen "Shoya". Noch dominieren die Ur-Bewohner aus dem Arbeitermilieu, viele mit Migrationshintergrund. Wie lange können die kleinen Leute die fein sanierten Wohnungen wohl noch leisten?

Das legendäre "Wirtshaus im Schlachthof" in der Zenettistraße, ein abgewetzter roter Backsteinbau, hat erheblich zur Karriere des Viertel beigetragen. Die Kabarettsendung "Otties Schlachthof" des dicken Volkskomikers und TV-Kommissars Ottfried Fischer sowie ständige Gastprogramme sorgen für Dauergedränge an der Kasse und den Wirtshaustischen. Die gemütlichste Anfahrt ins Szene-Viertel gelingt per Fahrrad: Man trampelt gemächlich immer die Isar entlang nach Süden, auf dem breiten Radlweg der Wittelsbacher Strasse, vorbei an der Rodenstock-Brillen-Firma, bis zum Röckl-Platz.

Mit dem Rad zum Jazzbiergarten

Sportliche Radler peilen als weiteren Ausflug die legendäre "Waldwirtschaft Großhesselohe" bei Pullach an. Die "Wawi", ein ausgedehnter traditioneller Biergarten (2500 Plätze) unter uralten Bäumen hoch über der Isar lockt Musikliebhaber wegen der ständig wechselnden Jazzbands und Familien wegen der Kinderschiffschaukeln. An den langen Bänken hocken normale Bürger zusammen mit Promis und der Jeunesse doré aus den nahen Edelvierteln Solln, Grünwald und Geiselgasteig. Weil an sonnigen Tagen auf dem kostenpflichtigen Parkplatz kein freier Fleck zu finden ist, kommt man am besten mit dem Rad oder der S-Bahn 7 bis Haltestelle Großhesselohe oder Pullach. Beim Waldmarsch von und nach Pullach stößt man auf eine nirgends plakatierte Sehenswürdigkeit: die stachel-drahtbewehrte graue Mauer des Bundesnachrichtendienstes.

www.waldwirtschaft.de

Und zuletzt auch noch ein Tipp für Fans glänzender Blechkarossen: Am 21. Juni wird das BMW-Museum nach vierjährigem Umbau in einer neuen futuristischen Silberschalen-Architektur am alten Ort wieder eröffnet. Fünfmal größer als früher, mit 120 Originalfahrzeugen, geballter BMW-Historie, und einem Besucher-Parcours mit 25 Themenschauen. Der Museumsbau liegt neben dem im vergangenen Jahr eröffneten markanten "BMW-Welt"-Gebäude.

www.bmw-welt.de

Weitere Infos

850. Stadtgeburtstag München
www.muenchen850.de
Fahrradverleih
www.spurwechsel-muenchen.de
www.rentabike.de

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