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Bett statt beten: Wie Kirchen durch Airbnb zur Herberge werden

Schrumpfende Städte und Gemeinden, weniger Gläubige: Immer mehr Kirchen stehen leer, vor allem in Ostdeutschland. Gesucht sind neue Nutzungsformen - so wie das Pilotprojekt am Rennsteig in Thüringen.

Michaeliskirche

Ein Bett steht in der Michaeliskirche in Neustadt am Rennsteig in Thüringen: Radfahrer, Wanderer und interessierte Touristen erhalten hier eine Übernachtungsmöglichkeit für bis zu drei Personen im Innenraum der Kirche.

Biete Doppelbett mit Blick auf Altar und Holzkreuz: Wer im Internet nach einem Feriendomizil sucht, stößt weltweit auf ein breites und mitunter ausgefallenes Angebot. Eine Kirche zum Übernachten sticht aber selbst dort ins Auge. "Das ist was Lustiges, Tolles - da wird man neugierig", sagt Ursula Sonnberger. Nach einem Besuch in war die Salzburgerin so neugierig auf das ungewöhnliche Angebot, dass sie und ihr Partner einen zusätzlichen Tag für die Heimfahrt nach Österreich einplanten.

Die Michaeliskirche in Neustadt am Rennsteig ist die erste offizielle "Her(r)bergskirche" des Thüringer Waldes. Seit kurzem kann sie über die Plattform Airbnb online ab 12 Euro pro Person gebucht werden - ein Pilotprojekt. Nicht alle Gemeindemitglieder sind begeistert, weiß Horst Brettel, Mitglied des Gemeinderates. "Wir wollen jedoch sehen, wie groß die Neugier ist", erklärt er. "Insgesamt sollen fünf oder sechs solcher Möglichkeiten am Rennsteig geschaffen werden." 

Ursula Sonnberger hat die Übernachtung in der Kirche genossen - trotz des lauten Glockenschlags zur vollen Stunde. "Das war der megatolle Gegensatz zu Berlin mit seiner Größe, Hektik und dem Lärm", schwärmt sie. "Eine Kirche ist ja ein besonderes Gebäude, mit dem wohl selbst Nichtgläubige etwas verbinden. Und dann gehört Dir dieser Raum - ich habe das sehr genossen", sagt die 53-Jährige. "Diese Höhe über Dir, diese Ruhe." 

"Nicht unheimlich, sondern heimelig"

Ihre Befürchtung, es könnte möglicherweise gruselig sein so allein in der dunklen Kirche, erwies sich als unbegründet. "Es ist überhaupt nicht unheimlich, sondern heimelig." Insgesamt können drei Menschen auf der Holzkonstruktion, die an ein Hochbett erinnert, im Kirchenschiff hinter den Bänken und unterhalb der Orgel schlafen. Toilette und Waschgelegenheit gibt es im benachbarten Pfarrhaus, morgens um 9 Uhr muss das Quartier geräumt sein - denn die Kirche wird noch normal genutzt. 

Die Gemeinde hat ein Problem, mit dem viele Gotteshäuser zu kämpfen haben: schrumpfende Mitgliederzahlen. Immer mehr Kirchen stehen deshalb leer. In fragen sich die Verantwortlichen bei der Evangelischen Kirche: Gibt es alternative Nutzungsmöglichkeiten für die knapp 2000 Kirchen im Land? Und welche Ideen lassen sich umsetzen? 

Her(r)bergskirche als Pilotprojekt

Von der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM) und der Internationalen Bauausstellung gab es dazu den Ideenwettbewerb "STADTLAND: Kirche. Querdenker für Thüringen 2017". Videos zu den Projekten sind derzeit in der Ausstellung "500 Kirchen 500 Ideen" in der Kaufmannskirche in Erfurt zu sehen. Das Konzept der "Her(r)bergskirche" hat sich ein Team junger Architekten aus Berlin und Leipzig zusammen mit der Technischen Universität Berlin, der und der Bauausstellung ausgedacht.

Herbergskirche

Für die beiden Betten in der Herbergskirche wird "das Mitbringen eines Schlafsacks empfohlen", heißt es auf der Homepage von Airnbnb.

Bis zum 15. Oktober wird nun in der Michaeliskirche getestet, wie das Übernachtungsangebot ankommt. "Im Moment geht es darum zu zeigen, wie es aussehen könnte", erklärt Brettel. Wenn die Rechnung aufgeht, soll das Modell auch auf andere Kirchen übertragen werden. 

Kirchen stehen zum Verkauf

"Alternative Ideen für die Nutzung von Kirchen sind angesichts der Entwicklung angebracht", sagt Kirchenamtsrat Marcus Schmidt von der Evangelischen Kirche (EKM). Deren Gebiet erstreckt sich vor allem auf Thüringen und Sachsen-Anhalt, reicht aber bis ins Brandenburgische und nach Sachsen. Mehr als 20 Prozent der evangelischen Kirchenbauten trägt die EKM. Je weiter man in den Norden komme, umso mehr würden die Folgen sinkender Mitgliederzahlen deutlich, sagt Schmidt. Das "Querdenker"-Projekt sei somit exemplarisch für die gesamte EKD. 

Bundesweit hat diese mehr als 20.500 Kirchen. Von denen sind inzwischen etwa 100 abgerissen, mehr als 330 stehen leer, sind vermietet oder werden nicht mehr als Kirchen genutzt. Rund 270 Gotteshäuser haben laut EKD nach Verkauf einen neuen Besitzer. Aktuell werden beispielsweise ein barockes Gebäude in Stöbnitz bei Mücheln in Sachsen-Anhalt sowie die Melanchthonkirche in Osnabrück auf der Immobilien-Plattform der EKM angeboten.


Marion van der Kraats/DPA

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