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Höhenrausch auf der Zugspitze

Eine neue, gigantische Seilbahn wird an Deutschlands höchstem Berg errichtet. Aber wie viel Tourismus vertragen die Alpen noch im Zeitalter des Klimawandels? Besuch einer schwindelerregenden Baustelle.

Von Rolf-Herbert Peters

Am Nordhang der , wo sonst nur der Bergwald rauscht, ist das ferne Brüllen eines Diesels zu hören. Immer lauter dröhnt es, bis nach vielen Minuten hinter den Fichten ein Truck auftaucht. Äste brechen, Schotter spritzt, das Monstrum schiebt sich hoch, Meter um Meter den Berg hinauf. Endlich, die nächste Ladung Stahl!

Auf dem Plateau unter der neuen Seilbahnstütze, die schon jetzt so gigantisch ist, als hätten Bergriesen sie in die Natur gerammt, schiebt Harald Raich hastig ein paar Bauteile aus dem Weg. Er trägt Helm und Sicherheitsschuhe. "Man weiß ja nie, was von oben kommt", sagt Raich, den alle nur Harry nennen. Seit 1978 baut er in der ganzen Welt, er war in Grönland und in Südafrika, jetzt arbeitet er hier. Der 57-Jährige ist Chefmonteur des fesselndsten Bauprojekts der Republik: der neuen Seilbahn auf Deutschlands höchstem Berg.

Bis Weihnachten muss alles fertig werden. Ein ambitionierter Plan. Jeder Fehler kann zur Katastrophe führen. Seilbahnen zu bauen ist ein Job für ohne Nerven.

Die Zugspitze ist für die Deutschen ein mythischer Ort

Was Raich und seine Leute über -Partenkirchen in den Kalkstein hauen, kennt weltweit keinen Vergleich: Eine 4,5 Kilometer lange Pendelbahn soll in zehn Minuten zum Gipfel fahren und fast 2000 Höhenmeter überwinden. Die Stahlseile sollen dabei nur über diese eine Stütze laufen, an der Raich gerade baut. Es ist die höchste, die jemals für eine Seilbahn errichtet wurde, 127 Meter streckt sie sich dem Herrgott entgegen. "Das ist auch für mich eine Herausforderung", sagt Raich.

Die Zugspitze ist für die Deutschen ein mythischer Ort. Festungsgleich erhebt sie sich auf 2962 Metern. Jedes Jahr ließ sich zuletzt eine halbe Million Menschen zum Gipfel hieven, mit der neuen Seilbahn sollen es künftig bis zu 580 pro Stunde sein – etwa dreimal so viele wie bisher. Wenn man die Baustelle betrachtet und die offenen Wunden in der Bergflanke, wenn man von den Plänen und Fantasien hört, kommen auch Fragen auf. Was passiert hier mit der Zugspitze? Wie wollen wir umgehen mit diesem Berg und der Natur? Werden die endgültig zu einem Freizeitpark und auch die höchsten Gipfel dem Massentourismus geopfert?

Längenvergleich: Die neue Stütze überragt die alte um fast 43 Meter. Sie wird noch grell gestrichen

Längenvergleich: Die neue Stütze überragt die alte um fast 43 Meter. Sie wird noch grell gestrichen

Bruuumm! Der Diesel brüllt wieder. Auf dem Bock sitzt Dietmar Birle. Er ist einer dieser Männer ohne Nerven. Seine Füße tanzen in Flipflops über die Pedale. "Ich habe alle 1100 Einzelteile der Stütze gebracht, 18-mal war ich schon hier", sagt er. Harry Raich dirigiert ihn mit ausgestrecktem Daumen. "Rrreeechts!", ruft er mit österreichischem Akzent. "Uuund stooopp!"

Raich arbeitet für den österreichischen Seilbahnkonzern Doppelmayr/Garaventa, Birle für einen Transportdienst. Er schaut aus dem Lkw-Fenster am Turm hinauf, der sich leicht zum Tal neigt. "Eine komplette Lkw-Ladung waren nur Schrauben." Heute hat er den Rollensattel an Bord, die riesige Schiene, über die später das Zugseil der Gondel gleiten soll.

Chefmonteur Harry Raich (links) und Lkw-Fahrer Dietmar Birle

Chefmonteur Harry Raich (links) und Lkw-Fahrer Dietmar Birle

Vom Plateau aus kann man den Verlauf der neuen Bahn schon überblicken. Unten die Talstation, 1963 eröffnet und im vergangenen April geschlossen. Sie konnte den Andrang der Gäste nicht mehr bewältigen. Nur 44 Personen passten in eine Gondel, manchmal mussten Touristen zwei Stunden anstehen, auch bei Eiseskälte, manchmal wurde der Fahrkartenverkauf mittags eingestellt, damit die Massen bis abends wieder vom Berg runtergebracht werden konnten. Jetzt knabbert ein Abrissbagger am Altbau. Vom Schriftzug ist nur noch "..ILBAHN ...spitze" zu lesen. Gleich daneben wird die neue Talstation hochgezogen. Mit Kiosk, Restaurant, Panoramascheiben. Ein futuristisches Erlebniscenter.

Freie Sicht auf rund 400 Gipfel in vier Ländern, bei gutem Wetter sogar bis zum Münchner Fernsehturm

Oben die Bergstation. Wie mit Fingern einer gewaltigen Hand aus Stahl und Beton krallt sie sich in den Gipfel, damit sie am Ende der Zuglast von Tausenden Tonnen standhält. Mit dem Fernglas kann man beobachten, wie Stahlbauer auf Gerüsten balancieren. Hasardeure, die über einem Tausend-Meter-Abgrund schweißen und schrauben, um das neue Restaurantdeck fertigzustellen. Über ihnen reckt sich ein gelber Kran in den Himmel. Er wurde mithilfe eines Hubschraubers neben dem Gipfelkreuz montiert. Er ist derzeit Deutschlands höchster Punkt.

Matthias Stauch betrachtet ein Ölbild an der Wand. Er hat die Hemdsärmel hochgekrempelt, seine rote Brille baumelt am Halsband. Stauch ist der kaufmännische Vorstand der Bayerischen Zugspitzbahn Bergbahn AG. Sie betreibt 26 Bergbahnen und Skilifte – und die Seilbahn. Das Bild in seinem Büro in Garmisch zeigt die alte Zugspitze. Ohne Häuser, Gondel, Zahnradbahn. "Ich liebe dieses Motiv", sagt Stauch. Dabei tut er alles, dass es so verträumt nie wieder sein wird.

Balanceakt: Die Männer bereiten an der Spitze des Pfeilers die Seilmontage vor

Balanceakt: Die Männer bereiten an der Spitze des Pfeilers die Seilmontage vor

Stauch, 55, ist in Garmisch aufgewachsen. Er erzählt, wie sehr er diese Landschaft schätze. Das Alpenpanorama. Die Häuser mit den Geranien und den frommen Wandbildern. Die saftigen Wiesen, durch die sich die Loisach schlängelt. Manchmal fährt er auf die Zugspitze. Bis die neue Seilbahn fertig ist, muss er dafür die alte Zahnradbahn nehmen, die braucht eine Dreiviertelstunde. Aber dann: freie Sicht auf rund 400 Gipfel in vier Ländern, bei gutem Wetter sogar bis zum Münchner Fernsehturm.

Stauch kann aber auch erkennen, wie sich seine Alpenwelt verändert. Den abgemagerten Schneeferner, den die Wissenschaftler einen "toten" Gletscher nennen, weil er nicht mehr fließt. Die Schneedepots, die seine Firma auf dem Zugspitzblatt angelegt hat, als sie Hunderttausende Kubikmeter mit Pistenraupen in schattigen Mulden bunkerte, damit die Skisaison pünktlich starten kann. Für Wissenschaftler ist klar: All das sind Vorboten des Klimawandels.

Bahnfans: Bis zur Eröffnung der neuen Gondel müssen Touristen die gemächliche Zahnradbahn nehmen

Bahnfans: Bis zur Eröffnung der neuen Gondel müssen Touristen die gemächliche Zahnradbahn nehmen

Jahrelang haderten Stauch und seine Kollegen, ob sie das wirklich wollten: noch mehr Seilbahnkapazität. Noch mehr Trubel auf dem Berg. "Wir wollen hier wirklich keinen Ballermann!", sagt er. Sie haben kalkuliert, ob sich ein Neubau rechnet, ein ganzes Jahr lang. "Die Entscheidung wurde zu einem optimalen Zeitpunkt getroffen." Stauch ist Betriebswirt, er hat mal für einen Finanzinvestor gearbeitet. Bei der Sparkasse, der BayernLB und der Volks- und Raiffeisenbank nahm er Darlehen auf, die Zinsen sind günstig, "plus/ minus 50 Millionen Euro" hätten sie gebraucht. In spätestens 20 Jahren soll alles getilgt sein, danach können sie den Gewinn behalten.

Es gibt Technikführungen. Baustellenführungen. Gletscherführungen

Stauch will die Gipfelfahrt zum Event machen: "Die Zeiten, in denen wir nur Fahrkartenverkäufer waren, sind definitiv vorbei. Der Gast will heute was erleben." Er hofft, das bieten zu können: das Erlebnis Zugspitze. Es klingt, als gehe es um ein Produkt der Unterhaltungsindustrie und nicht um einen Berg.

Die Scheiben der neuen Gondeln werden beheizt sein, damit sie nicht beschlagen und die Sicht nehmen. Es gibt Technikführungen. Baustellenführungen. Gletscherführungen. Eine Ganzjahresrodelbahn auf Naturschnee und ein Igludorf mit 50 Betten. Dazu Außenterrassen, Nippes-Shops mit Zugspitzhüten, Zugspitzkrügen, Zugspitzhalstüchern. Und aus den 80 Restaurantplätzen werden mehr als 450. "Da können wir bald auch Veranstaltungen in größerem Rahmen durchführen", sagt Stauch. An die 60 Euro wird eine Berg- und Talfahrt kosten. Dafür kommt man mit dem Zug von Garmisch nach Nürnberg.

Dreharbeiten: Der Rollensattel wird am Boden zusammengeschraubt, per Hand

Dreharbeiten: Der Rollensattel wird am Boden zusammengeschraubt, per Hand

Auf dem Plateau an der Stütze wird es wieder laut. Ein gelber Autokran kämpft sich die letzten Meter des Waldwegs hinauf. Chefmonteur Raich hat ihn geordert, er soll den Rollensattel vom Lkw heben. Raich dirigiert wieder, Daumen hoch, er brüllt über den Platz. Am Boden werden die gigantischen Stahlträger des Rollensattels zusammengefügt. Was wie verbunden wird, zeigen Baupläne im Ikea-Stil.

"Alles ist minutiös vorgeplant", sagt Raich, "sonst kannst du den Job hier nicht machen." Und doch braucht er Vertrauen. In die Statiker. In die Stahlgießer. "Wenn eine Gondel über den Rollensattel fährt, lasten über 100 Tonnen auf der Stütze." Das Material muss auch starke Temperaturschwankungen aushalten. Die Sonne glüht an diesem Sommertag bei über 30 Grad, am Gipfel jedoch ist es nur knapp über null. An der Bergstation ziehen immer wieder Wolkenfelder vorbei und hüllen die Arbeiter ein. Vor ein paar Wochen lag noch dicker Schnee, da mussten Raichs Männer die Schneefräsen anwerfen und das Eis mit roten Schabern von den Stahlträgern kratzen, um voranzukommen.

"Wir liegen gut in der Zeit", sagt Raich. Doch in drei Tagen soll es wieder schneien, heißt es im Radio.4 Raich ist diese Wechselhaftigkeit gewöhnt: "Das Wetter ist immer die größte Herausforderung."

Eine meterlange weißblaue Fahne zeigt den Arbeitern die Windrichtung – und demonstriert ihren Stolz

Es wird Abend. Für Raich und seine Männer steht noch eine kniffelige Aufgabe an. Der Rollensattel, 29 Meter lang und schwer wie 17 VW Golf, muss auf die Stütze. Es ist einer der spannendsten Momente des gesamten Projekts. Ein Flaschenzug soll das Stahlgebilde hochziehen. "Oaaaccchhtung", ruft Raich. Zentimeter um Zentimeter steigt die Last in die Höhe. Auf keinen Fall darf sie zu pendeln beginnen, die Kräfte wären unkalkulierbar. Daumen links, warten, rechts. Über eine Stunde dauert die Himmelfahrt. An der Seite des Sattels flattert eine meterlange weißblaue Fahne. Sie zeigt den Arbeitern die Windrichtung – und demonstriert ihren Stolz.

Im Rathaus von Garmisch empfängt Sigrid Meierhofer, die Bürgermeisterin. Eine Sozialdemokratin, 61 Jahre alt, mit auffällig roten Schuhen, die im schwarzen Bayern wie ein Statement daherkommen. An der Wand, neben einem schlichten Kreuz, hängen Bilder von Skirennläufern, die sich beim Garmischer Kandahar-Rennen den Hang hinabstürzen. Jahrzehntelang hat die Stadt Millionen in den Wintersport gepumpt. In Beschneiungsanlagen, Lifte, Weltcup-Rennen, Neujahrsspringen, die Ski-WM. Garmisch wollte sogar die Olympischen Winterspiele 2018 ausrichten, was bei einem Bürgerentscheid durchfiel. Nun also die neue Seilbahn.

Großmuttern: Allein die Seilbahnstütze braucht 9500 faustdicke Schrauben

Großmuttern: Allein die Seilbahnstütze braucht 9500 faustdicke Schrauben

Die Bayerische Zugspitzbahn Bergbahn AG ist Tochter der Gemeindewerke, die wiederum komplett der Stadt gehören. Das Projekt ist also am Ende mit Steuergeld besichert, darum darf Meierhofer mitreden: "Die Seilbahn ist für uns eine echte Zukunftsinvestition." Offene Kritik gibt es kaum im Gemeinderat. Stephan Thiel, Physiker und Fraktionschef der Grünen, ist einer der wenigen, die aufbegehren. Der Alpenmassentourismus sei unsinnig, weil er in einen Teufelskreis führe. Der "irre Wasser- und Stromverbrauch der Schneekanonen". Der "Müll, der vom Gipfel geschafft werden muss". Trotzdem lehnt er den Seilbahnbau nicht grundsätzlich ab. Wer in Garmisch-Partenkirchen politisch reüssieren will, darf sich nicht mit allzu "ökospinnerten" Ideen ins Abseits manövrieren. "Wir werden hier ökonomisch mächtig unter Druck gesetzt", sagt Thiel.

Die Bürgermeisterin erklärt die Ökonomie der Bahn so: "Das touristische Hauptgeschäft läuft ja inzwischen eindeutig im Sommer." Nicht mehr das Skifahren? "Im letzten Winter hatten schon über 50 Prozent der Seilbahngäste keine Ski mehr dabei." Sie will künftig noch mehr Sommergäste und Gesundheitstouristen an- und auf die Zugspitze locken. So viele wie möglich – aus aller Welt. Die ganze Stadt könnte davon profitieren.

"Tun wir in Garmisch nichts, könnte es irgendwann problematisch werden", sagt die Bürgermeisterin. Denn auch ihr ist klar, die größte Herausforderung wird der Klimawandel. Er greift nicht nur den Gletscher an, sondern die Grundfeste des Tourismus. Nicht alle wollen ihn wahrhaben, vor allem nicht die Alten. Sie erzählen gern, dass es auch früher schon warme Winter und Schneearmut gegeben habe; Hitler sei 1936 zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele sogar durch grüne Wiesen im Cabrio angereist.

Im Alpenraum steigt die Temperatur doppelt so schnell wie im europäischen Mittel

Noch gelten in den Alpen Lagen ab etwa 1200 Meter als schneesicher. Das ist alles oberhalb der neuen Stütze. Doch die Zugspitzwelt heizt sich besonders schnell auf, sagt Professor Hans Peter Schmid vom Karlsruhe Institut of Technology, der am Rande von Garmisch-Partenkirchen und im Schneefernerhaus auf dem Gipfel das Klima erforscht: "Im Alpenraum steigt die Temperatur doppelt so schnell wie im europäischen Mittel, und in Europa doppelt so schnell wie im Weltmittel." Eine Erwärmung von vier Grad sei in den Alpen wahrscheinlich. Wintersport werde zwar in mittleren Lagen mit Schneekanonen und viel Personaleinsatz noch bis 2050 möglich sein – wegen der Kosten aber schon bald unwirtschaftlich werden.

Kraftprotz: Baukran an der Bergstation

Kraftprotz: Baukran an der Bergstation

Mit der neuen Seilbahn, das ist die Hoffnung von Bürgermeisterin Meierhofer, wäre Garmisch vorbereitet. Im Sommer wie im Winter.

Harry Raich oben am Berg schwitzt, die Sonne knallt. Ihm fehlt die Zeit, über Sinn und Unsinn des Tourismus zu räsonieren. Er folgt seinem Plan. In den nächsten Tagen wird Trucker Birle den zweiten Rollensattel liefern. Wenn der montiert ist, wird Raichs Team die neuen Seile spannen, jedes bis zu 150 Tonnen schwer. An der Talstation, wo der Eibsee grün schimmert, kann Raich sie aufgerollt liegen sehen. Das wird die schwerste Aufgabe sein, die ihn an der Zugspitze erwartet.

Die Eröffnungsfeier ist für den 21. Dezember geplant. "Den Termin werden wir auf jeden Fall halten", sagt Raich. "Und wenn wir dafür noch mehr Leute einsetzen müssen." Die Alpenshow muss weiter gehen.

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