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Das Bayerische Meer

Reggae-Rhythmen und Blasmusik, Nordic Walking in den Bergen und Kite-Surfing auf dem Wasser, Berufsfischer und ein Sternekoch: Der Chiemsee überrascht durch seine Gegensätze.

Von Helge Bendl

Manchmal muss man einfach ehrlich sein. Und zugeben, dass einen der pure Neid packt. Weil es hier tatsächlich so schön aussieht wie auf den Fotos - mit den Alpengipfeln im Hintergrund, dem satten Grün der Wiesen in der Mitte und davor dem dunklen Blau des Sees. Weil sich König Ludwig II. hier, auch wenn er selbst es nicht mehr erlebte, wirklich eine Märchenlandschaft gebaut hat. Und weil es neben Tradition und Brauchtum eben auch so viel erfrischend Neues gibt am Chiemsee.

Selbst das Alte geht bisweilen neue Wege. Niemand könnte das besser erzählen als Thomas Lex, der auf dem "Bayerischen Meer", wie sie den Chiemsee hier nennen, bei Sonnenaufgang früh um fünf Uhr zum Kontrollieren der Netze fährt. Wie das schon sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater und sein Ur-Urgroßvater gemacht haben. Seit dem Jahr 1857, verkündet ein Schild an Haus Nr. 31 - Straßen gibt es auf der Fraueninsel nicht, warum auch, wenn hier weniger als 300 Einwohner leben und alle Häuser am Ufer aneinander gereiht sind wie an einer Perlenkette.

Die Ruhe der Fraueninsel

Hechte, Zander, Aale und Brachsen holt der 50-Jährige Berufsfischer aus seinen Netzen und Reusen, und vor allem Renken, die besonders gut frisch geräuchert im Brötchen schmecken. Seine Kunden sind Touristen, die als Besucher tagsüber mit der Fähre vom Festland kommen und von denen die Insel lebt. Wenn das letzte Boot am Abend wieder ablegt ist die Fraueninsel aber wieder so ruhig wie früher. Autos? Kino? Pizza-Service? Gibt es nicht.

"Früher war die ganze Wirtschaft auf das Kloster der Benediktinerinnen ausgerichtet", erzählt Fischer Thomas Lex, ausgeschlafen, am frühen Nachmittag. Die Nonnen bauten nicht nur die 1200 Jahre alte Münsterkirche mit dem freistehenden Kampanile, dem Glockenturm, sondern beschäftigten lange Zeit auch eine ganze Armada von Handwerkern: Schlosser, Schuster, Töpfer, Bäcker, Metzger.

Heute ist das Mädcheninternat, das es einst hier gab, geschlossen. Im Klosterladen gibt es Marzipan und Kräuterschnaps zu kaufen, hergestellt nach einem streng gehüteten Rezept. Die Nonnen der Abtei wollen sich, wenn auch nur noch knapp 30 Frauen stark, aber nicht unterkriegen lassen: Das Kloster hat eine Liste, mit der die Frauen bei den Gemeinderatswahlen antreten und auch gewählt werden - in der kleinsten Gemeinde Oberbayerns, wie man mit Lokalstolz vermerkt.

Versailles mitten im Chiemsee

Nebenan, auf der Herreninsel, hatten die dort siedelnden Mönche weniger Glück - sie wurden vertrieben. Dafür entdeckte der bayerische König Ludwig II. Ende des 19. Jahrhunderts das schöne Fleckchen mitten im See und huldigte hier seinem Namensvetter, dem "Sonnenkönig" Ludwig XIV. Eine Nachbildung von Schloss Versailles sollte hier entstehen, nur alles noch ein wenig größer und goldener. Die Repräsentationsräume des Herrschers und der monumentale Spiegelsaal wurden noch fertig, doch am Ende starb Ludwig zu früh, um sein Lebenswerk zu vollenden.

Die Besucher von heute bestaunen trotzdem Geheimgänge und Prunkbetten - und können auf der "Königsinsel" auch übernachten. Die Fische fürs Schlosshotel liefert Thomas Lex, die Familie macht das schon seit gut hundert Jahren. Manchmal sogar den eigentlichen König des Chiemsees, der zwei Meter groß werden kann und, wenn man den Legenden glaubt, sogar noch mehr. "A kapitaler Waller, des is scho was", sagt Thomas Lex ehrfürchtig. Und dann, mit Blick auf den zugereisten Besucher aus München, betont auf Hochdeutsch: "Ein richtig großer Wels ist aber nur sehr selten im Netz."

Speisen wie die Könige

Ein paar Kilometer weiter weg vom See redet der Sommelier den Gast in ausgesuchter Höflichkeit sogar mit Monsieur an. Zuerst ist man hier, im ersten Alpental, noch abgelenkt durch den Blick auf die fast 1700 Meter hohe Kampenwand, die in der Abendsonne glänzt. Dann beginnt das lautlose Konzert der Kellner. Ein zartes Wolfsbarschfilet bettet sich auf Basilikum-Gelee, dreierlei Variationen von Gänse- und Entenleber duften, ein St. Petersfisch vereinigt sich mit einem perfekt abgeschmeckten Ingwersößchen, Soufflé-Bällchen aus Valrhona-Schokolade zerschmelzen auf der Zunge.

Stets ist genug auf dem Porzellan, um den Geschmack auszukosten. Und stets so wenig, dass man sich noch auf den nächsten Gang freuen kann - und sich nicht schon nach den Vorspeisen ermattet ins Bett wünscht. "Cuisine Vitale" nennt es der Meister Heinz Winkler mit einem Lächeln.

Seit 600 Jahren wird hier in Aschau im "Hotel Post Residenz" gekocht, einst rühmten es die Chroniken als das beste Wirtshaus im westlichen Chiemgau. Seit 16 Jahren kennt man es auch weit über die Grenzen der Region hinaus. Wer bei Google "Heinz Winkler" und "Aschau" eingibt, erhält etwa 26.400 Treffer, und ständig ist die Rede von Sternen, Punkten, Kochmützen, Sonnen, Bestecken.

Der 57-Jährige erreicht eigentlich immer die höchste Wertung, darunter die berühmten drei "macarons" von Michelin. Weil er mit der Residenz ein Stück bayerischer Gastronomiegeschichte vor dem Verfall bewahrte und die Region zur Pilgerstätte für Feinschmecker machte wurde er als erster Koch überhaupt mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Die Kräuter für seine Saucen kommen aus seinem eigenen kleinen Garten hinter der Residenz. And auch sonst bezieht der Drei-Sterne-Koch viele Zutaten aus dem Chiemgau. "Die Leute hier lieben ihr Land. Das merkt man auch an dem, was sie hier mit Sinn für Qualität erzeugen." Den Honig ("Der beste der Welt!") kauft er von einem Imker von hier, den er einmal respektvoll "Bienenkönig" genannt hat. Auch das meiste Gemüse, die Enten, das Wild bringen Lieferanten aus der Region.

Auf die beste Metzgerei brachten den Koch übrigens einst die Handwerker, die das alte "Hotel zur Post" umbauten. Sie wollten mittags partout nur bei einer Metzgerei essen. Heinz Winkler probierte selbst einmal - und ernannte die Chefin prompt zur Hauslieferantin. "Wenn man etwas macht, muss man es mit voller Leidenschaft machen", so sein Credo. "Nur dann wird es richtig gut."

Sport vor einer malerischen Alpenkulisse

Zurück zum See. Er ist das Revier zahlreicher Segler und Windsurfer, die vor der spektakulären Alpenkulisse kreuzen. Und inzwischen auch ein Tummelplatz für Kite-Surfer: Sich von einem Drachen übers Wasser ziehen zu lassen ist die neue Trendsportart. "Sobald der Wind stark genug ist bin ich draußen", sagt Sebastian Ober, der sich 1998 als Erster am Chiemsee eine Kite-Ausrüstung zulegte und inzwischen auch Kurse anbietet, bei denen man den sicheren Umgang mit dem Drachen lernen kann.

"Manchmal ist es wie Gleitschirmfliegen auf dem Wasser", erzählt er begeistert. "Bei Böen kann man mehr als zehn Meter weit fliegen - der Wind nimmt einen hinauf wie an einem Bungee-Seil." Wem das zu gefährlich erscheint: auch Zuschauen lohnt sich. Und wenn Flaute ist, kann man das Rad nehmen und in einem Tag einmal um den Chiemsee herum strampeln oder sich auf neuen Nordic-Walking-Strecken bewegen.

Trachtenfeste wird man dann sehen, Volksmusik hören und Ankündigungen für die nächsten Aufführungen der Bauerntheater lesen. Soweit das Klischee, das auch stimmt. Doch am Chiemsee gibt es inzwischen auch Klassik-Konzerte in den Schlössern und eine Seebühne, auf der Musicals und Shows zur Aufführung gebracht werden.

Im August allerdings ist ein anderer Rhythmus im Blut: Deutschlands größtes Reggae-Festival ist am Chiemsee zu Hause. 25.000 Menschen pilgern in den Ort Übersee, um mit Bands aus der ganzen Welt zu feiern. "Die Künstler finden den Kontrast von bayerischem Biergarten, Plastikpalmen und Rastafari-Frisuren ziemlich skurril", berichtet Michael Buchholz, einer der Organisatoren. Für Überraschungen ist also gesorgt - auf beiden Seiten. "Wenn einer auf der Nordseite des Chiemsees beim traditionellen Schuhplattler hoch genug hüpft", grinst Michael Buchholz, " dann sieht er am Südufer die Reggae-Musiker und denkt: Das ist Jamaika!"

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