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Mitten ins Herz

Sie entspringt in Bayern, durchquert Thüringen und fließt in Sachsen-Anhalt in die Elbe - die Saale ist ein Fluss, der alles verbindet. Und jedem Spaß macht: dem Sportler, dem Kulturfreund, dem Faulenzer.

Von Wolf Thieme

Nein, als Strom imponiert sie nicht. Weder Rhein noch Donau, eher eine Schwester von Saar und Mosel. Schleife hier, Schleife da, so mäandert die Saale vom Fichtelgebirge zur Mündung in die Elbe. Ein Fluss für Genießer, die am Ufer radwandern oder sich im Kanu über 400 Kilometer treiben lassen wollen. Mitten in Deutschland und doch kaum bekannt. Vielleicht liegt es daran, dass die Saale so früh aus Bayern in den Osten rübermacht.

Geografisch korrekt heißt sie Sächsische Saale, weil es noch eine fränkische gibt. Sie hat was Gemütliches wie der Menschenschlag an seinen Ufern. Kein Tosen, keine reißenden Strudel. Nur die Wehre rauschen. Man wird hier still wie der Fluss, zieht eine Jacke aus, auch wenn man gar keine anhat, kommt vom Gehen ins Schlendern, vom Sitzen ins Liegen, sieht oben die Burgen und viel Grün, mehr als in Irland, dazwischen blinkt der Fluss.

Einst fränkische Grenze gegen die Slawen, eine Feste an der anderen, steht man auf einer, sieht man schon die nächste. An der Saale hellem Strande stehen Burgen stolz und kühn.

An der Quelle, 728 Meter hoch am Zellerfels der Großen Waldsteins, ist sie noch ein Rinnsaal, vier Handbreit. Als Bach plätschert sie durchs verschlafene Zell, wo ich im Gasthof Rotes Roß beim Schäufele, Schweineschulter, die Zeit verträume. Auch Schwarzenbach liegt da wie hingemalt, ein Idyll.

Nicht viel los

in Hof. Neubauten der Nachkriegszeit zwängen sich in die Altstadtsubstanz, gebaut vom Architekten Augenfehler, der beim Goldenen Schnitt wohl nur ans Honorar gedacht hat. Keine Zonenrandförderung mehr nach der Wende, und die Berliner Datschenbauer haben nun ihr eigenes Umland. Mit dunklem Bier aus einer Brauereigaststätte setze ich mich nahe des Parks Theresienstein an die Saale, die hier so gemächlich fließt, dass man zweimal schauen muss, in welche Richtung.

Zoll, Grenzschutz, Ami-Soldaten fehlen auch Siegfried Hildebrand auf der Burg Saalenstein, von der nur Mauerreste geblieben sind. Hildebrand hat einen kuriosen Biergarten eingerichtet, sammelt Gefängnistüren und Feuerwehrautos, Besucher essen Schweinearsch am Spieß und staunen über Anakonda oder Weißkopfseeadler im Kleintierzoo.

In Untertiefengrün geht es über die schmucke Saalebrücke von Bayern nach Thüringen, vom rollenden Fränkisch ins Land der weichen Konsonanten, besser: Gonsonanden. Hüben das verwaiste Grenzcafé, drüben die Brache der Lederfabrik von Hirschberg, buchstäblich platt gemacht samt tausend Arbeitsplätzen. Fotos im Museum erinnern an die Sperranlagen, real verschwunden, nur nicht in den Köpfen. "Was haben wir uns gefreut, als die Grenze fiel", sagt die alte Frau auf der Westseite, "aber wir waren zu lange getrennt und kommen nicht mehr zusammen."

In Blankenberg, saaleabwärts, fährt mich Hans Vogel mit der selbst gebastelten Lore seiner "Parkeisenbahn" zweieinhalb Kilometer den alten Grenzstreifen an der Saale entlang. Vom drei Meter hohen Zaun stehen nur noch die Pfähle, aber Herr Vogel erinnert sich an die Fluchtwege, die fürs freie Schussfeld planierten Häuser und zwei Dutzend Spitzel, die im Gasthof die Ohren aufstellten.

Es tut gut, sich danach über mal lebendige, mal verdrängte Vergangenheit zu erheben und auf einen Berg zu klettern, beispielsweise zu den jungen Leuten, die in Hirschberg die Burg Reuss ersteigert haben und in dem Gemäuer von 1678 hausen. 71 Räume bieten Platz für "Ideen und Träume". Da bleibt viel zu tun, aber der Blick von der Höhe auf die Saaleschleifen ist traumhaft.

Langsam steigt der Saalepegel, denn das "Thüringische Meer" kündigt sich an, erst die Bleiloch-, dann die Hohenwarte-Talsperre, die zu den größten Deutschlands zählen. Die künstlichen Seen waren schon in der DDR beliebtes Ferienziel, hier fahre ich zum ersten Mal auf der Saale mit dem Schiff, in einer Gesellschaft verknorzter Wessis. Über fünf Staustufen wird die Saale nach unten gereicht, fließt am Schloss von Burgk vorbei, so gut erhalten, dass die TV-Serie "Abenteuer Mittelalter" hier gedreht wurde, durchs liebliche Ziegenrück mit dem SaalePanorama im Museum Fernmühle, wo sich betrachten lässt, dass Saaleland früher Mühlenland war, Getreide-, Walk- und Papiermühlen, Hammerschmieden, Industrielandschaft vor dem Industriezeitalter.

Tief hat sich die Saale in die umliegenden Hügel gegraben, es lohnt sich der Blick von unten an der Fähre Linkenmühle und von oben am Aussichtspunkt Hohe Leite. Ich mache Rast in Saalfeld, sitze auf dem Marktplatz unter Arkaden, gegenüber dem Rathaus mit der Renaissancefassade. Ein thüringisches Städtchen aus dem Bilderbuch, der Grauschleier der DDR verflogen. West-Touristen auf Entdeckungsreise in einem Land, das vielen unbekannter ist als die Toskana.

Fürstentümer, die zu klein waren, um große Kriege führen zu können, und sich deshalb Kultur ins Land holten, haben diese Region geprägt. In Rudolstadt, zu Füßen der grandiosen Heidecksburg mit einem der schönsten Rokokofestsäle Deutschlands, haben sich Goethe und Schiller zum ersten Mal getroffen, war Schopenhauer zu Gast und Liszt. Überall in Thüringen Bildungsgut, Heimat von Nietzsche und Novalis, Namen wie Fichte, Schlegel, Hölderlin, Klopstock präsent, Pisa hilf.

Von den vielen Porzellanbrennern ist nur eine Hand voll geblieben, Konkurrenz aus Fernost auch hier. Aus 20 Teilen formt Thomas Kämmer den Alten Fritz, komplizierte Arbeit. Billigware, witzelt Kämmer, stehe da wie ein Klotz. Arme fest an den Körper gepresst.

Weiter nach Jena. Das Wahrzeichen, den runden Turm, hat die DDR in die Altstadt gerammt. Aber auch Goethe hat hier geforscht und den menschlichen Zwischenkieferknochen entdeckt, ein Professor Schiller an der Uni seine Antrittsvorlesung gehalten. In seinem Gartenhaus schrieb er den "Wallenstein". Unsere Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold wehten erstmals 1816 bei der Jenaer Urburschenschaft, Liebknecht und Rosa Luxemburg hielten Reden, später Hitler und Goebbels, vom Nationalstolz zum Pathos und zum Größenwahn. Da ernüchtert ein Besuch im Zeiss-Planetarium - ein Punkt am künstlichen Himmel zeigt die Erde als Staubkorn am hauchdünnen Faden der Gravitation.

Vom Trubel der Studentenszene in den Kneipen der Jenaer Wagnergasse erhole ich mich am nächsten Tag bei einer Floßfahrt. Wir treiben von Kirchhasel nach Uhlstädt, ein Eisvogel schwirrt, Biber und Nutrias sehen uns zu. Oben gleitet ein IC entlang wie aus einer anderen Welt. Die Berufsflößerei, ein Knochenjob, wurde 1938 eingestellt. Im Uhlstädter Museum zeigt Hannes Rothen auf die Fotos der Altvordern: krumme Hände, Rheuma.

Zu DDR-Zeiten ist Flößer Udo mal ins Wasser gefallen, die Kleidung hat er danach entsorgt, so sehr hat sie nach Chemie gestunken. Die Saale war ein sozialistischer Mülleimer, Papierfabriken, die chemische Industrie - "Plaste und Elaste" aus Schkopau - machten aus dem Fluss eine Kloake, die an den Wehren Schaumberge bildete. Vom Jogging wurde abgeraten.

In den Dornburger Schlössern suchte Goethe Erholung von den Regierungsgeschäften in Weimar und genoss den Traumblick ins Saaletal. Weinberge ringsum, auch der Herr Geheimrat probierte und kehrte nach einer Woche - "Ich bekomme etwas Schärfe an mir" - zum Mosel zurück. Saure Trauben? Damit darf man dem Winzer Udo Lützkendorf in Bad Kösen nicht kommen. Um seinen Silvaner reißen sich Kunden aus ganz Deutschland. Den Familienbetrieb am Saaleufer haben Vater und Sohn Uwe nach der Wende neu aufgebaut, 40 Jahre Rückstand zur Konkurrenz im Westen. "Erst die Enkel", sagt Lützkendorf über die Investitionen, "werden sorgenfrei leben können."

Die Weinstrasse Saale-Unstrut gehört zum attraktivsten Teil der Saaleroute. Vom Gasthof Himmelreich hoch über dem Saaletal ein großartiges Panorama, links die Rudelsburg, die den Studenten Franz Kugler 1826 zum Lied "An der Saale hellem Strande" inspirierte, rechts die Burg Saaleck, auf der knapp hundert Jahre später die Mörder des Außenministers Walther Rathenau gestellt wurden.

Es ist eben auch eine Reise durch die deutsche Geschichte, vom Zisterzienserkloster Schulpforte zum berühmten Naumburger Dom. In der Wenzelskirche am Markt von Naumburg steht ein junger Pianist ergriffen vor der HildebrandtOrgel. "Das sind dieselben Register, die schon Bach gezogen hat."

Der dichte Baumwuchs am Ufer färbt die Saale oft dunkelgrün, darin spiegeln sich Felsabstürze. Am Zusammenfluss von Saale und Unstrut treibt eine kleine Fähre über den Fluss, und an der Kanustation Blütengrund sagt ein Großstadtflüchtling aus Leipzig: "Ich gehe hier niemals wieder weg." Bei Schönburg klappert die Mühle am rauschenden Bach. Am anderen Flussufer, bei Goseck, graben sie ein 7000 Jahre altes Sonnenobservatorium aus, die älteste Anlage Europas. Ganz in der Nähe wurde die Himmelsscheibe von Nebra gefunden.

Telemann, Händel und Bach musizierten in der Musikhochburg Weißenfels. Im barocken Residenzschloss hoch über der Stadt schließt man mir die Schlosskapelle auf, Glanzstück sächsischer Prachtentfaltung. Die gewaltige Schlossanlage wird nach und nach restauriert, in der Innenstadt stehen viele alte Häuser vor dem Einsturz, weil die Besitzer nicht sanieren können. Bauten in der Kloster- und Nikolaistraße sind mit Brettern vernagelt, dazwischen der putzige Gartenpavillon am Haus des Dichters Novalis und um die Ecke das Geleitshaus, in dem 1632 der im nahen Lützen gefallene König Gustav II. Adolf von Schweden obduziert und für die Heimreise einbalsamiert wurde. Der Blutfleck, sagt man mir, habe der DNA-Analyse allerdings nicht standgehalten.

Danach Rast in Halle.

"Im Krug zum grünen Kranze" hieß eine beliebte Sendung des DDR-Fernsehens, und so heißt auch die Gaststätte. Der Biergarten liegt direkt an der Saale, im Hintergrund die Burg Giebichenstein. Am nächsten Tag werde ich mit dem Schiff weiterfahren, zur Burg Wettin und dem Städtchen Alsleben, einst "Klein Hamburg", in dem mehr als 600 Binnenschiffer zu Hause waren. Heute gibt es nur noch eine kleine Werft. Von Halle an ist die Saale schiffbar, aber ich habe in der ganzen Zeit nur einen einzigen Frachtkahn gesehen. Kein Wunder bei dem niedrigen Wasserstand, sagt Werfteigner Bernd Fischer.

Kurz vor der Mündung soll deshalb ein Kanal gebaut werden und die engen Saaleschleifen umgehen, aber schon im Planungsstadium streiten sich Naturschützer, Ämter und Vereine mit gegenseitigen Verwünschungen altbiblischen Zuschnitts um die Realisierung; Umwelt kontra Arbeitsplätze - "wir können hier nicht wie die Indianer leben", sagt Fischer.

Bernburg mit dem mächtigen Renaissanceschloss der Fürsten und Herzöge von Anhalt-Bernburg hoch auf dem Sandsteinfelsen ist einer der letzten Höhepunkte meiner fünfwöchigen Fahrt, bevor sich die Saale eher unauffällig in die Elbe davonmacht. Ich gehe im Auenwald spazieren, kein Mensch am Rande des Unesco-Biosphärenreservats. In den Altarmen der Saale hausen Biber und Storch; Kormoran und Graureiher fliegen auf.

Viele Bilder im Kopf. Den Farbenrausch der Feengrotten von Saalfeld, einem alten Alaunbergwerk. Napoleons Schlachtfelder bei Jena, die Käthe-Kruse-Puppen im Museum von Bad Kösen, den Marktplatz von Naumburg und das Orgelkonzert in der St. Marienkirche von Weißenfels, das Gradierwerk von Bad Dürrenberg mit der salzhaltigen Sole-Berieselung und die "Merseburger Zaubersprüche" im Domkapitel von Merseburg, einziges in althochdeutscher Sprache erhaltenes Zeugnis germanischen Heidentums. Die Bibliothek der Franckeschen Stiftung in Halle. Vom Mittelalter über Barock und Renaissance in die Neuzeit, immer entlang der Saale. Deutschlands Herz.

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