Mitten ins Herz

1. Juli 2006, 09:31 Uhr

Sie entspringt in Bayern, durchquert Thüringen und fließt in Sachsen-Anhalt in die Elbe - die Saale ist ein Fluss, der alles verbindet. Und jedem Spaß macht: dem Sportler, dem Kulturfreund, dem Faulenzer. Von Wolf Thieme

Am schönen Ende: Bei Barby mündet die Saale in die Elbe©

Nein, als Strom imponiert sie nicht. Weder Rhein noch Donau, eher eine Schwester von Saar und Mosel. Schleife hier, Schleife da, so mäandert die Saale vom Fichtelgebirge zur Mündung in die Elbe. Ein Fluss für Genießer, die am Ufer radwandern oder sich im Kanu über 400 Kilometer treiben lassen wollen. Mitten in Deutschland und doch kaum bekannt. Vielleicht liegt es daran, dass die Saale so früh aus Bayern in den Osten rübermacht.

Die Silbermann-Orgel in Schloss Burgk©

Geografisch korrekt heißt sie Sächsische Saale, weil es noch eine fränkische gibt. Sie hat was Gemütliches wie der Menschenschlag an seinen Ufern. Kein Tosen, keine reißenden Strudel. Nur die Wehre rauschen. Man wird hier still wie der Fluss, zieht eine Jacke aus, auch wenn man gar keine anhat, kommt vom Gehen ins Schlendern, vom Sitzen ins Liegen, sieht oben die Burgen und viel Grün, mehr als in Irland, dazwischen blinkt der Fluss.

Einst fränkische Grenze gegen die Slawen, eine Feste an der anderen, steht man auf einer, sieht man schon die nächste. An der Saale hellem Strande stehen Burgen stolz und kühn.

An der Quelle, 728 Meter hoch am Zellerfels der Großen Waldsteins, ist sie noch ein Rinnsaal, vier Handbreit. Als Bach plätschert sie durchs verschlafene Zell, wo ich im Gasthof Rotes Roß beim Schäufele, Schweineschulter, die Zeit verträume. Auch Schwarzenbach liegt da wie hingemalt, ein Idyll.

Nicht viel los in Hof. Neubauten der Nachkriegszeit zwängen sich in die Altstadtsubstanz, gebaut vom Architekten Augenfehler, der beim Goldenen Schnitt wohl nur ans Honorar gedacht hat. Keine Zonenrandförderung mehr nach der Wende, und die Berliner Datschenbauer haben nun ihr eigenes Umland. Mit dunklem Bier aus einer Brauereigaststätte setze ich mich nahe des Parks Theresienstein an die Saale, die hier so gemächlich fließt, dass man zweimal schauen muss, in welche Richtung.

Im alten Saalfelder Alaunbergwerk erzeugten mineralische Prozesse die knallbunten Feengrotten©

Zoll, Grenzschutz, Ami-Soldaten fehlen auch Siegfried Hildebrand auf der Burg Saalenstein, von der nur Mauerreste geblieben sind. Hildebrand hat einen kuriosen Biergarten eingerichtet, sammelt Gefängnistüren und Feuerwehrautos, Besucher essen Schweinearsch am Spieß und staunen über Anakonda oder Weißkopfseeadler im Kleintierzoo.

In Untertiefengrün geht es über die schmucke Saalebrücke von Bayern nach Thüringen, vom rollenden Fränkisch ins Land der weichen Konsonanten, besser: Gonsonanden. Hüben das verwaiste Grenzcafé, drüben die Brache der Lederfabrik von Hirschberg, buchstäblich platt gemacht samt tausend Arbeitsplätzen. Fotos im Museum erinnern an die Sperranlagen, real verschwunden, nur nicht in den Köpfen. "Was haben wir uns gefreut, als die Grenze fiel", sagt die alte Frau auf der Westseite, "aber wir waren zu lange getrennt und kommen nicht mehr zusammen."

In Blankenberg, saaleabwärts, fährt mich Hans Vogel mit der selbst gebastelten Lore seiner "Parkeisenbahn" zweieinhalb Kilometer den alten Grenzstreifen an der Saale entlang. Vom drei Meter hohen Zaun stehen nur noch die Pfähle, aber Herr Vogel erinnert sich an die Fluchtwege, die fürs freie Schussfeld planierten Häuser und zwei Dutzend Spitzel, die im Gasthof die Ohren aufstellten.

Die Flößerei auf der Saale war früher ein Knochenjob - heute ist es pures Vergnügen©

Es tut gut, sich danach über mal lebendige, mal verdrängte Vergangenheit zu erheben und auf einen Berg zu klettern, beispielsweise zu den jungen Leuten, die in Hirschberg die Burg Reuss ersteigert haben und in dem Gemäuer von 1678 hausen. 71 Räume bieten Platz für "Ideen und Träume". Da bleibt viel zu tun, aber der Blick von der Höhe auf die Saaleschleifen ist traumhaft.

Langsam steigt der Saalepegel, denn das "Thüringische Meer" kündigt sich an, erst die Bleiloch-, dann die Hohenwarte-Talsperre, die zu den größten Deutschlands zählen. Die künstlichen Seen waren schon in der DDR beliebtes Ferienziel, hier fahre ich zum ersten Mal auf der Saale mit dem Schiff, in einer Gesellschaft verknorzter Wessis. Über fünf Staustufen wird die Saale nach unten gereicht, fließt am Schloss von Burgk vorbei, so gut erhalten, dass die TV-Serie "Abenteuer Mittelalter" hier gedreht wurde, durchs liebliche Ziegenrück mit dem SaalePanorama im Museum Fernmühle, wo sich betrachten lässt, dass Saaleland früher Mühlenland war, Getreide-, Walk- und Papiermühlen, Hammerschmieden, Industrielandschaft vor dem Industriezeitalter.

Tief hat sich die Saale in die umliegenden Hügel gegraben, es lohnt sich der Blick von unten an der Fähre Linkenmühle und von oben am Aussichtspunkt Hohe Leite. Ich mache Rast in Saalfeld, sitze auf dem Marktplatz unter Arkaden, gegenüber dem Rathaus mit der Renaissancefassade. Ein thüringisches Städtchen aus dem Bilderbuch, der Grauschleier der DDR verflogen. West-Touristen auf Entdeckungsreise in einem Land, das vielen unbekannter ist als die Toskana.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 26/2006

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