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Treppen mit Tücken: Wie die Stufen in der Elphi zur gefährlichen Falle werden

Ihre Treppen werden für die Hamburger Elbphilharmonie zum Problem: Zu viele Besucher stolpern, manche stürzten, einige schwer. Jetzt muss nachgebessert werden. Eine Posse vom rechten Maß.

Von Martin Schlak

Elbphilharmonie: Probleme mit den Treppen

Elbphilharmonie: Klang perfekt, Sicherheit verbesserungswürdig. Findet das Auge zu wenig Halt, strauchelt der Fuß beim Begehen der vielen Treppen.

An einem Samstag Ende April, 37 Meter über Hamburg, kniet ein Mann an der untersten Stufe einer Treppe und holt einen Schlüsselbund aus der Tasche, an dem ein kleiner, gelber Zollstock hängt. "Hab ich immer dabei", sagt der Tischlermeister Michael Glunz, 60 Jahre alt. Es ist viel los an diesem Tag in der Elbphilharmonie. Hinter Glunz wogen Besuchergruppen durch die achte Etage und suchen die schönste Aussicht. Glunz ist zum ersten Mal hier, hat auf den Hafen aber nur einen flüchtigen Blick geworfen. Er ist gekommen, um nachzumessen.

Die Elbphilharmonie, 789 Millionen Euro teuer, im Januar eröffnet, ist ein Paradies für jeden Treppenbauer. Wer alle Stufen in dem Bau zählen würde, käme auf eine Zahl jenseits der tausend.

Aber mit diesen Stufen gibt es ein Problem.

Treppen rangieren hoch in jeder Unfallstatistik, aber die in der Philharmonie scheinen besonders gefährlich. Zahlreiche Besucher sind seit der Eröffnung im Januar auf ihnen gestolpert und gefallen – und acht gar so schwer gestürzt, dass ein Rettungswagen kommen musste. Eine Frau brach sich einen Halswirbel an. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg beklagt "erhebliche Mängel der Barrierefreiheit".

Ist es so schwierig, eine bequeme und sichere Treppe zu bauen?

Michael Glunz blickt empor. Er ist Holztreppenbauer in vierter Generation, einer der letzten in Hamburg, ein stiller Mann, leicht untersetzt, die Haare ergraut. Vor ihm schraubt sich eine Wendeltreppe in die Höhe, so breit, dass auf ihr bequem sechs Menschen nebeneinander aufsteigen könnten. Die Stufen sind mit hellem Eichenparkett belegt. "Sieht schick aus", brummt Glunz, "muss man den Architekten lassen."

Treppenbauer Michael Glunz, ein Meister der angewandten Scalalogie.

Treppenbauer Michael Glunz, ein Meister der angewandten Scalalogie.


Die Treppe endet im Foyer des Großen Konzertsaals, das selbst eine mehrstöckige Treppenlandschaft ist. Auch im Inneren des Saals führen Stufen von Reihe zu Reihe.

Glunz hält seinen Zollstock an die Kante einer Stufe. "16 Zentimeter", sagt er, "das passt." Dann misst er den Auftritt, die waagerechte Fläche also, und rechnet.

Wer in Deutschland eine Treppe bauen möchte, muss einen Katalog von Normen und Bauverordnungen studieren. Er weiß danach, dass Treppen Augen und Wangen besitzen, die ihre Stufen halten, was Wendepodeste sind und wie die nutzbare Treppenlaufbreite definiert ist. Und er stößt auf eine Formel, die der französische Architekt François Blondel im 17. Jahrhundert aus der Länge eines Schritts ableitete: 2s + a = 65.


Sie besagt, dass zwei Stufenhöhen und ein Auftritt zusammen 65 Zentimeter ergeben sollen: das Schrittmaß. Seit mehr als drei Jahrhunderten orientieren sich Bauherren an dieser Formel, ob sie nun Garten- oder Kirchturmtreppen errichten, Stiegen für Dienstboten oder Aufgänge in Herrenhäusern. Bis heute steht die Blondel'sche Gleichung fast unverändert in der Deutschen Industrienorm 18065.

Michael Glunz deutet mit dem Zollstock in der Hand auf die Stufen der Wendeltreppe. "Das Schrittmaß ist zu groß", sagt er. Wenn die Stufen zu breit sind, machen Treppenbenutzer Trippel- oder Ausfallschritte, stoßen mit der Schuhspitze vor die Kanten – und stolpern. Wenn sich, wie im Großen Konzertsaal, das Schrittmaß von einer Stufe zur nächsten ändert, geraten die Gäste aus dem Takt.

Das Schrittmaß in der Elbphilharmonie ist zu groß

"Ein Treppenbauer", sagt Michael Glunz, "muss kein Professor für Mathematik sein." Aber die Blondel'sche Formel, die dürfe man niemals missachten, das gab ihm bereits sein Vater mit auf den Weg.

Mit 27 Jahren, der Vater war jung verstorben, spezialisierte sich Glunz auf den Bau von Treppen. Er kaufte eine große Maschine, die er "Bearbeitungszentrum" nennt und die automatisch Stufen sägt, Geländer und Handläufe fräst und Treppenwangen zuschneidet.

Man kann eine Treppe technisch beschreiben, dann ist sie nicht mehr als ein Werkstück, zusammengesetzt aus all diesen Teilen und vielen Schrauben, definiert in der DIN 18065: ein "unbewegbares Bauteil zum Überwinden von Höhenunterschieden durch stufenweises Steigen".

Man kann eine Treppe aber auch betrachten wie der Denkmalpfleger Friedrich Mielke, der die Scalalogie begründete, die Wissenschaft von der Treppe. In seinem "Handbuch der Treppenkunde" schreibt Mielke, mittlerweile 95 Jahre alt, Treppensteigen sei eine "Eroberung des Raumes, im wörtlichen Sinne erhebend". Für ihn ist die Treppe mehr als ein Hilfsmittel. Sie kann Gebäude prächtig und ihre Bewohner wohlhabend erscheinen lassen. Sie kann Menschen, die am oberen Ende warten, mächtig, und solche, die hinaufsteigen, nichtig wirken lassen.

Michael Glunz sagt, manchmal komme er sich nicht vor wie ein Tischler, sondern wie ein Künstler. Wer wisse schon, wie viele Stunden Arbeit in einer Treppe stecken, in ihren geschwungenen Handläufen oder gedrechselten Pfosten.

Die meisten Treppen kommen heutzutage aus industrieller Produktion. Handwerklich gefertigte Treppen sind so teuer geworden, dass sie sich kaum ein Bauherr noch leistet.

Michael Glunz hat in seinem Leben so viele Treppen errichtet, er kann keine mehr hinaufsteigen, ohne darüber nachzudenken, ob sie richtig gebaut ist. In seinen Füßen, sagt er, stecke eine eingebaute Wasserwaage.

Er nimmt nun, in der Elbphilharmonie, die Stufen der Wendeltreppe bis ganz nach oben und tastet sich auf der anderen Seite wieder hinab, mit der rechten Hand fest am Geländer. Vorsichtig setzt er einen Schritt vor den anderen.

Der Mann, der von Berufs wegen Treppen steigt, muss sichtlich aufpassen, um nicht selbst zu stolpern.

Handwerklich gefertigte Treppen sind so teuer geworden, dass sie sich kaum ein Bauherr noch leistet

"Da müssen Sie ja schräg gehen auf diesen Stufen", sagt er und schüttelt den Kopf, die Form sei wohl wichtiger als die Funktion gewesen. Glunz sagt, man hätte die Treppen so nicht konstruieren sollen.

Nicht nur das Schrittmaß ist an einigen Stellen durchbrochen, auch verschwimmen die Stufen zu einer einzigen Fläche, weil die Markierungen an den Kanten leicht zu übersehen ist. Sie besteht aus einem Gummistreifen, schmal wie ein Bleistift. Vorgeschrieben ist jedoch eine Markierung in einer Breite von vier bis fünf Zentimetern.

Der Sprecher der Hamburger Kulturbehörde, Enno Isermann, entgegnet, die Normen hätten sich während des zehnjährigen Baus geändert. Die Treppen seien nach den seinerzeit gültigen DIN-Normen genehmigt worden. Dennoch wolle die Stadt nun nachbessern, um weitere Stürze zu vermeiden.

Das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron möchte sich auf Anfrage des stern nicht im Detail zu den Treppen äußern. Man habe Vorschläge unterbreitet, wie sich die Situation verbessern lasse, teilte eine Sprecherin mit.

In der Elbphilharmonie müssen kein halbes Jahr nach der Eröffnung wieder die Bauarbeiter anrücken. Damit sie die Konzerte nicht stören, werden sie nachts oder in der Sommerpause arbeiten. Im Saal, wo die schweren Unfälle passierten, sollen Noppen auf den Stufen die Aufmerksamkeit der Besucher auf den Boden lenken. Außerdem sollen alle Stufen im Haus eine deutliche Markierung erhalten. Noch ist nicht entschieden, wie man sie anbringen wird. Möglicherweise muss in jede der mehr als 1000 Stufen eine neue Nut gefräst werden, in die dann ein breiterer Gummistreifen eingelegt wird. Laut ersten Schätzungen kommen auf die Stadt Hamburg Kosten im fünfstelligen Bereich zu.

Auf Etage acht überlegt Treppenbauer Glunz kurz, ob er besser den Aufzug zum Ausgang nehmen soll. Dann läuft er doch die Stufen hinab, bis ihn eine große Rolltreppe aufnimmt und ins Freie befördert. Das Treppensteigen, sagt er, funktioniere noch gut. Aber der Rücken! Vollkommen kaputt. Sein Leben lang habe er schwer gehoben, Balken, Stufen, Latten. Noch in diesem Jahr will er seine Firma aufgeben. Er hat seine drei Gesellen gefragt, ob einer sie übernehme. Keiner wollte. Und so wird die Geschichte der Tischlerei Glunz bald enden. In der vierten Generation.

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Willkommen an der Bridge Bar des The Westin Hamburg auf der Plaza- und Lobby-Ebene im 8. Stock. Sie schlägt die Brücke zwischen dem historischen Kaispeicher und der Glaskörper der Elbphilharmonie.



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