HOME

Urlaub von allem

Im Sommer ist die nordfriesische Hallig Hooge ein trubeliges Ausflugsziel. Im Winter ist sie so still und harmonisch wie ein Zen-Garten. Himmel, Wasser, wenig Land – und das Beste: Man kann nichts verpassen.

Von Andrea Ritter

Hallig Hooge

Die Kirchwarft von Hooge mit dem reetgedeckten Pfarrhaus

Die Reise zur Hallig Hooge beginnt an einem Ort, der aussieht, wie sein Name klingt: Schlüttsiel. Ein borstig-brauner Deich, darüber bleigrau der Himmel, dahinter bleigrau die See. Fleckige Möwen hängen in der Luft, genau wie der Geruch nach Salzwasser und allem, was das Meer so anspült. Es ist klamm. Man hätte jetzt gern einen Tee, am besten mit Schuss, aber die einzige Lokalität – das ebenfalls bleigraue "Fährhaus Schlüttsiel" – hat außerhalb der Saison donnerstags geschlossen. Und dienstags. Und mittwochs. Winterzeit ist Ruhezeit in Nordfriesland.

In den ohnehin schlimmen Monaten von November bis Februar gibt es nur wenige, die ausgerechnet an diesem nasskalten Ende Deutschlands Urlaub machen möchten. Doch seit ein paar Jahren wandelt sich das. Anders gesagt: Früher kam eigentlich niemand. Heute sind es vor allem Stammgäste, die in dieser Zeit nach Hooge fahren, eine Handvoll oder zwei.

Hallig-Urlaub beginnt auf der Fähre

Vom Anleger Schlüttsiel aus steuert die Fähre erst die Hallig Hooge an, dann Langeneß. Im Sommer geht es weiter nach Amrum. Amrum ist eine Insel – die Unterschiede zur Hallig sind zahlreich und die Bewohner in diesem Punkt sensibel. Gut zu wissen ist daher beispielsweise: Halligen haben keine süßwasserspeichernde Bodenschicht. Bei Sturmfluten werden sie komplett überschwemmt – "Land unter" – weshalb die Häuser auf künstlich errichteten Hügeln – "Warften" – stehen. Zu einer Hallig sollte man niemals "Insel" sagen.

Hallig Hooge

Erst ab April pendelt die Fähre von Hallig Hooge wieder täglich zum Festland

Halligen schützen als Wellenbrecher das Festland, darum muss man gut auf sie aufpassen. Unermüdlich reißt die See Löcher in den rund zwölf Kilometer langen Steindeich, der Hooge umschließt; unermüdlich wird er von den Männern des Küstenschutzes repariert.

Auch gut zu wissen, egal, ob im Sommer oder im Winter: Der Hallig-Urlaub beginnt auf der Fähre. Sechzig Minuten dauert es bis Hooge, Zeit für Brötchen oder für einen Köm und noch einen. Das Gute im Winter: Man kann die ganzen Heißgetränke ausprobieren, die der schwimmende Gasthof mit den psychedelisch gemusterten Sitzbänken – viel blasses Orange, noch mehr Beige – an Bord hat. Friesischer Teepunsch. Postlöper. Pharisäer. So trudelt man schnell ins Gespräch mit Einheimischen und Touristen. Wen man einmal auf der Hallig trifft, den wird man garantiert auch ein zweites Mal treffen.

Winter auf Hallig Hooge

Menschen wie Herrn Huber aus Niederbayern zum Beispiel, der mehrmals im Jahr kommt, wegen der jodhaltigen Luft. Oder Bärbel vom Souvenirladen. Sie hat auf dem Festland gerade die jüngste Halligbewohnerin begrüßt, das neugeborene Baby der afghanischen Flüchtlinge, die seit einem Jahr auf Hooge leben. Bärbel hat sich viel um die Familie gekümmert und konnte gerade noch verhindern, dass die Kleine nach ihr benannt wird. Oder Dirk. Er kam vom Niederrhein nach Hooge, arbeitet bei der Gemeindeverwaltung und weiß alles über die Hallig, was man wissen muss. Es gefällt ihm, sagt er. Aber er vermisst die Bäume. Zwei allein reisende Frauen erzählen, dass sie auf der Hallig regelmäßig eine Pause machen von Mann und Kindern. Sie wollen nichts tun. Ein paar Tage verbringen, ohne darüber nachzudenken, womit. Und da sind sie auf Hooge genau richtig.

Hallig Hooge

Suffolk-Schafe im decker Wolle auf Hallig Hooge

Nordsee-Unerfahrene könnten ja denken: Winter auf einer Hallig, das ist bestimmt gemütlich, so wie Hüttenurlaub ohne Berge. Man stapft gut eingepackt durch die klare Luft, und danach wärmt man sich am Feuer einer Gaststube … Aber nein, so ist es nicht. Eiskalt wird es da draußen auf dem Meer nur selten. Dafür ist es feucht. Wo im Sommer der Teufel los ist, mit Softeis, Krabbenbrötchen und Pferdekutsche, regiert im Winter der Seenebel. Zwar kann der das ganze Jahr über aufziehen, aber nie ist er so faszinierend wie in den Wintermonaten, wenn sich innerhalb von Minuten sämtliche Konturen auflösen und die Welt in raumloser Unendlichkeit verschwindet, in der man herumtappt, orientierungslos wie ein blinder Astronaut. Jedes Friesenkind kennt die Schauergeschichten von überheblichen Menschen, die glaubten, der Natur trotzen zu können. Die sich im Watt verirrten und jämmerlich ertranken, nur wenige Meter vom Ufer entfernt.

Halligbewohner brauchen kein Achtsamkeitstraining

Wer das Wattenmeer nicht kennt, braucht vielleicht eine Weile, um es schön zu finden – und erst wenn die Sonne tief steht, zeigt es seine ganze Erhabenheit. Wenn der Himmel blau und rosa aufleuchtet und die Priele glitzern wie Quecksilber. Urlaub auf Hooge im Winter geht so: Man frühstückt, dann geht man spazieren; einmal um die Hallig dauert etwa drei Stunden. Man schaut in die Ferne und sieht Himmel, Wasser, wenig Land. Ein Schaf, eine Ente, ein knorriger Strauch – sonst ist da nichts, was das Auge ablenken könnte.

Wenn Meditation eine Landschaft wäre, wäre sie eine Hallig im Wattenmeer. Ablaufendes Wasser, auflaufendes Wasser. Ebbe, Flut. Die Kleinheit der Existenz im ewigen Rhythmus der Gezeiten. Halligbewohner brauchen kein Achtsamkeitstraining. Wer bei Wind und Wetter auf einem platten Stück Wiese mitten in der Nordsee lebt, weiß genau Bescheid über die Kraft der Natur und die Notwendigkeit von Erholung. Im Sommer kommen täglich bis zu 600 Ausflügler nach Hooge – im Winter lassen es die 103 Einwohner darum ruhig angehen. Viele Pensionen sind geschlossen, die Restaurants nur abwechselnd geöffnet, zwischen fünf und halb neun.

Katrin und Heiner Brogmus vom "Hus Halligblick" gehören zu den wenigen, die immer da sind – wegen der Tiere. Familie Brogmus hat den einzigen Hof mit Großvieh; Pferde und Galloway-Rinder, Letztere gibt es auch als Salami. Katrin Brogmus ist Agraringenieurin und kommt aus der Nähe von Wuppertal. Über vierzig Jahre ist es her, dass sie zu Heiner und auf die Hallig gezogen ist. Bereut hat sie es nie. Sie mag die Wintergäste, die sich für Natur interessieren und den genügsamen Takt der Hallig akzeptieren. "Im Winter heißt es: Erst die Tiere, dann die Gäste", sagt Katrin Brogmus. Im Sommer ist es dann wieder andersherum.


täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools