Startseite

Volle Kraft voraus

Sie ist die Boomtown der Republik und Deutschlands beliebteste Stadt. Allein auf der Reeperbahn tummeln sich jedes Wochenende tausende von Touristen. Jetzt will die Stadt an der Elbe richtig groß werden, eine Weltstadt am Wasser. Ein Bekenner-Schreiben.

Von Uli Hauser und Martin Knobbe

Von:

Martin Knobbe und Uli Hauser

Kein anderer Ort, der diese Bühne bietet. Weiße Villen und Wind und Weite. Strandcafés und Segelboote. Möwengelächter. Elbe und Flut. Alle paar Stunden schickt die Nordsee Wellen in die Stadt. Das Schauspiel heißt: Ein Schiff wird kommen. Eines größer als das andere. Es kündigt sich an als leises Leuchten in der Ferne. Dann schleichen die dicken Pötte in den Hafen, lautlos fast, bei auflaufendem Wasser, mit Fracht aus aller Welt. Wo sonst fahren Ozeanriesen durch die Stadt?

Wenn sie vorbeigleiten, kann es dunkel werden am Ufer. "So nah dran ist man nirgends", sagt Thomas Kunadt. Der Fotograf sitzt im "Café Engel" in Teufelsbrück, einem Fähranleger auf halber Strecke zwischen Landungsbrücken und Blankenese. Links geht es rein nach Hamburg, rechts raus nach Amerika. Der Schwall eines Frachters lässt den Ponton schaukeln. Wasser klatscht ans Fenster. Kunadt verdient sein Geld mit Schiffsporträts. Dafür war er schon in Shanghai und Singapur, Hongkong und Rotterdam, doch deren Häfen, sagt er, "sind langweilig gegen die Bilder, die ich hier machen kann". Der Schiffesammler hört jeden Morgen Hafenfunk und wartet, bis sich seine Lieblinge in warmes, flaches Licht schieben. Aus einer idyllischen Flusslandschaft in eine brachiale Industriekulisse. Vor mächtige Kräne, stählernen Sauriern gleich. Vor umherrollende Stapler, die Container türmen, stockwerkhoch, kilometerweit. Manchmal kurvt ein Airbus über der Elbe.

Willkommen in Hamburg. Der Weltstadt am Wasser. Deutschlands stolzestem Gewinner der Globalisierung. Hier kreuzen sich Handelswege. Hamburg ist die östlichste Hafenstadt des Atlantiks. Und die westlichste Osteuropas. Und Chinas Einfallstor nach Europa. Hamburg profitiert vor allem von der Öffnung der Märkte im Osten. Das Hinterland der Stadt reicht bis St. Petersburg, Prag und Budapest. Der Containerumschlag wächst jedes Jahr, zuletzt um 15 Prozent. Selten wurde in der Seeschifffahrt so viel Geld verdient wie heute. Der Hafen brummt.

Und die Stadt boomt. Höchster Beschäftigungszuwachs aller Bundesländer. Die meisten Firmengründungen im vergangenen Jahr. Fast so viele Konsulate wie New York, Sitz des Internationalen Seegerichtshofs. Der zweitgrößte Handelsplatz für Kaffee. Drittgrößter ziviler Luftfahrtstandort nach Seattle und Toulouse. Die Airbus-Bauer stellen schneller Ingenieure, Techniker und Facharbeiter ein, als sie Büros errichten können. 4100 in den vergangenen sechs Jahren, 850 in diesem Jahr.

Jedes Jahr neue Rekordzahlen bei den innerdeutschen Touristen, größere Zuwächse als Berlin, München in absoluten Zahlen überholt. Allein am vergangenen Wochenende standen 1,5 Millionen Menschen am Elbufer und feierten den 817. Hafengeburtstag. Beliebteste deutsche Großstadt. Höher, schneller, weiter: Die Wirtschaftsförderer verschicken Broschüren, wonach die Hamburger Spitze sind, 99-mal, von der höchsten Hängebrücke Deutschlands bis zur erfolgreichsten Hautcreme der Welt.

Vorbei die Zeiten, in denen die Hanseaten sich selbst genug sein konnten. Die Stadt noch Zonenrandgebiet war. Ausgestanden der Streit um Dörfer und Obstwiesen, die dem Wachstum der Industrie im Weg standen. Überwunden die Proteste der 80er Jahre, als Künstler im Hafen Bäume pflanzen wollten. Um dort den heute weltweit modernsten Containerterminal zu verhindern.

"Die Schöne schläft", hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Jetzt ist sie aufgewacht. Und möchte richtig groß werden. Eine Weltstadt am Wasser, berühmt wie Kapstadt, Sydney, London, Barcelona. Das ist die Liga. Die Städteplaner setzen zum "Sprung über die Elbe" an und wollen vernachlässigte Viertel am Südufer beleben. Das flache Umland wird zur "Metropolregion" erklärt: Hier wohnen vier Millionen Menschen, das klingt besser als knapp zwei. Nun sagen nur noch die Koreaner, Größeres gewohnt, "cosy little town" zu Hamburg.

Wann die Euphorie eingesetzt hat, weiß keiner so genau. Vielleicht den kräftigsten Schub gab ihr vor drei Jahren die Bewerbung für die Olympischen Spiele 2012, als die Hamburger überlegen mussten, was ihre Heimat so besonders macht. Als sie auf den Stadtplan schauten, wo man bauen kann. Stadien für Sportler, Häuser für Studenten, Siedlungen für Familien. Und plötzlich einen Schatz entdeckten, viel Platz mitten in der Stadt. Vielleicht war es auch die Überlegung, Hamburg für den Wettstreit der Metropolen zu rüsten. Mit Sicherheit aber profitiert Hamburg von einem bundesweiten Trend: Die Leute ziehen wieder in die Stadt. "Heute geht keiner mehr in die Fläche", sagt Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs. "Das Industriezeitalter war Expansion - jetzt bedeutet Wachstum Verdichtung. Städte geben sich ein Profil und wachsen daran."

Die Hanseaten, eher als zurückhaltend und kühl bekannt, bekommen plötzlich Spaß am Superlativ. Kräne, Kirchen und Container - das reicht nicht mehr. Ihre Weltwasserstraße will gekrönt sein. Mit einem Schloss hoch über dem Hafen: der Elbphilharmonie. Ein spröder Kaispeicher, in dem früher Kakao lagerte, soll zum schimmernden Kristall werden. Ein spektakuläres Konzerthaus, der große Saal und das Foyer wie Schüsseln gestapelt, Orchester und Dirigent mitten im Publikum. Ein Geniestreich, jubelt Bauherr Hartmut Wegener, Staatssekretär a.D., mit Sonderbefugnissen direkt dem Bürgermeister unterstellt. Geplant war das Ganze nicht: Vor vier Jahren sollte an dieser Landzunge noch ein Büroturm entstehen. Erst als der Hamburger Architekt Alexander Gérard ein paar Studienfreunde bat, einen Gegenvorschlag zu entwickeln, wurden aus berechnenden Hanseaten begeisterte Fantasten.

Sie verliebten sich gleich in den ersten Entwurf der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron, passgenau auf den 37 Meter hohen Backsteinblock gesetzt. In weiten Schwüngen erhebt sich das Dach, einer Welle gleich. Von wegen steife Hanseaten. Aus gebogenem Glas wird die Fassade sein, mit Balkonen zum Flusse hin. Und aufs Dach soll man steigen und Champagner schwenken können, wenn die neue Majestät der Meere, der Luxusliner "Queen Mary 2", der Freien und Hansestadt seine Aufwartung macht. "Wegen des Michel", sagt Jost Deitmar, Chef des Fünf-Sterne-Hauses Louis C. Jacob, "kommt doch kein Amerikaner her."

Knapp 200 Millionen kostet die Philharmonie, ein Drittel übernehmen Mäzene. Pfeffersäcke, wie sie in Hamburg heißen. Schließlich leben hier, die Elbe rauf und die Alster runter, die meisten Millionäre der Republik. Fast 1000 Stiftungen sorgen sich ums Gemeinwohl, auch so ein Rekord der Hanseaten. Wo gibt es das sonst, schwärmt die Kultursenatorin Karin von Welck. Ihre Lieblingsvokabeln derzeit sind "spannend, aufregend, wunderbar". Die Rheinländerin, seit zwei Jahren in der Stadt, hüpft durch Hamburg wie ein verliebtes Mädchen. "Bisher ist man hier immer einen Meter vor dem Ziel stehen geblieben", sagt Hadi Teherani, Hamburgs Stararchitekt. "Plötzlich kriegt die Stadt ein Gesamtkonzept. Deutschland klagt, Hamburg baut."

Der gebürtige Iraner hat nicht viel Zeit zum Plaudern. Ein Mitarbeiter schiebt das Modell eines Büroturms in Moskau vorbei, "Hadi, sind die Fenster so richtig?", und Hadi nickt ab. Teherani kommt gerade aus Ankara und Bukarest und Istanbul, in Dubai baut er ein Hochhaus. In Hamburg setzte er zuletzt das "Dockland" hin, am alten Fischereihafen. Steile Treppen führen auf ein spitz in See stechendes Büroschiff mit bestem Panoramablick. So ist das in Hamburg: Am Wasser entlang wetteifern Architekten um die schönste Aussicht.

Im vierten Stock seines Hauptquartiers hat Teherani Strandkörbe aufstellen lassen: ein Logenplatz für die Hafencity, Europas größtes Neubaugebiet. Zehn Fußminuten hinterm Rathaus wächst der Stadtteil. Mit Wohnungen am Wasser, Lofts und Cafés, Büros und Bootsstegen. Mit einer Shanghai-Allee, einem Chicago-Square, einem Übersee-Quartier. 1997 hatte der damalige Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) einer überraschten Bürgerschaft den Plan präsentiert, die Stadt näher an die Elbe zu rücken. Nur ein paar Männer waren eingeweiht: Die Hafengesellschaft hatte im alten Freihafen Firmen aufgekauft, heimlich über Strohmänner, damit die Kaufpreise niedrig blieben. Und der Hamburger Architekt Volkwin Marg betraute Aachener Studenten mit den ersten Skizzen. Nur weit weg, dass die große Idee nicht schon im Vorfeld kleingeredet werden konnte. War ja nicht immer so, dass die Hanseaten Mut zum Träumen hatten.

"Die Stadt lebt jetzt ihr Potenzial aus", sagt Jürgen Bruns-Berentelg, Geschäftsführer der Hafencity. "Hamburg wird weltweit völlig neu wahrgenommen." Es gebe für die Hafencity mehr Bewerber als Grundstücke. Neulich habe er Investoren aus Dubai vertröstet, die gleich 30 der 155 Hektar verplanen wollten. Die Global Player sind schon da. SAP hat gebaut, Kühne + Nagel zieht bald ein, Unilever kommt. 40 000 Menschen sollen hier arbeiten, 12 000 leben. Die ersten Luxusappartements stehen schon, sturmflutsicher, aufgebockte Würfel aus Glas, Stahl und Backstein. Hier ist das Leben eine Baustelle und wird es noch viele Jahre sein. Lastwagen, Kieslader, Sattelschlepper: viel Lärm und keine Läden. Jetzt stellen Genossenschaften die ersten preiswerteren Wohnungen hin. Vielleicht ziehen bald Familien mit Kindern ein. Eine Grundschule soll es geben und eine Hafen-Uni. Am Kai legen Kreuzfahrtschiffe an, es werden immer mehr. Vergangenes Jahr 27, in diesem Jahr doppelt so viele.

Auf der anderen Elbseite, am ältesten Kai des Hafens, hortet Joachim Kaiser am Schuppen 50b Wippkräne und wie Walbuckel geschwungene Brücken. Der Kapitän sitzt an einem altgedienten Schreibtisch, im Regal Bücher über das Meer, an der Wand Seekarten und Bilder alter Schiffe. Joachim Kaiser verwaltet das letzte geschlossene Kaischuppen-Ensemble aus wilhelminischer Zeit. Hohe Hallen, wie Kathedralen gebaut, mit Mittel- und Seitenschiffen und mächtigen Holzkonstruktionen. Hier lagern auch heute noch Gewürze, Pfeffer aus Brasilien und Vietnam. Abgefüllt in Jutesäcken. Joachim Kaiser bückt sich und hebt ein paar Körner auf, "für zu Hause", sagt er.

Draußen stehen alte Kräne, die einst Bananen hoben und zu Ballen gepresste Tabakblätter. Manchmal, wenn es Abend wird, fahren hier schwarze Limousinen vor, schöne Menschen laufen auf rotem Teppich, Blumenkränze hängen von der Decke des leeren Schuppens 52a. Dann wird der alte Kai zur Kulisse. Porsche präsentierte den neuen 911, McKinsey lud seine Berater zum Spargelessen. Das ist die Romantik der neuen Zeit.

Joachim Kaiser will diesen Teil des Hafens zu einem Museum machen, "damit die Menschen nicht vergessen, wie es einmal war". Als es noch Stückgut gab und Schauerleute und Ewerführer in den Fleeten. Als es nach Kohle roch und Kaffeebohnen und Hamburger Jungs auf ihren Jollen mit Zelt und Petroleumlampen die Elbe hinaufsegelten, die ganz große Freiheit im Blick. Und davon träumten, Vagabunden zu werden oder Segelschiffkapitäne.

Die schönsten Fassaden dieser Zeit, sie stehen noch: Kontorhäuser an Kanälen, roter Backstein mit zierlichen Giebeln. Fast zwei Kilometer Lager-Landschaft, das Warenhaus der Welt, so nannte man sie, die Hamburger Speicherstadt. Früchte wurden gebunkert und Gewürze, Nussbaumhölzer und Bodenbohlen. Als die Container kamen, begann der Backstein zu bröckeln. Das Leben zog ans Südufer, wo es Fläche gab für Kräne und Schienen und Straßen. Die Fracht von heute braucht Lkws, keine Lager.

Und plötzlich war Platz im hundertjährigen Viertel, auf wohltemperierten Böden, abgestützt durch Eichenbalken, außen verziert mit grünen Türmchen, denn die meisten Architekten hatten damals Kirchenbau studiert. Die Hamburger Hafen und Logistik AG vermietet heute den Quadratmeter ab fünf Euro. Hinter mächtigen Stahltüren liegen großzügige Flächen, Fußball könnte man spielen, auf 300, 400 Quadratmetern, die Decken bis zu sechs Meter hoch, große Luken als Fenster, mit Seilwinden davor. Die meisten der Teppich- und Gewürzhändler gingen, nun kamen die Kreativen, Designer und Modemacher, Fotografen und Filmausstatter. Die größte Modelleisenbahn der Welt hat hier Platz gefunden, nebenan sitzen die Musical-Macher der "Stage Entertainment". Jährlich zwei Millionen Besucher kommen allein wegen ihrer Shows in die Stadt. Das Geschäft läuft so gut, dass sie ein viertes Musical planen.

Mittags treffen sich die neuen Mieter der Speicherstadt zu Tortellini oder Rinderbraten im "Fleetschlösschen", einem ehemaligen Zollhäuschen, das am Kanal steht. Ein paar Häuser weiter brühen "tea taster" in weißen Schürzen in kleinen Porzellankännchen Darjeeling und Minze auf, mehrere hundert Sorten am Tag. "Hälssen & Lyon" handeln seit 1879 mit Tee, von Argentinien bis Uganda. Und am Sandtorkai sitzt mit der Neumann-Gruppe der größte Kaffeehändler der Welt. Ein bisschen Tradition ist geblieben in der Speicherstadt.

"Als ich herkam", sagt der Künstler Michael Batz, "war die Speicherstadt wie ein dunkles Märchenland." Er machte das Quartier 1994 zur Kulisse seines Theaterstücks "Hamburger Jedermann", einem Abgesang auf Gier und Gewinn - dargeboten auf Barkassen, im Brackwasser eines Elbkanals. Das Stück wird immer noch gegeben, von Abgesang aber kann keine mehr Rede sein. Heute lässt der Künstler die Speicherstadt nachts erstrahlen, im Licht Hunderter Scheinwerfer glänzen die roten Fassaden. In diesen Tagen ist ganz Hamburg dran. Michael Batz hat auf vielen Dächern blaue Neonröhren aufgestellt, zusammengefügt wie große Fußballtore, alle weithin sichtbar. "Blue Goals", sie leuchten vom Balkon des Rathauses, von Hoteldächern, Fabrikhallen, Krankenhäusern, einem Ponton auf der Alster. So blau war Hamburg noch nie.

Schlechte Nachrichten will man in Hamburg derzeit so gar nicht hören. Für Ulrich Khuon, Intendant des Thalia-Theaters, hat die Stimmung etwas von "Selbstberauschung". Die Schließung von Bücherhallen, Hallenbädern und Schulen: kein richtiger Aufreger. Der Verkauf städtischer Besitztümer an private Investoren: Warum eigentlich nicht? Ein wenig Widerstand regt sich am Umgang mit Obdachlosen, denn der kratzt an der Großzügigkeit der Hanseaten, auf die sie doch so stolz sind. Neuerdings werden Bettler von den frisch verlegten Pflastern der Einkaufsboulevards verjagt. Jedes vierte Kind lebt von der Sozialhilfe, Hortplätze fehlen, Schulbücher kosten jetzt Geld. "Die extreme Energie zum Aufbruch", sagt der Theatermann, "kommt den Schwachen kaum zugute."

Bürgermeister Ole von Beust (CDU) sagt, er kümmere sich. Er spricht von seiner Vision einer "menschlichen Stadt in Zeiten der Globalisierung" und einem "neuen Selbstbewusstsein". Ihrem Chef trauen die Hamburger einiges zu, spätestens, seit er Berlin angegriffen hat, um die Zentrale der Deutschen Bahn an die Elbe zu holen. Das hat zwar nicht geklappt, genauso wenig wie die Bewerbung für Olympia, aber die Zeit läuft ja nicht davon. Die Stadt will sich noch mal bewerben. Für 2016. Oder 2020. Oder 2024. Dann soll auch die Hafencity fertig sein.

Man ist einfach nicht in der Stimmung, sich die gute Laune verderben zu lassen. Hamburg macht sich fein. Der Jungfernstieg wird zur Flaniermeile, die Reeperbahn aufgehübscht. Sie bekommt Bäume und Freiluftbühnen. Selbst die alternative Szene bleibt gelassen. Die einst besetzten Häuser der Hafenstraße? Längst Touristenattraktion. Das autonome Kulturzentrum Rote Flora? Kulisse für Galao-Trinker. Bauwagen und Bambule? Nicht weiter auffällig.

Und im "Hafenklang" an der Großen Elbstraße, einem Club für laute Konzerte unbekannter Bands, warten sie auch lieber auf die Renovierung als auf die Revolution. Von außen sieht das Gebäude aus wie ein fauler Zahn in einer Reihe blendend weißer Implantate. Nebenan das Stilwerk, ein schlichter Tempel für puristisches Designmobiliar. Vorn, an der Hafenmole, futuristische Quader mit Büroflächen. Dazwischen das gedrungene Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, brüchig, beschmiert, beklebt. Wenn das "Hafenklang" zum Punker-Frühstück lädt, sitzen die Gäste bei Astra-Bier und Zigaretten und schauen den Schiffen nach. Nirgendwo kann man sein Fernweh besser pflegen als in Hamburg.

Ein Grund abzuhauen wäre das Wetter. Die Winter dauern sechs Monate. Aber es gibt Hoffnung. Wissenschaftler des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie haben errechnet, dass der globale Klimawandel der Stadt steigende Temperaturen und weniger Regen bescheren wird, zumindest im Sommer. Bis es so weit ist, trösten sich die Hanseaten mit Beachclubs, von "StrandPauli" bis "Hamburg del Mar". Und dem Wissen, mitten in der Stadt segeln, paddeln und Tretboot fahren zu können.

Hamburg ist auf dem Weg zur Freien und Badestadt. Die Alster wird irgendwann ihre alte Schwimmanstalt zurückbekommen, und das westliche Elbufer ist schon jetzt der Sandkasten der Stadt. In Övelgönne, wo sich kleine Häuschen an die Hänge schmiegen, gehen die Leute schwimmen, zehn Minuten nachdem die Flut ihren höchsten Stand erreicht hat. Dann ist Stauwasser. Am Schwanken der Fahrwassertonne kann man sehen, wann die Elbe die Richtung wechselt. "Ich schaue aus dem Fenster", sagt Hannes Nöllenheidt, "und dann springe ich rein." Der Gastronom lebt in einem Haus mit Holzveranda, 1830 gebaut. Früher wohnten hier Lotsen und Bootsbauer, heute sind die Övelgönner froh, wenn ihnen die Touristen nicht die Sicht auf die Elbe versperren.

12 000 Seeschiffe und ebenso viele Binnenschiffe kommen hier jedes Jahr vorbei. Den weitesten Weg hat Kohle aus Australien, vier Wochen dauert die Fahrt. Der bisher größte Pott war jetzt im März da. Gebaut in Korea, 350 Meter lang, 43 Meter breit, Platz für 9500 Container. Immer größer werden die Schiffe, immer kürzer bleiben sie. Heute braucht ein Kranführer drei Minuten, um einen Container von Bord an Land zu heben. Vor 30 Jahren waren mit der gleichen Ladung fünf Leute einen Tag lang beschäftigt.

Die Seeleute bekommen die Stadt nicht mehr zu Gesicht. Die Reeperbahn, nachts um halb eins, kennen sie nur aus Liedern. Wenn überhaupt. Heute bleiben ein paar Stunden, sich an Land die Füße zu vertreten. Und das am Eurokai, gleich neben Kränen und Containern. Samly, 23, ein philippinischer Matrose, hockt im Seemannsklub "Duckdalben" vor einem Computer. Ein paar E-Mails nach Hause, eine Runde Billard mit den Kollegen und ein Bier an der Bar. 800 Euro verdient er, neun Monate ist er auf See, alle acht Wochen läuft sein Schiff Hamburg an. Fast auf die Minute genau, die Container kommen und gehen just in time. Der hochtechnisierte Hafen arbeitet rund um die Uhr.

Zwei von drei Containern, die durch Deutschland rollen, fahren hier los. Die großen Logistik-Profis wie Jost Hellmann fühlen sich wie Goldgräber. 17,5 Prozent Umsatzplus, 500 neue Mitarbeiter im vergangenen Jahr. 1981 beschäftigte sein Unternehmen 500 Leute, jetzt sind es 6500. Der Containerumschlag, acht Millionen dieses Jahr, soll sich bis 2015 verdoppeln. Im Hafen weiß man kaum noch, wohin mit den Kisten. Auch auf der Elbe wird es knapp, wenn die dicken Pötte gedreht werden müssen, um in die Hafenbecken zu kommen.

Das Einparken in Hamburg übernehmen die Hafenlotsen. Sie wissen, wo es eng wird. Wie die Tide läuft. Wie viel Abstand nötig ist. Vor Blankenese, ein paar Kilometer vom Hafen entfernt, entern sie die Schiffe und sagen, wo es langgeht. Es ist einer der exklusivsten Jobs, die Hamburg zu vergeben hat. Am meisten Spaß macht es, mit der Königin in die Stadt zu fahren. Die "Queen Mary 2" ist das Lieblingsschiff der Hamburger. Wenn sie kommt, gibt das immer einen großen Empfang wie am vergangenen Samstag zum Hafengeburtstag. Hunderttausende applaudierten, die Schiffssirene schallte durch die Stadt. "Da war ich richtig stolz, auf der Brücke zu stehen" sagt Ronald Kühn, einer der 68 Hafenlotsen.

Der Kapitän hat viele Städte der Welt gesehen, doch in Hamburg einzulaufen, sagt er, sei das Schönste auf der Welt.

Kein anderer Ort, der diese Bühne bietet.

print

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Zu hohe Inkassogebühren, rechtens?
Hallo, ich habe am 20 März 15 einen Vertrag über 12 Monate mit einem Fitness-Studio abgeschlossen. Die Kosten (9,98 € 14-Tägig, 39,99€ Verwaltung einmalig, 19,99 Trainer und Servicepauschale Jährlich) sollten per Einzugsermächtigung abgebucht werden. Kürzlich bekam ich überraschend einen Brief von einem Inkassobüro mit der Zahlungsaufforderung für die gesamten 12 Monate inkl. der Verwaltung und Servicepauschale + Auslagen des Gläubigers (63,38€), Zinsen (1,42€), Geschäftsgebühr (45€), Auskunftskosten (5€) , Auslagenpauschale (9€) Hauptforderung 320,28€ Offene Forderung 444,08€ Nach dem ich mich bei der Firma erkundet habe, sagten sie mir, dass Zahlung zurückgegangen ist da mein Konto nicht gedeckt sei. Fakt war das sie einen Zahhlendreher in der Kontonummer hatten obwohl im meinem Durchschlag die Richtige Kontonummer angegeben wurde. Aber im Original hat jemand aus einer 3 eine 8 geändert. Nach Überprüfung konnte ich Feststellen das es diese Kontonummer gar nicht gibt und das diese vom System gar nicht angenommen wird. Spätestens da hätte man mich doch hinweisen oder fragen können was mit dem Konto sei. Es kam nie ein zu einem Zahhlungsrückgang, noch zu einer Zahlungserinnerung Mahnung seitens des Fitnessstudios. Die AGB´s habe ich nie zu Gesicht nie bekommen und auch nicht gelesen - diese stehen (nach meiner Recherche) im Internet aber auch nicht definiert wie man in Zahlungsverzug kommt. Leider habe ich unterschrieben das sie mir bekannt sind. Dies steht ganz kleingedruckt im Durchschlag. Ich habe der Firma vorgeschlagen die offenen Beiträge bis jetzt zu bezahlen und für die Zukunft eine neue Einzugsermächtigung zu erteilen, was sie aber abgelehnt haben und mir gesagt haben ich soll dies mit dem Inkassobüro klären. Der Fitnessvertrag ist somit gesperrt seit einem Monat. Da ich aber mit den Gebühren, Mahnspesen von dem Inkassobüro nicht einverstanden bin weiß ich nicht ob ich diese bezahlen muss. Ich habe dem Inkassobüro auch vorgeschlagen die offenen Beiträge zu begleichen und diese dann wie vertraglich vereinbart abgebucht werden. Sie haben mir angeboten diese in einem Jahr zu einem monatlichen Beitrag von 35€ abzuzahlen. Dies währen Mehrkosten von 100€, ist das rechtens? Bitte Antworten sie mir in einer Sprache die ich auch versteh - mit langen Gesetzestexten kann ich leider nicht umgehen Und was Sie denken was ich tun soll was rechtens ist. Vielen Dank im Voraus

Partner-Tools