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Wie man mit Ratten Touristen fängt

Sie gelten gemeinhin nicht als Sympathieträger: Anders als Baby-Eisbär Knut sorgen Ratten selten für Entzückung. Der Stadt Hameln bescheren die Nager mit dem schlechten Ruf allerdings pro Jahr über zwei Millionen Touristen. Besonders Besucher aus China sind fasziniert von der Rattenfänger-Sage.

Von Stephanie Souron

Für die Gäste aus Fernost hat die Stadt das volle Programm vorbereitet. Drinnen, in der "Tourist-Info", liegt der Film "Sagenhaftes Hameln, märchenhaftes Weserbergland" im DVD-Player. Draußen, an der Haltestelle, steht Michael Boyer mit einer Flöte in der Hand und erwartet den Besuch. Er trägt Strumpfhosen, einen bunten Kittel, gelbe Schuhe und einen rot-grünen Hut mit Federn. Der Stadt-Manager soll der Gruppe die Geschichte von Hameln näher bringen. Als der Bus um die Ecke biegt, beginnt Boyer zu tanzen.

Hameln? "Klar, wegen der Ratten!"

Hameln liegt auf halbem Weg zwischen Hannover und Bielefeld. Die Stadt hat 60.000 Einwohner, eine schmucke Fußgängerzone, in der sich die Fachwerkhäuschen aneinander kuscheln und eine Kirche mit Beckerath-Goll-Orgel. Selbst wenn man sehr langsam geht, hat man in einer halben Stunde alles Sehenswerte gesehen. Touristisch betrachtet ist Hameln also nicht unbedingt einen Umweg wert. Doch Michael Boyer, 47, sagt: "Wenn ausländische Touristen nach Deutschland kommen, dann wollen sie Schloss Neuschwanstein sehen, München, Berlin und Hameln". Hameln? "Klar, wegen der Ratten. Das lockt sie an."

Lange Haare, Kinnbart und Flöte

Auch Boyer wurde einst nach Hameln gelockt, allerdings nicht durch die Ratten, sondern durch eine Zeitungsanzeige. Das war vor 14 Jahren, Hameln suchte per Annonce einen Mitarbeiter in der Touristik, der nicht nur Fremdsprachen beherrscht und Büroarbeit, sondern auch Schauspielerei und Flöte. Boyer, der als Soldat der US-Armee 1983 nach Deutschland gekommen war, bewarb sich, bekam den Job und trägt seitdem das Haar halblang. Die Frisur gehört zu seinem Beruf ebenso wie der Kinnbart und die bunten Klamotten, in denen er Besuchergruppen die Sehenswürdigkeiten zeigt. Also die Ratten.

Davon gibt es ziemlich viele in Hameln, denn die Stadt hat das Tier zu seinem Symbol erkoren, wie andere Städte Löwen haben oder Bären. Im Sommer stehen die Tiere als bunte Plastiken in der Fußgängerzone. Es gibt das Musical "Rats" und die Rattenfänger-Freilichtspiele. Die Metzgerei nennt ihre Salami "Rattenfängerflöte", der Bonbonladen verkauft Ratten aus Schokolade und Lakritz. Das Eis-Café hat selbstverständlich Ratten-Eis auf der Speisekarte, das Restarauant serviert flambierte Rattenschwänze. Und im Souvenir-Shop gibt es Ratten im Buch und als DVD, auf T-Shirts, Sonnenhüten und in Schneekugeln. Es ist unmöglich, den Ratten zu entkommen. Und genau das ist, was Hameln will.

"Alles in Deutschland ist so authentisch"

"Lübeck ist die Marzipan-Stadt, Hamburg die Hafenstadt. Und wir sind die Rattenfängerstadt", sagt Boyer. Man kann sich das ein bisschen so vorstellen wie Knut in Berlin. Nur dass Eisbären süß sind, zumindest am Anfang. Ratten sind nie süß, eher "igitt", aber Hameln hat sie einfach süß gemacht. "Durch Verniedlichung machen Sie aus negativen Emotionen positive", doziert Boyer. "Das ist wichtig für Touristen." Er steht mit vier chinesischen Besucherinnen vor dem "Rattenfängerhaus" und sucht Gemeinsamkeiten zwischen Hameln und ihrer Heimat. "Sie haben das Glück, im chinesischen Jahr der Ratte die deutsche Stadt der Ratte zu besuchen. Herzlichen Glückwunsch", sagt Boyer. Die Dolmetscherin übersetzt. Die Chinesen lachen und fotografieren eine Inschrift an der Hausfassade. "Alles in Deutschland ist so authentisch", schwärmt Zhang Wen, 25, chinesische Gaststudentin aus Hannover. "Bei uns sind Städte groß und neu. Hier sind sie klein und alt. Und mit Geschichte. Das ist toll."

Sage ohne Happy-End

Die Geschichte der kleinen, alten Stadt Hameln geht so: Am 26. Juni 1284 zogen 130 Kinder mit einem Pfeifer aus der Stadt hinaus. Punkt und Schluss. Keine Ratten, kein Fänger. Der taucht erst 300 Jahre später zum ersten Mal in den Stadtdokumenten auf. Und weitere 200 Jahre später verdichteten die Gebrüder Grimm Pfeifer, Fänger und Viecher zu jener Sage, die bis heute der Stolz der Stadt ist: Ein Flötenspieler lockte demnach alle Ratten und Mäuse aus Hameln heraus. Doch weil die Hamelenser dem Rattenfänger den verabredeten Lohn verweigerten, schwor der geprellte Musikus auf Rache. Bei seinem nächsten Besuch entführte er mit seiner Flöte sämtliche Kinder. "Und niemand hat sie mehr gesehen", sagt Boyer. "Sehr geheimnisvoll, finden Sie nicht?"

Boyer glaubt, die Rattengeschichte sei deshalb so erfolgreich, weil sie ohne Happy-End auskommt. "Wir heben uns ab vom Zuckerguss der anderen Märchen. Das ist unser großes Plus", sagt er. Boyer ist so etwas wie der deutsche Märchenbotschafter. Ein Mal im Jahr fährt er nach China und spielt in einem Märchen-Erzähl-Wettbewerb im chinesischen Fernsehen mit, als Rattenfänger. "Wir lieben deutsche Märchen", sagt Wen, die Gaststudentin. Sie kenne fast alle, zum Beispiel das "Aschenmädchen" und den "Prinz mit den sieben Zwergen". Oder eben den "Rattensänger aus Hameln". "Eine sehr traurige Geschichte", findet Wen. Das Problem der kleinen, alten Städte ist leider oft, dass sie ein Image-Problem haben. Zu langweilig wirken sie auf Fremde, zu spießig, zu austauschbar.

Ratten als Tourismusbotschafter

Seit Hameln aber seine Ratten als Botschafter einsetzt, besuchen laut Boyer zwei bis drei Millionen Menschen jedes Jahr die Stadt. Das wären rund 6850 Touristen pro Tag, unglaublich viele für ein 60.000-Seelen-Städtchen mit Fachwerkhäusern. Für 2008 erwarte man einen besonders großen Ansturm chinesischer Besucher, sagt Boyer. Wegen des "Jahres der Ratte", das im Februar begonnen hat. "Ich kenne niemanden, der wegen seinem Sternzeichen nach Deutschland reist", sagt dagegen Zhang Wen. Sie selbst sei im Jahr des Schweins geboren und nur deshalb in Hameln, weil ihre Sprachschule von der Stadt eingeladen worden war. Wen sagt, sie liebt deutsche Städte. Als nächstes will sie sich Wilhelmshafen ansehen, unbedingt.

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