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Sing doch!

Das sonntägliche Karaoke im Berliner Mauerpark ist ein Kracher. Trauen wir uns, selbst anzutreten? Ja. Haben wir "Country Roads" gut hingekriegt? Ähem.

Von Anja "the voice" Lösel und Andreas "the guitar" Hoffmann

  Einzige Regel: keine Buhs und keine schlechte Laune. Jeder Sänger wird hier bejubelt - auch und gerade wenn er nicht perfekt ist.

Einzige Regel: keine Buhs und keine schlechte Laune. Jeder Sänger wird hier bejubelt - auch und gerade wenn er nicht perfekt ist.

Verflucht, sind das viele Menschen. Mindestens Tausend. Sitzen da, die Gesichter hinter Sonnenbrillen verborgen, die Hand an Bierflasche oder Mate-Cola. Und warten. Auf uns. Anja und Andreas. Wir sollen singen. Was für eine bescheuerte Idee. Wer hatte die eigentlich? Ach ja. Wir. Zwei Sternreporter wagen den Auftritt beim Karaoke mitten in Berlin. Klar ist schon mal: So cool, wie wir dachten, sind wir nicht. Die Knie werden weich und weicher. Was werden unsere Liebsten sagen? Und die Kollegen? Sogar der Chef schaut zu. Puh.

Karaoke im Mauerpark - das ist eine Berliner Institution. An jedem regenfreien Sommersonntag pilgern Menschenmassen zur Freiluft-Arena im Prenzlauer Berg. Wo früher der Todesstreifen war, läuft heute die größte, schönste und lustigste Freiluft-Karaoke-Show Deutschlands, vielleicht sogar der Welt. Es gibt Swing, Schlager, Schnulze, Rock, R'n'B. Briten, Spanier, Franzosen, Amerikaner, Italiener und Deutsche sitzen im Publikum. Sie tragen Piercing oder Perlenkette, Tattoo oder Prada-Täschchen.

Zuerst war das Ganze nur so eine Idee des irischen Fahrradkuriers Joe Hatchiban, 39. Vor fünf Jahren fragte er sich: Was passiert eigentlich, wenn ich im Mauerpark Karaoke-Boxen aufstelle? Singen die Leute mit?

Sie singen. Seitdem schiebt er sonntags gegen 15 Uhr sein Lastenfahrrad durch den Mauerpark, lädt zwei spezialangefertigte Lautsprecher ab, verkabelt sie mit Laptop, Verstärkern und Akkus, und los geht's. Vier Stunden Show und Musik, umsonst und draußen. Jeder darf mitmachen, jeder kann zugucken, alles ist gratis und spontan. Einzige Regel: keine Buhs und keine schlechte Laune. Jeder Sänger wird hier bejubelt - auch und gerade wenn er nicht perfekt ist. "Den meisten Applaus bekommen die, die auch mal falsch singen, aber ihr Stück mutig zu Ende bringen", sagt Hatchiban.

Weiche Knie

Den ersten Song präsentiert er immer selbst - als Mutmacher. Detlef, ein Typ mit Stoffbeutel in der Hand, traut sich. Er gibt Frank Sinatras "I Did It My Way" zum Besten, umgedichtet auf "Jesus ist mit mir". Er sieht zwar aus wie ein Obdachloser, hat aber eine schöne Stimme - und reißt das Publikum mit. Riesenapplaus. Als nächste kommt eine junge, rothaarige Frau aus Schottland. Bei jedem Ton singt sie haarscharf daneben, bis allen die Ohren schmerzen. Trotzdem: Applaus. Unsere Knie sind nun nicht mehr ganz so weich wie zuvor. Soooo gut singen die alle nicht. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht auch hinkriegen würden!

Sebastian, ein Australier mit Wuschelkopf, liefert eine richtig gute Show: "Valerie" von Amy Winehouse. Der Applaus ist ohrenbetäubend. "Hier zu stehen ist toll, das vergisst man nicht", ermutigt er uns. "Und was singt Ihr?" - "'Country Roads' als Duett." - "Schönes Lied."

Anja müsste jetzt singen. Tut sie aber nicht.

Wir wollen nicht den üblichen John-Denver-Countryfolk singen, sondern eine Disco-Version der Hermes House Band. In die Beine soll das Lied gehen, die Leute mitreißen. Vier Baustellen hatten wir beim Proben ausgemacht: den Punkt, wo Andreas beim ersten Refrain einsetzen soll. Den Mittelteil, wo Anja auf die Tube drücken muss. Dann die langsame Stelle, wo das Tempo wechselt. Und den Ausstieg, wo wir einen Wechselgesang präsentieren wollen.

Zwanzig, dreißig Mal haben wir die kritischen Stellen geübt. Beim Tempowechsel flogen wir stets aus der Kurve, mal der eine, mal die andere. Diese bescheuerte Disco-Version. Was machen wir eigentlich, wenn Joe Hatchiban sie nicht in seinem Laptop gespeichert hat? Er ruft unsere Namen. Jetzt nur nichts anmerken lassen. Anja tut so, als würde sie jeden Tag vor 1000 Leuten singen und schlendert leichtfüßig auf die Bühne. Chorerfahrung.

Hatchiban hat die Disco-Version nicht. Mist. Auf Andreas' iPhone ist ein Playback gespeichert, er stöpselt das Handy in den Verstärker, das Stück läuft - aber man hört nichts. Hatchiban stöpselt um. Aus den Lautsprechern dringen einige Töne. Anja müsste jetzt singen. Tut sie aber nicht.

Oh Gott, diese Zuschauerwand. Die starren uns alle an.

Oh Gott, diese Zuschauerwand. Die starren uns alle an. Anja singt immer noch nicht. Längst ist der Anfang verpasst. Oh je! So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Ah, der Refrain, da müssten wir doch reinkommen: "Country Rooooooads, take me hoooooome, to the plaaaaaace, where I beloooooong". Uah, so richtig gut ist das nicht, aber egal.

Ein Blick ins Publikum. Die schauen richtig fröhlich. Singen da etwa welche mit? Unser größtes Problem: Wir hören unsere eigenen Stimmen nicht, weil sie von der Musik geschluckt werden. Treffen wir die richtigen Töne? Keine Ahnung. Wahrscheinlich nicht, aber Kontrolle ist nicht möglich. Die kleine Choreographie, die wir uns ausgedacht hatten - vergessen. Im Wechsel singen und das Mikrofon hin- und her reichen - klappt nicht so recht. Mit dem Publikum Späßchen machen - gar nicht dran zu denken. Es ist schon schwer genug, sich auf das Lied zu konzentrieren bei all dem Getöse drum herum.

Wir haben den Mauerpark gerockt!

Aufgepasst. Die Bridge naht, der Mittelteil jedes Popsongs. Neue Akkorde, neue Melodien sollen für Abwechslung sorgen. In unserer Version zieht das Tempo enorm an, und Anja muss Gas geben. In den Proben flog sie dabei oft raus. Sie hält sich gut, anfangs. In der zweiten Zeile verliert sie kurz den Anschluss, am Ende stimmen wir ein kräftiges "Yesterday" an. Eine Minute und 50 Sekunden sind vorbei. Wir schauen ins Publikum. Die grölen wirklich mit. Und klatschen.

Noch zwei Baustellen. Den langsamen Teil des Refrains schaffen wir gut. Wir starten zum Duett. La-La und Hey-Hey. Abwechselnd. Die Zuschauer singen und klatschen im Rhythmus. Am Ende gelingt sogar der zweistimmige Refrain. Puhh. Tosender Applaus. Und vor allem: grenzenlose Erleichterung. Geschafft. Wir haben den Mauerpark gerockt.

Sebastian hebt den Daumen: "Netter Auftritt." Ein Mädchen spricht uns an: "Ihr habt schön gesungen." Sie zeigt auf ihre Freundin: "Wir trauen uns nicht. Vielleicht beim nächsten Mal." Unsere ersten Fans. Für uns steht fest: Wir kommen wieder. Karaoke im Mauerpark macht süchtig.

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