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17. März 2010, 18:50 Uhr

Viel wilder als die "Landarzt"-Idylle

Deutschlands längster Meeresarm ist bei vielen lediglich als Kulisse der ZDF-Serie "Der Landarzt" bekannt. Idyllisch ist die Schlei-Region tatsächlich, doch auf die ganz wilde Tour. Hier badet man nackt in einem Fass und 90-Jährige tanzen nach dem Genuss von "Angeliter Muck" auf dem Tisch. Von Philip Wesselhöft

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Das Schleiufer bei Missunde mitsamt Fähre, Segelboot und Blondschopf© Tilman Schuppius/Geo Saison

Ein Tag an der Schlei kann so aussehen: Morgens um acht serviert einem ein zwirbelbärtiger Wikinger warme Brötchen mit Kirschmarmelade (hausgemacht), um zehn hat man bereits zwanzig Mal den längsten Fjord Deutschlands gequert (und das innerhalb einer halben Stunde), mittags steht in einer Stadt mit nur 300 Einwohnern Aal in Gelee auf dem Tisch, um 15 Uhr bekommt man bei einem prächtigen Stück Mohn-Stachelbeer-Torte die Unzulänglichkeiten von Blechkuchen erläutert, und am Abend thront neben dem "Schnitzel vom fröhlichen Landschwein" ein kapitaler Klacks fliederfarbener Kartoffelbrei.

Natürlich kann ein Tag an der Schlei auch so sein: Morgens steigt man in den Bauch der Erde, begegnet mehrköpfigen Seeschlangen und lernt, dass ein Tag im Prinzip nur acht Minuten hat, paddelt mittags mit dem Kajak nach Knös, Klein-Grödersby und zu wilden Steilküsten und steigt dann abends in Hellör nackt in ein Fass.

90-Jährige tanzen auf den Tischen

Ja, die Tage an der Schlei … Man könnte meinen, die Gegend dank familiärer Bande gut zu kennen. Wer zum Beispiel einmal einem Dorffest beiwohnte, dürfte mit der regionalen Spezialität "Angeliter Muck" vertraut sein - und in der Folge mit Land und Leuten. Selbst 90-Jährige tanzen nach den ersten Gläsern auf den Tischen, bevor sie einem vertraulich die bisherigen 180 Jahre ihres Lebens ins Ohr brüllen. Das ist das Tückische an Muck, auch die Erfahrensten unterschätzen immer wieder die Wirkung von zwei Flaschen Zitronenlimonade, verdünnt mit einer Flasche Korn. Außenstehende aber sind selten Zeugen solch landestypischer Ausschweifungen. Die meisten Reisenden verorten die Schlei irgendwo "rechts von der A 7", wenn überhaupt, und fahren weiter zum dänischen Ferienhäuschen.

Deutschlands mit immerhin 43 Kilometern längster Meeresarm war eigentlich immer nur das Revier von Seglern. Und von Fans des "Landarztes". Denn im Prinzip dient die ganze Region als Kulisse für die offenbar (manche sagen: leider) unsterbliche ZDF-Serie, deren wechselnde Dorfdoktoren seit bald 25 Jahren an der Förde praktizieren. Es ist aber auch kein Wunder: Weiß getünchte Reetdach-Häuser, leuchtende Rapsfelder, Haselnusshaine und wildes Brombeergestrüpp zwischen Pferdekoppeln und Kuhweiden und dazwischen immer wieder das aufblitzende Wasser ergeben nun einmal eine fast klischeehaft fotogene Landschaft.

Doch jetzt emanzipiert sich die Schlei vom Image des real-maritimen Arztromans. Irgendwie scheint plötzlich jeder zwischen Maasholm, Kappeln und Schleswig mit sportlichen Freizeitangeboten, neuen Chill-out-Lounges oder In-Restaurants oder der Erzeugung von Bio-Produkten beschäftigt. Kurzum, man muss es sagen, die Schlei wird hip. Wobei die Protagonisten der neuen Bewegung keine laut tönenden Trendsetter sind, sondern eher Querköpfe und Romantiker - aber mit Business-Plan.

Schleswig-Holsteins wilde Seite

Dirk Röhling etwa, ein Mann, dessen Schnauzbart und hemdsärmelige Freundlichkeit nicht recht zum esoterisch klingenden Geschäftsmotto passen wollen: "Pflege deinen Körper, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen!" Doch Röhling hat eine Marktlücke entdeckt in einer Region, deren größtes Kapital in mehr als 150 Kilometer abwechslungsreicher Fjordküste besteht. Er kutschiert mobile Sauna-Fässer an jeden gewünschten Ort und bietet seinen Kunden Wellness mitten in der Natur. Als Vorbild diente ein finnischer Motorradfahrer, beim Zappen im Fernsehen entdeckt: Den Sozius seiner Maschine zu einer Mini-Sauna umgerüstet, "aus der oben nur sein krebsroter Kopf guckte", sprang der Mann in jeden Waldsee. "Da hat es bei mir Klick gemacht", sagt der 44-jährige Unternehmer, eigentlich gelernter Schlosser. Er montierte ein sechs nackte Menschen fassendes Fass auf einen Anhänger, installierte einen Holzofen und kutschiert das urige Sauna-Mobil heute Schlei-auf, Schlei-ab. Eines aber gilt es zu beachten: dass man nach dem Saunagang nicht (wie der Autor dieses Berichts) unbedarft wie ein junger Hund ins Wasser rennt - denn manch schönem Schlei-Strand ist ein Bett unerfreulich spitzer Steine vorgelagert.

Das Angebot an Outdoor-Erlebnissen ist überhaupt groß in der Region. Maike und Günther Hoffmann zum Beispiel, Inhaber des Abenteuer-Anbieters "Event Nature", veranstalten regelmäßig einen "Fjord-Triathlon" mit den Disziplinen "Seekajak", "Biking" und "Orientierungstrecking". Daneben organisieren die ehemaligen Sportstudenten Ausflüge zu einsamen Stränden und hinter Schilf versteckten Buchten, ob mit Kajak, Kanu oder Kutter. Besonders schön ist zum Beispiel ein Törn zum Ufer unterhalb des Missunder Forstes mit seinen vom hoch aufragenden Kliff gestürzten Bäumen, die im Wasser wettergebleichte, wirre Formationen bilden - Schleswig-Holsteins wilde Seite. Hier am Uferabschnitt der Großen Breite, wo die Schlei bis zu vier Kilometer breit ist und ein bisweilen zünftiger Wellengang eine Ahnung von Abenteuer gibt, begegnen einem nur Möwen, Schwäne - und Lakritzschnecken, so man sich am Kiosk des selbsternannten "Naschikönigs" im nahen Weseby mit Proviant versorgt hat.

Gefunden in

Gefunden in Geo Saison, Heft 4/2010, für 5 Euro ab 17. März am Kiosk - mit weiteren Kurzreise-Tipps für Deutschland

Seite 1: Viel wilder als die "Landarzt"-Idylle
Seite 2: Romantisch wie einst Keitum
 
 
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