Jeder zehnte Euro in Meck-Pomm wird im Tourismus verdient. Das ist anteilig fast dreimal mehr als in jedem anderen Bundesland. Die Region hat es verstanden, mit ihrem Pfund zu wuchern: dem reichen Erbe an Landschaft und Backstein-Kultur. Von Ludwig Moos

Fototermin vor der Kloster- und Schlossruine in Dargun© Ludwig Moos
Das sanft gewellte Land mit den weiten Getreidefeldern ist dünn besiedelt. Ideal für naturnahen Urlaub dank der Strände, Haffs und Inseln der lang gestreckten Ostseeküste, dank der zweitausend Seen und dichten Wälder, in denen bei Ivenack die ältesten Eichen Europas wachsen. Sogar die Sonne soll hier bundesweit am meisten scheinen. Wer seine Naturerlebnisse mit Wissen unterfüttern möchte, findet im Müritzeum in Waren, am größten Binnensee der Republik, und im jüngst eröffneten Ozeaneum in Stralsund reichlich Stoff.
Bei allen Reizen der Natur - die Besonderheit Mecklenburg-Vorpommerns erschöpft sich darin nicht. Nirgendwo sonst hat die Backsteingotik derart viele und prächtige Zeugnisse hinterlassen: Kathedralen und Dorfkirchen, Stadttore und Rathäuser, Klöster und Wohnsitze. Sie zu unterhalten, verlangt gewaltige Anstrengungen. Doch der Aufwand lohnt, denn jeder zweite Urlauber bekennt sein Interesse an der Kultur.
Nur der mächtige Turm steht noch. Doch im Innern des 80 Meter hohen Wahrzeichens von Wismar wächst die gesamte Marienkirche virtuell neu empor. Kenntnisreich und unterhaltsam führt eine 3-D-Animation vor Augen, was alles für dieses Großbauwerk vor 700 Jahren zu leisten war. Im April 1945, drei Wochen vor Kriegsende, hatten englische Fliegerbomben das Kirchenschiff beschädigt, 15 Jahre später ließen die DDR-Behörden es sprengen.
Die nahe Hauptkirche St. Georgen, obwohl von den Bomben schwerer getroffen, entging diesem Schicksal. Sie blieb mit offenem Dach dem natürlichen Zerfall überlassen. Bis 1990, als sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz der tristen Ruine annahm. Ihr findiger Vordenker Gottfried Kiesow machte beim ZDF die ersten Mittel flüssig, Notgroschen aus Carolin Reibers "Hitparade der Volksmusik". Bis heute sind über 30 Millionen Euro in den Wiederaufbau geflossen, 40 werden es sein, bis das imposante Gotteshaus seine alte Form wieder hat. Gestiftete Gelder zogen öffentliche nach sich, St. Georgen wurde zum Vorbild für breites Engagement und intensive Zusammenarbeit von West und Ost.
Schon zur Zeit ihrer Entstehung waren die kühn geplanten Kirchen auf Fundraising angewiesen. In Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald, neben Lübeck die Kernstädte der Hanse und ab dem 13. Jahrhundert wahre Boomtowns, finanzierten die Bürger die ehrgeizigen Vorhaben. Sie gaben ab von ihrem Reichtum aus dem Handelsmonopol im Norden. In Stralsunds Nikolaikirche zeigt eine aus Eichenholz geschnitzte Relieftafel, ursprünglich vom Chorgestühl der Nowgorodfahrer, Szenen aus einer ergiebigen Wertschöpfungskette: Männer mit seltsam gedrechselten Bärten auf der Zobeljagd. Die Pelze aus Russland tauschten die Hansestädter in England gegen Wolle, die sie in Flandern zu teuren Tuchen veredeln ließen, um damit in Russland Geschäfte zu machen.
Nur eine Macht konnte mit der Hanse mithalten: die Klöster. Als Missionare ins Slawenland gekommen, lichteten die Mönche Wälder, legten Sümpfe trocken und machten Land urbar. Allen voran die straff organisierten Zisterzienser. Aus ihrer burgundischen Zentrale brachten sie das Know-how gotischer Baukunst mit und verschmolzen es mit der italienischen Technik des Steinebackens. In hölzerne Formkästen gepresst, konnte die Tonerde in vielfältigster Form gebrannt werden. Der Stoff, aus dem die Gotik Mecklenburg-Vorpommerns gemacht ist, überdauerte in rund siebenhundert Kirchen und Klöstern.