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Der Hipster in Berlins Süden

Kreuzbergs wilder Nachbar Neukölln ist der jüngste Star unter Berlins Ortsteilen: ironisch, obercool und international. 24 lässige Stunden zwischen Sprachwirrwarr und Kiez-Etikette.

Von Luisa Jacobs

Parkdeckbar Klunkerkranich

Unterm gewebten Himmel über Berlin übt man Neuköllner Lässigkeit: In der Parkdeckbar Klunkerkranich legen Hipster, Touristen und echte Berliner zum Feierabendbier die Füße hoch.

Es regnet, als ich mich aufmache, das Viertel zu erkunden, das früher Schlagzeilen machte mit Schießereien und Jugendkriminalität – und nun als jüngste Berühmtheit der Stadt gefeiert wird.

10.05 Uhr

Auf der Sonnenallee stapeln Männer Paletten mit Granatäpfeln und Avocados, die jungen Wilden, die hier Exzess und Freiheit suchen, haben endlich Schlaf gefunden – oder sind noch immer nicht zu Hause. Wie die zwei Mädchen im Café Dritter Raum in einer Nebenstraße der Einkaufsmeile. Sie lümmeln auf einem Sofa und spielen sich Musikvideos auf dem Handy vor. Ihre Haare sind nur noch lose zum Zopf gebunden, Mascara liegt wie schwarzer Staub auf ihren Gesichtern. Das Café ist eine Art Wohngemeinschaft mit festen Öffnungszeiten. Neben mir trinkt ein Mann in Lederjacke Bier. Als ich ihn nach Zucker frage und dabei sieze, bekomme ich meine erste Lektion in Neuköllner Benimm. »Sie? Meinst du mich? Sehe ich so alt aus? Ich bin doch der Rolf. Und in Neukölln duzt man sich noch!«

  Neuköllner Chic: Cafés wie das Dritter Raum sind Mittelpunkt der Kiezkulisse – mit Kabelwirrwarr und zerfransten Plattencovern. 

Neuköllner Chic: Cafés wie das Dritter Raum sind Mittelpunkt der Kiezkulisse – mit Kabelwirrwarr und zerfransten Plattencovern. 


11.28 Uhr

Wer sich in die wuseligen Straßen Neuköllns begibt, merkt schnell: Das Viertel kennt keine Berührungsängste. Die viel befahrene Karl-Marx-Straße mit ihren Dönerläden, Wettbüros und Schnäppchenmärkten grenzt an die baumgesäumte Ganghoferstraße, in der das neoklassizistische Stadt bad heute noch so prächtig strahlt wie zur Eröffnung 1914.

12.02 Uhr

Vor Jahren galt der Landwehrkanal als Grenze zwischen dem Problemviertel und dem fröhlicheren Kreuzberg. Mittlerweile ist die Weserstraße, parallel zum Kanal, das Herzstück der international gefeierten Neuköllner Kneipenkultur. Berlin-Neulingen mag die Gegend verkommen scheinen: bröckelnder Putz, Graffiti – doch all das ist nun Teil des Geschäftsmodells. Wer auffallen will, macht sich chic und geht zu Down by Retro. Dort findet man Vinyl, sortiert in Holzkästen, und Kleider, kuratiert an Messingstangen. »Det riecht doch schon nach Berlin-Mitte«, mosert ein Passant. Der Unterschied: Die Stücke kann man sich leisten.

14.08 Uhr

Plötzlicher Platzregen. Meine Rettung heißt Poshlust Café. »Hey, what can I do for you?«, begrüßt mich eine Mitarbeiterin auf Englisch, dem kleinsten gemeinsamen Nenner der vielen Nationen, die in Neukölln zusammenfinden. Kulinarisch hat man sich hier an ein deutsches Heiligtum gewagt und die Stulle neu erfunden: Raffiniert belegte Brote tragen Namen wie »How much cheese (is too much cheese)?« oder auch »Pull my Pork«.

  Kulinarische Entdeckung in Neukölln: Im Poshlust Café laben sich die Gäste an Luxusstullen 

Kulinarische Entdeckung in Neukölln: Im Poshlust Café laben sich die Gäste an Luxusstullen 


15.13 Uhr

Der Regen hat sich verzogen, ich laufe Richtung Tempelhofer Feld. Wo früher Flugzeuge über die Startbahn rollten, fliegen heute Drachen, üben Kinder Fahrrad fahren ohne Stützräder und begrüßen Hobby-Yogis die Stadt mit dem Sonnengruß. Ein Mann mit grauem Zopf auf einem klapprigen Herrenrad bleibt stehen und will mir ein Gedicht verkaufen. Ich zögere: Kann man den Wert von Poesie in Geld bemessen? Ich zahle zwei Euro für vier Zeilen und finde, es hat sich gelohnt.

16.01 Uhr

Seit einigen Jahren sprießen zwischen Spielotheken und Baklava-Geschäften Läden wie Rag And Bone Man. Eine Girlande aus bunten Stoffdreiecken lockt in das Secondhand-Paradies: Vintage-Kleider, Retro-Sonnenbrillen und gute Laune. Besitzerin Maggie Coker kommt aus dem Norden Londons, dem Bezirk Neukölln nicht unähnlich: hoher Ausländeranteil, hohe Arbeitslosigkeit. In beiden Kategorien ist Neukölln noch immer Berlins Spitzenreiter. Maggie, die seit mehr als sechs Jahren hier lebt, sieht in der Diversität den besonderen Reiz: »In Neukölln gibt es so viel zu entdecken. « Um die Suche zu erleichtern, hat sie eine kostenlose Schatzkarte gestaltet, die besondere Boutiquen, Cafés und Restaurants im Kiez verzeichnet. Vor allem in der Nähe des Landwehrkanals hätten sich viele angesiedelt, verrät sie zum Abschied.

  Johanna Hagman und Maggie Coker verkaufen bei Rag And Bone Man die passende Kleidung: gebraucht und chic. 

Johanna Hagman und Maggie Coker verkaufen bei Rag And Bone Man die passende Kleidung: gebraucht und chic. 


16.24 Uhr

Ich kreuze die laute Karl-Marx-Straße und stehe wenige Meter weiter im grünen Herzen des Böhmischen Dorfs: dem Comenius-Garten. Die Siedlung böhmischer Flüchtlinge aus dem 18. Jahrhundert ist heute ein Idyll aus Einfamilienhäusern und verwunschenen Gärten. Einen davon nennen die Anwohner »das Paradies«. Hinter einem Zaun wachsen Äpfel, Birnen, Pflaumen, Quitten, Himbeeren und Walnüsse. Auf einer Leiter steht ein alter Herr mit Rauschebart und erntet. Henning Vierck hat den Garten vor 20 Jahren mitgegründet.

Cover Geo Special Berlin

Übernommen aus:  "Geo Special Berlin", Heft 1/2016, für 9,50 Euro am Kiosk oder als multimediale Ausgabe für 7,99 Euro im App_Store bei iTunes.



 Seine Vision: Jeder kann hierherkommen, um sich zu erholen. Auch die harten Jungs, die sonst gelangweilt vor den Handyläden rumhängen oder Ärger machen. Manchmal helfen sie sogar beim Säen und Ernten. Die Regeln sind für alle gleich: kein Bier, kein Müll, keine laute Musik. Heute ist es besonders still, nur im Pavillon in der Mitte des Gartens sitzen ein paar Jungs, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, und rappen vor sich hin.

17.14 Uhr

Zeit fürs erste Bier! Auf dem Dach des Shoppingcenters Neukölln Arcaden haben Kreative einen Parkplatz in einen blühenden Garten mit Bar verwandelt. Der Klunkerkranich ist ein Biotop für Großstädter: Tomaten und Sonnenblumen wachsen in Kübeln, in der Fotokabine schießen Teenies Erinnerungsfotos. Die Wolken geben den Blick frei auf den Fernsehturm und ein Meer aus Dächern. Einheimische erkennt man daran, dass sie die Aussicht nur beiläufig mit Blicken streifen. Man übt sich in Lässigkeit.

  Freie Sicht auf den Fernsehturm: zur blauen Stunde im Klunkerkranich

Freie Sicht auf den Fernsehturm: zur blauen Stunde im Klunkerkranich


18.30 Uhr

Um sich diese auch für spätere Stunden zu bewahren, braucht man eine solide Grundlage. Die garantiert der Schiller Burger – eine Institution. Hier im Schillerkiez soll der scharfe »Wallenstein« (Chili-Cheeseburger mit Jalapeños) »einfach noch geiler« sein als in den anderen Filialen, verrät mir ein Kreuzberger Mädchen, das extra dafür angereist ist. Obwohl der Raum kaum größer ist als eine Pommesbude, rufen die Bratmeister ihre Gäste per Mikrofon auf. Das wirkt ein wenig albern, ist aber wohl ein Zeichen des Erfolgs: Schiller Burger hat 2012 auf diesen 20 Quadratmetern angefangen und sich zum Exportschlager entwickelt. Ableger gibt es in Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg – und bald auch in Hamburg, Leipzig und Köln.

20.40 Uhr

Am Karl-Marx-Platz wird dafür italienisches Lebensgefühl importiert. Sara Koohestanian, vor acht Jahren aus Venetien hergezogen, hat hier ihren Weinladen Balera aufgemacht. »Der Karl-Marx-Platz ist perfekt dafür, hier ist so viel Leben«, sagt sie. Ihr Wein fließt aus Holzfässern, ich bin die Einzige in der gemütlichen Stube, die kein Italienisch spricht. Aber es scheint im Überschwang der jungen Zugezogenen keine Sprachbarrieren zu geben. Salute Neukölln!

  Im Balera schenkt man reinen Wein ein 

Im Balera schenkt man reinen Wein ein 


23 Uhr

Beschwingt lande ich im Heimathafen, auf dessen Bühne heute Abend das sympathisch durchgeknallte deutschfranzösische Popduo Stereo Total auftritt. Im goldverzierten Saal wurde schon vor mehr als 100 Jahren Theater gespielt, mich begeistert vor allem das außergewöhnlich gut aussehende Publikum. Ich lasse mich von Leo, der wirkt wie ein Sohn von Serge Gainsbourg, zur nächsten Party einladen.

Irgendwann nach 0 Uhr

Auf der Karl-Marx-Straße rauschen betrunkene Studenten, knutschende Paare und Flaschensammler aneinander vorbei. Was die meisten verbindet, ist die Zigarette. Auf Neuköllner Straßen, in den Bars und den Kneipen wird noch geraucht wie wohl nirgendwo sonst in Deutschland. Besonders neblig ist es im Sameheads, einer bizarren Künstlerbar, die dekoriert ist mit nackten Schaufensterpuppen und alten Leuchtreklamen. Der DJ erscheint mir im Nebel der Nacht wie die Personifizierung Neuköllns: ein bisschen kaputt, irgendwie ironisch und auf jeden Fall cool. Seine Beats lassen die tanzende, schwitzende Menge verschmelzen, ich verliere jedes Gefühl für Zeit und Raum.

5 Uhr

Eine Nacht in Neukölln wäre keine richtige ohne einen Döner. Einen der besten gibt es im Imren Grill. Während ich Fladenbrot mit Fleisch, Kraut und Zwiebeln verschlinge, diskutieren neben mir zwei Mittzwanzigerinnen laut über die Reproduktionsrechte der Frau. Ich versuche darüber nachzudenken, aber Denken ist keine adäquate Beschäftigung an diesem Ort zu dieser Zeit. Besser: sich wohlfühlen im Hier und Jetzt, das ist der wahre Neukölln-Lifestyle. Vielleicht ziehen wir einfach zusammen weiter und hoffen, dass das Café Dritter Raum bald aufmacht. 

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