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Unterzapft is'!

Sechs Millionen Maß werden Jahr für Jahr auf dem Münchner Oktoberfest getrunken. Fast jede ist schlecht eingeschenkt. Der "Verein gegen betrügerisches Einschenken" hat dem Unterschank den Kampf angesagt. Mit dem Zentimetermaß rücken sie den Wiesnwirten zu Leibe. stern.de hat das Testerteam begleitet.

Von Markus Wanzeck, München

Es ist ein traumhafter Nicht-mehr-Sommer-noch-nicht-Herbst-Nachmittag, wie gemacht für das Oktoberfest: Die Sonne lacht. Die Wiesnbesucher trinken und lachen. Die Wiesnwirte kassieren und lachen. Jan-Ulrich Bittlinger lacht nicht. Er haut mit der Handkante auf einen Holztisch des "Bavaria Bräu"-Biergartens, auf einer Anhöhe nur wenige Schritte neben der größten Gaudi der Welt. Er wettert: "Da unten, das ist ein riesiger Schankbetrug. In kaum einer Maß ist wirklich ein ganzer Liter Bier!"

Für Bittlinger ist der Maß-Inhalt zwei Wiesnwochen lang Lebensinhalt. Er ist Präsident des "Vereins gegen betrügerisches Einschenken" (VGBE). Der VGBE nimmt den Oktoberfestspaß ernst. "Aber mir san trotzdem kein Querulantenverein", verkündet Bittlinger, fast feierlich, zupft seine braune Trachtenjacke zurecht, und lacht. "Wir sind der Stachel im Fleisch der Großkopferten. Auf der Wiesn hat halt jeder seine Rolle." An den 349 oktoberfestfreien Tagen des Jahres sind die Rollen des 32-Jährigen: Eventmanager und SPD-Lokalpolitiker. Während der Wiesn besteht seine Rolle darin, den Schankwirten auf die vielbeschäftigten Finger zu schauen.

Zu diesem Zweck hat der VGBE-Präsident am Montag, Wiesn-Tag Nummer drei, eine vierköpfige Testertruppe um sich versammelt: Christoph Moosbauer (in der Rolle "Das braunhaarige Fallbeil"), Dieter Janecek ("Das Gewissen"), Florian Sipek ("Der Zentimeterzähler") und, auf seiner ersten Wiesn als VGBE-Mitglied, Rainer Jünger ("Der Frischling"). Fünf Zelte wollen sie aufsuchen. Fünfmal werden sie das Maßband zücken. Eine Stichprobe. Nicht repräsentativ, natürlich. Aber aussagekräftig.

Kurz nach 17 Uhr betritt die Testertruppe das Oktoberfest. Auf dem Weg zum ersten Zelt wird eine Bierleiche vorbeigerollt, aufgebahrt in einem gelben Sichtschutzzelt des Roten Kreuzes. Der Verbraucher geht, die Verbraucherschützer kommen.

17:28 Uhr, Hippodrom.

Mit blitzenden Blicken setzen sich die Biermaß-Prüfer. Sieben Maß sollen's zum Auftakt sein. Das Warten darauf sind Minuten vorweihnachtlicher Vorfreude. Die Bedienung hat die Maßkrüge kaum abgestellt, da öffnet der Präsident schon die Faust und entrollt das darin verborgene Maßband. "1,5 Zentimeter entsprechen 0,1 Liter Bier", erklärt er. "Das ist die sogenannte Toleranzgrenze der Stadt München." Den offiziellen Bier-Kontrolleuren des Kreisverwaltungsrates reicht es, wenn die Maß 0,9 Liter hat. "Das ist behördlich gebilligter Schankbetrug!", schäumt Bittlinger. Eigentlich seien die Stadt und der VGBE auf einer Linie. Nur: "Wir sind konsequent, die Stadt nicht."

Zentimeterzähler Sipek hält das Meterband an das erste Bierglas. "Unterschank!", ruft er triumphierend in die Runde, die Nebentische dürfen das gerne wissen. "Unterschank", das heißt, der Biergehalt der Maß liegt sogar noch unter der 0,9-Liter-Linie. Von den sieben bestellten Krügen fallen drei in diese Kategorie. Zwei liegen im städtischen Toleranzbereich, eine Maß enthält den versprochenen Liter, eine sogar etwas mehr. Fairness-Quote: 28,6 Prozent.

Keinesfalls kleinlich sei es, sich über 15 fehlende Bier-Millimeter aufzuregen, sagt das VGBE-Fallbeil Moosbauer. "Schankkellner sind Profis. Denen kannst sagen: Mach mir 0,75 Liter! Die machen das, nach Augenmaß." Unterschank ist für ihn bewusster Betrug. Der Präsident springt ihm mit einer Rechnung zur Seite, die er seit Jahren aufstellt - und lediglich um die alljährliche zünftige Bierpreiserhöhung angleichen muss: "Bei einem Maßpreis von 7,90 Euro ist ein Unterschank von 0,1 Liter fast 80 Cent wert. Das macht bei sechs Millionen getrunkenen Wiesn-Maß einen ergaunerten Gewinn von 4,8 Millionen Euro." Keinesfalls Kleingeld. Nach zehn Minuten im Hippodrom-Biergarten springen die Fünf schon wieder auf. Kein Prosit der Gemütlichkeit. Zelt zwei ruft. Am Nachbartisch ist man irritiert: "Erst testet ihr, ob die Maß voll ist - und dann lasst ihr das Bier halbvoll stehen?" "Wir sind nicht zum Spaß hier", erwidert Jünger. Der Frischling hat verstanden.

17:50 Uhr, Armbrustschützenzelt. Verwunderte Fragen wie eben am Hippodrom bekommen die VGBEler bei ihren Rundgängen öfter zu hören. Wer bestellt schon ein Bier, vermisst es, nippt daran und zieht weiter? "Der VGBE.", erklären dann die Jungs vom VGBE. Und manchmal liegt ein paar Minuten später schon ein VGBE-Mitgliedsantrag auf dem Biertisch. Die Bedienung kommt, fünf Bier werden bestellt, wieder ist es ein wenig wie Weihnachten.

Janecek erklärt, ihm mache es nichts aus, eine kühle Maß fast unangetastet zurückzulassen. "Ich bin Bierliebhaber. Kein Saufkopp." Das Gewissen hat gesprochen. Das Fallbeil Moosbauer hadert unterdessen damit, dass dem VGBE rechtlich die Hände gegen den Schankbetrug gebunden seien: "Theoretisch darf ja jeder seinen schlecht eingeschenkten Krug am Ausschank nachfüllen lassen. Aber wer macht das in der Praxis schon?" Betretenes Nicken allenthalben. Die Stimmung hellt sich auf, als die fünf Maßkrüge kommen. Das sieht gut aus: "Reichlich Unterschank", frohlockt der Präsident. Als der Bierschaum zusammengefallen ist, lässt er sich das geschulte Augenmaß von Zentimeterzähler Sipek bestätigen: Einmal ein Liter, viermal Unterschank. Fairness-Quote: 20 Prozent.

18:45 Uhr, Hofbräu-Festzelt.

Das Zelt ist randvoll, viele der Gäste auch. Die Bedienungen bahnen sich trillerpfeifend ihren Weg durch bierselig wankende Besuchergruppen, die jeden freien Zeltzentimeter bedecken. Das Zelt ist dem VGBE ein besonderes Anliegen. Es ist das inoffizielle "International House" der Wiesn, hier ist die Welt zu Gast im Zelt. Und die Welt ist ahnungslos. "Die meisten von denen wissen ja nicht mal, wo der Eichstrich ist", sagt Bittlinger. Hier feiern besonders dankbare Mini-Maß-Opfer. Die Testbestellung von vier Bier überrascht dann aber auch die hartgesottenen Einschenk-Kontrolleure: vier Mal Unterschank, davon einmal 0,2 Liter. Munich: Zero fairness points.

19:22 Uhr, Augustiner-Festhalle.

Mit dem "Augustiner" verbindet den VGBE eine Hassliebe. Moosbauer erklärt sie so: "Wir mögen das Bier, jeder Münchner mag das." Andererseits: "Deren Wiesnkonzept ist das blödeste überhaupt. Des geht so: Hier kannst sicher sein, keinen Liter zu bekommen." Vier Maß werden bestellt. Vier Chancen zur Falsifikation dieser dahergesagten Wiesn-Weisheit.

Im Augustiner-Zelt, sagt Moosbauer, hätten VGBE-Leute sogar schon einmal Hausverbot erteilt bekommen. "Des g'fällt uns natürlich. Das ist wie früher, beim Handball. Da ham' auch nicht die Tore gezählt, sondern die gelben Karten." Hier ist er Fallbeil, hier darf er's sein. Er hat Spaß an dieser Rolle, lächelt schelmisch. Die Bedienung bringt die Bierkrüge. Fünf versierte Augenpaare mustern die Gläser noch im Abstellen eindringlich: Unterschank, Unterschank, Unterschank, Unterschank. Wie sich das für eine Hassliebe gehört, wird aber gleich noch mal ganz genau nachgemessen: 2,2 cm, 2,1 cm, 2,4 cm, 2,5 cm. Macht zusammen mehr als eine halbe Maß. Fairness-Quote: 0 Prozent. Die männliche Bedienung scheint um den zwiespältigen Ruf des Augustiner-Zelts zu wissen: Ruppig verbietet sie dem stern.de-Fotografen, das Einschank-Desaster bildlich festzuhalten.

20:17 Uhr, Schottenhamel.

Zum Oktoberfest-Auftakt ertönt hier des Oberbürgermeisters "O'zapft is!" Jetzt würde man diesen Urschrei glatt überhören: Niemand sitzt mehr, niemand steht mehr, alle hüpfen, singen, formen Y's, M's, C's und A's mit ihren Armen. "Die Wiesn, das ist eine wunderbare Welt, in der für zwei Wochen die Statusschranken der Gesellschaft fallen." Hat das eben Moosbauer gesagt? Das VGBE-Fallbeil? Präsident Bittlinger setzt noch einen drauf: "Ach, die Wiesnwirte, mit denen würde ich schon ein Bier trinken gehen." Nicht nur die Statusschranken, so scheint es, auch die Rollenmuster der Ausschank-Kontrolleure erliegen früher oder später dem Wiesn-Zauber. Doch der Schein trügt. Nach einem Moment fährt Bittlinger fort: "Und dann würde ich mich mit ihnen über ihren Schankbetrug unterhalten." Er knetet das Maßband in der Faust, bestellt drei Bier. Drei verschieden volle Krüge werden gebracht: Einmal ein Liter, einmal 0,9 Liter, einmal Unterschank. Fairness-Quote: 33 Prozent.

Die ernüchternde Bilanz am Ende des Wiesn-Tages: 23 getestete Maß, und nur vier Mal gab es den vollen Oktoberfestbier-Liter. Glatte 19 Mal brachte die Bedienung die Mini-Maß. Nur jeder fünfte Bierkrug ist ordentlich gefüllt - ein Skandal! VGBE-Präsident Bittlinger ist's zufrieden. Was wäre der "Verein gegen betrügerisches Einschenken" ohne Einschankbetrug? Paragraph 5 der Vereinssatzung lautet: "Da das schlechte Einschenken wohl in absehbarer Zeit nicht verschwinden wird, bleibt der Verein auf unabsehbare Zeit bestehen." Die oktoberfestliche Rolle der VGBE-Tester scheint auf unabsehbare Zeit gerettet.

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